Britische Medien berichten über den Mörder von David Amess

In der britischen Öffentlichkeit werden immer mehr Erkenntnisse zum Verdächtigen im Mordfall David Amess bekannt. Dennoch spielt das allem Anschein nach dschihadistische Motiv des Täters in vielen Medien kaum eine Rolle. Stattdessen scheint man fassungslos über den tiefen Fall eines Somaliers aus besserem Hause.

IMAGO / ZUMA Press

Der langjährige konservative Abgeordnete Sir David Amess wurde am vergangenen Freitagmittag in seinem Wahlkreisbüro durch 17 Messerstiche getötet. Er starb im Alter von 69 Jahren, hinterließ eine Frau und fünf erwachsene Kinder. Der mutmaßliche Täter wurde am Ort des Verbrechens in Leigh-on-Sea (Essex) in einem Zustand der Apathie (»blind behind the eyes«) gefasst. Doch die Tat war keineswegs aus »blindem Hass« begangen worden. Dieser Hass hatte eine Richtung und ein Ziel.

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Der mutmaßliche Täter war, so drang schon kurz nach der Tat an die Öffentlichkeit, ein 25-jähriger Brite somalischer Herkunft und Muslim. Inzwischen wurde die Identität und ein Foto des Verdächtigen von der Boulevardzeitung The Sun veröffentlicht. Laut dem Blatt war Ali Harbi Ali schon vor einiger Zeit ins Visier des Anti-Terror-Präventionsprogramms der britischen Regierung geraten. Das ›Programm‹ ist eine eher lose Extremistenliste, auf der 6.000 Personen versammelt sind, die sich durch Online-Postings und Ähnliches verdächtig gemacht haben. In diesem Fall soll ein Lehrer – schon vor fünf Jahren – von der Radikalisierung Alis berichtet haben. Schulfreunde erzählen, dass Ali durch Online-Videos des islamistischen Predigers Anjem Choudary radikalisiert wurde. Er sei regelrecht besessen von Choudary gewesen.

Die Ermittler geben sich so gut wie sicher, dass die Tat nicht von ausländischen Terrorpaten gelenkt wurde. Sie durchsuchten drei Häuser in London, die möglicherweise in Verbindung zu der Bluttat standen. Beachtlich scheint, dass Ali 50 Meilen fuhr, um den Terrorakt in Leigh-on-Sea zu begehen. Laut Sun war Ali der Sohn eines ehemaligen Regierungsberaters aus Somalia, der in den 1990er Jahren ins Vereinigte Königreich einwanderte. Ali wuchs bis zum Alter von 16 oder 17 Jahren in einem Haus in London-Croydon bei seiner Mutter auf. Danach zogen er und sein Bruder aus, um zu studieren.

Zuvor hatte Ali lange als unauffällig und umgänglich gegolten. Er spielte Fußball und ging gern ins Kino, obwohl der Islam schon zu dieser Zeit eine große Rolle in seinem Leben spielte. Seine Persönlichkeit habe sich abrupt verändert, als er online auf Videos von Anjem Choudary stieß, der als »Hassprediger« und Feind der westlichen Lebensart gilt. Als möglicher Einfluss gilt außerdem die dschihadistische Gruppierung al-Shabaab, ein al-Qaida-Ableger aus Somalia.

Das diskrete Vorbeischauen der Medien am Motiv

Einzelne Kommentatoren bemerken derweil, dass in weiten Teilen der britischen Presse eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, indem der Täter zur »verletzlichen Person« erklärt wird, die erst durch die Einsamkeit des Lockdowns radikalisiert wurde (so etwa die Times, einen Polizei- und Sicherheitsbericht zitierend). Zudem hat die Befürchtung viel Raum gefunden, dass der terroristische Akt eines Muslims zu vermehrten »Hassverbrechen« gegen Muslime führen könnte. Auch vom Internet und den sozialen Medien in toto ist wieder viel die Rede, als ob das Medium das Problem wäre. Dabei müsste es eigentlich um die Individuen gehen, die sich dieser Medien bedienen. Es geht hier nicht um eine anonyme Bedrohung aus dem Netz, sondern um Netzwerke, die auch außerhalb der »sozialen Medien« existieren, die Namen und Anschrift haben.

