Die Sabotage in der Ostsee ist ein Anschlag auf den Industriestandort Deutschland

Wer war es? Diese Frage muss derzeit offenbleiben. Wichtiger noch ist der Blick auf die Folgen. Mit diesem Anschlag wurden Fakten geschaffen, die so schnell nicht wieder aus der Welt zu bringen sind. Die Folgen beschädigen die energiehungrige Industrienation Deutschland anhaltend und nachhaltig.

IMAGO / UPI Photo

Es sind eindrucksvolle Bilder, die dänische Militärflieger über der Ostsee gemacht haben: Heftig brodelt die Oberfläche, Gasblasen blubbern nach oben und lassen eine Vorstellung von den Mengen zu, die aus den zerstörten Gaspipelines strömen. Der gewaltige Blasenteppich auf der Ostsee soll einen Durchmesser in der Größe von rund einem Kilometer haben.

Der schwedische Seismologe Björn Lund sagte, es gebe keinen Zweifel, dass es sich um Sprengungen handele. Die Daten zeigten eindeutig, dass die Explosionen im Wasser und nicht im Gestein unter dem Meeresboden stattfanden. Kaum Zweifel bestehen also noch, dass es sich um eine Sabotageaktion handelt.

Offen ist – nach außen hin zumindest –, wer es war. Auch die Frage »Wem nützt es?« hilft im Augenblick nicht weiter – zu viele profitieren auf verschiedene Weise von der Zerstörung zweier wichtiger Gaspipelines nach Deutschland.

Dass amerikanische Kriegsschiffe durch die Ostsee kreuzen – geschenkt; dies tun auch russische und andere. Wer einen solchen Anschlag plant, schaltet auch nicht unbedingt sein Ortungssystem ein.

Die norwegische Petroleum Safety Authority hatte zu Beginn der Woche gewarnt, dass mehrere Drohnen unbekannter Herkunft in der Nähe von mindestens sechs Ölplattformen geflogen sind. Die könnten für Angriffe genutzt werden. Bemerkenswerterweise reagierte das norwegische Fischerei- und Meeresministerium mit der Ankündigung, Geheimdienstaktivitäten verstärkt bekämpfen zu wollen – auch auf See.

Laut Spiegel ging bereits vor Wochen ein Warnhinweis des US-Geheimdienstes CIA in Berlin ein. Die Vereinigten Staaten haben offenbar bereits im Sommer vor möglichen Anschlägen auf die Gaspipelines gewarnt.

Wichtiger ist der Blick auf die Folgen. Mit diesem Anschlag wurden Fakten geschaffen, die so schnell nicht wieder aus der Welt zu bringen sind. An eine Reparatur der Pipelines ist derzeit nicht zu denken; es steht noch nicht einmal fest, wer die unternehmen könnte. Die Betreibergesellschaft von Nord Stream 2 befindet sich in einem Konkursverfahren und ist handlungsunfähig.

Klar sind nur die dramatischen Folgen dieses Anschlages auf die Energieversorgung Deutschlands: Auf längere Zeit kann kein russisches Gas durch diese wichtige Pipeline mehr nach Deutschland strömen. Auch wenn beide Leitungen derzeit ohnehin nicht genutzt wurden: Bei dramatischer werdender Energieknappheit im tiefen Winter hätten sich in einem politischen Kuhhandel vielleicht Lösungsmöglichkeiten ergeben, zumindest eine Leitung wieder zu öffnen. Diese Möglichkeit gibt es bis auf Weiteres nicht mehr.

Dies beschädigt die energiehungrige Industrienation Deutschland gravierend. Bisher gibt es keinen Ersatz, um solche hohen Gasmengen zu liefern, wie sie allein durch Nord Stream 1 kamen. Schon gleich gar nicht zu so günstigen Preisen. Entscheidend sind jedoch für ein Industrieland verfügbare und vor allem preisgünstige Energiemengen. Erdgas sollte nicht zuletzt die notwendige Ausgleichsfunktion bei der sogenannten „Energiewende“ bilden, wenn Windräder mal wieder nichts liefern, weil Flaute ist.

