Alarm aus der Bundesnetzagentur: Die Angst vor dem Erdgas-GAU

Die Bundesregierung bereitet mit Appellen auf den Erdgas-GAU vor. Die Bürger sollen auf Rat der Bundesnetzagentur im kommenden Winter weniger heizen. Und Habecks Staatssekretär Graichen empfiehlt Unternehmen eine Anschaffung, die sie sonst nur in Entwicklungsländern brauchen.

IMAGO / Sven Simon
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Klaus Müller, der Präsident der Bundesnetzagentur, hat gute Chancen, zu einer prominenten Persönlichkeit in Deutschland zu werden. Spätestens nach seinem aktuellen Alarmruf im Interview mit der Funke Mediengruppe dürften ihn sehr viele Deutsche nun kennen. Er befürchtet den Totalausfall russischer Gaslieferungen und appelliert an die Bevölkerung, Energie zu sparen. Wenn der Gasfluss aus Russland „motiviert länger anhaltend abgesenkt wird, müssen wir ernsthafter über Einsparungen reden“. Und er mahnt nicht die Politik, sondern die Nutzer von Gasheizungen zur Eile: Sie sollten diese unbedingt noch im Sommer warten lassen, das könne „den Gasverbrauch um zehn bis 15 Prozent senken“. Und: „Das muss jetzt passieren und nicht erst im Herbst.“ Familien sollten jetzt schon darüber reden, „ob im Winter in jedem Raum die gewohnte Temperatur eingestellt sein muss – oder ob es in manchen Räumen auch etwas kälter sein kann“.

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Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte bereits deutlich gemacht, dass er ein vollständiges Ausbleiben russischer Gaslieferungen befürchtet. Es drohe ab dem 11. Juli „eine Blockade von Nord Stream 1 insgesamt“, sagte er am Donnerstag. Zugleich empfiehlt Habecks Staatssekretär Patrick Graichen Unternehmen, sich noch vor dem Winter Notstromaggregate anzuschaffen, um mögliche Stromausfälle im Zuge der Gasknappheit aufgefangen werden, wie Bild berichtet. Er empfiehlt die Geräte vor allem für Betreiber von kritischer Infrastruktur. Bei einer Mangellage gebe es keine Abschaltreihenfolge, es obliege dann der Bundesnetzagentur Gas oder Strom zu verteilen. Graichen betont, dass die Notstromaggregate eine Überbrückungszeit von 72 Stunden haben sollen.

Man muss sich klarmachen, was das bedeutet: Notstromaggregate! Eine der führenden Industrienationen der Welt sinkt damit auf das Niveau eines Entwicklungslandes herab. Die Unsicherheit der Stromversorgung ist für potentielle Investoren stets ein gewichtiger Grund, Produktionsstätten nicht in bestimmte Ländern zu verlegen.

Nun ist er also da, der Energienotstand. Wann machte man sich in Deutschland zuletzt Sorgen vor einem herannahenden Winter? Jedenfalls nicht mehr seit Gründung der Bundesrepublik. Und die Lage entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Die Energiewende, die die Erwärmung des Weltklimas abwenden soll, führt nun, da man sich auf russisches Gas verließ, dazu, dass die Deutschen im Winter frieren werden.

Erstmals in der Nachkriegsgeschichte müssen die Deutschen, beziehungsweise die in Deutschland Lebenden wohl kollektiv ganz konkret spürbare Wohlstandsverluste hinnehmen. Räume nicht oder zumindest weniger als gewünscht heizen zu können – solche Erfahrungen haben heutige Generationen nie gemacht. Und auch heutige Politiker haben keine Erfahrungen darin, Bürgern solche ganz konkreten Einschränkungen der für selbstverständlich gehaltenen Bequemlichkeiten zu vermitteln.

Bisher übliche Versprechen des in allen Notlagen einspringenden (Sozial-)Staates sind nun erstmals nicht mehr möglich. Auch in dieser Hinsicht ist der bevorstehende Erdags-GAU eine Zeitenwende, allerdings eine, die die deutsche Politik nicht ausgerufen hat. Da wird wohl noch einiges auf sie zukommen.

Der Kanzler weiß das. Er hat den Deutschen vor wenigen Tagen nicht versprechen wollen oder können, dass ihre Wohnungen warm bleiben, als er im ARD-Interview unmittelbar nach dem G7-Gipfel direkt von der Interviewerin Tina Hassel danach gefragt wurde. Das war ein erstaunlicher Moment, dessen Bedeutung der ARD-Hauptstadtbüroleiterin offensichtlich gar nicht klar geworden ist. 