Attentat auf David Amess
Londoner Polizei: Mord an britischem Abgeordnetem war terroristischer Vorfall
Auch der Vergleich mit dem Mord an der Labour-Politikerin Jo Cox im Jahr 2016 fällt nicht unbedingt günstig aus: Damals zögerten viele Medien nicht, die Schuld an diesem Geschehen den Brexit-Anhängern oder den Gegnern einer ungezügelten Immigration in die Schuhe zu schieben. Doch dass die Tat von Ali Harbi Ali vor allem mit seinem Dschihadismus zu tun hat, spielt heute in vielen Medien kaum eine Rolle. Stattdessen ist viel die Rede vom (durch die Tat) »traumatisierten« Vater des Täters.

Dabei müsste die Erinnerung an ähnliche Vorfälle in den letzten Jahren eine andere Sicht auf diesen politischen Mord bedingen: Im Mai 2010 wurde der Labour-Abgeordnete Stephen Timms von der Islamistin Roshonara Choudhry zweimal mit einem Messer in den Bauch gestochen. 2013 wurde der Soldat Lee Rigby unter Skandierung islamistischer Parolen mit Hiebwaffen und Messer ermordet. Im März 2017 fuhr ein Befürworter des Dschihad sein Auto in eine Menschenmenge in der Nähe des Parlamentsgebäudes und tötete vier Menschen, im Juni desselben Jahres fand ein ähnlicher Vorfall auf der London Bridge statt, wobei auch Messerangriffe dazukamen: Acht Menschen starben, 48 wurden verletzt.

Im November 2019 erstach ein ehemaliger Sträfling bei einem Reintegrationskurs an der London Bridge zwei Menschen und verletzte weitere. Man könnte die Liste wohl problemlos fortsetzen. Es geht nicht nur um Politiker, doch auch sie zählen zu den Opfern dieser Angriffe. Im Wochenmagazin Spectator bemerkt Sam Ashworth-Hayes, dass der radikal-islamische Hintergrund im neuesten Fall eher weniger als mehr Beachtung erfuhr. Dabei müsste ein solches Motiv gerade in diesem Fall besonders beunruhigen. Angegriffen wurde ein Repräsentant der britischen Demokratie.

Dschihadist Choudary: Gerüchte besagen, dass Amess für Israel war

Inzwischen hat sich auch Anjem Choudary, ehemaliger Anführer einer islamistischen Gruppe mit Verbindungen zum IS, das Internet-Idol Ali Harbi Alis, zu Wort gemeldet und bestätigt, dass er der Ermordung von David Amess durchaus Positives abgewinnen kann. Sein Hauptargument: »Gerüchte besagen, dass Amess pro-Israel war.« Für den ausgebildeten Juristen Choudary scheint das Grund genug für die Bluttat zu sein. In der Tat war Amess ein führendes Mitglied der Conservative Friends of Israel. Doch, so Choudary weiter, auch als Mitglied der Konservativen Partei, habe er Schuld auf sich gehäuft – und kam folglich als Terror-Opfer in Frage. Der Jurist Choudary hängte an, dass er natürlich keine solche Tat befürworte.

SPEAKERS’ CORNER
London: Messerangriff auf Islam-Kritikerin mit Charlie Hebdo-Shirt
Am Ende könnte das Attentat weitreichende Auswirkungen auf die britische Politik haben. So forderte der konservative Ex-Minister Tobias Ellwood, auf Wahlkreisbüros überhaupt zu verzichten und im nächsten Schritt auf Zoom-Sitzungen umzustellen. Auch mit Telefongesprächen könne man oft viel schneller etwas bewirken. Erwirbt das Land von Speakers’ Corner nun eine Phobie vor dem öffentlichen Dialog?

Der neue Justizminister Dominic Raab, davor Außenminister, kündigte nun eine Strafverschärfung für Terroristen an, die mindestens zwei (warum nicht eine?) Person töten wollen oder in Kriegszonen reisen. 14 Jahre Haft sollen künftig diejenigen erwarten, die »im Namen verschrobener und fanatischer Ideologien morden«.

Am Montag besuchte Boris Johnson zusammen mit Innenministerin Priti Patel, Oppositionsführer Keir Starmer und dem Speaker des Unterhauses, Lindsay Hoyle den Tatort in Leigh-on-Sea, um dem ermordeten David Amess die letzte Ehre zu erweisen. Patel kündigte zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für Abgeordnete an, aber sprach sich nachdrücklich für eine Fortsetzung der Präsenztreffen von Politikern und Bürgern aus.

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Kommentare ( 47 )

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jorgos48
1 Monat her

Ist ja wie in der BRD, das Opfer ist schuld oder es war ein Einzelfall. Die armen Musels die hier hin vegetieren müssen, alimentiert von den Kuffars.

