Die Geldpolitik als Umverteilungspolitik am Ende des Wachstumszeitalters

Mitten in der tiefen Corona-Rezession erreichen die Aktienkurse neue Höchststände. Hier offenbart sich der Umverteilungseffekt der extrem expansiven Geldpolitik: Sie sichert Kapitalvermögen auch ohne reales Wirtschaftswachstum.

Glücklich, wer in diesem Corona-Jahr ein umfangreiches Aktiendepot besitzt. Ein Blick in dieses dürfte die Stimmung der Corona-Krise zum Trotz deutlich heben. 

Die Bundeskanzlerin sprach im Bundestag von der „größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“. Das BIP wird im noch laufenden Jahr in jedem Fall deutlich schrumpfen (das ifo-Institut geht von Minus 5,1 Prozent aus, die OECD rechnet mit Minus 5,5 Prozent). Doch der Dax ist um mehr als zwei Prozent gestiegen. Nicht etwa seit dem Absturz vom März! Nein, im Vergleich zum letzten Index-Stand 2019. Am ersten Handelstag nach Weihnachten erreichte er ein neues Allzeithoch.

Verrückt? Ja, wenn man diese Kursentwicklung mit bisher als vernünftig gehaltenen, realwirtschaftlichen Maßstäben betrachtet, ist das absurd. So stellt sich nicht nur die konkrete Frage, wie dieses vermeintlich widersprüchliche Phänomen möglich ist. Dahinter verbirgt sich womöglich ein struktureller Epochenwandel.

Erklärbar ist die scheinbare Absurdität mit dem Begriff der „Liquiditätsfalle“, den John Maynard Keynes einst prägte, um zu erklären, warum eine stark wachsende Geldmenge in Krisenzeiten nicht unbedingt zu stark steigender Inflation führen muss. Der frühere Präsident des ifo-Instituts Hans Werner Sinn hat dies zuletzt in seiner Weihnachtsvorlesung unter der Überschrift „Corona und die wundersame Geldvermehrung“ sehr anschaulich verdeutlicht.

Was die EZB (wie andere Notenbanken) schon seit der Finanzkrise tut, setzt sie nun in noch extrem verstärktem Maße fort: Sie bläht die Geldmenge auf. Die geplante Ausweitung der Zentralbankgeldmenge (M0) allein in der Coronakrise beträgt laut Sinn nach den jüngsten Beschlüssen mehr als 3.000 Milliarden Euro. Die gesamte Zentralbankgeldmenge des Eurosystems betrug 2008 vor dem Beginn der Finanzkrise nur 900 Milliarden Euro. Nach den nun beschlossenen Programmen der EZB wird sie im Juni 2021 mehr als sechs Billionen, also 6.000 Milliarden Euro betragen: fast eine Verdopplung in diesem Corona-Jahr und mehr als eine Versechsfachung innerhalb eines Jahrzehnts. 

Screenprint via youtube /H.-W. Sinn Screenprint via youtube /H.-W. Sinn

Und dieses neue, aus dem Nichts entstandene Geld landet (noch?) nicht an den Konsumgütermärkten, weswegen es (noch?) keine Inflation gibt, sondern bleibt weitgehend im Finanzsystem, wo es nach Anlagemöglichkeiten sucht. Oder, wie Sinn im TE-Interview sagt: „In der Krise sind die Menschen ängstlich, sie trauen sich nicht zu konsumieren, sie halten ihr Geld zusammen.“ Also kaufen die Wirtschaftsakteure nicht mehr Konsumgüter, sondern, sofern sie es können, Vermögenswerte: Edelmetall, Immobilien und Aktien. Hier, bei den Vermögenspreisen findet also bereits eine Inflation statt. Denn den auf diesen Märkten steigenden Preisen steht kein reales Wachstum an materiellem Wert gegenüber. 

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Früher, bis vor nicht allzu langer Zeit, waren Dax, CAC40 und FTSE auch Indikatoren für die Lage von Volkswirtschaften. Das ist ganz offensichtlich nicht mehr der Fall, wenn die Indizes Höchststände in Rezessionsjahren erreichen. Man muss sich klar machen: Die bei weitem meisten Unternehmen, deren Preis an den Börsen 2020 stieg, haben deutlich weniger realen Wohlstand erwirtschaftet.

