EM-Finale: Die Mutter aller Fußball-Spiele?

Ausgerechnet der britischen Trainerlegende Bill Shankly wird das bekannte Zitat zugesprochen, wonach der Fußballsport von einigen Leuten „für einen Kampf auf Leben und Tod“ gehalten werde. Um dann hinzuzufügen, diese Einstellung gefalle ihm nicht. Denn, „Ich versichere Ihnen, dass es weit ernster ist.“

picture alliance / Newscom | David Klein
Italian fans hold up a banner before the UEFA Euro 2020 match at Wembley Stadium, London, on July 6, 2021

Es kann wohl die Mutter aller (Fußball-)Schlachten werden, wenn das Mutterland des Fußballs, England, auf das wohl verrückteste Fußball-Land des Kontinents, Italien, trifft. Berühmt berüchtigt sind beide Fanlager.

Dafür dass es kein normales Finalmatch ist, sorgte bereits der britische Premier, Boris Johnson, der im Falle eines EM-Sieges der Nation den Montag zur Feier frei geben möchte, eine Art „Fußballfeiertag“ nah an den Helden von Trainer Gareth Southgate, wie es mehrere Medien übereinstimmend berichten, darunter auch die Daily Mail – wenn es denn so weit überhaupt kommt.

Es scheint auch ganz so, als sei das Spiel der Spiele komplett mit Politik und Gefühlen der zwei Länder überfrachtet. Als müssten die 22 Kicker auf dem Feld alles für ihre Bürger wettmachen, worauf alles diese die vergangenen anderthalb Jahre verzichten mussten.

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Die Pandemie hat überall so richtig ins Kontor gehauen. Gesellschaften in der Quarantäne, Unsicherheiten en masse und die Aussichten auf bessere Zeiten mit oder ohne Impfung, kurzzeitig weggegeben. Die Deltamutation? Interessiert momentan recht wenig, in beiden Ländern des Fußballs scheint man wirklich Corona-müde zu sein, auch deshalb, weil sich die Panikszenarien zum Glück nicht verwirklicht haben, die Intensivstationen bleiben leer.

Panik und Alarmstimmung jedoch soll morgen Abend im jeweils anderen Strafraum herrschen. Was tun die Teams, Trainer und Spieler nicht alles dafür, gut vorbereitet zu sein? Man analysiert den Gegner, übt sicherheitshalber das Elfmeterschießen, man weiß ja nie.

Italien hatte zuletzt die Spanier damit ausgeschaltet. Die Engländer verwandelten in der Verlängerung ebenfalls einen Elfer – wenn auch erst im Nachschuss. Weg vom Fenster waren die sympathischen und frisch aufspielenden Dänen. Ja, sie fühlten sich fast schon um das Finale betrogen, denn der Elfer war wohl keiner, wie auch die Fachwelt glaubhaft attestierte.

Aber, so scheint es wirklich, um das Finale zu gewinnen, ist den Engländern wohl jedes Mittel Recht. Besonders den Fans. Sie, als Zwölfter Mann, wollen ihre Three Lions zum Sieg brüllen und singen – vielleicht auch noch anders nachhelfen? Es laufen noch investigative Nachforschungen, wer den Dänen-Keeper Kasper Schmeichel wohl mit einem Laserpointer geblendet haben könnte.

Aber nun sorgen sich sogar die dänischen Fans um die wenigen italienischen Tifosi, die in Wembley wohl dabei sein werden, wie die italienische Zeitung Il Giornale ganz frisch berichtet. Im Artikel der Italiener kommt die Dänin, Jeanette Jorgensen zu Wort, die in Wembley mit ihren drei Cousins im Halbfinale dabei war. Und nicht nur sie schreibt auf den Social Media, man fürchte um die italienischen Zuschauer, es könne ihnen ergehen, wie den Dänen selbst im und vor dem Stadion.

Was war geschehen?

Die Dänin erzählt, „Während wir nach der Partie zurückgelaufen sind, wurden wir aufs Übelste beleidigt, und sie versuchten uns die dänischen Flaggen zu entreißen …“, ja, selbst an den Haaren sei sie gezogen, und auch attackiert worden, wird berichtet. Sie sollten dahin zurückkehren, woher sie gekommen seien, wurde gebrüllt. Das klingt doch eher nach Hooligans, und nicht nach der britischen Fankurve und den Rängen, wo der Hit von 1969, ‚Sweet Caroline‘, für Gänsehautmomente sorgt. Ja, warum dieses Lied denn?

