Der Wahn des deutschen Corona-Nationalismus

Was beim Flüchtlingsstrom 2015 nicht möglich gewesen sein soll, zu Corona-Zeiten wird es als Heilmittel verkauft: Die Bundesregierung will „wegen der großen Bedrohung“ Grenzkontrollen und Reiseverbote einführen. Auch für Staaten der EU. Ein echtes Wunder, dass die Polizei 2021 plötzlich „wuppen“ soll, was sie 2015 nicht durfte.

IMAGO / Bildgehege

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist,“ meinte Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion am Tag der Staatsgründung. Genau 73 Jahre später erleben wir die tiefe Wahrheit dieser Erkenntnis bei uns in Deutschland. Ja, auch das alte Sprichwort stimmt: Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich. Was „Corona“ alles möglich macht! Unglaublich! Und die Alternativen in Medien und Politik müssen sich den Vorwurf gefallen lassen: alles Fakenews, alles Verschwörungstheorie, alles finstere Propaganda. Wie konnte man nur gebetsmühlenartig jahrelang behaupten, unsere Polizei sei personell und finanziell ausgeblutet, von der Politik im Stich gelassen, überlastet und überfordert. Unsinn!
Nein, unsere Polizei verfügt über ungeahnte Kapazitäten und Möglichkeiten. Denn der Bundesinnenminister höchst persönlich erteilt den Beamten den Auftrag und hält sie für fähig und in der Lage, unsere Grenzen zu schließen. Und das ist ja auch dringend nötig. Denn Deutschland steht vor einer „gewaltigen Bedrohung“, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt, so Horst Seehofer. Nach der Bewegungsfreiheit (um die wirksam einzuschränken kommen jetzt ganze Rollkommandos Uniformierter, um kleine Kinder vom Spielplatz oder der Rodelbahn zu vertreiben!) wird nun auch die Reisefreiheit beendet. Im Merkel-Jargon: Wir wuppen das.

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Klar, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Obwohl Merkel ja laut in der Bundespressekonferenz geraunt hatte, manche der „notwendigen Maßnahmen“ erinnere sie schon an ihre Jugend in der DDR. Und Papa Pastor hatte ja bekanntlich auch keine Probleme mit dem „antifaschistischen Schutzwall.“ Jetzt schützen wir uns halt vor Corona, ist ja auch so eine Art Klassenfeind. Macht die Reichen (Amazon, Pharma und Co.) reicher und die Armen (vom Insolventen bis zum Kita-Kind) ärmer. Aber Seehofer und Einmauern?! Seine Heimat Ingolstadt kennt höchstens die Grenze zum Nachbarkreis Pfaffenhofen an der Ilm.

Umso mehr verwundert es, wie detailliert Seehofer in seiner Grenzregime-Phantasie mit Taktik und Strategie brilliert. Keine Reisen mehr ins gefährliche Ausland, keine Tickets mehr für Zug und Flug. Überall lauert ja Corona. Und das touristische Volk ist ja, wobei wir wieder bei Ben Gurions Wunder wären, ansteckender als Business reisende Politiker, soviel RKI-Ehrlichkeit muß sein. Besonders bitter wird’s für die, die sich erlauben, aus den Hotspots dieser Welt (wozu bekanntermaßen ja auch Bayern gehört, mal so ganz nebenbei) die deutsche Grenze zu überschreiten. Unverzeihlich! Rückgängig machen. Abweisen, zurückschicken oder ab in die Quarantäne – am besten gleich in ein Quarantäne-Verweigerer-Lager a la Günther („Wer ist Günther?“) oder Kretschmer (nicht der Handballer).

Und der Herr Seehofer, der weiß Bescheid, wie man da polizei-taktisch vorgeht, obwohl er ein blutiger Laie ist, ich dagegen wenigstens Ehrenkommissar der Bayerischen (!) Polizei. Also verkündete er gestern schon mal: Damit bloß niemand wage, etwa über dem Umweg Paris Charles-de-Gaulle per Auto oder zu Fuß nach Deutschland einzureisen, werde man kontrollieren. Schengen hin, EU her. Schleierfahndung!

Tja, man sollte sich immer wieder an die (neue) Taktgeberin und Busenfreundin von Seehofer und Söder erinnern. Sie sagte 2015 im Blick auf den „Asyltourismus“ (so Söder/ Seehofer damals noch in alt-bajuwarischer und Straußscher Verblendung): „Wir schaffen das!“ 2020 hieß ihr Credo: „Bitte, bleibt zu Hause!“ Zwei richtige Sätze, nur in der falschen Reihenfolge. Aber das ist natürlich wieder alternativ-mediale Besserwisserei eines alten weißen Mannes.

