Dussel in Düsseldorf

Manchmal hört man ja noch Dorthe Kollos Erfolgssong von 1968 „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, schöner Playboy, Du wirst nie ein Cowboy sein…“.

An jenen Provinzprinzen, der in der großen weiten Welt doch nicht so gut ankommt wie daheim am Rhein oder in München oder Frankfurt, fühle ich mich erinnert, wenn ich die dunklen Geschäfte von Goldman Sachs und anderer Investmentbanken verfolge: Wenn der Subprime-Schrott selbst für die dunkelsten Geschäfte untauglich war – da gab es immer noch die IKB in Düsseldorf, der man diesen Mist andrehen konnte. „If you can’t sell it, sell it to the Landesbank“, lautete ein geflügelter Spruch bei den Investmentbankern. Ob es Betrug war, werden Gerichte entscheiden. Sicher ist schon jetzt: Viele deutsche Banker wurden zu Recht als Dussel gesehen. Sie haben sich von den Schlitzohren der Wall Street abzocken lassen wie das Bäuerlein mit einem dicken Geldbündel im Rotlichtviertel. Die juristische Schlacht geht nur noch um die Fragen, ob auch
K.-o.-Tropfen eingesetzt wurden oder ob deutsche Banker Anspruch darauf haben, in New York wegen ihrer offenkundigen Unerfahrenheit als besonders schutzwürdige Spezies zu gelten.

Dieser Vorwurf trifft nicht nur unsere vermeintliche Geldelite. Obwohl die Geschäfte in Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart und München abgewickelt wurden und dort auch die Geschädigten sitzen, sind es nicht die hiesigen Staatsanwaltschaften, und nicht die im idyllischen Bonn vor sich hin dämmernde Finanzaufsicht BaFin, die Licht ins Dunkel bringen. Die BaFin bittet in ihrer Hilflosigkeit jetzt die US-Börsenaufsicht SEC um Amtshilfe, die gegen Goldman Sachs brutalstmöglich ermittelt – und die SEC ist es auch, die die Investmentabteilung der Deutschen Bank ins Visier nimmt. In Düsseldorf geht derweil das Gericht der Frage nach, wer dem früheren IKB-Bankchef den Rasen hat trimmen lassen. War es die Bank? Das ist nicht die wichtigste Frage.

Noch mehr wird aus den Details der Deals klar, die jetzt auffliegen: Keines dieser Geschäfte hat irgendeinen volkswirtschaftlichen Nutzen. Es sind Nullsummenspiele – was der eine verliert, verdient der andere. Wachstumseffekte, Kredite für Investitionen – nichts von dem, woraus die Banken Legitimation für Spekulationsgeschäfte beziehen, wird durch die Goldman-Deals befördert. Und dass sie ihren unanständigen Profit einstreichen können, dessen konnten sich die Goldmänner aller Banken nur deswegen so sicher sein, weil sie wussten: Am Ende steht für die Verlierer, die Dussel-Banken aus Düsseldorf und anderswo, der Steuerzahler gerade.

Wie Hohn klingt es, wenn sich Banken jetzt wieder mit Milliardenprofiten brüsten und einen Teil der staatlichen Hilfsmaßnahmen verzinsen oder sogar zurückzahlen. Hier wird unterschlagen, dass eine Weltwirtschaftskrise und die katastrophale Verschuldung der Staaten die schlimmen Folgen des Bankendebakels sind. Dafür werden unsere Kindeskinder noch bezahlen.

Bedenklich ist, dass die bisherigen Vorschläge der Finanzminister und Notenbankchefs nur die fraglichen Geschäfte in sich transparenter und solider gestalten wollen. Paul Volcker, der frühere US-Notenbankchef und Obama-Berater, hat recht, wenn er fordert: Die Größe dieser Art von Banken muss begrenzt werden, um ihre Gemeingefährlichkeit zu reduzieren. Sie müssen von den herkömmlichen Banken isoliert werden. Die Investmentbanken sollen ruhig ihre Geschäfte machen – aber ohne den Schutz der Staaten.

Die Antwort liefert übrigens wiederum Dorthe Kollo mit einem Schlager: „Man muss dem Glück entgegengeh’n.“

Die Regierungen müssen also nur wollen.

(Erschienen am 24.04.2010 auf Wiwo.de)

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