Demonstranten fordern sauberen Strom durch Kernenergie

Kernkraft liefert solche riesigen Energiemengen, dass in Amerika schon mit ersten Zusatzanlagen Wasserstoff erzeugt werden kann. Der Verein Nuklearia demonstrierte in Heilbronn für »Klimaschutz und den Weiterbetrieb unserer CO2-freien Kernkraftwerke« und zog dann weiter vor das Kernkraftwerk Neckarwestheim.

IMAGO / Jannis Große
Symbolbild: Pro-Atom Klimaschutz-Demo 29.12.2019

Rund um das Kernkraftwerk Neckarwestheim gab es gleich mehrere Demonstrationen für dessen Weiterbetrieb. Das zehn Kilometer südlich von Heilbronn gelegene Kernkraftwerk lieferte 2019 knapp 37 Prozent des Strombedarfes von Baden-Württemberg, dessen Block 2 soll Ende 2022 abgeschaltet werden. Woher dann der Strom kommen soll, weiß in dem von Grünen und CDU regierten Baden-Württemberg niemand und hofft darauf, dass das Ausland genügend Strom liefert. Dort aber wird es auch knapp. Der gut funktionierende Block 1 des Kernkraftwerkes wurde bereits in aller Hast unmittelbar nach Fukushima abgeschaltet.

Der Verein Nuklearia demonstrierte zuerst in Heilbronn für »Klimaschutz und den Weiterbetrieb unserer CO2-freien Kernkraftwerke« und zog dann weiter vor das Kernkraftwerk Neckarwestheim. Er hatte bereits vor den Kernkraftwerken Emsland, Brokdorf, Grohnde und Isar »Aktionstage« veranstaltet und die Forderung nach einer Änderung des Atomausstiegsgesetzes erhoben. Mit einer Kundgebung am Samstag, 4. September 2021, in Augsburg und am Kernkraftwerk Gundremmingen will Nuklearia seine Aktionen beenden.

— Nuklearia e. V. (@Nuklearia) August 21, 2021

Während Nuklearia vorwiegend mit der CO2-Einsparung durch Kernkraft argumentiert, stellt die AfD die Folgen für Wirtschaft und sichere Stromversorgung voran. Alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien wollen trotz absehbaren Strommangels weiterhin den Ausstieg aus Kohle- und Kernkraft, lediglich die AfD spricht sich für Kohle- und Kernkraft aus und will ein Ende der »Energiewende«.
Auf ihrer Veranstaltung auf dem Marktplatz des beschaulichen Örtchens Neckarwestheim ließ sie durch Fachleute eine Fülle von Fakten vortragen. Die Betreibergesellschaft des Kernkraftwerkes rief ihre Angestellten übrigens dazu auf, dieser Versammlung, in der es um die Zukunft ihres Kraftwerkes geht, fernzubleiben. Der gesamte Ort lebt im Wesentlichen von den Einnahmen durch das Kernkraftwerk.

Der wird sich vermutlich ziemlich verändern. Denn vielleicht, so sieht es Hauptredner Dr. Klaus-Dieter Humpich als wahrscheinlich an, wird das Kernkraftwerk Neckar durch ein großes Erdgaskraftwerk ersetzt werden. »Der Standort ist da, die Energie wird gerade im Raum Stuttgart mit seiner Industrie benötigt.«

Der (partei-) unabhängige Maschinenbauer mit Schwerpunkt Kerntechnik: »Wo soll sie herkommen? Irgendwann kommt die Not, dann kommt auch das Erdgaskraftwerk.«

Zeit zum Lesen
"Tichys Einblick" – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen
Er macht die gigantischen Dimensionen deutlich, wenn das 1.400 MW Kernkraftwerk durch ein Erdgaskraftwerk ersetzt wird. Das würde 200.000 m³/h Erdgas fressen. »Pro Stunde!« betonte Humpich mehrfach. »Da kommt auch oben einiger Dreck raus – auch bei Erdgas. Glauben Sie mir, ich habe solche Dinge gebaut!«

»Der wird ihr schönes Örtchen mit den Fassaden auch ein bisschen ändern.« Unter anderem kommen da wiederum pro Stunde auch 370 Tonnen CO2 heraus. »Da können Sie mal sehen, auf wie viel sie mit ihrem Auto verzichten sollen, die Heizung runterdrehen sollen, um das überhaupt wieder hereinzuholen.«