Der Anschlag zeigt auch, wie verwundbar das System der Erdgaspipelines geworden ist, das mittlerweile quer durch Nord- und Ostsee verläuft. Hilflos erschienen die  Worte der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, die Lecks in den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 seien durch einen gezielten Angriff entstanden. Ja, sie drohte sogar, jede vorsätzliche Störung der aktiven europäischen Energieinfrastruktur sei inakzeptabel und werde zur stärkstmöglichen Reaktion führen.

Mehr ist aus Brüssel bislang nicht zu hören gewesen. Die zuständige EU-Kommissarin Johansson hatte noch im Juni bei der Verabschiedung der »Richtlinie über die Resilienz kritischer Einrichtungen« getönt: »Die neue Richtlinie wird die Bereitstellung grundsätzlicher Dienstleistungen wie Energie, Verkehr, Wasser und Gesundheitsfürsorge sicherstellen und gleichzeitig die Auswirkungen natürlicher und vom Menschen verursachter Zwischenfälle minimieren.« Sie hatte vermutlich nur den vom Menschen verursachten Klimawandel im Blick, aber keine von Menschen verursachten Sprengstoffattentate.

Es zeigt sich erneut der Irrsinn der Energiewende-Politik: Andere Quellen wie Kohle und Kernkraft abschalten, auf Erdgas als sogenannte »Brückentechnologie« setzen und dann von einem Energie-Paradies mit Sonne und Windmühlen träumen. Dies alles untere heftigem Beifall der EU, die damit die dramatische Abhängigkeit von russischen Energielieferungen befeuert hat.

Erdgas ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit einem Anteil von 31,2 Prozent wichtigster Energieträger in der Industrie, 2019 deckten private Haushalte mit 41,2 Prozent den größten Teil ihres Bedarfes an Wohnenergie mit Erdgas. Zusätzlich kommen 13 Prozent des in Deutschland erzeugten Stromes aus mit Erdgas betriebenen Kraftwerken.

95 Prozent des Erdgases wurden in Deutschland importiert. Dabei spielte die Pipeline Nordstream 1 die wichtigste Rolle als Transporteur. Durch beide Rohre dieser Leitung wurde etwa so viel Erdgas gepumpt wie durch fast alle anderen Leitungen wie Jamal, Transgas, Europipe 1 und 2 aus Norwegen sowie Eynatten zusammen. Das macht die zentrale Bedeutung dieses Energiestranges deutlich – und führt gleichzeitig auch die gefährliche Abhängigkeit vor Augen, in die eine Bundesregierung nach der anderen, Schröder und Merkel ganz besonders,  Deutschland gesteuert hat.

Dieser Energiewende-Irrsinn erst hat die nicht dramatisch genug einzuschätzende Abhängigkeit von einer Energiequelle und einem wesentlichen Lieferanten möglich gemacht. Nicht umsonst galt zuvor als Handlungsmaxime ein Energiemix aus vielen unterschiedlichen Quellen und keine einseitige Abhängigkeit von einem Lieferanten.
Wie gefährlich diese einseitige Abhängigkeit und die zentrale Funktion des Erdgases als Energieträger ist, zeigt der Anschlag am Grunde der Ostsee.

Die Folgen dieses Anschlages auf den Industriestandort Deutschland werden katastrophal sein: Industrie und Gewerbe bekommen derzeit keine akzeptablen Angebote für Strom und Gaslieferungen mehr. Die sogenannte »Ersatzversorgung« ist bereits sehr teuer und wird noch teurer werden. Doch die meisten Unternehmen können die hohen Energiekosten kaum an ihre Kunden weitergeben. Versorger und Netzbetreiber bereiten sich gerade darauf vor, Vorauskasse zu verlangen und den Anschluss zu sperren, wenn die Unternehmen nicht fristgerecht zahlen.

