Deutschland in Verantwortung seiner Geschichte und Zukunft

In den Annalen von Lü ist eine Kernaussage der taoistischen Weltvorstellung überliefert: „Die Vollständigkeit führt zu Brüchen. Wenn ein Extrem erreicht wird, dann geht es zu einem anderen Extrem. Aus Gewinnen werden zwangsläufig wieder Verluste.“

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Es war einmal im aufstrebenden chinesischen Königreich Qin an der Westperipherie der sinitischen Welt. Der Reichskanzler Lü Buwei (300 v. Chr – 236 v. Chr.), der als reicher Kaufmann einem mittellosen Prinzen auf den Königsthron von Qin verholfen hatte und dafür mit dem Kanzleramt belohnt worden war, ließ eine umfassende Abhandlung über die Erkenntnisse und Theorien der philosophischen Schulen des Alten Chinas anfertigen: Die Annalen von Lü. Es war eine der umfangreichsten Enzyklopädien der chinesischen Antike und umfasst mehr als zweihunderttausend Wörter.

In den Annalen von Lü ist auch folgende Kernaussage der taoistischen Philosophie und Weltvorstellung überliefert: „Die Vollständigkeit führt zu Brüchen. Wenn ein Extrem erreicht wird, dann geht es zu einem anderen Extrem. Aus Gewinnen werden zwangsläufig wieder Verluste.“

Daraus entstand die altchinesische Vorstellung des „Zyklus der Extreme“, der auch die lange chinesische Geschichte in Gegensätzen erklärt. In leicht abgewandelter Form findet man auch eine ähnliche Aussage in der Einleitung des im Spätmittelalter verfassten Romans „Die Drei [Kaiser]Reiche“, der die Dynastiewechsel in China so zusammenfasst: “Wenn alles unter dem Himmel lange genug vereint worden ist, dann kommt die Spaltung. Wenn  alles unter dem Himmel lange genug geteilt worden ist, dann kommt die Einheit “.

I. Zyklus der Extreme

Eine der dunkelsten Epochen Chinas war sicherlich auch die mehr als 200 Jahre währende Zeit nach dem Ausbruch der Rebellion des sogdisch-chinesischen Kriegsherrn An Rokhshan (chinesisch: An Lushan) im Jahr 755 bis zur Vereinigung des chinesischen Kernlandes unter der Song-Dynastie anno 979.

Zuvor war China unter der Tang-Dynastie auf dem Höhepunkt seiner Macht und seiner territorialen Expansionen. Mit der Vernichtung der osttürkischen und westtürkischen Reiche reichte Chinas Einflusssphäre im Osten bis in die Mandschurei und im Westen bis an die Tore Persiens. Die Chinesen errichteten im 7. Jahrhundert im heutigen Afghanistan das „Protektorat Persien“ mit dem letzten sassanidischen Kronprinzen Peroz von Persien als Gouverneur mit dem Ziel der Rückeroberung  Persiens von den muslimischen Arabern.

Der Schachzug des intriganten chinesischen Reichskanzlers Li Linfu, der zur Sicherung seiner Kanzlerschaft gegenüber seinen Konkurrenten (meist chinesische Generale) seinem Kaiser weismachen wollte, dass nicht-chinesischstämmige Generale keine politischen Ambitionen entwickeln und daher auch eine geringere Gefahr für die Kaiserkrone darstellen würden, führte zum rasanten Aufstieg von zahlreichen mächtigen nicht-chinesischen Militärgouverneuren, die über die schlagkräftigsten Söldnerheere des Reichs verfügten, und schließlich geradewegs in eine Katastrophe.

Die Hundertfünfzigtausend Mann zählende Armee des An Rokhshan riss den gesamten Norden des Chinesischen Reiches in acht Jahren Krieg in ein derartiges Blutbad, dass sich die Bevölkerungszahl Chinas mehr als halbierte (was einem Rückgang der damaligen globalen Population um 16 % entsprach). Den Todesstoß versetzte dem chinesischen Reich der Tang-Dynastie indes die Rebellenarmee des Huang Chao, die in den Jahren 875 bis 884 den reichen Süden des Landes (Quellen eines Großteils der staatlichen Einnahmen) verwüstete und den Tod von acht Millionen Menschen verursachte. Nach dem Untergang des Kaiserhauses der Tang-Dynastie folgte das Zeitalter der sogenannten „Fünf Dynastien und Zehn Reiche“, in dem mehr als ein Dutzend unabhängige Staaten und Herrscherhäuser um die eigene Unabhängigkeit oder um die Vorherrschaft im Reich der Mitte kämpften. Unzählige Generäle und Warlords verübten ein Massaker nach dem anderen an der Zivilbevölkerung. Es galt die Herrschaft des Schwertes und der rohen Gewalt. Vergleicht man die Bevölkerungszahl der Zeit vor Ausbruch der Rebellion von Huang Chao (anno 839 unter Kaiser Wenzong) mit der Bevölkerungszahl bei der Reichseinigung unter der Song-Dynastie 979 n. Chr., so ist ein Bevölkerungsschwund von sechs Millionen festzustellen (ca. ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Jahres 839).

Das Trauma der endlosen Kriege und Verwüstungen unter der Schreckensherrschaft der rohen Gewalt der Warlords (aber auch die strategische Überlegung der neuen Herrscher Chinas, um den Fehler der Vorgänger-Dynastie zu vermeiden) führte zum beispiellosen politischen und gesellschaftlichen Abstieg der Krieger in der darauf folgenden Song-Dynastie (960 bis 1279).