Für Humpich besonders unverständlich ist der Rückschritt, der mit Wind- und Sonnenenergie einhergeht: »Fossile Energien und Kernenergie sind die einzigen Energien, die zeitlich und örtlich und zeitlich unabhängig sind. Örtlich – das ist noch am klarsten: Wenn Sie Wasserkraft machen wollen, brauchen Sie einen Fluss, dann brauchen Sie einen Stausee. Wenn Sie Windenergie in großem industriellen Maßstab machen wollen, dann brauchen Sie die Nordsee und die Ostsee, damit sie die vollstellen können.«

»Ganz entscheidend aber ist der Punkt der zeitlichen Unabhängigkeit. Bisher ist das so: Wenn wir Fußball schauen wollen, dann schalten wir den Fernseher ein. Wenn Sie morgens auf die Arbeit gehen, schalten Sie Ihren Computer oder die Drehbank ein. Der Strom kommt immer aus der Steckdose. Das wird zukünftig nicht mehr so sein.«

Sorgen um die weihnachtliche Wärme
Russlands Erdgas und der neue Energie-Realismus in den Redaktionen
Humpich: »Frau Kemfert, die große Fernsehprofessorin, nennt das immer so schön ‚dezentrale Flexibilität‘. Das ist nichts anderes als Lebensmittelkarten in elektronischer Form. Sie bekommen den Strom zugewiesen. Das ist in der Menschheitsgeschichte ein wirklicher Einbruch, dass man derartig zurückgehen will.« Doch Humpich betont: »Wir werden immer noch mehr Strom brauchen – weltweit in jedem Fall. Wir bewegen uns auf 11 Milliarden Menschen zu. Wenn wir die ernähren und bekleiden wollen, dann werden wir gewaltige Mengen an zusätzlichen Strom brauchen.«

»Auch in Deutschland soll der Stromverbrauch noch ansteigen: Emobilität, Wasserstofferzeugung für Stahlproduktion und Raumheizung per Wärmepumpe.«
»Das Gemeinschaftskraftwerk Neckar hat eine Bahnstromanlage von 140 MW. Wenn die die dichtmachen, dann soll die Bahn mal sehen, wo sie CO2-freien Strom herbekommt – mit Windmühlen garantiert nicht. Wenn der Wind nicht bläst, fährt auch keine Eisenbahn.«

Für Humpich wird in Zukunft mehr Erdgas benötigt, weil Sonne und Wind nicht regelmäßig funktionieren: »Man muss leider die Gleichung so aufmachen: Wind und Sonne ist gleich Erdgas. Wir wollen ja keine Kohle mehr, wir wollen keine Kernenergie. Wenn wir nur Stein-, Braunkohle und Kernenergie ersetzen wollen – das sind in 2019 allein 224 Milliarden kWh – dann müssen wir 40 Milliarden m³ Erdgas pro Jahr heran schaffen. Das ist auch so eine Zahl, die nicht sagt.«

»Das ist ungefähr die Hälfte dessen, was wir jetzt insgesamt an Erdgasverbrauch in Deutschland haben. Glaubt irgendjemand, dass die Erdgaspreise nicht steigen werden? Ich bin mir da sicher: Da kommen wir in einen dreifachen Schraubstock hinein. Die Strompreise werden ständig teurer, die Produktpreise werden ständig teurer, weil es kein Produkt gibt, für das man keinen Strom benötigt, und – davon redet keiner – das Heizen wird teurer. Wenn die Erdgaspreise gerade im Winter anziehen, dann werden uns die Erd-gaspreise um die Ohren fliegen.«

Studie Helmholtz-Zentrum Hereon
Windparks werfen Windschatten – Effizienverluste für Offshore-Anlagen zu erwarten
China weiß nach den Worten von Humpich genau, dass sie mit Kohle und Gaskraftwerken nicht die Mengen an Energie bereitstellen können, die dort in jedem Jahr zusätzlich benötigt werden.

Er beschrieb den weltweiten Trend zu kleinen modularen Reaktoren, Small Modular Rectors (SMR) genannt. »Die sind so klein, dass sie ungefähr vier davon benötigen, um Neckarwestheim zu ersetzen. Der Gedanke, der dahinter steht, ist folgender: Man will die industriell fertigen und prüfen. Dann kommen die fertig auf die Baustelle, so wie man heute einen Heizkessel bekommt. Den packen wir aus, den schließt man an die Stromversorgung und ans Wassernetz. Dann kann man einen Knopf drücken, und das Ding läuft los.«

Damit ergäben sich völlig neue Märkte auch für die Wärmenutzung eines Kernkraftwerkes. »Ganz Skandinavien setzt konsequent auf Kernenergie auch zum Heizen, China setzt konsequent darauf um, die rüsten im Moment ganze Städte um.«

