Warum sich Albaniens Regierungschef Edi Rama über Jens Spahn empört

Der albanische Ministerpräsident Rama empört sich über den deutschen Gesundheitsminister. Dessen Hinweis auf die Rolle von Reisenden aus dem "Balkan" für die Pandemie in Deutschland rufe "stereotype Ressentiments" hervor. Die Affäre belegt den fortgesetzten Abschied der Politik von der Sachlichkeit.

IMAGO / Jens Schicke
Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit

Albaniens Ministerpräsident Edi Rama empört sich öffentlich über den deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn: „Es ist ein Skandal, dass ein deutscher Minister den Balkan öffentlich anprangert und damit auch Menschen mit Migrationshintergrund abwertet.“ Und weiter: „Ein deutscher Gesundheitsminister sollte sich darum kümmern, die deutsche Bevölkerung zu impfen und keine stereotypen Ressentiments gegen den Balkan hervorrufen, um eine offensichtlich schlechte Bilanz zu verteidigen.“

Was hat der Gesundheitsminister dem Balkan angetan? Welches stereotype Ressentiment hat Spahn hervorgerufen? Er hatte der Bild am Sonntag gesagt : „Wir haben aus dem vergangenen Sommer gelernt. Damals haben die Auslandsreisen, häufig Verwandtschaftsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan, phasenweise rund 50 Prozent der Neuinfektionen bei uns ausgelöst. Das müssen wir in diesem Jahr verhindern.“

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Es besteht zwar wahrlich wenig Anlass, Spahn wegen seiner gesundheitspolitischen Leistungen in der Corona-Pandemie gegen Kritik in Schutz zu nehmen. Aber gerade angesichts zahlreicher Versäumnisse, sollte man es eigentlich begrüßen, wenn ein Regierungspolitiker mit dem Eingeständnis eines alten Fehlers den ersten Schritt zur Besserung geht.

Warum regt sich Rama auf? Spahn hatte noch nicht einmal Albanien explizit genannt (zum Balkan gehören schließlich noch ein paar andere Länder). Der Volksmund weiß: Getroffene Hunde bellen. Natürlich weiß Rama, dass es da ein Problem seines Landes gab. Sonst hätte er sich durch Spahns Aussage gar nicht angesprochen fühlen müssen. Rama hätte aber auch ganz souverän auf die mittlerweile sehr niedrigen Inzidenzen in seinem Land hinweisen können, Tenor: Wir im kleinen, armen Albanien haben gelernt und die Pandemie mittlerweile besser im Griff als das große, reiche Deutschland.

Aber darum geht es offensichtlich eben nicht. Ramas (gespielte?) Empörung über die vermeintlichen „stereotypen Ressentiments gegen den Balkan“ bei einem deutschen Minister zeigt, dass er die Politikmechanismen Deutschlands kennt und für sich auszunutzen versucht. Dieser von ihm behauptete „Skandal“ ist charakteristisch für den politisch-medialen Betrieb der Gegenwart im Zeitalter der Pandemie: Wichtiger als die effektive Problembehandlung, also die sachliche Wirkung, nimmt man die emotionalen und moralischen Signale, die Politiker senden. Nicht ob einer das richtige tut oder unterlässt, wird zum Skandalgrund, sondern was er mit welchen Worten sagt.

Ganz offensichtlich hat Spahn in diesem einen Satz an etwas gerührt, das viele Meinungshabende hierzulande für tabu oder zumindest ganz besonders brisant halten: die Frage nach der Herkunft von Corona-Infizierten. Und sogleich macht ein eifriger Tagesspiegel-Redakteur sich dran, nachzuweisen, dass Spahns „50 Prozent“ nicht ganz korrekt seien, Spahn muss sich in einer Morgensendung bei RTL dafür rechtfertigen, und ein Premierminister glaubt, ihn womöglich zu einer Entschuldigung bewegen zu können. Damit könnte er sich vor heimischem Publikum dann natürlich brüsten.

Generell gilt mittlerweile ja die Frage „Wo kommen Sie her?“ bereits als Beleg für „Alltagsrassismus“. Da ist es nur konsequent, auch nicht zu fragen, wo Infizierte herkommen. Nur ist das eben in Pandemien bisweilen eine Frage, bei der es auch um die Gesundheit von Menschen oder sogar um Leben und Tod geht. Das Dogma der Herkunftslosigkeit sticht also letztlich sogar den Zweck, besonders gefährdete Migranten bestimmter Herkünfte vor der Infektion zu bewahren.

Wie schon bei der Aufregung um den hohen Anteil von Migranten unter den Intensivpatienten, scheinen die politmediale Empörungsbereitschaft über das Benennen bestimmter Auffälligkeiten und der Wunsch, sie zu verschweigen oder irgendwie weg zu argumentieren, deutlich ausgeprägter als der mediale Druck und damit auch der politische Wille, den Missstand zu beheben.