Denn 2015, manche werden sich schwach erinnern, war dieses „Bleibt zu Hause“ ja gar nicht durchsetzbar. Angeblich. Da wurde man als Journalist, der im Sinne seines Berufsethos kritische Fragen stellt, angeblafft, als hätte man Dummheit mit Majestätsbeleidigung kombiniert: „Wo denken Sie denn hin, davon auszugehen, dass man heute noch Grenzen absichern kann?!“ „Wollen Sie etwa überall bewaffnete Polizei aufstellen,“ herrschten mich höchstrangige Herrschende an.

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Das sei ja laienhafte Idiotie (Idiot heißt im Griechisch-Lateinischen übrigens Laie) zu meinen , man könnte vor den Flüchtlingsströmen die Grenzen schließen wie einen Damm bei Sturmflut. Geht nicht, Punkt! Dem Strom der Facharbeiter und Ärzte könne man rein technisch und personell nichts entgegensetzen. Wolfgang Schäuble, angesprochen auf die millionenfache Zuwanderung in Sozialsysteme und Kriminalität, verlautbarte: das sei eben der Kollateralschaden der Freiheit, die uns die Segnungen von „Schengen“ beschert.

Wirkliche Fachleute (also keine griechisch-lateinischen Idioten) wie der gerade wieder gewählte Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt oder der CDU-Bundestagsabgeordnete (am 9. November 2020 zurückgetreten!) Armin Schuster , bis 2009 Leiter des Bundespolizeiamtes der Grenzstadt Weil am Rhein, wurden nicht müde, darauf zu verweisen: Doch, es geht ohne jedes Problem technisch und personell, Grenzen zu schließen und zu bewachen. Man erinnere sich, wie Bayern (als es noch Bayern war) notfalls eigene Landespolizei postieren wollte, um dem Feindstaat Österreich zu widerstehen, der bekanntlich (ich habs mit eigenen Augen gesehen) Hinweisschilder aufgestellt hatte mit dem Schriftzug „Germany“, dem Schlaraffenland-Ziel der meist jungen schutzsuchenden, geflüchteten, willkommenen Männer, die unsere Gesellschaft ach so bunt machen (der Grüne MP Kretschmann in einem Lichtblick: „Testosteron gesteuerte Männerhorden“).

Und weil diese elenden touristischen Corona-Leugner, diese RAF-terroristischen (Söder) Verbrecher natürlich nicht schutzsuchend, geflüchtet oder gar willkommen sind, erleben wir das größte Wunder der deutschen Geschichte, noch größer als das des Niederringens des antifaschistischen Schutzwalls: Die Polizei ist in der Lage, so der Laie Seehofer, unsere Grenze „gegen die Bedrohung“ zu sichern. Sogar gegen die EU-Länder Irland und Portugal, was schert uns Schengen. Ein unfassbarer Corona-Nationalismus! An deutschem Wesen soll wieder mal alles genesen. „Wenn das auf europäischer Ebene nicht erreichbar ist, dann müssen wir es national tun,“ so Seehofer, was seinem Spitznamen Drehhofer wieder alle Ehre macht.

Das besage ja schließlich auch der Amtseid: „Schaden vom deutschen Volks zu wenden.“ Komisch: 2015 ging das (noch) nicht. Oder sah man da gar keine Bedrohung, sondern nur den anderen Teil des Eides: „Nutzen zu mehren“. Es werden ja Ärzte und Facharbeiter dringend gebraucht. Die anderen 99 Prozent waren halt Kollateralschaden. Toll! Innerhalb von fünfeinhalb Jahren zeigt die Politik, was sie mit der Polizei alles kann. Ein Wunder!


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Kommentare ( 126 )

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Th. Radl
1 Monat her

Herr Hahne, ich glaube, Sie haben das falsch verstanden!
Was 2015 galt, gilt heute noch immer: Wenn Sie mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer illegal nach Deutschland einreisen, sind die Grenzen für Sie offen wie ein sperrangelweites Scheunentor! Hauptsache, Sie haben Ihren Reisepass „verloren“!
Die Reiseverbote gelten nur für die, die „schon länger hier leben“ und touristische Lustreisen machen, die der GröKaZ nicht genehm sind und für alle, die den Lieferverkehr bedienen, wobei sich in diesem Punkt noch der Verstand vieler Ungläubiger heftig sträubt! Aber die Leute, die das betrifft, führen den Reisepass ja auch vorzeigbar mit!

