Detox und ein gutes Gefühl

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.

War leider mal bloß eine Woche weg. Auf einer spanischen Insel im Atlantik. Richtige Inseln gibt´s ja gar nicht mehr. Sogar auf Sankt Helena haben sie jetzt einen Flughafen und Internetanschluss. Doch selbst auf einer so vom Massentourismus versehrten Insel wie Tenerife fällt eine kleine elektronische Detox-Kur leichter als zuhause. Sieben Tage null TV. Gelesen? Nicht einmal online. Nur geschrieben. Was sollte ich vermisst haben? Trump und Merkel in Davos? Das Virus von Wuhan? Oder war´s das Virus von Davos und Merkel in Wuhan? Mir hat nichts gefehlt. Kann Detox nur empfehlen. Es entspannt. Weshalb ich heute den Mund halte.

I.

Deshalb nur ein kleines, unwichtiges Erlebnis von dieser Insel. Wir halten an einem Mirador. Grandioser Blick in zerklüftete Berge, aufs Meer. Weit und breit kein Dorf zu sehen. Hier ist man ganz bei sich. Wenn nur nicht der Parkplatz überfüllt wäre. Overtourism auch hier. Das krieg ich gleich zu spüren.

Ich stehe quer, bleib deshalb beim Wagen, meine Gefährtin geht die Aussicht gucken. Ein Mann lehnt sich an mein Auto, um seine Frau zu filmen. Meinetwegen, wenn´s denn die Schönheit verlangt. Dann sperre ich ab, obwohl es hier gar nicht notwenig erscheint, und geh der Gefährtin schon mal entgegen; es sind keine zwanzig Meter. Keine Minute später drehe ich mich zum Auto um. Es ist jetzt von fünf Personen umringt, und einer hält das Täschchen meiner Gefährtin in der Hand. Nichts wie hin. Und schon klicken die Handschellen um die Gelenke von zwei Männern und einer Frau. „Guardia Civil“, sagt der bärtige Bursche, der das Täschchen in der Hand hält, und zeigt zur Bekräftigung seine Pistole.

Der Trick der professionellen Diebesbande ging so: Während des Filmens, angelehnt ans Auto, öffnete der Mann unbemerkt die hintere Tür nur einen Spalt. Sie blieb offen, als ich absperrte. Kaum hatte ich mich entfernt, stieg er ein – dabei allerdings selbst gefilmt von verdeckten Ermittlern der Guardia Civil. Zugriff. Eine Einbruchsserie ist zu Ende. Auf dem Handy des Beamten schauen wir uns die gesammelten Videos genüsslich an. Uniformierte Beamte holen die Bande Minuten später ab.

II.

Zufall. Glück. Dankbarkeit. Auch Schreck darüber, wie naiv man gewesen ist. Man lässt nichts im Wagen liegen, auch nicht, wenn er abgesperrt ist. Selbst nicht, wenn man sich nur zwanzig Meter und zwei Minuten entfernt. Touristen ziehen Kriminelle an wie das Licht die Motten. Sogar mitten in der Wildnis. Wirkliche Wildnis gibt es hier nicht mehr. Allenfalls rechtsfreie Räume. Als wär‘ man mitten in Berlin. Der Mirador in den Bergen von Tenerife gehört für mich gerade nicht dazu, dank aufmerksamer Polizisten. Was für ein unvergesslich gutes Gefühl einem dieser Moment der Sicherheit doch vermittelt. Wir sind beschützt worden. Und das bedeutet, willkommen, ja fast zuhause zu sein. Es wäre allzu schön, hätte man so ein Gefühl immer auch dort, wo man herkommt.

Anzeige
Unterstützung
oder

Kommentare ( 48 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

48 Kommentare auf "Detox und ein gutes Gefühl"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Wenn es doch NUR die „Taschendiebe“ wären.
Das sind doch nur die „ganz Kleinen“.
Der Diebstahl aus den Sozialkassen, fleissig eigefädelt und gefördert von den eigenen Leuten, D A S ist die wirklich(!) große und auch noch STIKUM „Demontage“! Und wenn es nur DIESE Demontage wäre!!! Siehe Energie-, Auto-, … Sonstwas-Industrie. –

Allenfalls rechtsfreie Räume. Als wär‘ man mitten in Berlin.

Das reicht um zu beschreiben was in diesem Teil Deutschlands faul ist und langsam in das ganze Land sickert.

