Deutschland in Verantwortung seiner Geschichte und Zukunft

In den Annalen von Lü ist eine Kernaussage der taoistischen Weltvorstellung überliefert: „Die Vollständigkeit führt zu Brüchen. Wenn ein Extrem erreicht wird, dann geht es zu einem anderen Extrem. Aus Gewinnen werden zwangsläufig wieder Verluste.“

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Den Gründungsvätern der Bundesrepublik Deutschland und der deutschen Nachkriegsgeneration gebührt der verdiente große Respekt der übrigen Welt, einerseits eine funktionierende demokratische Staatsordnung in Deutschland mit einer Verankerung im westlichen Staatenbündnis etabliert und andererseits  die Bundesrepublik rasch zu einer der führenden Wirtschaftsnationen wiederaufgebaut zu haben.

Der Respekt vor den Opfern der NS-Gewaltherrschaft, aber auch die historische Pflicht zur Aufklärung darüber, dass der Totalitarismus und der Rassenwahn nie wieder in Deutschland oder in sonstigen Ländern salonfähig werden und die Oberhand gewinnen dürfen, gebieten, dass die Erinnerung an die Millionen NS-Opfer und die Aufarbeitung der ungeheuren NS-Verbrechen auch in Zukunft frisch gehalten und als ein Schwerpunkt der Erinnerungskultur in Deutschland erhalten bleiben müssen.

Die historischen Konsequenzen, die aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte zu ziehen sind, umfassen neben der institutionellen Etablierung einer funktionierenden demokratischen Staatsordnung und der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit aber auch weitere Aspekte, damit einerseits Weimarer Verhältnisse in Deutschland nicht wieder vorkommen und andererseits Deutschland trotz der Schwere seiner Vergangenheit eine gute und normale Entwicklung nimmt, die seiner Größe und seiner wirtschaftlich-industriellen Kraft gerecht werden kann.

Diese sind:

  1. Die Normalisierung Deutschlands und Entwicklung einer bescheidenen, normalen deutschen Identität und Staatlichkeit trotz der historischen Belastungen.
  2. Die Vermeidung eines deutschen Sonderwegs bei der gleichzeitigen Verankerung im westlichen Staatenbündnis.
  3. Die Erhaltung der inneren Stabilität und eines Grundkonsens in der deutschen Gesellschaft.

III. Die unterschiedlichen Wege Deutschlands und Japans in der Frage der Normalisierung

Zunächst ist festzustellen, dass Deutschland seit der zweiten Industriellen Revolution zu den führenden Nationen im Bereich der Wirtschaft und Bildung dieser Erde zählt (wenngleich seit einigen Jahrzehnten tendenziell absteigend). Trotz der flächendeckenden Zerstörung der Großstädte war der Großteil der industriellen Anlagen intakt geblieben. Ebenso stand ein gut ausgebildetes Personenreservoir dem Wiederaufbau zur Verfügung. Insofern war der rasante Wiederaufstieg Deutschlands nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg absehbar, solange die Siegermächte dem Wiederaufbau nicht im Wege standen. Bereits 1949 erreichte die Bundesrepublik daher das Wohlstandsniveau und den Grad der Modernität der Vorkriegszeit.

Schon die Westalliierten hatten erkannt, dass eine bewusste Schwächung und Destabilisierung einer Nation wie Deutschland mit einem solchen industriellen und intellektuell-wissenschaftlichen Potential und einer über Jahrhunderte gewachsenen  kulturellen Identität der Stabilität Europas und einer stabilen, rechtsstaatlich-humanistischen Weiterentwicklung Deutschlands nicht förderlich wären, insbesondere wenn die Westalliierten die Bundesrepublik angesichts des aufkommenden Kalten Kriegs als einen verlässlichen Verbündeten bräuchten.

Die Normalisierung Deutschlands mit all seinem Potential und seiner geopolitischen Lage in der Mitte des europäischen (Sub-)Kontinents mit der gleichzeitigen Einbindung in das westliche Staatenbündnis wäre deshalb der einzige richtige Weg, um einerseits eine stabile rechtsstaatlich-demokratische Zukunft Deutschlands und andererseits eine langfristige Friedenssicherung und Erhaltung der Stabilität in Europa zu ermöglichen.