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Kommentare ( 16 )

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WandererX
4 Monate her

Der ganze Balkan führt sich wie eine sensible höherere Tochter auf, sensibel wie im vorderen Orient, wo man auch gleich hysterisch wird.

Ralf Poehling
5 Monate her

Da empört sich der Richtige… 😉

spindoctor
5 Monate her

Ich finde es gehört zu Herrn Ramas Veranwortung als Antirassist, keine Menschen aus Albanien , ins rassistische „Spahn-County fahren zu lassen. Und eine ganz wichtige Sanktion wäre, keine Gelder aus Deutschland nach Albanien transferieren zu lassen.
Nix wie ran – an die Haiducken-Beile.

HGV
5 Monate her

Manchmal kommt es mir so vor, als ob wir Deutschen mit der EU das nachholen, was Hitler nicht gelungen ist, eine deutsche Einflusssphäre einzurichten. Wir haben die Länder es ehemaligen Ostblocks in die EU eintreten lassen, obwohl sie nie in der Lage waren, die Aufnahmekriterien zu erfüllen. Das schießt natürlich auch Griechenland ein. Die europäische Wohlstandssphäre ist eine Utopie. Wir haben schlicht Arbeitskräfte benötigt und so finden wir osteuropäische Billigheimer auf unseren Autobahnen und wer sich mit den Menschen unterhält, die die Glasfaser der Telekom verbuddelt, findet ein Sammelsurium von Menschen aus Osteuropa und speziell dem Balkan. Und so nutzen… Mehr

Sonny
5 Monate her

Es funktioniert doch!
Umso provokanter der Vorwurf, um so eher wird einem Aufmerksamkeit geschenkt.
Ich kannte vorher nicht mal den Namen des albanischen Ministerpräsidenten.
Wer die Mainstream-Presse versteht, hat schon halb gewonnen. Bei was auch immer.

RMPetersen
5 Monate her

Es ist schon verdammt schwer, über Spahns politische Tätigkeit etwas gutes zu sagen.

Kosovo und Albanien leiden unter den Spätfolgen der Islamisierung.

horrex
5 Monate her

Wichtiger als die effektive Problembehandlung, also die sachliche Wirkung, nimmt man die emotionalen und moralischen Signale, die Politiker senden. Nicht ob einer das richtige tut oder unterlässt, wird zum Skandalgrund, sondern was er mit welchen Worten sagt.“
Genau D A S ist „des Pudels Kern“!!!
Ob in Albanien oder anderswo.
Ganz bestimmt aber in D.!!!!!!!
Siehe Max Weber: Gesinnungsetik contra Verantwortungsethik!
Man verheddert sich endlos im Gestrüpp angeblich nur „korrekter verbaler Konstrukte“ statt endlich Verantwortung zu übernehmen und zu HANDELN. Genau DAS kennzeichnet den vor Jahren schon beschrittenen Weg in den „Abstieg und Abgrund“!!! –

WGroeer
5 Monate her

Der albanische Ministerpräsident regt sich berechtigt auf. Nicht einmal 10% der Fälle vom Kosovo und trotzdem wird Albanien namentlich erwähnt.
„Bei der Betrachtung der unterschiedlichen Altersgruppen (nicht dargestellt) fällt auf, dass unter den Fällen mit Angabe Kosovo, Türkei, Rumänien und Albanien auch zu einem größeren Anteil Kinder sind, was auf mögliche Reisen im Familienverbund hinweist.“ 
S. 12
2020-09-01-de.pdf (rki.de)

Wo ist eigentlich der Haken, wenn Jens Spahn so offensichtliche Sachverhalte thematisiert?

Iso
5 Monate her

Das kommt davon, wenn man nach allen Seiten offen ist. Da glauben alle, dass sie hier auch was zu melden haben, in jedem Falle ein Recht haben hier zu sein, und bauen dann auch noch Moscheen.

Ursula Schneider
5 Monate her

Dieser angebliche „Skandal“, den Rama hier anprangert, zeigt einmal mehr, wie geschickt vom Ausland auf der Klaviatur der „politmedialen Empörungsbereitschaft“ der Deutschen gespielt wird. Da genügt „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „Abwertung“ und schon kann man einem Minister „stereotype Ressentiments gegen den Balkan“ ans Revers heften, wie blödsinnig das in diesem Zusammenhang auch ist. Die Schuld liegt natürlich bei PC. Einem Land, in dem die harmlose Frage „Wo kommen Sie her“ schon als Alltagsrassismus gilt, ist eh nicht mehr zu helfen. Es erstickt irgendwann an seinen albernen Tabus.