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Scholz behauptete stattdessen, „wir“ (wer genau das ist, bleibt bei Politikern meist unklar) habe sich „sehr früh damit beschäftigt: was passiert eigentlich, wenn die Energielieferungen unsicher werden? Früh heißt, als ich Kanzler wurde im Dezember, habe ich mit den Zuständigen darüber gesprochen, dass das passieren kann. Und deshalb war Deutschland…“ – hier machte Scholz eine merkwürdige Pause – „… vorbereitet, als der Krieg ausbrach. Und ich konnte zum Beispiel ganz wenige Tage hinterher im Bundestag verkünden, wir werden jetzt alles dafür tun, dass wir das gewährleisten können, indem wir sagen, wir füllen die Gasspeicher und wir machen Gesetze, in denen das passiert, was jahrelang unterblieben ist…“ Aber Sprechen und Verkünden und Gesetze Machen schafft kein Erdgas herbei.  

Das Drumrumgerede des Kanzlers verdeckt nur seine Rat- und Machtlosigkeit in der Frage der Gasversorgung. Die Bundesregierung kann nur zum Sparen, also letztlich zum Verzicht auf Wärme auffordern – und hoffen, dass die jetzt schon von steigenden Preisen und im Herbst von fallenden Zimmertemperaturen betroffenen Bürger sich wenig Gedanken über den Anteil von in Berlin und Brüssel getroffenen politischen Entscheidungen an diesen Entwicklungen machen. 

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Kommentare ( 250 )

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egal1966
1 Monat her

Mal zwei ganz einfache Fragen:

Weiß Habeck mehr als wir, wenn er nach der planmäßigen einwöchigen Wartung von Nordstream 1 ab Mitte Juli keine Gaslieferungen aus Russland erwartet?

Wusste Bundeskanzler Scholz schon in Dezember, daß es zu einen Konflikt in der Ukraine kommen wird, wenn er sich schon damals Sorgen um die Gasversorgung gemacht hat oder hat ihn dieses seine Glaskugel gesagt…?

Rueckbaulogistik
1 Monat her

Ein Minister, der mit Deutschland nichts anfangen kann, aber familiär sehr starke dänische Beziehungen und Vorlieben hat, hat uns in diese Situation gebracht.
Aber ja, Patriotismus ist was schlechtes. Also nie was für das eigene Land tun!

alter weisser Mann
1 Monat her

Und dem Herrn Merz fällt dazu was ein?
„Es sei wichtig, dass nach der Ausrufung der zweiten Alarmstufe durch Bundesminister Habeck nun auch ein konkreter und innerhalb der EU abgestimmter Gasfahrplan folgt.
Weil es sonst im Krisenfall zu einer ungleichmäßigen Belastung in Europa kommen kann, wenn es keinen Mechanismus gibt, alle EU-Länder zu gleichen Teilen mit den ausfallenden Gasmengen zu belasten.“
Ja, Verteilung des Elends, klappt ja in der EU immer genau so gut wie die Verteilung der Alimentation der chronischen Nettoempfänger. Oder?

Peter Meyer
1 Monat her

Bei unseren Migranten und anderen staatlich Geförderten läuft im Winter die Heizung Tag und Nacht. Wird ja vom Staat bezahlt. Wenn es zu warm wird, werden einfach die Fenster aufgerissen. Somit ist es ja egal. (Nur eine Anmerkung). Selbst im Außendienst oft erlebt.
Aber ich lebe in einer Stadt in Deutschland und nicht in Alaska oder Sibirien, wo ich monatelang niemanden sehe. Da brauche ich sicherlich einen Dieselgenerator. Aber hier? Im besten Deutschland aller Zeiten?

ceterum censeo
1 Monat her

Ich denke, die Energiekrise wäre bis zum Winter einigermaßen gelöst wenn: 1. das Fracking hierzulande umgehend erlaubt wird (für ca. 25 Jahre ist im Norden Gas im Boden), 2. Braun-und Steinkohle wieder in Deutschland gefördert wird (der bis dato höhere Preis dürfte mittlerweile uninteressant sein, da ALLE Alternativen teurer sein dürften) und 3. die Atomkraftwerke weiter laufen. Westinghouse hat die Lieferung von Brennstäben in Aussicht gestellt. DAS würde das Spiel mit Putin auf eine andere Ebene hieven. Aber die ideologischen Scheuklappen der Regierung widersprechen der Lösung. Somit unterstützen die „Klimaretter“ den Krieg mit der Ukraine und den Untergang in Deutschland.