Zu der Normalisierung eines Landes gehört aber nicht nur die institutionelle Normalisierung, die der Bundesrepublik zweifelsohne nach ihrer Gründung weitgehend gelungen ist (die mit der Erlangung der vollständigen Souveränität durch die deutsche Einheit abschloss), sondern auch die geistige Normalisierung bezüglich des Verhältnisses zur eigenen Kultur, nationalen Identität und Staatlichkeit.

Die deutsche Gesellschaft war jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem tiefen Trauma der NS-Zeit und des Krieges konfrontiert. Eine geistige Normalisierung in dem Sinne, dass sich die meisten Deutschen einerseits ohne Einschränkungen mit den Schattenseiten ihrer Geschichte auseinandersetzen, insbesondere mit der Aufarbeitung der NS-Gräueltaten, und andererseits wieder ein positives Verhältnis zu der eigenen nationalen Identität, zum eigenen Staat und zur eigenen Kulturgeschichte entwickeln könnten, hätte eines selbstkritischen, aber behutsamen und differenzierten gesamtgesellschaftlich umfassenden intellektuellen Diskurses bedurft. Es wäre kein Widerspruch gewesen, die nachwachsenden Generationen in Deutschland zur Erinnerung an die dunklen Seiten der deutschen Geschichte zu mahnen, aber auch durch die Erwähnung der positiven, identitätsstiftenden Teile ihrer Geschichte (etwa die vielen Errungenschaften deutscher Aufklärer, Wissenschaftler und Künstler, die einen großen Beitrag für eine moderne, fortschrittliche westliche Zivilisation geleistet hatten, oder die bürgerlich-demokratischen und patriotischen Bestrebungen während der März-Revolution 1848 oder vor der deutschen Wiedervereinigung in der DDR) anzuspornen.

Vorschläge für eine erfolgreiche Integrationspolitik
Migranten in der deutschen Nation
Im Übrigen sind die Förderung positiver und identitätsstiftender Teile deutscher Geschichte und die Pflege der nationalen Identität auch deshalb notwendig,  um den integrationswilligen Migranten ein positives Deutschland-Bild zu vermitteln und denjenigen, die bereit sind, ihre alte nationale Identität abzulegen, eine neue, deutsche Identität zu geben. Gerade jungen Migranten, die in Deutschland zur Schule gehen, würde derzeit eher ein negatives Bild von Deutschland im Unterricht vermittelt, da das heutige Bild von Deutschland durch die starke Fokussierung auf die NS-Zeit negativ emotionalisiert sei, so kontaktierte ein Kölner Psychologie-Professor bereits vor fünf Jahren nach einer Untersuchung von 6.122 Jugendlichen und ihren Eltern über deren Deutschland-Bild.

Insofern war es auf der einen Seite wichtig und lobenswert, dass die NS-Verbrechen in Deutschland so offen und gründlich aufgearbeitet werden. Auf der einen Seite hat die breite deutsche Öffentlichkeit es bis zum heutigen Tage, mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs versäumt, eine geistige Normalisierung und ein positiv emotionalisiertes Verhältnis zur eigenen nationalen Identität zu bewirken.

So entwickelt sich die deutsche Gesellschaft aber von einem Extrem ins andere Extrem, also von einer extrem militaristischen, rassistischen und chauvinistischen Gesellschaft der NS-Zeit in eine Gesellschaft in Verleugnung und Marginalisierung der eigenen nationalen Identität, wo heute bereits das Wort „Deutsches Volk“ von vielen Medien und Politikern gerne vermieden und durch „die Bevölkerung“ oder „die, die schon länger hier leben“ ersetzt werden sollen. Damit man mich hier nicht missversteht: Hier sollen die heutigen Zustände in Deutschland keinesfalls mit den Zuständen unter der NS-Gewaltherrschaft gleichgesetzt werden. Eine derartige Verleugnung des eigenen Staatsvolkes, wie sie heute zutage von den etablierten Medien und Parteien in Deutschland oft praktiziert werden, würde aber in den meisten Ländern der Welt auf völliges Unverständnis stoßen und bereits als „linksextremistisch“ gelten. Die extreme politische Ausrichtung einer demokratisch gewählten Regierung indes, sei es „links“ oder „rechts“, würde jedoch die Polarisierung, Spaltung und Destabilisierung der Gesellschaft zur Folge haben. Dies gilt umso mehr, wenn diese politischen Extreme von der Regierung veranlasst und von einer breiten Mehrheit des politisch-medialen Establishments in einer ideologischen Selbstermächtigung gegen den Willen eines Großteils der Bevölkerung mitgetragen werden.