Die Degradierung des Soldatentums wurde politisch forciert. Im Kriegsfall wurden in aller Regel zivile Beamte oder Eunuchen zu Kommandeuren der jeweiligen Kriegszonen ernannt. Ebenso wurde das Amt des Kriegsministers zumeist von zivilen Beamten besetzt. Körperliche Folterstrafen und Todesstrafen gegen zivile Beamte wurden abgeschafft. Dies galt jedoch nicht für Generäle und Soldaten. Ebenso mussten Soldaten Truppenabzeichen in ihre Gesichter oder Arme eintätowieren lassen. Man erinnert sich: Tätowierungen galten bei den Han-Chinesen als Schande (die Unversehrtheit des Körpers und der Kopfhaare war für die alten Chinesen heilig). Sonst gab es fast nur Verurteilte, die sich als Strafe tätowieren lassen mussten.

Das Soldatensein wurde so langsam zu einem sozial geächteten „niederen Berufe“. Von da kommt auch der chinesische Spruch: „Ein guter Mann wird kein Soldat“. Die gesamte Elite der Chinesen strebte danach nach einer Laufbahn eines zivilen Beamten. Für die Soldaten hatten die meisten Angehörigen der oberen Gesellschaftsschichten nur Verachtung übrig.

Die Folgen einer derart radikalen Degradierung und Kriminalisierung des soldatischen Berufs und des Krieger-Seins angesichts der wachsenden Bedrohung durch die Steppenvölker ließen nicht lange auf sich warten. Anno 1127 wurde die eine Million Einwohner zählende chinesische Hauptstadt Kaifeng von dem mandschurischen Volk der Jurchen erobert. Fast sämtliche Mitglieder des Kaiserhauses wurden von den Jurchen verschleppt. Tausende Frauen der chinesischen Kaisersippe endeten entweder als Konkubinen der Jurchen-Fürsten und Soldaten, oder aber als staatliche Prostituierte. Restliche Anhänger der Song-Dynastie hielten noch mehr als hundert Jahre lang den Süden des Reiches gegen den Ansturm der Jurchen und der Mongolen stand, ehe das nationalchinesische Reich der Song-Dynastie anno 1279 von den Mongolen unterworfen wurde. Einhunderttausend Chinesen, darunter der gesamte Kaiserhof und der Rest der Song-Beamtenschaft, starben zusammen mit dem letzten Kindkaiser der Song-Dynastie im Flammenmeer bei Yamen.

Distanz schafft Übersicht
Deutschland als Gefangener seiner Extreme
Aus dem Schädel des Song-Kaisers Lizong  wurde ein Trinkgefäß für den tibetischen Vize-König Chögyel Phagpa gebastelt, der zugleich auch als „Meister des Mongolischen Yuan-Kaisers“ galt. Unter der Herrschaft des Genghis Khans war ein Menschenleben eines gewöhnlichen Han-Chinesen nicht mehr wert als ein Esel. Nach der vollständigen mongolischen Unterwerfung Chinas brauchte ein Mongole für den Totschlag eines Chinesen ebenfalls nur eine Entschädigung zu zahlen. Das Martyrium der Chinesen endete 1368 mit dem Ende der Mongolenherrschaft in China durch das Heer des neuen chinesischen Kaisers Zhu Yuanzhang (Hongwu genannt, zuvor König von Wu). Er schuf das letzte han-chinesische Kaiserreich „Da Ming“ (Große Helligkeit). Doch sein Reich erbte mehr Wesenszüge des totalitären Charakters des Großmongolischen Reichs denn des liberalen Chinesischen Reiches der Song-Dynastie. Daher rührt auch der Spruch mancher japanischer und chinesischer Historiker: “Nach [der Schlacht von] Yashan gibt es kein Reich der Mitte mehr“. Von da an ging die chinesische Zivilisation tatsächlich tendenziell nur noch bergab. Der fortschrittliche, innovative, offene und unbeugsame Charakter der chinesischen Intellektuellen starb weitgehend mit der Song-Dynastie.

Die Tragödie der chinesischen Geschichte lehrt uns also, dass die Fehler der vergangenen Epoche zwar aufgearbeitet und vermieden werden sollen, dass ein anderes Extrem aber oft nicht die gewünschte Stabilität verspricht, sondern eventuell andere katastrophalen Folgen verursacht. Der Zyklus der Extreme sollte vermieden werden und zwar mit Vernunft und Mittelmaß. Eine Staatsdoktrin indes, die auch aus der totalen Umkehrung der Ideologie der Vergangenheit besteht, sollte gegebenenfalls im Laufe der Zeit so moderiert werden, dass sie an die gegenwärtigen Umstände angepasst werden kann.

II. Historische Lehren aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte

Wir schreiben nun das Jahr 1945 im fernen Land Deutschland an dem anderen Ende des Eurasischen Kontinents. Deutschland war bei Ende des Zweiten Weltkriegs am Boden. Deutschland zählte etwa 6,3 Millionen Kriegstote, darunter fast 5,2 Millionen Soldaten und mehr als eine Million Zivilopfer.  Seine Städte waren weitgehend zerbombt. Etwa 12 Millionen Deutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Das Land wurde von den Siegermächten besetzt und zunächst in vier, dann in zwei Besatzungszonen geteilt. Mit den Ostgebieten verlor Deutschland zudem ein Viertel seines ehemaligen Staatsgebiets. Die militärische Niederlage war total, ebenso die moralische.

Über der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland schwebte die historische Verantwortung des gigantischen Verbrechens und beispiellosen industriellen Massenmords – des Holocausts, der deutschen Kriegsschuld, der Kriegsverbrechen der deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg sowie der inländischen Opfer der NS-Repressionen.

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