KorneliaJuliaKoehler
1 Monat her

Schon wieder ein so grausamer Terror-Anschlag! „Kulturell“ bedingter Hass auf Israel war wohl auch ein Teil des Motivs. Wir haben die Religionsfreiheit und dann gehören solche Terroranschläge wohl unvermeidlich auch dazu? Oder, aus welchem Grund werden solche Taten kaum noch mit dem Islamismus in Zusammenhang gebracht?

Ralf Poehling
1 Monat her

Zitat:“In diesem Fall soll ein Lehrer – schon vor fünf Jahren – von der Radikalisierung Alis berichtet haben. Schulfreunde erzählen, dass Ali durch Online-Videos des islamistischen Predigers Anjem Choudary radikalisiert wurde. Er sei regelrecht besessen von Choudary gewesen.Die Ermittler geben sich so gut wie sicher, dass die Tat nicht von ausländischen Terrorpaten gelenkt wurde.“ Das ist unlogisch. Wenn die ausländischen Terrorpaten nach Großbritannien einwandern und sich da vermehren, sind es dennoch keine Briten, sondern immer noch ausländische Terrorpaten. Ein echter Brite verhält sich auch wie ein echter Brite und nicht wie ein fundamental-islamischer Pakistaner. Und wenn er seine Propagandavideos über… Mehr

Meinhard
1 Monat her
Antworten an  Ralf Poehling

Lieber Herr Pöhling, Sie sagen richtigerweise, dass ich die ablenkende Diskussion um Youtube und soziale Medien im Artikel kritisiere.
Es stellt sich höchstens die Frage, warum YT bei der Sperrung von Videos, die es ja durchaus gibt, mit so verschiedenem Maß misst.
Was die britischen Ermittler zu ausländischen Terrorpaten sagen, mag durchaus unlogisch sein. Unbenommen.

Herzlichen Gruß, Matthias Nikolaidis

Ralf Poehling
1 Monat her
Antworten an  Meinhard

Ok, reden wir mal kurz Tacheles: Das hat zwei Gründe, dass das Silicon Valley mit diesem Thema so einseitig umgeht, die aber nicht offen kommuniziert werden: Erstens: Unwissenheit beim Thema islamischer Fundamentalismus Zweitens: Die Angst, davon selbst betroffen zu werden Und ja, das meine ich ernst. Ich drücke es jetzt mal einfach aus: Das IT Business ist ein Business von „Nerds“. Und Nerds sind die, die in der Schule immer vom muskelbepackten Klassenproll die Brille kaputtgeschlagen bekommen und sie deshalb mit Klebeband wieder zusammenkleben müssen. Können Sie sich Mark Zuckerberg oder auch Bill Gates in Tarnuniform mit Sturmgewehr vorstellen? Oder… Mehr

Deutscher
1 Monat her

„Die Aufklärung des Mordes habe „oberste Priorität“: Bundespräsident Steinmeier hat sich zu den Ermittlungen geäußert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat im Fall um den Mord an David Amess Besorgnis ausgedrückt und eine rasche, umfassende Aufklärung gefordert. Der Süddeutschen Zeitung sagte Steinmeier: Die vollständige Aufklärung habe „oberste Priorität“, denn: „Beispiele aus der jüngeren islamischen Geschichte zeigen, wie wichtig es ist, jede einzelne Tat zeitnah und vor allem umfassend aufzuklären“, sagte der Bundespräsident. Außerdem zog Steinmeier eine Verbindung zwischen dem Mordfall und der Hetze im Internet: In der Zeitung forderte er ein entschiedenes Vorgehen gegen Hasskommentare: „Wo die Sprache verroht, ist die Straftat… Mehr

country boy
1 Monat her

Die Reaktionen der Medien sind deutliche erste Anzeichen von Soumission. Wenn der Islam noch mehr Bedeutung erlangt, weil der prozentuale Anteil der Islamgläubigen zunimmt, wird von unseren unterwürfigen Journalisten überhaupt nichts mehr zu erwarten sein. Die Angst vor dem Islam ist doch bereits heute so groß, dass sich Berichterstatter z.B. scheuen, die schwerkriminellen Marokkaner, die das niederländische Rechtssystem bedrohen, beim Namen zu nennen.

Andreas aus E.
1 Monat her

Islamistische Mohammedaner, Antifanten, Radikalfeministen und deren Gesinnungsgenossen (bzw. -komplizen) in Redaktionsstuben – das sind die Totengräber freier Gesellschaften.

country boy
1 Monat her
Antworten an  Andreas aus E.