Kernkraft liefert solche riesigen Energiemengen, dass in Amerika schon mit ersten Zusatzanlagen Wasserstoff erzeugt werden kann. »Für die ist das ganz klar ein Zusatzgeschäft. Dann machen die nicht nur Strom, dann liefern die auch Wasserstoff, wenn das gewünscht wird.«

Neue Reaktortypen erschließen eine ganz neue Energiequelle, wenn sie die radioaktiven Abfälle verbrennen. Damit wird auch der Abfall in Sachen Langlebigkeit entschärft, wie Humpich ausführte. »Da hat man nur noch Spaltprodukte übrig, die nach maximal 300 Jahren von selbst verschwunden sind.«

Humpich schließlich: »Das ist jetzt keine Geschichte von der Erfindermesse. In Russland wird der erste 300 MW Reaktor dafür gerade gebaut.«

ENERGIEPOLITIK
Zehn Jahre nach dem Atomausstieg: Deutschland vor dem großen Blackout
Zuvor hatte die AfD-Europa-Abgeordnete Sylvia Limmert Daten präsentiert: »Die in Deutschland installierte Leistung aller Windanlagen beträgt 120 GW, wohlgemerkt die sogenannte Nennleistung. Die steht auf dem Papier, was tatsächlich herauskommt, hängt davon ab, ob der Wind weht.«

Doch ungefähr 65 bis 75 GW benötige Deutschland in der Spitzenlast. Rein rechnerisch könnten Wind und Sonne den Bedarf locker decken. Limmert: »Ja, wenn der normale Betriebszustand einer Windanlage nicht der der Bewegungslosigkeit wäre und die Solaranlagen nicht mindestens einmal null Leistung liefern würden – nämlich nachts.«

»Im vergangenen Jahr haben Wind und Solaranlagen nur 37 Prozent zur Nettostromerzeugung in Deutschland beigetragen. Wenn man die komplette Primärenergie betrachtet, dann tragen Wind und Solar ganze 4,8 Prozent bei.« Dieses grundlegende Problem lasse sich nicht durch einen weiteren Ausbau lösen.
Limmert: »EnBW prahlt damit, dass es in vier Jahren die Hälfte des produzierten Stroms aus erneuerbaren Energien liefern will und präsentiert stolz drei neue Solarparks mit 487 MW und einer gigantischen Fläche von insgesamt 490 ha, also einen Ertrag von 1 MW/Hektar.«

Schließlich kritisierte der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard die jüngste Aktion des baden-württembergischen Landwirtschaftsministers Hauk, der alle Gemeinden in Baden-Württemberg angeschrieben hat, rasch Flächen für jene 1.000 neue Windräder in den Staatsforsten zu schaffen, die die grün-schwarze Landesregierung so schnell wie möglich in die Wälder pflanzen will.

Neue Kernenergie-Technik
Während Deutschland aussteigt, nimmt China ersten Kernreaktor mit Thorium in Betrieb
Diese 1.000 Windindustrieanlagen in den Wäldern benötigten eine Fläche von 800 Fußballfeldern. Für jede Anlage müssten etwa 1,5 Hektar Wald gerodet werden. »Diese 800 Fußballfelder Wald absorbieren jedes Jahr 9000 t CO2 und produzieren 10 Millionen Liter Sauerstoff«, rechnet Bernhard vor. Er wies auf die Folgen der gewaltigen Fundamente hin, die mit Stahlbeton in den Waldboden gegossen werden müssen: Durchmesser 25 m und bis zu 15 m tief. Bernhard: »Diese Betonfundamente wird niemand jemals mehr aus dem Boden holen.«

Rein rechnerisch müssten noch einmal 90.000 bis 100.000 Windräder dazu gebaut werden, wenn in Zukunft elektrisch Autos gefahren und Wohnungen geheizt werden sollen. Insgesamt müssten dann rund 200.000 Windanlagen irgendwo in Deutschland stehen, das bedeutet: Alle eineinhalb Kilometer eine solche Anlage.
Deutschland jedoch erzeuge etwa 1,8 Prozent des weltweiten CO2 Aufkommens, das durch menschliche Aktivitäten entstehe, China und Indien dagegen rund 65 Prozent. Diese Länder dürfen ihren CO2 Ausstoß nach dem Pariser Klimaabkommen unbegrenzt erhöhen. »Dann kann es nicht auf die 1,8 Prozent aus Deutschland ankommen!«

Unterstützung
oder