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Es klingt nach Party, und, so wird spekuliert, der Hit könne es vor allem wegen der passenden Zeile, „Good times never seemed so good“ (zu Deutsch: „Gute Zeiten schienen noch nie so gut“) in das Gesangs-Repertoire der englischen Fans geschafft haben. Dem Brexit zum Trotz will man es allen zeigen und beim Fußball damit beginnen.

Im Singen waren die Briten immer stark, selbst bei Niederlagen, und zwischendurch auch immer wieder die angestimmte Hymne, die Queen solle doch bitte von Gott geschützt werden.

Außerdem so rechtfertigt sich die dänische Supporterin, ihre Tickets hätten sie über den dänischen Fußballverband geordert, und plötzlich wurden die Dänen dann selbst auf ihren Plätzen bepöbelt, gemobbt, und quasi verscheucht. Es waren das Vielfache an Engländern im Sektor der dänischen Fans und die Atmosphäre sei teils beängstigend gewesen.

Viele hatten Angst, fühlten sich bedrängt, und eine andere Augenzeugin berichtet gar, ihre Söhne, elf und 14, hätten sich nicht einmal getraut, ihre Trikots und Käppis aufzuziehen, weil sie bereits vor dem Stadion beleidigt und bespuckt wurden. Kein Fest also für Englands Gegner.

Und die Italiener? Eine Anreise macht wohl keinen Sinn, zu 75% wird das Wembley Stadion voll sein, was circa 60.000 Zuschauern entspricht. Lediglich 1.000 Tifosi aus Mailand und Rom fliegen gen London. In Wembley selbst werden sicherlich nochmals 5.000 bis 6.000 italienische Expatriates, in London lebende Italiener, ihre Azzurri anfeuern. Bisher klappte es auch, und die Italiener von „Il Mister“ Mancini, kennen keine Angst, eine Antistimmung und Pfiffe gegen sie, auswärts, würde sie nur noch stärker machen.

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Wie dem auch sei, die Azzurri bauen auf den Teamspirit, diesen Mannschaftsgeist, den man schon vor dem Anpfiff und speziell bei der Hymne spürt. Alle Spieler, aber auch die Fans, singen die Hymne, das Lied der Italiener, Brüder Italiens oder auch die Mameli-Hymne lautstark mit, dass sich selbst die Einlaufburschen mal die Ohren zu halten. Das wirkt auf die Gegner, und wie.

Ein Tifoso meinte trocken, nun während der Pandemie und der Quarantäne, wurde das Lied der Italiener allabendlich auf den Balkonen angestimmt, somit sind nun wirklich alle textsicher und stimmerprobt. Ja, martialisch die Textpassage ’siam‘ pronti alla morte‘, also: zum Sterben bereit.

Aber Moment einmal, ausgerechnet der britischen Trainerlegende, Bill Shankly (1981 in Liverpool verstorben), wird das bekannte Zitat zugesprochen, wonach der Fußballsport von einigen Leuten „für einen Kampf auf Leben und Tod“ gehalten werde. Um dann aber hinzuzufügen, diese Einstellung gefalle ihm nicht. Denn, „Ich versichere Ihnen, dass es weit ernster ist.“

Möge der Bessere den Pokal in den Abendhimmel halten, denn, wenn uns der Fußball dieser Tage eines lehren sollte, dann dies, er macht nur mit Zuschauern wirklich Freude, und, die Tugend-Lehre daraus wäre mit Anstand verlieren, aber auch gewinnen zu können.

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Kommentare ( 29 )

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Mikmi
3 Jahre her

Das war kein „Coming Home“, das war ein „Coming out“, Boris Johnson.
Mit ein wenig lächeln, die besseren haben gesiegt und Fußball ist ein Sport, keine politischen Botschaften, sie sollen spielen, mehr bitte nicht.