Die Energieversorgung sicherstellen kann jetzt nur der Weiterbetrieb aller vorhandenen Kohle- und Kernkraftwerke – soweit nicht noch wesentliche Teile zerstört werden, wie zum Beispiel beim Kernkraftwerk Philippsburg oder dem abgerissenen Kernkraftwerk in Mühlheim-Kärlich geschehen.

Ein schneller Beginn der Förderung der eigenen Gasvorräte ist notwendig. Immerhin liegen unter Norddeutschland noch solche Gasmengen, die die Gaslieferungen aus Russland locker ausgleichen können. Deutschland könnte nach der Energiestudie 2013 der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe seinen derzeitigen Gasbedarf über ein Jahrzehnt lang vollständig decken. Oder muss erst, um Robert Habeck zu paraphrasieren, die Hütte vollständig abbrennen?

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Kommentare ( 144 )

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Timur Andre
1 Jahr her

Wir haben genügend fracking Gas um den Ausfall aus Russland zu ersetzen, soll für 40 Jahre reichen.
Nun liebe Regierung, heute noch ran anstatt 2,3,4x soviel für US fracking Gas auszugeben.

Spicebar
1 Jahr her
Antworten an  Timur Andre

Fracking – Risiken für die Umwelt: Mögliche Umweltbeeinträchtigungen entstehen für das Grund- und Oberflächenwasser laut Umweltbundesamt vor allem durch die Lagerung und den Umgang mit Wasser gefährdenden Chemikalien und die Bohrungen selbst, welche in der Regel durch Grundwasser leitende Schichten führen.Des Weiteren bestehen Risiken für die Gewässer bei der Entsorgung der Fracking-Gemische und des während der Erdgasförderung zusätzlich geförderten Lagerstättenwassers. Dieses ist hoch mineralisiert, enthält Kohlenwasserstoffe und ist teilweise radioaktiv. So sind bis zu maximal 174.000 Kubikmeter für eine Bohrung mit sechs horizontal abgelenkten Bohrsträngen, welche benötigt werden um eine Gas führende Lagerstätte in jeder Richtung erschließen zu können, erforderlich. Diese… Mehr

Last edited 1 Jahr her by Spicebar
Timur Andre
1 Jahr her

Darf ich sagen, das ist offensichtlich und wird in Szenarien im Ausland offen angesprochen? Die USA wollen oben bleiben, gegen China-Russ können sie nicht direkt. Die USA schaffen sich aber zuerst einen Wirtschaftsraum, in dem sie voll herrschen, dazu muss die EU in die Knie. On shoring läuft, und das Kernstück sind die Industrien in Deutschland, sowohl China (Strategy 2025) als auch USA haben sich unsere Filetstücke ausgesucht. Wobei China übernehmen muss, die USA brauchen nur unseren Zugang zu Energie und Rohstoffe kappen bzw Preise erhöhen…..huh. Wenn Deutschland entkernt ist, und die EU in die Knie geht inkl Euro, werden… Mehr

Last edited 1 Jahr her by Timur Andre
J.Thielemann
1 Jahr her

… wir haben die Beweise, wer es war, Herr Scholz….. (1) Eine amerikanische Einheit….. Und was machen wir jetzt?! Wir können doch nicht den Amis den Krieg erklären! Aber wenn wir gar nichts tun- dann sind wir überall unten durch! Inklusive eigener Bevölkerung! Also es geht nur eins: Wenn wir es nicht wissen, brauchen wir auch nicht darauf zu reagieren…… (2) Russische Kampfschwimmer…. Und was machen wir jetzt?! Na ja, es gibt da so eine Iskander- Stellung in Kaliningrad…. Sind sie wahnsinnig?! (3) Wir hätten auch nie gedacht, dass Polen…… Und was machen wir jetzt?! Naja, es gibt da so… Mehr

Mikmi
1 Jahr her

Was heutige Satelliten so alles leisten können, man muss nur suchen.
Der eine sprengt den Kühlturm und schafft Tatsachen, der andere weigert sich, unsere Kraftwerke weiter zu betreiben. Warum verklagt keiner diese Nasen wegen Amtsmissbrauch? Regieren gegen die Bevölkerung? Zerstören von Staatseigentum?

