Ein Tag im November – woher der Strom kommt und wie viel CO2 emittiert wird

Ein Tag im November in Deutschland, genauer gesagt sogar der letzte. Wir zeigen der Welt, wie man ein ehemals bestens funktionsfähiges, preis- und umweltfreundliches Energiesystem nicht umgestalten oder, treffender gesagt, nicht demolieren sollte.

IMAGO / Rene Traut

Mittwoch, 11 Uhr 30. Vorwinter im Regenbogenland, wo es nicht bunt, sondern grau und kalt ist. Der Energiebedarf steigt und die Regierung tut das, was sie am besten kann: mahnen und hoffen.

Der Winter klopft an die Tür. Die Temperaturen sind am Fallen. An der Neiße wird die Frostgrenze erreicht, aber auch weiter westlich zeigen die Thermometer deutlich einstellige Zahlen. Jedes Grad unter null wird den Strombedarf um ein bis zwei Gigawatt (GW) steigern. Um 11 Uhr 30 laufen alle verfügbaren Kohle- und Kernkraftwerke, Pumpspeicherwerke helfen mit 300 Megawatt aus talwärts fleißendem Wasser.

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Der diesige Himmel und die tiefstehende Sonne lassen nur 4 GW Solarstrom entstehen (bei 62,5 GW installierter Anlagenleistung), der leichte Ostwind wandelt über müde Rotoren weniger als 3 GW Strom um (bei 65 GW installierter Leistung), ein weiteres Gigawatt schicken uns freundlicherweise die Nachbarn – bei einem Börsenstrompreis von 482 Euro pro Megawattstunde (MWh), also 48,2 Cent pro Kilowattstunde. Entscheidend sind heute vor allem 18,8 GW Strom aus Gaskraftwerken, also aus der Verstromung teuren und knappen Erdgases, die man eigentlich verhindern wollte.

Wenn man nun sagt, wir hätten unser Energiesystem wegen „dem Klima“ so umstrukturiert oder, besser gesagt, zerstört, so lässt die folgende Grafik alle Jünger von Rio bis Sharm-el-Sheikh erschauern:

Mit 724 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde sind wir nach Polen Vizeeuropameister. Klimafreundlicher Ökostrom hilft nicht, wenn er nicht da ist.

Der Gedanke, wo wir heute mit den im Jahr 2011 noch laufenden 14 Kernkraftwerken hinsichtlich der Emissionen stehen würden, kommt denen, die täglich ihre Klimareligion ausleben, offensichtlich nicht.

Dabei sind wir derzeit noch ganz gut dran. Eine ähnliche Wetterlage am 30. November 2023 wird eine angespanntere Situation schaffen. Es stehen dann die letzten drei Kernkraftwerke nicht mehr zur Verfügung, auch nicht mehr die aus der Sicherheitsbereitschaft reaktivierten fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke. Dann muss noch mehr Gas verstromt werden, aber die Speicher werden nicht voll sein.

Gas-Deal ohne Wirkung
Deutschland erhält ab 2026 LNG aus Katar – statt eigenes Gas zu fördern
Für 2026 angekündigtes LNG aus Katar, mengenmäßig ohnehin unmaßgeblich, und ab 2030 importierter Wasserstoff werden im nächsten Winter nicht helfen. Im übernächsten auch nicht. Während die Ausweitung der deutschen Erdgasförderung angeblich zu lange dauern würde, ebenso die Bestellung neuer Brennstäbe für die Kernkraftwerke, sind die wolkigen Zukunftsversprechen von LNG und Wasserstoff ausreichend, die Regierung ruhig zu stellen.

Selten wurden an simplen und allgemein zugänglichen Zahlen der Ernst der Lage und die Unfähigkeit einer Regierung in Tateinheit mit dem Vermächtnis der vorherigen so deutlich. Politiker, denen nur die Hoffnungen auf die Sparsamkeit der Endkunden und auf einen milden Winter bleiben, wären aus Regierungen von Adenauer bis Schröder im großen Bogen herausgeflogen. Stattdessen werden NGOs zu GOs gemacht und Lobbyisten im Staatsapparat beschäftigt. Die Dekadenz hat ein fortgeschrittenes Stadium erreicht.

Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Das findet nicht statt. Wer mit alten Instrumenten ein neues Mindset der Energiewende sucht, kann auch gleich seinen Namen tanzen. Es hilft nicht. Auch nicht am 1. Dezember.

