Die letzten Tage des Westens

Durch die Schule vieler Kriege hindurch und durch das Mittelalter, jenes tausendjährige Reich katholischer Prägung, hatte der Westen gelernt, den Verstand vor die Macht des Gefühls zu stellen. Und dann hat er es wieder verlernt.

In der Bibel, im Buch Daniel, Kapitel 5, wird der Prophet zum König Belchazar gerufen. Daniel soll eine an der Wand erschienene Inschrift deuten. Die Inschrift lautet: »Mene mene tekel u-parsin«.

Der Prophet deutet die Schrift so: »Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.«

Ein Gedanke

»Der Westen« ist ein Gedanke. Für mich ist »der Westen« das Primat des Verstandes über das Gefühl. »Der Westen« und »die Aufklärung« sind für mich untrennbar. Durch die Schule vieler Kriege hindurch und durch das Mittelalter, jenes tausendjährige Reich katholischer Prägung, hatte der Westen gelernt, den Verstand vor die Macht des Gefühls zu stellen. Und dann hat er es wieder verlernt.

Lassen Sie mich drei Zeichen dokumentieren, die bedeuten könnten, dass der europäische Westen gerade seine letzten Tage erlebt.

Der Westen hasst sich selbst.

Etwas Merkwürdiges ist im Westen passiert. Man feiert die Unordnung. Ordnung ist ja anstrengender als Unordnung. In der schreibenden Klasse des Westens wurde es populär, das Unanstrengende vor die Ordnung zu setzen. Wer Disziplinlosigkeit und Konsequenzlosigkeit feiert, wird als Staatsjournalist erfolgreich. Die Sekundärtugend Ordnung wurde verdächtig.

Doch dieses Arrangement hat zwei Fehler. Erstens: Die Unordnung im Leben der Kleinen spielt den Großen in die Hände. Freiheit als Abwesenheit innerer Disziplin macht sehr schnell sehr unfrei. Und zweitens: Unordnung macht unglücklich. Menschen, deren Leben im Chaos ertrinkt, sind unglücklicher und sterben früher. Staaten, deren Regeln beliebig sind, machen erst ihre Einwohner unglücklich, dann werden sie übernommen. Das Unglücklichsein der schreibenden „Linkselite“ des Westens äußert sich in Selbsthass. Der Selbsthass westlicher Vordenker ist groß und er stinkt und er hat schon längst in Politik und Kultur metastasiert. Manche marschieren selbst hinter Bannern wie »Nie wieder Deutschland«. Andere lassen schreiben: »Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.« »Denn mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird.«

Der Westen hasst sich selbst. Genauer: Die Lautesten der Vordenker hassen den Westen. Wer sich selbst hasst, wie will der überleben im Wettstreit mit Nationen und Kulturen, die stolz sind auf sich, auf die eigenen Menschen und auf die eigene Geschichte? Wer sich selbst hasst, dessen Tage sind gezählt.

Der Westen unterwirft sich.

Stellen Sie sich vor, es gäbe noch Menschen, die glaubten an die nordischen Götter, mit Asgard, Odin, Thor und all den anderen Namen aus dem Marvel-Universum. Und es gäbe Länder, in denen die Menschen mehrheitlich an die nordischen Götter glaubten. Und statistisch wäre es auffällig, dass zuverlässig jene Länder, in denen die Mehrheit der Menschen an die nordischen Götter glaubte, häufig die Menschenrechte missachteten, dass Frauen dort benachteiligt und Bildung vernachlässigt würde, und, vor allem, dass Gewalt dort zum Alltag gehörte. Nun stellen wir uns vor, Menschen würden aus diesen nordischen Ländern fliehen, weil die Umstände dort nicht mehr zu ertragen wären, und sie kämen im Westen an. Ihr Ruf wäre: »Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen euer Land für uns. Ob du willst oder nicht.« In der neuen Heimat würden sie ihre nordische Religion weiterleben wollen, und diese Religion würde Alltag und soziale Strukturen in Tiefe verändern.

Was wäre die rationale, nicht-selbsthassende Reaktion des »Westens«? Man würde dringend prüfen, wie die nordische Religion und die großen Probleme der von ihr beeinflussten Gebiete zusammenhängen. Und man würde Konsequenzen ergreifen, sich falls nötig zu schützen.

Eine andere Reaktion wäre, die Kritik an der nordischen Religion zu ächten, ja zur »Phobie« zu erklären. Man könnte alle mit der nordischen Religion zusammenhängenden Probleme wegdeuten, und behaupten, die entsprechenden Gläubigen hätten ihre eigenen Sagen und Mythen nicht verstanden. Man könnte es praktisch illegal machen, über aus demokratischer Sicht problematische Eigenschaften nordischer Sagen zu sprechen. Man könnte über jede aus den nordischen Göttersagen motivierte Tat per Glaubensdekret erklären, sie hätte entgegen allem Anschein mit Odin & Co. nichts zu tun.

