Geborgenheit in Gott und Gnade gehören untrennbar zusammen. Beides hat Martin Luther in seiner Theologie groß gemacht und als streitbarer Kulturkämpfer gegen alle Verwässerungen der Gnade verteidigt.
„Ein feste Burg ist unser Gott“ – dieses Lied von Martin Luther ist seit vielen Jahrhunderten die Nationalhymne der Reformation. Das hört sich mittlerweile ziemlich verstaubt an. „Burgen“ brauchen wir heute nicht mehr. Das klingt nach Museum und längst vergangenen Zeiten.
Doch das ändert sich schlagartig, wenn ich nur ein einziges Wort austausche. Eine einzige Wortveränderung und die Botschaft der Reformation wird brandaktuell; nämlich wenn ich „Burg“ durch „Geborgenheit“ ersetze. „Eine feste Geborgenheit ist unser Gott.“ Diese Aktualisierung passt, denn in dem Wort „Geborgenheit“ steckt etymologisch das Wort „Burg“ drin: Nur der „Bürger“ hat „Geburgenheit“, der sich „bergen“ kann in einer festen „Burg“.
Ich habe eine angenommene Enkelin, 9 Monate. Sie ist sofort unruhig und angespannt, wenn ihre sichere Bezugsperson, ihre Geborgenheitsperson, die Haustür verlässt. Auch Erwachsene werden unruhig und angespannt, wenn sie etwa die Tagesschau schauen müssen mit all dem Zerstörerischen auf dieser Welt und wenn sie keinen Ort der festen Geborgenheit haben. Die Geborgenheit in Gott ist die tiefgreifendste Heilsverheißung in einer von Habseligkeiten und Oberflächenglück verseuchten Welt.
Eine feste Geborgenheit gründet auf bedingungsloser Gnade. Das hat Martin Luther in seinen Ängsten, Depressionen und menschlichen Schwächen im Anschluss an Augustin, Paulus und Jesus Christus wiederentdeckt. Eine göttliche Geborgenheit dagegen, die an Bedingungen geknüpft ist, kreist irgendwann mehr um die Bedingungen als um das Geschenk der Gnade und Geborgenheit, die hinter diesen Bedingungen mehr und mehr verblassen:
„Ich habe dich lieb,
aber nur, wenn du endlich aufs Töpfchen gehst,
nur wenn du mir gute Noten nach Hause bringst,
nur wenn du erfolgreich bist,
nur wenn du die richtige Partei wählst,
nur wenn du den richtigen Partner heiratest,
nur wenn du dich radikal für Klimaschutz einsetzt,
nur wenn du tüchtig der katholischen Kirche Ablassbriefe abkaufst,
nur wenn du als Frau ein Kopftuch trägst und fünfmal am Tag betest, keinen Alkohol trinkst und kein Schweinefleisch isst,
nur wenn du dich gut buddhistisch ganz von dieser Welt löst…“
Die evangelische Kirche in Deutschland redet viel von Gnade und Barmherzigkeit. Doch indem sie die Gnade unauflöslich an die Corona-Impfung, an den Hass auf die AfD und an die Gender-Ideologie gebunden hat, verbinden die Menschen die evangelische Kirche mit diesen ideologisch-moralischen Inhalten und nicht mehr mit dem eigentlichen Kern des Evangeliums und der evangelischen Kirche: „Eine feste Geborgenheit ist unser Gott.“
Damit nähert sich die evangelische Kirche in der Gnadenlehre dem Islam an. Der redet viel von der „Barmherzigkeit Allahs“. Aber diese Barmherzigkeit hat den Wurm in sich, da sie an vielerlei Bedingungen und Unterwerfungsgesten gebunden ist. Damit tritt unweigerlich an die Stelle des Urvertrauens zu Gott eine (fanatische) Rigidität, die auf das Einhalten all dieser Bedingungen pocht.
Religionen können noch so sehr Barmherzigkeit und Geborgenheit betonen. Wenn sie die Moral nicht gebührend vom Kern des Glaubens unterscheiden, werden sie, ob sie wollen oder nicht, unter der Hand zu tückischen Moralreligionen, die lediglich mehr oder weniger gnädig maskiert sind.
Gnade, lateinisch „gratia“, ist „gratis“, Geschenk, alles inklusive. Ist das, was die evangelische Kirche und der Islam „Gnade“ nennen, an Bedingungen geknüpft, nennt es anders! Ist das, was die evangelische Kirche und der Islam „Barmherzigkeit“ nennen, unhinterfragbar mit moralischen Konsequenzen verschmolzen, nennt es anders!
Echte befreiende und erlösende Gnade braucht das „allein aus Gnaden“ der Reformation. „Darum sehe zu, dass du nicht aus Christus einen Morallehrer machst, noch aus dem Evangelium ein Gesetz, wie so oft im Christentum geschehen“ (Luther). In den Worten des Apostels Paulus, der die Gnadenlehre Jesu (vgl. Lukas 18,9-14) in seiner Tiefe verstanden hat: „Jesus Christus ist das Ende des Gesetzes zur Lebenserlösung für jeden, der glaubt“ (Römer 10,4).
Erasmus von Rotterdam, der große Humanist und Philosoph zur Zeit der Reformation, hat diese konsequente Betonung und Heraushebung der Gnade bei Luther abgelehnt. Erasmus befürchtete, dass eine solche radikale Gnadenlehre die Menschen zu Anarchie und Gesetzlosigkeit verleiten würde.
Von Luther geprägte Christen halten mit dem Neuen Testament und mit der Psychologie dagegen: Ein Kind, das in sicherer Bindung und im liebevollen Angenommensein ein Urvertrauen aufgebaut hat, wird eben nicht zu einem anarchischen Tyrannen, sondern wird im Gegenteil eine Tendenz dazu haben, mit sich und mit anderen Menschen einfühlsam umzugehen. Im Sinne Jesu gilt: Trachtet zuerst nach der Liebe, Güte und Geborgenheit in Gott, so werdet ihr frei, im offenen, vernünftigen und kontroversen Diskurs um die Moral zu streiten, die das menschliche Miteinander liebevoller, gütiger und geborgener macht.
Jesus Christus ist nicht das Ende des Gesetzes. Wir brauchen im Umgang miteinander moralische Leitplanken. Aber Jesus ist das Ende der Moral als Mittel zur Identitätserlösung und zur Geborgenheitssicherung. Christen dürfen immer wieder die Gnade Gottes zum Fundament ihres Lebens machen. Dieses Fundament gründet in Gott und trägt darum im Leben und im Sterben. Das ist die frohe Botschaft (= „Evangelium“), die Christen singen lässt: „Eine feste Geborgenheit ist unser Gott.“


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