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Kommentare ( 104 )

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Piether0815
2 Monate her

Wahrscheinlich ist den Grünen in ihrem Umfeld nie kalt, weil sie genügend heiße Luft umsich herum verbreiten.
Trotzdem würde ich mir einen solchen Heissluftemittenten nicht in die Bude stellen.

Michael M.
2 Monate her
Antworten an  Piether0815

Wenn die heiße Luft die in Berlin, aber auch in den Bundesländern, den Stadtparlamenten und in vielen Großunternehmen, produziert wird zur Stromerzeugung nutzbar wäre, dann wäre das Energieproblem, auch ohne Kernfusion, für alle Zeiten gelöst.

FCK diversity
2 Monate her

Ist es Wahnsinn oder doch Methode?
Im Kopf ist man doch bei den abwrackenden Herrschern schon weiter.
In einem Jahr ist soviel Industrie den Bach runter gegangen bzw. abgewandert und sind die Michel so zur Sparsamkeit genötigt worden (wenn nicht aus Einsicht, dann über den Geldbeutel) dass es auch ohne die Reste von Atom und Kohle locker reichen kann.
Falls nicht schaltet man halt stundenweise oder regional ab und demonstriert damit noch mehr seine von Bürgersgnaden verliehene Macht.
Frei nach Roosevelt: „Nichts in der Politik passiert umsonst“.

d.rahtlos
2 Monate her

Die Grünen verstehen Energie nur als eine andere Form des Geldes:
So wie sie heute Geld ausgeben können, welches sie nicht haben, so können sie im kommenden Winter auch Gas verheizen, das erst 2026 in Aussicht gestellt wird.

Waldorf
2 Monate her

Was soll man machen, wenn dummerweise Ideologen regieren, denen ihre Wünsche und Erzählungen wichtiger sind, als die Realität und 1+1 zusammenzuzählen??? Die rotgrüne Saga lautet: mehr WKAs mehr Solarstrom, irgendwann mal Wasserstoff und fertigt is, alles schön! Das glauben die ganz wirklich, innig und fest, von Habeck+Co über Graichens bis Kempfert und Quaschning, wobei letzte wenigstens theoretisch Ahnung von Technik/Energie hat, der Rest BWLer bzw mehr oder weniger ahnungslose Schöngeister sind. Nur hat die Wucht von Dauerberieselung in Fernsehen, Sozialen Netzen, Demobstrationen, flankiert mit Lobby-Wissenschaft aka parteiischen „Studien“, Berechnungen oder sonstigen besseren „Annahmen“ dazu geführt, dass auch viele bürgerliche oder… Mehr

Blanker Hans
2 Monate her
Antworten an  Waldorf

Sie haben recht, aber die wollen es genauso haben.

Schlagsahne
2 Monate her
Antworten an  Waldorf

100 Prozent Zustimmung, super auf den Punkt gebracht!!!
Eine menschenverachtende Politik, die Millionen Mitbürger und letztendlich dieses Land in den Ruin treibt!

Reini
2 Monate her
Antworten an  Waldorf

Diesen Kommentar von Waldorf in Stein gemeißelt den „klimarettenden“ Wind- und Sonnenanbetern um die Ohren hauen, das würde die Hoffnung nähren, die sonst unaufhaltsame Fahrt unseres Landes ins wirtschaftliche Nirwana aufzuhalten.

Schlagsahne
2 Monate her

Anteil Windkraft und Solar am Strommix 29.11. laut FAZ: zusammen 7 Prozent!!!
Selbst bei einer Verdoppelung der Windkraftanlagen wären wir bei gerade mal 14 Prozent!
Die Kohlekraftwerke retten uns bei der aktuellen Wetterlage den Arsch – und das russische Kälte- Hoch ist erst am Wochenende im Anmarsch…

Dr. Rehmstack
2 Monate her
Antworten an  Schlagsahne

Sie können die Werte im Original hier sehen:
https://app.electricitymaps.com/zone/DE?wind=false&solar=false
Mit dieser Grafik können Sie jede Diskussion über die Energiewende beherrschen; deshalb sieht man sie auch nie in der öffentlichen Diskussion, wie gestern bei Lanz und servus tv, stundenlang Palaver über den „Hochlauf“ von Windmühlen und Sonnenspiegeln, kein, KEIN Wort über Speicher. Kollektive Vogel Strauß Politik, es ist nicht zu fassen!