Im Übrigen zeigt das Beispiel Japans, dass eine funktionierende demokratisch-rechtsstaatliche Staatsordnung und ein pazifistischer Grundkonsens sogar ohne die gesellschaftliche Fokusierung auf die eigenen Kriegsverbrechen und ohne die Marginalisierung der kulturellen und nationalen Identität möglich sind.

Im Gegensatz zu Deutschland, dessen Waffenexporte regelmäßig unter den ersten fünf Plätzen der Welt rangieren, hat Japan bis 2014 aus der pazifistischen Grundhaltung jeglichen Waffenexport strikt untersagt. Auch heute bleiben japanische Waffenexporte in Konfliktgebiete oder an Länder, die eine Gefahr für die internationale Sicherheit darstellen, weiterhin verboten. Darüber hinaus war noch bis vor kurzem jeder Kampfeinsatz japanischen Militärs im Ausland verboten. Die deutsche Bundeswehr hat hingegen bereits 1999 unter der Billigung der Rot-Grün geführten Bundesregierung mit der Luftwaffe an einem völkerrechtlich umstrittenen Krieg – dem Kosovo-Krieg – teilgenommen. Die jüngsten Änderungen der japanischen Sicherheitspolitik gingen vor allem auf die Veränderungen des sicherheitspolitischen Umfelds in Ostasien zurück, wo Japan neben der militätschen Bedrohung durch Nordkorea bezüglich der Zugehörigkeit der 1972 von den USA zusammen mit Okinawa an Japan übergebenen Senkaku-Inseln (Chinesisch: Diaoyu-Inseln) zunehmend auch unter Druck Chinas gerät.

Selbstverständlich ist Japan in der Vergangenheitsbewältigung kein Vorbild für den Rest der Welt. Wenngleich sich mehrere japanische Premiers für den von Japan entfachten Krieg in Ostasien vor und während des Zweiten Weltkriegs entschuldigt haben, sorgten die Relativierungen japanischer Kriegsverbrechen und öffentliche Huldigung der Kriegsgefallenen im Yasukuni-Schrein (darunter auch Namen von Kriegsverbrechern) durch Vertreter der japanischen Regierung beständig für Anlässe außenpolitischer Spannungen. Dennoch zeigt das japanische Beispiel drei Dinge, deren Zusammenhänge bislang in der deutschen Öffentlichkeit wenig beleuchtet bis gar nicht beachtet wurden.

Erstens, dass die Umwandlung von einem militaristisch-totalitären und expansionistisch-nationalistischen japanischen Staat zu einer pazifistischen Gesellschaft durch die vollständige Niederlage, Besetzung durch die USA , die institutionelle Umgestaltung in eine parlamentarische Demokratie und die massiven Traumata der Kriegsfolgen  sich von selbst ergibt. Japan erlebte im Zweiten Weltkrieg ebenfalls die weitgehende Zerstörung seiner Großstädte und erlitt bis heute als einziges Land den Einsatz nuklearer Waffen. Insgesamt 3,7 Millionen Japaner starben im Zweiten Weltkrieg, darunter 1,7 Millionen Zivilisten. Überdies verlor Japan sämtliche Kolonien und Übersee-Provinzen. Der exzessive expansionistische Militarismus, seine totale Niederlage mit den entsprechenden katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung sowie der völlige Verlust der Souveränität nach der bedingungslosen Kapitulation führten nach einer wirtschaftlichen Erholung und einer weitgehenden institutionellen Normalisierung des japanischen Staates zur pazifistischen Grundhaltung der heutigen Japaner.

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