H. Priess
3 Jahre her

Ganz ehrlich? Ich hatte zum Beginn der Eröffnungsshow eingeschaltet und die war echt toll, bloß die blöden Masken störten das perfekte Bild. Wer auch immer die angeordnet hat muß Einen zu laufen haben. Als der Unterwerfungskniefall kam hab ich abgeschaltet und mir war es egal wer gewinnt. Heute Morgen erfuhr ich, daß die Italiener Sieger waren, wohl verdient aber auch mit Fortune. Was mich eigentlich stört, ist der Umstand, daß es eben gar nicht mehr um Fußball geht sondern um politischer Überzeugungen. Alles wird damit in Zusammenhang gebracht und oft überlagert das die Berichte in den Medien. Berichte mit nationalem… Mehr

ReneKall
3 Jahre her

Fussball ist ein rauher Sport. Die Fans verhalten sich wie die Spieler, es geht nicht immer fair und mit Anstand zu.
Wer damit ein Problem hat, sollte dem Stadion fern bleiben und es sich im TV anschauen. Ich mag die Dänen sehr, aber geht nicht hin, wenn ihr mit Pöbeleien nicht klar kommt. Es gibt genügend andere Sportarten, die von gesittetem Publikum besucht werden.
Italien hat den Titel verdient gewonnen und an alle: haltet Politik aus den Stadien, besser noch, ganz aus dem Sport.

Teufelskralle
3 Jahre her

Die Italiener haben die EM gewonnen und die Engländer den Kniefall-, Respekt-, BLM-Preis. Mir taten die instrumentalisierten letzten drei Elfmeterschützen der Engländer leid. Aber man stelle sich vor, die hätten getroffen.

badmoon
3 Jahre her
Antworten an  Teufelskralle

Merkel wird es freuen. Italien hat die 200 Milliarden aus der EU ( Deutschland ) Kasse redlich verdient ( nicht meine Meinung )

badmoon
3 Jahre her
Antworten an  Teufelskralle

Ich hätte Ungarn den Titel gegönnt. Mit Kampfgeist und ohne ( politische Haltung) Kniefall und Regenbogen in so ein Turnier zu gehen, zollt Respect.

elly
3 Jahre her

und die Tugend-Lehre daraus: die deutschen Fußballer können den tiefen Kniefall und mit Regenbogenarmbinde auf dem Platz laufen.
Die Italiener sollen laut Zeit Online den Kniefall noch üben, dafür können sie Fußball.
Oder Deutschland kann Supermoral und Gratismut, sonst fast nix

Epouvantail du Neckar
3 Jahre her

Vielleicht darf ich das ja einmal sagen: die britischen PoCs haben es versemmelt. Italien kam dieses Mal ohne sie aus und enthielt sich auch standhaft dem Kniefall.

Cethegus
3 Jahre her

Irrtum, auch die Italiener haben gestern gekniet.
WIderliches Schauspiel, aber leider Tatsache. Der linke Zeitgeist war stärker.

Cethegus
3 Jahre her

und auch die Azzuri sanken schließlich vor dem Finale auf die Knie.
Glückwunsch zum Sieg, aber Rückgrat zeigen geht anders!

Epouvantail du Neckar
3 Jahre her
Antworten an  Cethegus

Ich habe keinen Kniefall gesehen-allerdings applaudierten die Azzurri dem Mischmasch-Team.

Katha
3 Jahre her
Antworten an  Cethegus

Die italienische Mannschaft hatte beschlossen, sich der Aktion „Kniefall“ nicht anzuschließen, sondern kopierte – aus Respekt und Solidarität – das Verhalten des jeweiligen Gegeners.
Sie standen gegen Österreich, knieten gegen Belgien, standen gegen Spanien und knieten gegen England.
Eine intelligente und faire Stategie, mit der sie zugleich die Aktion „Kniefall“ parodierten.

badmoon
3 Jahre her
Antworten an  Katha

Das mit der Solidarität habe ich auch gehört-aber sich mit dem Kniefall solidarisieren- No Go

Katha
3 Jahre her
Antworten an  badmoon

Ich fand die Lösung sympathisch, sie haben das Problem auf eine lockere, spielerische Art umgangen. So blieb das konfrontative Element in dem Zusammentreffen ausschliesslich auf das Spielfeld bezogen, die politische Ebene wurde ignoriert.

Regina Lange
3 Jahre her

Italien ist Europameister und man gönnt es ihnen von Herzen. Wer mit soviel Herzblut für sein Land spielt hat so einen Titel wirklich verdient. Ansonsten war das wohl die merkwürdigste und langweiligste EM die man je gesehen hat! Kein Wunder das sich das Interesse im Rahmen hielt!

Felicitas21
3 Jahre her

Italien hat gewonnen! Das war spannend, leidenschaftlich und toller Fussball! Der Elfmeter zum Schluss spannender als jeder Krimi
Italia grande????

KoelnerJeck
3 Jahre her

Ich hoffe auf England, schon allein wegen des Brexits.

Rule, Britannia! Britannia rule the waves; Britons never will be slaves.