Cimice
2 Monate her

Agorameter liefert heute, 1.12.22, für 9:00 Uhr folgende Werte: „Verbrauch“: 76,305 GW. Schon hier erkennt man. was Geistes Kind diese Leute sind. Der Verbrauch wird üblicherweise in „Watt-Stunden“ angegeben, also in kWh, MWh, GWh. Watt ist die Einheit der elektrischen Leistung. Wie kommen diese 76,3 GW zustande? Wir erfahren von Agora: Solar: 1,829 GW (2,39 %) Wind offshore: 1,916 GW Wind onshore: 2,641 GW Wind gesamt also: 4,557 GW (5,97 %) Konventionelle Kraftwerke (Kohle, Gas) liefern 63,56 GW (83,3 %), den Rest Wasserkraft und Biogas. Demnach liefern aktuell die von den GRÜNEN favorisierten „erneuerbaren“ Energien gerade mal 8,36 Prozent des… Mehr

fruehsen
2 Monate her

Wenn wir ja nicht alle solche strukturellen Rassisten wären, stände in jedem Haushalt schon ein energieerzeugender Fernseher und das Problem wäre gelöst. Aber dafür müssten wir alle erst mal ein paar Seminare über critical whiteness besuchen.

Neumann
2 Monate her

Nur ein saftiger Strommangel, der dann auch zum Ausfall der Heizungen und der Wasserversorgung führt, kann den deutschen Michel und die deutsche Adelheid überzeugen, dass sich grüne Visionen jenseits der Realitäten abspielen. So hätte ein großer Brownout oder Blackout hoffentlich eine Wirkung, die durch sachliche Argumentation offensichtlich nicht erreicht werden kann.

Andy Malinski
2 Monate her
Antworten an  Neumann

Ich befürche, dass diese Ereignisse nur zu der Erkenntnis führen würden, dass wir noch viel zu wenig „Erneuerbare Energiequellen“ zur Verfügung haben …

Monostatos
2 Monate her

Wer nicht bereit oder fähig ist, aus der Geschichte zu lernen, muss sie immer wieder erneut durchmachen. Die Staatsgläubigkeit der Deutschen ist das Kardinalproblem.

Cimice
2 Monate her
Antworten an  Monostatos

Staatsgläubigkeit mag bei vielen, vor allem älteren noch der Grund sein, aber die wählen nicht GRÜN. Ignoranz und Gleichgültigkeit dürfte es bei den meisten jungen und jüngeren Wählern eher treffen. Die sind auch schon wieder zu weit weg von Nazi-Deutschland und sogar DDR, als das sie daraus noch etwas gelernt haben.

HPM
2 Monate her

Die Rechnung der Grünen geht aber so: Wenn wir die Zahl der Windräder verzehnfachen und es weht kein Wind, dann haben wir aber mit den „Erneuerbaren“ das Problem gelöst. Es kann hier in der Planung wohl mit der „Plus-Rechnung“ oder sog. Addition gearbeitet werden 😉

Emsfranke
2 Monate her
Antworten an  HPM

Und dann noch die hochgejubelte Trampolinexpertin, die uns erklärt hat, dass bereits das gesamte Strom-Problem berechnet sei und bei Wind- und Sonnenflaute der Strom in den Netzen gespeichert ist. Daher auch ganz offensichtlich die Sorge so mancher grüner Parteiexperten, dass jedes weiterbetriebene AKW die Stromleitungen verstopfen und die Speicherfähigkeit der Leitungen beeinträchtigen würde.
Dass diese einfache und geniale Lösung der Energiefrage hochstudierten Physikern und Mathematikern, die obendrein lange auf unser aller Kosten studiert haben, nicht schon viel früher, und zwar vor den ungelernten Grünschnäbeln, eingefallen ist, ist einfach eine Schande für das Volk der „Besserdenker“.

Ulrich-natuerlich
2 Monate her
Antworten an  HPM

Es ist doch so: wenn die Sonne grade nicht scheint und der Wind nicht weht, dann liefer die PV- und Windenergieanlagen halt Pausenstrom – wo ist das Problem? Ihr Lieben, ihr habt Habecks Erklärung, was eine Insolvenz ist, nicht verstanden bzw. ihr habt noch zu wenig Transferwissen, um diese einfache Logik auf den Energieerzeugungssektor umzusetzen.