Wenn man all dies täte, müsste aber auch gesagt werden: Der Westen unterwirft sich der nordischen Religion.

Importierte soziale Spannungen sind ein Vulkan, der absehbar ausbrechen wird. In gewissen Vorstädten spürt Europa bereits die Vorbeben. Eine Unterwerfung aber unter eine Denkschule, die anderswo zuverlässig mit Gewalt und Elend einhergeht, könnte mit sich bringen, dass die eigenen Tage gezählt sind.

Der Westen hält sich nicht an die eigenen Regeln.

Die EU war, nach Demokratie und Säkularisation, die beste politische Idee, die der europäische Kontinent hervorgebracht hat. Die EU und später der Euro waren Friedens- und Wohlstandsprojekte. Dann ging es kaputt.

Die EU hat begonnen, ihre Mitgliedsstaaten zu bevormunden. Die Herrscher der EU leben in Luxus und einige von ihnen haben den Bezug zur regierten Realität verloren. Selbst direkt in Brüssel mit seinem Molenbeek jagt islamistischer Terror den Menschen immer wieder Angst ein. Auch in Deutschland, einst sichere Homebase anderswo tätiger Terroristen (Atta etc.), wird inzwischen gemordet – und gleichzeitig will die EU ihren kleinen Ländern diktieren, wer von ihnen ins Land gelassen werden soll.

Für Europas Moral sehe ich aber den de-facto Blankoscheck an Griechenland als das noch größere Problem an. Fiskalische Regeln scheinen in der Eurozone nur symbolisch gemeint – wie Verkehrsregeln im Kriegsgebiet. Die europäische Schuldenkrise ist ein Vulkan, den unsere Hohepriester wieder und wieder mit Bürgschaften und erfundenem Geld besänftigen wollen.

Ein Land ist nur so stark wie seine Währung. Soldaten und Ingenieure, Ärzte und Lehrer werden gleichermaßen in Währung bezahlt. Eine Währung aber ist nur so stark wie das Vertrauen der Menschen in eben diese – Vertrauen ist ja, woraus Währungen heute bestehen. Eine starke Währung braucht einen starken Rechtsstaat. »Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann anderes als eine große Räuberbande«, zitierte Frank Schäffler den Kirchenlehrer Augustin, 2011 im Deutschen Bundestag. Eine wichtige Frage!

»Der Westen« war einst auch ein Set von Werten, Regeln und Gesetzen. Wenn der europäische Westen die eigenen Regeln durch Nichtbeachtung demontiert, demontiert er damit sich selbst. Wer seine eigenen Regeln demontiert, dessen Tage sind gezählt.

Trump und der neue Westen

Sie kennen das Märchen von des Königs neuen Kleidern. Ein kleiner Junge wagt es, dem König zu sagen, dass dieser nackt sei. Der kleine Junge ist nun US-Präsident geworden. Der König aus der Geschichte sind die alten Vordenker, das alte Establishment. Der US-Präsident Trump nennt die Lügen der Meinungskönige eben Lügen. (Und verhaspelt sich dabei selbst mit den Fakten. Absicht kann das nicht sein.) Der Unterschied zwischen Trump und der Presse: Trump zitiert fragwürdige Statistiken. Die Presse scheint den Westen überzeugen zu wollen, sich selbst zu hassen. Das sind völlig verschiedene Kategorien und man mag streiten, was »schlimmer« sei.

Der demokratisch gewählte Vulkan Trump versucht nun, einen neuen Westen zu erschaffen. Trump beginnt mit Amerika. Vielleicht wird der trumpsche Westen schrecklich. Vielleicht wird er golden. Wahrscheinlich wird der neue Westen schlicht »okay« – und damit eben doch eine Fortführung. Vielleicht weiß Trump, was er tut. Manche bezweifeln das, und diese sind nicht nur elitäre Selbsthasser. Egal wie, der neue Westen wird sehr amerikanisch.

Trump hat große Kräfte gegen sich, nicht zuletzt sich selbst. Einige von Trumps Gegnern wollen den krümelnden Status Quo bewahren und scheinen bereit, dafür Demokratie und Freiheit dranzugeben. Anfang 2017 ist das große Spiel des Westens noch offen.

Nachtrag zu Daniel

In der Nacht, als Daniel dem König Belchazar das »Mene tekel u-parsin« deutet, wird der König getötet und sein Reich eingenommen.

Persönliches

Ich kann Ihnen keinen Rat geben. Ich weiß auch nicht, was Sie tun sollen. Ich jedenfalls ziehe auf eine kleine Insel, an den Fuß eines Vulkans, und schreibe einen Roman. Über einen Mann, auf einer Insel, mit einem Vulkan.

Unterstützung
oder

Kommentare

Ihre Argumente, Gedanken oder Informationen bringen wir ganz oder gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Verunglimpfung von Personen sowie Links, mindestens solche mit unklarer Herkunft. Hinweis