Phil
1 Monat her

Wenn ein Staat, trotz einer Staatsquote von mehr als 50% und obwohl dies seine einzige Aufgabe wäre, weder den äusseren noch den inneren Schutz seiner Bürger gewährleisten kann, so ist er obsolet.

thinkSelf
1 Monat her
Antworten an  Phil

Verstehe ich nicht. Der Staat tut exakt das was die überwältigende Mehrheit auch weiterhin täglich herbeibettelt.

haasel
1 Monat her

Die selbe Bundesnetzagentur, die den Stop von NS2 anordnete? Und das erst ganz kurz vor der Fertigstellung. Bei der Corona Grippe mischt sich der Staat heute noch ein, wo er keinesfalls verantwortlich ist, bei der Bereitstellung und Sicherstellung von Energie – wo er zuständig ist versagt er kläglich! Krieg wird in Kauf genommen, und heute ist russisches Gebiet mit diesen exportierten Waffen bombardiert worden.

J.Thielemann
1 Monat her

…Staatssekretär Patrick Graichen Unternehmen, sich noch vor dem Winter Notstromaggregate anzuschaffen….. Warum nur Unternehmen? Privat geht das auch. Da können sie dann sogar ihr Elektro- Auto laden. Steuer Tipp: Ortsfeste Dieselaggregate darf man mit Heizöl betreiben. Viele Leute aus meinem Umfeld kaufen heute schon Elektro- Heizgeräte. Natürlich mit ordentlich Leistung- runterdrehen geht immer. Wenn das Gas mal ausfällt…. Der kluge Mann baut vor! Die Erzeugerpreise steigen ins Utopische- besser heute als morgen kaufen- was auch immer! Die Erzeugerpreise von heute sind die Inflation von morgen. Gibt es bald wieder Lohn/ Gehalt täglich?! https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/inflation-lehren-aus-der-geschichte-614516 (Auszug:….. 1923 sank der Wert der deutschen Währung… Mehr

Manfred_Hbg
1 Monat her

Zitat: „Der Kanzler weiß das. Er hat den Deutschen vor wenigen Tagen nicht versprechen wollen oder können, dass ihre Wohnungen warm bleiben“ > Jo, und hier in Hamburg war schon aus Richtung des rotgrünen Senats zu hören, dass daran gedacht würde, dass bei Gas-Knappheit das Heißwasser nur noch zu bestimmten Zeiten genehmigt und geliefert würde und das man auch darüber reden müsse das auch die Raumtemparatur abgesenkt wird. Na, da bin ich ja schon ganz gespannt wie der Stromverbrauch in die Höhe schnellen wird weil die Leute z.Bsp für Heißwasser ihre Wasserkocher und für kalte Buden und Füße ihre Heizlüfter… Mehr

Maria Jolantos
1 Monat her

Notstromaggregate für produzierende Unternehmen und das noch bis zu diesem Herbst? Versagern wie diesem Patrick Graichen ist wohl weder der Kosten- noch der Zeitrahmen für solche Investitionen ein Begriff. Bei vielen Betrieben bedarf allein die dazu notwendige Dieselbevorratung eines Baugesuchs.

Contra Merkl
1 Monat her
Antworten an  Maria Jolantos

Das ist der nächste Typ der keinen Plan hat und noch nie in einer Industrie und deren Energieversorgung auch nur einen Einblick hatte. Die ganzen Firmen wo ich war, bis hin zu Krankenhäusern, haben Generatoren. Große Industriegasmotoren die den Strom für die ganzen Maschinen erzeugen und mit der Abwärme für die Hallen und Büroheizung oder Prozesswärme nutzen. Oder im Sommer das Duschwasser heizen für alle Leute die nach der Schicht in der Firma duschen. Die BHKW laufen aber alle mit Erdgas. Ohne Erdgas gehen die Firmen alle auf Netzstrom, weil der oder die Generatoren kein Gas haben. Da wird das… Mehr

Contra Merkl
1 Monat her
Antworten an  Maria Jolantos

Die Typen haben keinen Plan. Ihr komplettes Versagen wollen die jetzt auf Bürger und Firmen abschütteln, sonst stehen die mit runtergelassenen Hosen da. Wenn die Politik die Energieversorgung kappt, sollen sich Bürger und Firmen Generatoren kaufen. Yo läuft, Alter, Patrick Graichen. Das Blame Game läuft schon. Verabschiedet ihr Euch doch in den Sommerurlaub wie Anne Spiegel. Wenn eine Firma einen Stromgenerator bestellt, mal nicht von der Stange, für Festeinbau, muss der gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Sowas braucht im besten Fall maschinenbautechnisch über ein halbes Jahr. Völliger Blödsinn. Komisch das man bei der verkackten Energiepolitik sich jetzt einen Verbrennungsmotor zur Stromversorgung kaufen… Mehr