DER SPIEGEL Nr. 53 – Vom Himmel hoch

Glaube und Physik auf Trivialniveau: Der SPIEGEL ist in dieser Woche eine Zumutung. Dass ein Journalist sich damit brüstet, sich von einem Großen der Industrie instrumentalisieren zu lassen, ist für jeden Journalistenschüler und für jeden Leser abschreckend und lehrreich.

Der SPIEGEL ist in dieser Woche eine Zumutung. Es ist Weihnachten, also muss etwas mit Religion auf den Titel. Und Chefredakteur Klaus Brinkbäumer bleibt offensichtlich am liebsten in den jahrzehntelang eingefahrenen Gleisen. Die Titelgeschichte selbst, ein Gespräch zwischen dem Hamburger Pastor Johann Hinrich Claussen und dem britischen Astrophysiker Ben Moore, verfängt sich in dem spiegeltypischen Anspruch, den christlichen Glauben von einem bekennenden Atheisten hinterfragen zu lassen.

Glaube und Physik, erst recht Astrophysik, – das geht generell nicht, wird suggeriert. Ein Konstrukt, das die Glaubenswirklichkeit vieler Physiker ignoriert. Der Beitrag hat den Anspruch, über Gott im Jahr 2015 zu streiten. Die Fragen der Redakteure Susanne Beyer und Martin Doerry, die als Stichwortgeber das Gespräch leiten sollen, sind pseudoaktuell und im Kern schon unzählige Male so gelesen und gehört, ebenso die Einwürfe von Herrn Moore. Und Pastor Claussen hat sie offenbar alle schon einmal vorweggedacht. Heraus kommt ein viel zu routiniertes Stück von allen Beteiligten.

Überraschender für den Leser ist da, dass der Spiegel den tollen und offensichtlich exklusiven Scoop „Vollbremsung“ von Sven Becker über das Versagen von TÜV, DEKRA und Co. nicht auf den Titel setzt. Die Demontage des TÜV hat die gleiche Qualität wie der ADAC-Skandal und ist spannender als das Sommermärchen. Aber Brinkbäumer wollte vermutlich lieber etwas Besinnliches.

Den Tiefpunkt erreicht das Heft im „Rückblick 2015: Was war? Was bleibt?“ Darin lässt SPIEGEL-Redakteur Dietmar Hawranek in beispielloser Selbstgefälligkeit seine diesjährigen Großtaten Revue passieren. Der verwunderte Leser erfährt, wie der allgewaltige Ferdinand Piech höchstselbst dem SPIEGEL-Redakteur erzählte, was bei den Wolfsburgern Sache ist. Eigentlich brauchte es das gar nicht. So ahnte Hawranek vor dem Piech-Anruf bereits, dass dieser die Arbeit von Winterkorn „kritisch beurteilt“. Aber seine Leser informiert hat der Redakteur erst dann, als Gottvater Piech ihm grünes Licht gab.

Dass ein Journalist sich dermaßen freimütig und mit stolzgeschwellter Brust damit brüstet, wie er sich von einem Großen der Industrie instrumentalisieren lässt, ist für jeden Journalistenschüler und für jeden Leser abschreckend und lehrreich. Vielleicht wäre hier ja mal eine Selbstkritik angebracht. Schließlich war es ja auch Hawranek, der im Spiegel Nr. 40 mit „Der Selbstmord“ meinen Schlagzeilen-Flop des Jahres 2015 landete. Oder glaubt er immer noch, dass der VW-Konzern jetzt untergeht? Aber vielleicht war ja in diesem Fall auch ein Anruf von Piech für die Titelzeile verantwortlich.

Dass Medien so mehr und mehr Glaubwürdigkeit verlieren, kann keinen Beobachter angesichts des Spiegel Nr. 53 verwundern. Diese Art von Journalismus braucht man nicht.

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