Steffchen
1 Monat her

Ja. Van der Laien ist Programm. Für die Politiker kann man sich nur noch schämen. Mittlerweile wird es peinlich ein Deutscher zu sein. Ich glaube das Land würde sich in Selbstorganisation ohne Politiker besser stehen.

maier300
1 Monat her

Die deutschen Untertanen leisten aber strikten Corona-Gehorsam. Bin immer wieder überrascht, wie ausgestorben die Straßen in BW um 20 Uhr sind. Ein Cousin von mir baut gerade und schaut immer, dass er rechtzeitig daheim ist, obwohl es vielleicht auf der Baustelle noch etwas zu tun gibt. Ich selbst fühle mich jedenfalls nicht daran gebunden (Presseausweis) und bin auch noch nie kontrolliert worden. Strafe wäre im Zweifelsfall 75 Euro, also eher geringfügig. Was die Quarantäne betrifft: Man kann aus Mallorca oder Teneriffa auch via Zürich, Basel-Mulhouse, Luxemburg, Maastricht und Salzburg per PKW einreisen. Es soll Leute geben, die das tun und… Mehr

Keinweltretter
1 Monat her

Nein. Die Grenzen schließen, das geht aber nun wirklich nicht! Wie sollen denn unsere Neubürger in ihren Heimaturlaub kommen?

Theos Meinungsfreiheit
1 Monat her

Unsinn, es ist nicht traurig, sondern von denen systematisch durchdacht und geplant. Es macht auch nicht wütend, sondern es motiviert den Widerstand. Und schon gar nicht macht dies alles „sprachlos“. Ziviler Ungehorsam, Passiver Widerstand (beides in Deutschland schon längst im Alltag von Hunderttausenden Menschen gelebt) wird zum aktiven Widerstand, wenn die sog. Meinungsfreiheit beseitigt und rechtlich entkernt worden ist und das System systematisch Kontrollen der Kommunikation in den Social Media, IT-Systemen bis in die Medienkanäle etc. installieren und durchführen lässt. Alles bekanntlich schon bis ins Detail geschehen. Jeder sogenante öffentliche „shit storm“ wird von dem System initiert und planvoll exekutiert.… Mehr

Last edited 1 Monat her by Theos Meinungsfreiheit
christin
1 Monat her

Der Herr Seehofer und seine Chefin sind schlau, sie wissen natürlich, dass die lieben Franzosen und die lieben Italiener ganze Busladungen von Migranten über die nicht vorhandenen Grenzen nach Deutschland schicken und schwuppdiwupp soll es nun Corona-Grenzen geben.

Klaus Winterhalder
1 Monat her

https://m.youtube.com/watch?v=ZeXQ3jlkV4Q
——————–
nur noch traurig, wütend und sprachlos 😢 😳🙈

Skeptiker
1 Monat her

Ganz so schlimm wird es schon nicht kommen: Wer „Asyl“ radebrechen kann, der kommt sicher immer noch rein.

Kris
1 Monat her
Antworten an  Skeptiker

Mir erzählte vor einigen Tagen eine Anwältin für Asylrecht, sie habe nichts mehr zu tun, weil momentan sowieso jeder durchgewinkt werde!

muthlos
1 Monat her

Da denke ich an Roberto Blanco mit seinem Hit „Heute so,morgen so“…Ein Visionär..

Kuno.2
1 Monat her

Die richtige Entscheidung wäre, wenn sich möglichst viele Leute anstecken und deshalb Antikörper bilden. Nur Leute ab etwa 75 Jahren sollten damit sehr vorsichtig umgehen.

Leon
1 Monat her
Antworten an  Kuno.2

Teilweise gebe ich Ihnen recht. Die „2. Welle“ hat gezeigt, dass sie dort (etwa Sachsen und Thüringen) „schlimmer“ war, wo die „1. Welle“ harmloser war als anderswo. Die „1. Welle“ hat eben schon zu einer teilweisen Herdenimmunität geführt. Was die Leute ab 75 betrifft: Auch die haben eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit, so sie nicht aus anderen Gründen (Vorerkrankungen, darunter insbesondere auch selbst verursachte wie Rauchen) ohnehin am Lebensende stehen. Die meisten Toten gibt es in Palliativstationen und ähnlichen Einrichtungen.