Hier offenbart sich ein Epochenwechsel: Die steigenden Zahlen in den Portfolios der Aktionäre sagen heutzutage nicht mehr unbedingt, dass die Firmen absolut wertvoller werden. Die Aktionäre besitzen trotz steigender Zahlen nicht absolut mehr materiellen Wohlstand – sondern nur noch relativ im Vergleich zu all jenen, die keine oder weniger Anteile am Produktivvermögen der Wirtschaft besitzen als sie. 

Steigende Aktienkurse bei nicht mehr wachsender Wirtschaft bedeuten nicht mehr absolut wachsenden Wohlstand in der Gesellschaft, sondern dessen Umverteilung von denen, die kein Produktivvermögen besitzen, zu denen, die es haben.

Die exzessive, expansive Geldpolitik ist also, ob beabsichtigt oder nicht, eine Umverteilungspolitik zu Gunsten der Besitzenden, zu Gunsten des Kapitals und zu Ungunsten der Arbeit, also der Gehaltsempfänger. Für die, die noch keines haben, wird es derweil immer schwieriger bis unmöglich, Vermögen aufzubauen, weil die Kaufkraft der kaum steigenden Löhne und Gehälter für Aktien und anderes Vermögen abnimmt.

Die Coronakrise ist ein akuter Anlass für die extreme Verschärfung der schon seit mindestens einem Jahrzehnt betriebenen Geld- und Schuldenexpansion. Diese Expansion mit den oben genannten Umverteilungseffekten zugunsten der Vermögenden kann man als Antwort auf die große epochale Veränderung unserer Zeit betrachten: das Ende des Zeitalters des Wirtschaftswachstums. 

DAX auf Rekordhoch
Nach langer Ignoranz gegenüber dem Offensichtlichen, dass nämlich der Expansion der materiellen Wirtschaftsproduktion Grenzen gesetzt sind (auch wenn diese wohl nicht unbedingt genau lokalisiert werden können), haben allmählich wachsende Teile der politischen und wirtschaftlichen Eliten diese Wirklichkeit begriffen. Selbst wenn der Klimawandel nicht das ist, was Fridays for Future, Extinction Rebellion und die chattering classes der Medien in ihm sehen wollen, so kann man doch die Klimapolitik und die von Christine Lagarde zunehmend ökologisch gerechtfertigte expansive Geldpolitik als einen Reflex auf die späte Einsicht in das Ende des Zeitalters des Wirtschaftswachstums begreifen. Möglicherweise ist das leitende Motiv dieser Politik aber nicht ganz so „grün“, wie ihre Akteure behaupten, und schon gar nicht solidarisch. 

Die eigentliche politische Aufgabe wäre es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die dafür sorgen, dass auch nach dem Ende des Wachstums der weiterhin erwirtschaftete Wohlstand auf eine Weise verteilt wird, die das Gefüge der westlichen, freiheitlich-demokratischen Wohlstandsgesellschaften nicht zerrüttet. Und damit langfristig der soziale Frieden, den die Wachstumswirtschaft (vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts) ermöglicht hat, auch nach dem Ende des Wachstums erhalten bleibt. Zentral dafür wäre eine Ordnungspolitik, die das Verantwortungsprinzip hochhält, so dass Besitzer von Unternehmen, die weniger erwirtschaften, nicht trotzdem relativ reicher werden. 

Tatsächlich passiert das Gegenteil: Die real praktizierte Postwachstumspolitik der EZB ermöglicht durch extreme Vermehrung der Geldmenge, dass die Parole vom Beginn des Wachstumszeitalters vor rund 200 Jahren – „Enrichissez-vous!“ („Bereichert euch!“) – auch ohne realwirtschaftliche Expansion aufrecht erhalten werden kann, allerdings nur für diejenigen, die ohnehin schon reich sind.

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Kommentare ( 42 )

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marxzii
26 Tage her

Ich höre immer, das grenzenloses Wachstum nicht möglich sei.
Ich frage mich dann, was das für eine Gesellschaft sein soll, die ein ganzes Jahr wirtschaftet, und dann weniger übrig hat als im Jahr zuvor.
Und wie lange das so funktionieren könnte.
Mir scheint, dass dieser Vorstellung ein ziemlich naives Verständnis von Ökonomie zugrunde liegt.

