Ein „Kulturkaufhaus“ verliert den Verstand

Wenn es nach den Betreibern des „Kulturkaufhauses“ geht, ist Kultur kein Teil der Grundversorgung. Und „Verhältnismäßigkeit“ ist an diesem Ort sowieso ein Fremdwort.

Heute eine kleine, wahre Geschichte über die mentale Verfassung der vermeintlichen Kulturelite in einem Land, das nicht nur von einer Virus-Seuche heimgesucht wird.

I.

Vor dem größten Buchladen mindestens Deutschlands, in der Hauptstadt des Feingefühls, quält sich an einem grauen, arschkalten Werktag eine ca. 50 Meter lange Schlange menschlicher Gestalten ums Hauseck herum. DDR 2.0? Natürlich nicht. Es geht auch so. Es werden im „Kulturkaufhaus Dussmann“ am Eingang Impfnachweis plus Personalausweis penibel kontrolliert. Ich fühle mich nicht als Kunde begrüßt, sondern als Verdächtiger erkennungsdienstlich behandelt. Alles nach Vorschrift? Denkste! Das Buch zählt zur Grundversorgung, und das Buchgeschäft müsste seine Kunden gar nicht kontrollieren. Dussmann tut es freiwillig, „mit Fleiß“, wie man in Bayern sagt. Auskunft der Geschäftsführerin: „Hintergrund ist, dass viele Kundinnen und Kunden, aber auch unsere Mitarbeitenden, kein Verständnis dafür haben, dass man in jeder kleinen Boutique kontrolliert wird, in einem großen Kaufhaus aber unkontrolliert ein- und ausgehen kann.“ Das ist absurd. Was soll es den kleinen Boutiquen denn nutzen, wenn Dussmann die Käufer schlecht behandelt? Der folgende Satz kommt der Wahrheit näher: „Außerdem stellen wir uns damit bewusst hinter das Ziel der Bundesregierung, möglichst viele Menschen zu einer freiwilligen Impfung zu motivieren.“ Dussmann will seine Kunden also zur Selbstkasteiung erziehen, mit Moral beglücken und gibt sich als Büttel der Obrigkeit. Wer nicht geimpft ist, soll sich hier auch keinen Lesestoff besorgen dürfen. Wenn es nach den Betreibern des „Kulturkaufhauses“ geht, ist Kultur also kein Teil der Grundversorgung. Und „Verhältnismäßigkeit“ ist an diesem Ort sowieso ein Fremdwort.

II.

Ich bin endlich drin. Weil ich aber mit maskenbedingt angelaufener Brille die Buchrücken nicht lesen kann, ziehe ich, allein vor einem Regal stehend, den Lappen ein wenig zur Nasenspitze. Sofort steht ein Ladenpolizist neben mir und weist mich wie ein wilhelminischer Schutzmann schnarrend auf meine Verfehlung hin. „Schön, dass Sie in unserem Geschäft die Maske so vorschriftsmäßig tragen.“ Ich sage: „Das Virus steckt in Ihrem Schädel. Dort boostert es Ihnen niemand heraus.“ Man mischt sich sofort auf seiner Seite ein, und ich bin auf der Stelle als asozialer Coronaleugner identifiziert. Bevor die Polizei gerufen wird, verlasse ich voraussichtlich letztmalig den Laden. Die Geschäftsführerin antwortet auf meine schriftliche Beschwerde: „Dass Sie nach der Warteschlange dann auch prompt noch in eine Maskendiskussion von uns verwickelt wurden, ist natürlich äußerst unglücklich. – Vielleicht kurz zur Erklärung: Die Kolleginnen und Kollegen, die teilweise selbst zur Risikogruppe gehören, sehen sich seit fast zwei Jahren der Situation ausgesetzt, dass sich nicht jeder Kunde im Verkaufsraum auch immer angemessen verhält. Leider wurden wir immer wieder von Menschen aufgesucht, die das KulturKaufhaus bewusst als öffentlichen Raum nutzen, um durch provozierendes und übergriffiges Verhalten ein politisches Statement abzugeben. Möglicherweise wurde hier die Situation auf Grund vorheriger Erfahrungen falsch eingeschätzt. Und eine so unhöfliche Ansprache wie Sie sie schildern ist dadurch natürlich nicht zu rechtfertigen. Das tut mir leid.“ Aha! Die Anschnauzenden werden also zu ihrem anmaßenden Ton verleitet von Kundinnen und Kunden, die sich in den Verkaufsräumen nicht angemessen verhalten. Manche Leute gehen offenbar nicht zu Dussmann, um sich mit Büchern zu versorgen, sondern um sich über die verfehlte Covidpoltik aufzuregen und „übergriffig“ zu werden. Mir scheint allerdings, in diesem Betrieb fließt all zu viel Energie in politischen Aktionismus, was das Personal dazu ermutigt, in Käufern nicht Leser zu sehen, sondern Gefährder.

