Das Attentat von Ankara – die üblichen Verdächtigen?

In dem 1942 als Massenware produzierten und zum Kult gewordenen Kriegsfilm „Casablanca“ lassen die Epstein-Brüder als Drehbuchautoren Claude Rains alias Captain Renault nach einer Schießerei im Agentenmillieu an seine Untergebenen die Order geben: „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“. Es steht zu befürchten, dass dieses klassische Prinzip nun einmal mehr auch in der Türkei Anwendung findet.

In der Türkei geschieht derzeit, was zu erwarten war. Der jüngste Terroranschlag auf einen Bus im Regierungsviertel von Ankara, der nach Stand der Erkenntnis einem Heimtransport von Militärmitarbeitern gegolten und der mindestens 28 Menschleben gefordert und weitere 61 teilweise schwer verletzt hat, kam nicht unerwartet. Und es steht zu erwarten, dass die türkischen Offiziellen die Schuldigen schnell ausgemacht haben werden. Erste Medien zeigen bereits mit dem Finger nach Syrien. Doch ist es wirklich so einfach?

Selbstverschuldetes Dilemma

Die türkische Regierung jammert einmal mehr laut darüber, dass es sich bei diesem „heimtückischen Anschlag“ um einen „Angriff auf die gesamte Nation“ gehandelt habe. Als erste Reaktion flogen wieder einmal einige Jagdbomber unter Verletzung internationalen Rechts Angriffe auf vorgebliche „Stellungen“ der türkisch-kurdischen PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê – Arbeiterpartei Kurdistans) im Norden des Irak, einem Verbündeten der syrisch-kurdischen PYG (Partiya Yekitîya Demokrat – Partei der Demokratischen Union). Also wieder einmal die Kurden – wie so gern in der türkischen Propaganda?

Zur Erinnerung: Bis in den Sommer des vergangenen Jahres hielt sich die PKK strikt an den von ihr verkündeten Waffenstillstand. Die politische Führung der PKK hatte sogar erklärt, auf ihr ursprüngliches Ziel eines kurdischen Nationalstaats zu verzichten. Gleichzeitig entwickelte sich die PKK, obgleich vom Westen immer noch als „Terrororganisation“ eingestuft, im Kampf gegen die Fundamentalmuslime des „Islamischen Staat“ zur Speerspitze gegen deren Siegeszug. Vom Völkermord bedrohte Jezidi ebenso wie assyrische Christen schlossen sich den PKK- und PYG-Verbänden an.

Die syrischen Kurden der PYG des mittlerweile selbstverwalteten Gebiets Rojava/Westkurdistan befinden sich auf Grundlage ihrer Statuten ohnehin in der Tradition des von der Türkei inhaftierten Kurdenführers Abdulah Öcalan, auch wenn sie eine konkrete Zusammenarbeit mit der PKK bestreiten.

Dabei schien zwischen der AKP-Türkei und den Kurden alles auf einem guten Weg. Der den Muslimbrüdern nahestehende Recep Tayyip Erdogan hatte seine kurdischen Mitbürger umgarnt – ein Friedensschluss schien in erreichbare Nähe gerückt. Doch dann wagten es die türkischen Kurden mehrheitlich, den präsidialdiktatorischen Plänen Erdogans bei den Wahlen eine Absage zu erteilen. Seitdem überzieht die nationaltürkisch-islamische Regierung den Osten des Landes mit Krieg. Die zivilen Opfer werden pauschal als PKK-Terroristen diffamiert und die Hochburgen der prokurdischen Opposition, im Parlament vertreten durch die HDP (Halkların Demokratik Partisi – Demokratische Partei der Völker) des Selahattin Demirtash in Trümmerfelder verwandelt.

Die üblichen Verdächtigen

Erdogans Krieg gegen das eigene Volk könnte daher Anlass genug bieten, dass die  militärisch erfahrenen PKK-Kräfte Terroranschläge wie jene in Ankara oder zuvor in Istanbul als legitime Kampfmaßnahmen betrachten.

Entsprechende Schuldzuweisungen seitens der türkischen Regierung erfolgten in der Vergangenheit fast schon wie Pawlowsche Reflexe – selbst als im vergangenen Sommer unbekannte Attentäter türkisch-kurdische Jugendliche in die Luft sprengten, die den geschundenen Verwandten in der mühsam vom IS befreiten, syrischen Stadt Kobane helfen wollten. Sie blieben auch nicht aus, als Attentäter sich in einer friedlichen Demonstration jenes kurdischen Parlamentariers Demirtash in die Luft sprengten.