Eberhard
26 Tage her

Die Transformation unserer westlichen Fortschrittsgesellschaft ist bereits in vollem Gange. Nicht nur wirtschaftlich und finanziell, sondern in allen ihr eigenen Bereichen. Ob und wer da hinter steckt und wohin das führen soll, bleibt im dunklen Verborgenen. Nur eine erfolgreiche Strategie einer kleinen aber mächtigen Minderheit, oder geboren von einer unfähigen sich aber weltweit an die Macht geputschte egoistische Politiker Elite? Unfähig, z.T. korrupt und nicht in der Lage die anstehenden wichtigen Zukunftsprobleme unserer Welt in vernünftige Bahnen zu leiten. Dazu eine unvereinbare gährige Masse mit widersprüchlichen Weltanschauungen, ohne Aussicht auch nur einige wichtige gemeinsame Ziele in Angriff zu nehmen. So… Mehr

Alexis de Tocqueville
26 Tage her

Ach ja, wir sind ja noch nicht fertig. Bis jetzt ist die Umverteilung recht fair, denn jeder kann sich Sachwerte kaufen, oder? Interessant wird der zweite Akt: Die Politiker jammern über diese „Umverteilung von unten nach oben“ und verteilen zurück, auf die gute alte bürokratische Tour, bei der sich die Umverteiler selbst ein schönes Stück vom Kuchen abschneiden, der „Verwaltungsaufwand“ muss ja bezahlt werden. Dann gibts neue Steuern, Abgaben (Reichensteuer, Vermögenssteuer, Reichen-Soli, Zwangshypothek, Vermögensabgabe etc.). Und dann profitieren nur noch die wirklich Super-Reichen. Die international sind, deren Geld bzw. Sachwerte in Firmen stecken, die Firmen gehören, die Firmen gehören… quer… Mehr

Alexis de Tocqueville
26 Tage her

Ende des Wachstums? Die alte Fabel vom Ende des Wachstums. Hallo, Augen auf, Hirn ein. Club of Rome in die Tonne, wo er hingehört. Warum sollte die Wirtschaft aufhören zu wachsen? Klar, jegliches natürliche Wachstum ist logistisch, d.h. ressourcenbegrenzt. Bloß, welche Ressource geht uns aus? CO2 oder was? Energie ist es jedenfalls nicht. Rohstoffe sind es auch nicht, da diese ja auch meist substituierbar sind und man zugleich durch mehr Effizienz immer weniger braucht, von den geschlossenen Verwertungskreisläufen (Recycling) gar nicht zu reden. Ideen gehen uns schon gar nicht aus. Speicherplatz vielleicht? Wo fehlt es denn? Nein, begrenzt sind nur… Mehr

pcn
26 Tage her

Sie müssen mir nur noch erklären, wie eine Regierung, die so ziemlich alle Industrie- und Wirtschaftskreisläufe zerstört und gerne noch viele deren mehr zerstören wird (Energieversorgung), wo noch die Potentiale für ein Wirtschaftswachstum liegen sollen?

Britsch
26 Tage her

Auch hier passend von Prof. Ludger Lütkehaus „der Fluch des zuviel“

Gerhart
27 Tage her

Die Regierung stand in den letzten Jahren absichtlich auf der Wirtschaftsbremse. Im Wahljahr kann man die leicht loslassen, um, pünktlich zu den Wahlen ein Wirtschaftswunder zu kreieren und die „Märkte“ wissen das; sie sind etwas cleverer als der Bunzelbürger.

giesemann
26 Tage her
Antworten an  Gerhart

Das Gegenteil von „clever“ ist „aufrichtig“ oder „ehrlich“. Die Bürger als Bürgende sind viel zu harm- und arglos.

ChristianeB
27 Tage her

Die Umverteilung von unten nach oben ist doch schon lange an der Tagesordnung. Jeder, der willens ist, sich ein klein wenig mit der Thematik auseinanderzusetzen, kann das sehen. Was hier an der Aufblähung der Geldmenge sehr richtig erläutert wird, trifft auch auf die Kosten der Migration zu. Da wird in großem Umfang Steuergeld an Migranten und Organisationen, welche diese betüteln, verteilt und landet über den Konsum auch oben. Ein kleiner Teil kommt über Steuern wieder retour, um unverzüglich den gleichen Weg zu nehmen. Nicht anders sieht’s bei der vermaledeiten Energiewende aus. Aber solange die Masse glaubt, dass sie demnächst auf… Mehr