III.

Man stiehlt mir, dem Kunden, nicht nur Zeit durch ungerechtfertigtes Anstehen. Ich muss mich nicht nur beschimpfen lassen, sondern werde auch für politische Zwecke instrumentalisiert. Denn – noch einmal die Geschäftsführerin -: „Als KulturKaufhaus stehen wir damit an der Seite nicht nur des stationären Einzelhandels, sondern des ganzen Kulturbetriebs, dessen wirtschaftliche Grundlage durch die Lockdowns im Kultur- und Veranstaltungssektor extrem gefährdet ist.“ Jetzt wird es endgültig lächerlich. Ausgerechnet der Literaturkonsument soll dafür büßen, dass der Staat die Kultur ohnehin mit unangemessenen Maßnahmen schwer beschädigt. Wie wäre es statt dessen mit solidarischen Aktionen des „Kulturkaufhauses“ gegen die Lockdowns, gegen unverhältnismäßige Behinderung von Kulturveranstaltungen, den menschenfeindlichen Umgang mit Musikern, Schauspielern – und, ja, auch von Schriftstellern, die nicht mehr wie gewohnt öffentlich lesen dürfen, und denen man Festivals und Buchmessen als Plattform gestohlen hat.

IV.

Aber wir sind ja in Berlin, und hier herrscht eine einzigartige Melange aus Verwahrlosung und linksfaschistoidem Pickelhaubentum. Hauptsache im Gleichschritt marsch! Davor graust mir. Als Schriftsteller ist mir die Bedeutung des stationären Buchhandels für die Literatur bewusst. Ich habe deshalb noch nie bei Amazon ein Buch bestellt. Das wird sich jetzt notgedrungen ändern. Dussmann, leider der einzige Buchladen in der Nähe, glaubt, Haltung zu zeigen. In Wahrheit hat das Unternehmen bloß den Verstand verloren.

Kleine Anmerkung des Herausgebers: Es muss nicht immer Amazon sein, lieber Wolfgang, liebe TE-Leser. Wie wär’s hier unten, mit dem TE-Shop?

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Kommentare ( 158 )

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jorgos48
1 Monat her

Im Gleichschritt Marsch! Es ist wieder soweit. Von Braun über Rot zu Grün. Nur die Farbe wechselt, die Mentalität und Geisteshaltung bleibt gleich. Es gibt auch noch Hugendubel uns Andere die Bücher verkaufen.

Brettenbacher
1 Monat her

Es muß tatsächlich nicht Amazon sein, Herr Herles. Bei Verlag Antaios bekommen Sie auch jedes Buch.

humerd
1 Monat her

Ich bin gestern an einer sogenannten niederschwelligen Impfaktion einer NGO vorbei gegangen und wurde von einer jungen Ehrenamtlichen angesprochen, ob ich mich impfen lassen wolle. Sie hätten noch soviel Impfstoff. Ich winkte freundlich ab. Da ist das Mädchen aggressiv geworden, stellte sich mir in den Weg und plärrte mich an. Sie war von sich selbst derart gefangen, dass sie erst nach dem 3. Mal hörte, was ich sagte “ ich bin geimpft und geboostert“. Danach erdreistete sich diese junge Frau von mir SOFORT den Impfausweis zu fordern. Erst als ich ihr sagte, dass sie ein junges, aber selten dummes Exemplar ihrer Generation… Mehr

Friedrich Wilhelm
30 Tage her
Antworten an  humerd

Sehr geehrter Herr „humerd“,
danke für Ihren Beitrag, doch trotz mangelndem persönlichem Erleben sei es gestattet, dem Blockwartevergleich zu widersprechen.
Die damaligen Blockwarte waren mutmaßlich lange nicht so schlimm.
Und das nach sieben Jahrzehnten Demokratieerziehung!
Hochachtungsvoll