Die PKK – bislang immer mit offenem Visier

Beobachter der Situation fragten sich seinerzeit schon, welches Interesse ausgerechnet die kurdische PKK haben sollte, kurdische Brüder und Schwestern zu ermorden. So blieb bereits im Sommer vergangenen Jahres jegliches Bekenntnis der PKK zu den Attentaten aus – ebenso wie bei jenen jüngsten Mordattacken am Bosporus und in der Hauptstadt.
Das hat nicht zwingend etwas zu sagen – jedoch war es in der Vergangenheit so, dass die PKK mit offenem Visier kämpfte und sich zu von ihr durchgeführten Terroranschlägen umgehend bekannte. Wäre der PKK wie in der Vergangenheit daran gelegen, die Türkei als Kriegspartei gegen sich selbst zu begreifen und zu bekämpfen, dann wäre es zumindest naheliegend, dass sie heute nicht anders verführe. Jedoch gibt es ein gewichtiges Argument gegen diese PKK-Verantwortung.

Dieses liegt darin, dass die PKK/PYG-Kräfte seit geraumer Zeit faktisch einen wesentlichen Teil der Landstreitmacht gegen den Islamischen Staat stellen, zu dem sich die Nachbarstaaten ebenso wie die US-geführte Militärallianz bislang nicht durchringen konnten. Rojava, das gegenüber der syrischen Zentralregierung ein stillschweigendes Stillhalteabkommen einhält, war mit seinen yezidischen und christlichen Verbündeten einer der effektivsten Gegner gegen den von irakischen Geheimdienstlern und Ex-Militärs aus der Taufe gehobenen IS. Kaum merklich wurden die Kurden so zu einem Verbündeten der USA – was vor allem den AKP-Vertretern in der türkischen Regierung zunehmend mehr auf den Magen schlug.

Die unüblichen Verdächtigen

Insofern mag es angeraten erscheinen, den Blick nunmehr auf die „unüblichen Verdächtigen“ zu werfen. Und dabei die Frage nach dem „cui bono“ – wem nützt es – zu stellen.

Nach den Kurden als den „üblichen Verdächtigen“ steht derzeit der IS hoch im Kurs. Doch es bleibt unwiderlegt, dass die Erdogan-Sippe in jüngster Vergangenheit nicht nur logistisch die Terrortruppe unterstützte und möglicherweise sogar maßgeblich vom illegalen Ölexport der Fundamentalmuslime profitierte – ohnehin ist deren deklarierte sunnitische Kalifatsidee ideologisch nicht weit entfernt von den post-osmanischen Träumen einer AKP-geführten sunnitischen Großmacht des zunehmend autokratisch regierenden, türkischen Präsidenten.

Wäre es also vorstellbar, dass der IS hinter dem jüngsten Terror steckt? Ja – doch auch hier bleibt die Frage, warum sollte der IS die Hand beißen, die ihn bislang gefüttert hat? Die vorgeblich gegen den IS gerichteten Militärschläge der türkischen Luftwaffe trafen fast ausschließlich den eigenen Gegner PKK. Der IS hat derzeit überhaupt keinen Grund, die Türkei gegen sich aufzubringen. Und so blieben auch hier jegliche IS-Bekenntnisse im Zusammenhang mit den Attentaten aus – ungewöhnlich angesichts der Tatsache, dass die Propaganda-Abteilung des IS bislang jeglichen noch so kleinen Erfolg oder Meuchelmord zum Anlass nahm, sich seiner menschenverachtenden Durchschlagskraft zu rühmen. Sollte dennoch der IS hinter den Anschlägen stehen, so bliebe dennoch zu fragen, ob dieses auf eigenem Ermessen beruht oder im Auftrage Dritter agiert wurde.

Nicht außer Acht als „unüblichen Verdächtigen“ sollte man auch Russland lassen. Seitdem die Türkei auf die ständigen Provokationen beim kurzfristigen Überflug von NATO-Territorium anders als von Putin erwartet mit dem Abschuss eines russischen Jagdbombers reagierte, hat die Regierung im Kreml der Türkei bittere Rache geschworen. Die erzwungene Rückzug russischer Sommerfrischler von der türkischen Mittelmeerküste gehört ebenso dazu wie das öffentliche Nachdenken über die Legitimität der türkischen Nord- und Ostgrenze und die Reduzierung des Handels mit den Postosmanen.

Das ohnehin schon zu beobachtende Ausbleiben westlicher Touristen von den Billig-Zielen am Mittelmeer wäre aus russischer Sicht ein wünschenswerter Schlag gegen den im Lande selbst immer noch verklärten Wirtschaftserfolg des Präsidenten. Auch kann man getrost davon ausgehen, dass die gegenwärtige Produktion von weiteren Flüchtlingsströmen an die türkische Grenze durch die Bombardements der Russen in Syrien gut in die Destabilisierungspläne Putins passt. Die Türkei wird beschäftigt und die über die Ägäis in die EU strömenden Menschen sorgen gleichzeitig dafür, dass Putins hybrides Hauptangriffsziel namens Europäische Union weiter in den gewünschten Zusammenbruch getrieben wird.

Passen die Attentate in Russlands Konzept?