Gabriele Kremmel
1 Jahr her

Aber man hätte Atomkraftwerke, Kohlekraftwerke und alternative Energieerzeugung beibehalten, vllt. sogar ausbauen und so kombinieren können, dass keine einseitigen Abhängigkeiten in diesen Größenordnungen überhaupt entstehen. Das Problem ist die einseitige Festlegung auf Gas, egal woher es kommt.

Gabriele Kremmel
1 Jahr her

Man kann diese Politik nur noch als Zerstörungswerk betrachten. Da es um die Absicherung der Grundbedürfnisse wie Wärme und Nahrung geht, sind die Folgen katastrophal.

Wer hat uns das beschert? Eine interessengesteuerte Lobbyzentrale EU in Zusammenarbeit mit einer ideologisch verbohrten und/oder liederlich postengeilen Politikerkaste in den Ländern, resp. Deutschland.

Aber der Käse ist gegessen, die Resourcen gekappt.
Jetzt kommt die Stunde der Investoren, die den Klimawandel-Katastrophenzirkus inszeniert und propagiert, und Greta gefördert haben, um u.a. die wertlos gewordenen Kohleaktien aufzukaufen. Wohlwissend, dass sie einmal sehr wertvoll werden würden.

tube
1 Jahr her

Joe Biden: „Es wird kein Nord Stream 2 mehr geben. Wir werden es beenden.“

lexus1
1 Jahr her

Der Elefant steht riesengroß im Raum und erschüttert das Freund/Feind-Narrativ, ja eben auch auf tichyseinblick. Die Frage, „wer es war“, ist die Gretchenfrage für die Zukunft Europas, denn sie muß dazu führen, unsere vitalen Interessen wieder so zu vertreten, daß wir überleben können. Biden und Nuland haben vor kurzem klipp und klar und in vollem Ernst gesagt: wenn Russland in die Ukraine geht, wird Northstream 2 „zu einem Ende gebracht“. Nun passiert genau das, US-Minenräumer/leger waren bei Manöver und vor kurzem direkt vor Ort, und keiner traut sich, 1 und 1 zusammenzuzählen. Ja wem sollen wir denn nun glauben? Das… Mehr

Teckelhalter
1 Jahr her

Ich teile nicht die Meinung vieler Foristen hier. Putin hat sehr wohl einen großen Nutzen von diesem Sabotageakt. Ich sehe Scholz wie er vor lauter Angst keinerlei Hilfen für die Ukraine genehmigt, könnten doch die Russen auch die Leitungen aus Norwegen kappen.

J.Thielemann
1 Jahr her
Antworten an  Teckelhalter

Eigentlich war das größte Erpressungspotential gegeben, solange das Gas auch wieder aufgedreht werden konnte. Im strengen Winter a la: Wenn ihr ganz lieb seid, gibt es mal etwas Gas. Putin konnte auch so jederzeit das Gas abdrehen lassen, egal, wie der „Grund“ dann hieß. Könnte sein, dass jemand gemeint hat, diesen Trumpf zu kassieren, damit D richtig bei der Stange pro Ukraine ist/ bleibt. Eine andere „Putin-“ Variante wäre natürlich auch noch möglich: Herr Scholz- noch eine Panzerhaubitze – und Nordstream ist weg! Dieses Gespräch jetzt hat natürlich nie stattgefunden, Herr Scholz! Sollten wir dazu gezwungen sein, wird unsere Aktion… Mehr

gorbi
1 Jahr her

So  blöd sind die USA auch nicht. Für Geld findest du immer jemanden, der die Drecksarbeit übernimmt. Wie einen Profikiller beauftragen. Nachdem der seine Aufgabe erledigt hat , kiltt man einfach den Profikiller , und gut ist.