elly
1 Monat her

und wieder ein Beispiel, weshalb sich mein Mitgefühl für Künstler in engen Grenzen hält. Aktuell ergießt sich ein medialer Shitstorm gegen Liza Fizz, weil sie angeblich falsche Zahlen genannt hat und keiner aus der Künstlergemeinschaft stellt sich hinter oder wenigstens neben sie.
„Hauptsache, die Panik bleibt frisch“Lisa Fitz sorgt in TV-Show mit wilden Corona-Theorien und einer Falschaussage für Wirbelhttps://www.focus.de/kultur/kino_tv/hauptsache-die-panik-bleibt-frisch-lisa-fitz-sorgt-in-tv-show-mit-wilden-corona-theorien-und-einer-falschaussage-fuer-wirbel_id_26755560.html
Merke: wenn MP Söder oder Hamburgs Bürgermeister Tschentscher mit falschen Zahlen hausieren gehen, ists nicht so schlimm. Aber wehe eine Kabarettistin erzählt die Zahlen der europäischen Arzneimittelbehörde 

Axel Fachtan
1 Monat her

Die Corona-Verodnungen entbinden nicht von anständigen Umgangsformen.
Gilt auch für Buchhändler, aber nicht nur.

Cabanero
1 Monat her

Warum ist Herr Herles reingegangen? In Berlin gibt es Dutzende von Buchhandlungen. Eine, die gendert und sich zum Erfüllungsgehilfen der Bundesregierungmacht (das wäre unter dem alten Dussmann undenkbar gewesen) sollte einen Kunden Wolfgang Herles gar nicht haben und sehen. Ich kenne den Laden, so doll ist der nicht, das war vielleicht vor 20 Jahren noch eine Sensation, heute bloß guter Durchschnitt.

Aber wenn doch, dann muß er eben mit den Wölfen heulen. Das ist Marktwirtschaft.

kasimir
1 Monat her

Herr Herles, danke für den Lagebericht aus Kalkutta/Spree. Oh man, bin ich froh, daß wir vor ein paar Jahren noch rechtzeitig den Absprung aus Berlin geschafft haben :-))
Ich bin entsetzt, wie es mittlerweile mit dem vorauseilenden Gehorsam vorangeht! Früher war ich oft und gern Kunde bei Dussmann in der Friedrichstraße, gerade die englischsprachige Abteilung war dort immer hervorragend und auch sonst hat man dort alles bekommen, was man sich nur vorstellen konnte. Wenn ich aber so etwas lese, würde ich den Laden nicht mehr freiwillig betreten (obwohl geimpft)…

dill
1 Monat her

Vorauseilender Gehorsam ist eine der übelsten „Tugenden“, welche in totalitären Herrschaftssystemen die Maschinerie gut geölt am Laufen halten. Zum Glück gibt es andere Buchhändler. Habe extra noch mal nachgeschaut: Die Buchhändlerin hier vor Ort weist ausdrücklich daraufhin, dass alle Menschen unabhängig vom Impfstatus willkommen sind.

struwwel
1 Monat her

Ganz in der Nähe meines Wohnortes finde ich Folgendes: „Hereinspaziert! Ohne Test oder andere Nachweise. Bücher sind laut Verordnung ‚Artikel des täglichen Bedarfs‘. Wir freuen uns auf Sie. Ihr (Name der Buchhandlung)-Team“. Lieber Herr Herles, vielleicht lassen Sie sich das runtergehen wie ein Lieblingsgetränk. Sie sind ansonsten ganz sicher nicht der Einzige, der sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufhält.

Hegauhenne
1 Monat her

Mein Frisör, früher 3G, als der Test dann was kosten sollte, danke, nein danke.
Jetzt 2G+ oder PCR-Test. Hallo?
Die haben nur noch stundenweise geöffnet und wir schneiden uns wieder gegenseitig die Haare. Geht auch.

kasimir
1 Monat her
Antworten an  Hegauhenne

Ich mußte leider auch meinem Friseur „Adieu“ sagen. Irgendwie haben manche Läden auch ein seltsames Geschäftsgebaren. Mein Friseur, der eh‘ schon nur einen kleinen Laden hat (was die qm-Fläche angeht) und daher immer nur einen einzelnen Kunden hineinlassen darf, wodurch er ja schon ziemliche Verluste einfahren muß (sonst waren immer gleich 3-4 Kunden zeitgleich zum Haareschneiden), hat jetzt auch seit ein paar Wochen dieses 2G-Schild an der Tür kleben. Ist ihm irgendwie nicht bewußt, daß er sich dadurch noch zusätzlich das Wasser abgräbt??? Habe mir gleich einen anderen Friseur in der Nähe gesucht, der anscheinend diesen Zirkus nicht mitmacht. Das… Mehr