Ja, Herr Herles. Auf Fuertventura konnte ähnliches beobachten. Ähnliche Masche (Vorgabe einer Streiterei). Auch dort schritten Zivilbeamte der spanischen Polizei direkt und mit allen Konsequenzen ein. Ein gutes Gefühl, wenn die Ordnungsmacht handelt. In Deutschland habe ich bereits im Oktober 2015 auf dem Frankfurter HBF das Gegenteil erlebt. Bei einem versuchten Übergriff auf mein Reisegepäck durch zwei Herrn mit ausgesprochenem Migrationshintergrund konnte ich mich nur wehren, da zwei beherzte junge deutsche Männer mir beistanden. Die beiden Polizisten die ca. 10 m entfernt standen drehten ab und gingen in die entgegengesetzte Richtung. Da ich nach dem Vorfall noch Zeit hatte bis… Mehr
Ich bin schon ein bißchen neidisch, gebe ich zu. Ich wünschte, ich könnte auch mal nur eine einzige Woche mein Gehirn einfach abschalten um diesem Gefühl der Dringlichkeit, unbedingt umgehend etwas tun zu müssen und doch völlig hilflos zu sein, zu entgehen. Vielleicht ist „die Insel“ nicht so einfach zu finden. Teneriffa scheint mir zu nah und zu konformiert. Und vor allem zu überfüllt. Vielleicht hilft der Gedanke, dass bei den künftigen, zu erwartenden Blackouts diese Insel der Glückseligkeit direkt an meinem Wohnort Wirklichkeit werden wird. Bei Kerzenschein und kalten Konserven. Und im Auto funktioniert meine Heizung ja noch. Und… Mehr

Ich kenne noch „Nachteile“ der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) mit ihren Grenzkontrollen und habe einen Vergleich zu den „Vorteilen“ der heutigen EU mit ihren offenen Grenzen. Die „Nachteile“ sind mir als Privatperson einfach lieber. Die südeuropäischen Länder konnten sorgloser bereist werden, nur bestimmte Gebiete in Italien erforderten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Seit dem Beitritt Kroatiens zur EU hat die Kriminalität auch dieses Land flächendeckend erreicht. Einst musste man nur in Ballungsgebiten auf Taschediebe aufpassen, heute ist in Kroatien überall große Vorsicht geboten. Vom Overtourism will ich gar nicht reden. Spaß und Erholung geht einfach anders, als in Spanien, Italien, Griechland, Kroatien usw.

Tja, Herr Herles, Glück gehabt!

Auch wenn die Guardia Civil nicht unverdient einen … speziellen Ruf hat, ihr konsequentes Durchgreifen für Recht und Ordnung möchte man geradezu nach Deutschland kopieren. Und viele unserer braven Polizisten hätten sicher auch gerne die Vorgesetzten und Freiheiten, gegen gewisse Straftäter so richtig durchzugreifen …

Drum ist für schöne Landschaft und wenig Tourismus und noch weniger Langfinger nicht Teneriffa die Insel der Wahl, sondern neben dran La Palma.

Im Weserbergland oder im Knüllwaldgebirge wäre das nicht passiert.
Da muss die Polizei gegen Rechts kämpfen und hat keine Zeit für den bürokratischen Aufwand bei der Bekämpfung von (Klein)Kriminellen, die zudem auch noch den Polizisten selbst, gefährlich werden könnten.

tja bei meinem alten Auto Baujahr 1992 geht dieser Trick nicht, die alte S-Klasse hat eine Zuziehhilfe, wenn der Typ da beim Absperren daran fummelt zieht der Wagen die Türe einfach zu. Am Besten noch wenn der „Ladrão“ die Finger drin hat, dann macht der das nie wieder. Außerdem glauben die Langfinger das der Wagen gepanzert ist, ausgestattet mit Doppelscheiben, so man hat 2-fach seine Ruhe! Allerdings wenn man in der DDR 2.0 damit herum fährt, kommen so grüne Co2-Gasköpfe und nötigen einen neuerdings massiv, so wie den SUV Fahrer in HH! Aber zum Glück bin ich sehr sehr weit… Mehr

Tja, das ist Rassismus in Reinkultur.

Die Diebe machen ein „racial profiling“:
– Deutscher Tourist
– Viel Geld
– Gutgläubig

Ja, Diebe haben halt Vorurteile und sind politisch nicht korrekt