Interessant wäre es in diesem Zusammenhang auch, die Arbeit von an deutschen Universitäten und Fachhhochschulen wirkenden „Medienwissenschaftlern“ und ihren Einfluss auf die Leute in den Redaktionsstuben zu untersuchen.

Sabine M
1 Monat her
Antworten an  Andreas aus E.

„Wenn die Grundlage des Terrorismus in der Erzeugung von Angst besteht, dann sind die größten Terroristen die Medien.“     Simon Valom

Schwabenwilli
1 Monat her

Alle Politiker und NGOs welche nachwievor die Einwanderung von Moslems in europäische Staaten befürworten muss man sich namentlich merken, damit sie sich nicht eines Tages, wenn es soweit ist, aus der Verantwortung stehlen können. Es muss diesen Leuten später der Prozess gemacht werden.

Andy Malinski
1 Monat her
Antworten an  Schwabenwilli

Ich befürchte, dass Sie damit bis zum St.Nimmerleinstag warten müssen. Bis die Mehrheit der Schlafschafe aufwacht, sind die demografischen Voraussetzungen derart ungünstig, dass es dann zu spät sein dürfte, zumal die in unserem Kulturkreis übliche Sozialisation im Stuhlkreis heute schon ihre Wirkung tut. Und später gilt deshalb:
Wenn 5 Füchse und 4 Gänse über die nächste Mahlzeit abstimmen, dürfte das Ergebnis klar sein ….

country boy
1 Monat her
Antworten an  Schwabenwilli

Die Leute werden in guter deutscher Tradition alles abstreiten und ableugnen. Schon heute finden sie doch kaum noch einen Journalisten, der dazu steht, dass er die Masseneinwanderung 2015 herbeigeschrieben hat.

Paul Brusselmans
1 Monat her

Hassprediger gibt es in diesem Sinne nicht. Ihre Aussagen stützen sich auf entsprechende Suren bzw. Überlieferungen aus dem Leben des Propheten. Sozusagen wissenschaftlich saubere Arbeit. ISIS, Al Qaida geben konkrete Anweisungen für zB Messerattentate bis hin zur Vorgehensweise, daran erinnernd, dass die Gefährten des Propheten „Ungläubige“ an Nacken und Hals angriffen. Der Messerangriff auf die Polizeisekretärin in Rambouillet erfolgte an einem Freitag im Ramadan, dem Tag, an dem der Prophet von Medina aus begann, Mekka zu erobern. Dazu Stärkung durch religiöse Kampfgesänge (Naschids). Und vorher kurz in der psychiatrischen Klinik zur Sicherheit einen Schein abgeholt. Es ist eben nicht eine… Mehr

Boris G
1 Monat her

Auch ganz ohne islamistische Wurzeln lehrt ein Blick in britische und französische Gefängnisse: Gewaltkriminalität hat auch eine ethnische Wurzel. Noch eklatanter sieht es im US-amerikanischen Strafvollzug aus. Richard Lynn hat dazu zusammengetragen, was die empirische Forschung bisher herausgefunden hat. Auf tichyseinblick war kürzlich zu lesen: Während nur 2.8% der deutschen Bevölkerung zum Kreis ausermittelter Straftäter gehört, sind es unter den Männern mit algerischer Staatsbürgerschaft 50% (!), unter hier lebenden Japanern/Koreaner 0.5%.
Quellen:
https://www.researchgate.net/publication/222191018_Racial_and_ethnic_differences_in_psychopathic_personality
https://www.tichyseinblick.de/meinungen/kriminalstatistik-pks-fuer-2017-kriminalitaet-asylbewerber/

Oneiroi
1 Monat her

Besonders Faszinierend ist auch in diesem Fall, dass die zweite Generation von der harten Arbeit der Auswandernden Generation profitiert, in behüteten /besseren Verhältnissen aufwächst und, wie so oft, augenscheinlich deutlich radikaler im Glauben ist, als die erste Generation. Das Phänomen lässt sich auf die 2. und 3. übertragen, da die 3. in der Regel radikaler als die 2. ist. Man fragt sich, ob es die Konservative Erziehung der Eltern ist, die sich an das letzte bisschen Heimat in ihren Köpfen klammert, oder ob es an der indigenen Gesellschaft liegt, die ihr eigene Kultur wenig schätzt und damit quasi zum erniedrigen… Mehr