Britsch
27 Tage her
Antworten an  ChristianeB

Vor kurzem bekam ich mit wie das ablief als eine windkraftanlage abgebaut wurde.
Was aus der Erde Ragte wurde abgebaut. lag aber Länger in der Gegend rum, weil man nicht richtig wußte was man damit machen sollte.
Vom Fundament wurden oben gerade mal so ca. 30-40cm abgetragen und mit Erde überdeckt.
Die Behörden: Mehr hätte man nicht verlangen können, weil sonst „der Windbaron“ bankrott gewesen wäre. Es lebe der Umwekltschutz

giesemann
26 Tage her
Antworten an  Britsch

Wenn man bedenkt, wieviel CO2 bei der Herstellung des Zements für den gigantischen Betonklotz in die Luft gejagt worden ist, dann hat die Windmühle mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Die Eisenarmierung kommt noch hinzu. Zudem liegt der Klotz nun für alle Zeit im Boden – den Regenwurm freut’s. Der schlängelt sich drumrum. Zu den verheerenden Dimensionen der CO2-Bilanz bei der Zementherstellung gucksdu unter „Zement“ bei wiki, https://de.wikipedia.org/wiki/Zement. Der gesamte globale Flugverkehr ist ein Dreck dagegen, macht nur ca. ein Viertel davon aus. Aber nur, wenn die auch fliegen.

pcn
26 Tage her
Antworten an  Britsch

Wie hier mit diesen Windmüllern mit Glacehandschuhen umgegangen wird ist die reinste Unverschämtheit.

Fulbert
27 Tage her

Prinzipiell stimmen die Aussagen. Einige Feststellungen treffen aber nicht zu. So heißt es: „Dax, CAC40 und FTSE sind auch Indikatoren für die Lage von Volkswirtschaften. Das ist ganz offensichtlich nicht mehr der Fall, wenn die Indizes Höchststände in Rezessionsjahren erreichen.“ Keiner der Indizes (beim Dax muss man den Kursindex heranziehen, ansonsten nicht vergleichbar) hat bislang neue Hochs erreicht. Das Allzeithoch des CAC 40 liegt sogar 20 Jahr zurück. Wobei noch keinerlei Inflation berücksichtigt ist. Bei der Einberechnung der Verbraucherpreisentwicklung würden sich nochmals ein ganz anderes Bild ergeben – auch bei den stark gestiegenen US-Indizes, die in der Tat neue Höchststände… Mehr

Britsch
26 Tage her
Antworten an  Fulbert

Da kann ich, in Aktien investiert nur Teilweise zustimmen
in dem Zusammenhang empfehle ich z.B. Dirk Müller (Mister Dax) „Hochfrequenzhandel“ vortrag z.B. im Deutschen Bundestag

Markus Gerle
27 Tage her

Vereinfacht gesagt, sind Unternehmensanteile oder auch Immobilien gar nicht so viel mehr Wert. Das Geld, mit dem wir sie kaufen, hat drastisch an Wert verloren. Ich möchte aber der Aussage von Herrn Knauss widersprechen, dass wir noch keine Inflation bei Konsumentenpreisen hätten. Ich empfehle den Gang zum Supermarkt. Man vergleiche dort aber nicht den Preis von Packungen eines Produktes, sondern setze den Inhalt in Relation zur Preisentwicklung. Klar, Globalisierungseffekte haben die Inflation bei Konsumentenpreisen bisher beschränkt. Aber wegen Corona und aus politischen Gründen wird die Globalisierung nun ja teilweise zurück gefahren. Dazu kommen ab nächster Woche neue Energiesteuern, welche preistreibend… Mehr

Iso
27 Tage her

Wenn alles immer teurer wird, kann man das nicht Wachstum nennen. Dienstleistungen, Restaurant-, Übernachtungspreise, Mieten, Energie, alles steigt unablässig. Mit 3000 DM Monatseinkommen war man besser dran, als heute mit 3000 Euro. Man braucht sich auch nur die Fahrzeugpreise anschauen, noch besser die der Ersatzteile. Ein Sensor für irgendwas kostet dann 800,-Euro, oder der Liter Öl, den man für 2,00 Euro einkauft, zahlt der Kunde mit 20,00 Euro, zuzüglich Märchensteuer von 19% ab Januar. Das einzige Wachstum ist vielleicht der Zuzug von Muslimen, die nichts haben, und von A-Z alles brauchen, und kaufen müssen. Aber das ist dann auch wieder… Mehr

Reinhard Peda
27 Tage her

Das wesentliche im Artikel hab ich schon 2014 gewusst.
Im Link der Kommentar ist von mir, und bitte auch die weiteren Kommentare dort lesen:
Georg T’s Blog. Sapere Aude!: Saettigungseffekte? (georgtsapereaude.blogspot.com)