Aber – passen die Attentate von Istanbul und Ankara in dieses russische Konzept? Vielleicht. Nämlich dann, wenn die Türkei darauf mit der Schuldzuweisung auf den „üblichen Verdächtigen“ reagiert und PKK nebst PYG noch intensiver als bisher ins militärische Visier nimmt. Optimal wäre aus russischer Sicht ein Einmarsch der Türkei in Rojava – und damit nach russischer Lesart  ein unprovozierter Angriff auf Syrien. Damit bekäme Putin nicht nur die Argumentationshilfe, um PKK und PYG aus der stillschweigenden Kooperation mit den US-geführten Kräften herauszulösen. Er könnte in Folge eines Angriffs auf die dann möglicherweise demnächst auch verbündeten Kurden sich zu deren Interessenvertreter stilisieren und über die Forderung eines autonomen kurdischen Staats zwischen Armenien und Syrien seine eigenen Imperialismusziele befördern. Selbst ein „Verteidigungskrieg“ gegen den Aggressor Türkei könnte die NATO hinnehmen müssen. Stünde am Ende eines solchen Prozesses ein Gürtel von Russland abhängiger Staaten von Ossetien über Georgien, Armenien und Kurdistan bis Syrien, wäre dieses eine Krönung der russischen Großmachtfantasien.

Nicht ausgeschlossen also, dass Russland hinter den Anschlägen steckt, ohne sich selbst dabei die Finger schmutzig zu machen. Denn über Handlanger wie die tschetschenischen Präsidenten oder alte Geheimdienstkanäle in den IS würden sich immer Menschen finden lassen, die sich in der Erwartung des unmittelbaren Einzugs in das islamische Paradies selbst vernichten.

Der unüblichste und dennoch denkbarste Verdächtige

Neben diesen nunmehr drei unmittelbar vorstellbaren Verdächtigen gibt es aber auch noch einen vierten – und das ist die Türkei selbst. Warum? Es ist bereits deutlich geworden, dass die Kooperation zwischen Kurden und der westlich geführten Anti-IS-Allianz den Nationaltürken ein Dorn im Auge ist. Hat Erdogan bisher schon bereits erfolgreich die Bundesrepublik mit der von ihm zugelassenen Invasion Griechenlands erpresst – und man sich durchaus fragen darf, ob das Istanbuler Attentat ausgerechnet auf deutsche Touristen just zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nur ein Zufall war – zielt sein Augenmerk nun vorrangig gegen die USA. Jüngst erst forderte er seinen NATO-Verbündeten theatralisch auf, er müsse sich entscheiden, wer seine Freunde und wer seine Feinde seien. Das Ziel dieser Theatralik ist offenkundig:

Die USA sollen mehr noch, als sie das durch gezieltes Wegschauen bei Erdogans Angriffen auf die PKK-Stellungen im Nordirak bereits tun, ihre Verbindungen zu den Kurden lösen. Erdogan möchte nicht nur die PKK, sondern auch die PYG und mit dieser Rojava zum Abschuss freigegeben haben. Seine Forderung nach einem „Sicherheitskorridor“ zehn Kilometer südlich entlang der türkisch-syrischen Grenze ist faktisch nichts anderes als der Versuch, das autonome Kurdengebiet im Norden Syriens zu vernichten. Die türkische Armee als „Friedenstruppe“ zur Entwaffnung des „cordon sanitaire“ zwischen der Türkei und Syrien wäre aus nationaltürkischer Sicht der Todesstoß für die Kurden und würde – ganz nebenbei – den IS zum Nachbarn machen, was zumindest dann hilfreich wäre, wenn die Vorwürfe einer islamischen Kooperation zwischen den irakisch-syrischen Mordbanden und islamisch-türkischen Großmachtträumen zutreffen sollten.

Für die Möglichkeit, dass innertürkische Kräfte bei den Attentaten ihre Finger mit im Spiel hatten, spricht neben der möglicherweise gezielten Opferwahl in Istanbul vor allem auch das Anschlagsziel in Ankara. Auszubaldowern, wann welche Militärangehörigen wo mit welchem Fahrzeug zivil transportiert werden sollen und dann passgenau eine fahrende Autobombe genau dort zur Explosion zu bringen, wird zwar für Außenstehende nicht unmöglich sein, bedarf jedoch eines erheblichen vorbereitenden Aufwands. Ob PKK oder IS und selbst Russland – für sie böten sich andere, weniger aufwendig zu vernichtende Ziele an. Denkbar also auch, dass es sich bei dem Ankara-Attentat um den perfiden Versuch interessierter, türkischer Kreise handelt, damit die Zustimmung der USA und der NATO zum Vernichtungsfeldzug gegen die Kurden herbei zu bomben.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wie in der Vergangenheit gibt es übliche und unübliche Verdächtige – und je intensiver man darüber nachdenkt, desto unüblicher werden die Gedankengänge. Von der Feststellung, dass sich in perfider Weise türkische mit russischen Interessen darin decken, möglichst viele Flüchtlinge gen EU auf den Weg zu schicken und die Kooperation zwischen Kurden und dem Westen zu beenden, ganz zu schweigen.

PS: Dieser Artikel war gerade fertig geschrieben, da tickerte die Meldung, dass die Türkei die PKK für den Anschlag von Ankara verantwortlich mache. Wie sagten die Lateiner? Quod erat demonstrandum.

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