DER SPIEGEL Nr. 50 – Das gelieferte Fest

In dieser Woche präsentiert sich der Spiegel eigentlich als gelungenes Lesebuch mit guten Beiträgen - und zerstört den Inhalt mit einem Cover, das man nicht mal als pubertierenden Witz verstehen kann.

Ein Titelbild soll zum Kauf anregen, den Inhalt des Heftes bündeln. Geht man danach ist der Spiegel diese Woche lächerlich. Wenn viele Menschen Weihnachten feiern – muss man sich über den Kern, die Geburt Christi lustig machen? Es mag sein, dass einige Redakteure des Spiegels noch gegen ihren Kinderglauben glauben revoltieren zu müssen. Diesem Niveau entspricht der Titel. Mutig ist er übrigens nicht, nur so feig wie gedankenlos. Wir warten jetzt auf eine entsprechende Darstellung Allahs zum nächsten Ramadan; vermutlich würden dann unsere Weihnachtsmärkte schon jetzt verbarrikadieren. Aber das eigentlich verheerende: Wer gibt schon Geld am Kiosk für eine Schülerzeitung aus? Was kann man inhaltlich noch erwarten, wenn das Titelbild auf dem Niveau von „Bätschi“-Nahles als der neuen intellektuellen Leitwährung der SPIEGEL-Crew daher kommt?

Und so ist der Sonntagsleser richtiggehend dankbar, dass in diesem Heft das Thema Groko ein Randthema bleibt und das Getümmel in der CSU um Horst Seehofer und seinen designierten Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, Markus Söder, sachlich und ohne nachtragende Häme berichtet wird. Mal.

In dem aktuellen Titelthema „Der Kunde als Gott“ beschreiben Simone Salden, Antonia Schaefer und Bernhard Zand, wie der Onlinehandel von China bis Deutschland und in den USA den lokalen Handel marginalisiert. Mir kommt dabei allerdings zu kurz, wie den Einzelhändlern in den Städten und Gemeinden die Existenzgrundlage abhandenkommt und damit ein wichtiger Teil der Lebensqualität schwindet. Unwidersprochen kann ein Consulter die große bunte Welt des Onlinehandels beschreiben – ein sehr einträgliches Geschäft der Branche derzeit. Die politische und gesellschaftliche Relevanz bleibt in dem Bericht leider außen vor, wird auch nicht durch einen fachkundigen Kommentar ergänzt. Für eine älter werdende Gesellschaft, die auf kurze Wege angewiesen ist, ist es kein Gewinn an Lebensqualität, für jeden Einkauf ins Internet gehen zu müssen. Dann gibt es nämlich irgendwann auch Wasser, Mehl, Reis, Kartoffeln, Linsen, Eier, Fleisch, Wurst und andere Grundnahrungsmittel nur noch Internet, mit Qualitäten, die man nicht mehr selbst bestimmen kann und mit Verfügbarkeiten, auf die man keine Einfluss mehr hat. Auch ein Wochenmarkt – hier muss ich vehement dem Bericht wiedersprechen – ist nichts Nostalgisches, sondern ein Teil der europäischen Lebens(mittel)kultur. Leider scheint den Politikern, die vollmundig die Forcierung der Digitalisierung ankündigen, diese Gefahr für ein funktionierendes gesellschaftliches Leben und die Grundversorgung der Bevölkerung vollkommen gleichgültig zu sein.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass sich im aktuellen Heft eine Sonderveröffentlichung der Firma All You Need GmbH befindet, Online-Supermarkt von DHL. Darin wird das physische Einkaufen als das „Einkaufen gestern“ bezeichnet und zudem für die Spiegel-Leser ein besonders Angebot geschnürt. Man folge einem im Heft veröffentlichten Link. Nicht nur mit dem Titel entwertet der SPIEGEL sich selbst – auch mit seinem Abkassiermodell.

Ich plädiere mit Nachdruck dafür, dass in einer konzertierten Aktion der EU-Mitglieder Wochen- und Erzeugermärkte für Endverbraucher – ob im Freien oder überdacht in Markthallen – von der UNESCO als immaterielles Kulturgut anerkannt und damit geschützt werden.

In „Zwei sind einer zu viel“ mutmaßen Veit Medick und Christoph Schult, dass Sigmar Gabriel am Ende Martin Schulz aussticht. Mag sein. Mal sehen, wer in den nächsten Wochen beim Poker um Vorleistungen in den Vor-Koalitionsgesprächen wirklich etwas erreicht oder nur demagogisch auf den Putz haut.

Kaum ein Thema liegt der SPD für die Sondierungsgespräche so sehr am Herzen wie die Bürgerversicherung. Welche Fehlentwicklungen die gesetzlichen Krankenkassen und Ersatzkassen kultivieren, beschreibt die Redaktion in „Patient krank, Kasse gesund“. Es hat sich ein System entwickelt, das mehr für sich selbst lebt als für die Patienten, und in der Selbststärkung – um nicht zu sagen Selbstbedienung – sein ehrgeiziges Ziel zu sehen. Auf der einen Seite werden Patienten auf dem Papier – oder sagen wir: in den Daten – kränker gemacht, als sie wirklich sind, nur um Gelder aus den Ausgleichtöpfen zu bekommen; vor allem chronisch Kranke werden gerne in den Listen geführt. Auf der anderen Seite werden genau diese Patienten von den Kassen gemobbt; es werden Leistungen verweigert, vorenthalten. Die Mehreinnahmen werden einbehalten, Leistungen aber nicht oder nur zögerlich erst nach mehreren Anläufen gewährt. Mir sind Fälle bekannt, in denen Leistungen jedes Mal zweimal beantragt werden müssen, weil sie beim ersten Mal grundsätzlich abgelehnt werden, Leistungen, die nach dem Sozialgesetzbuch unstrittig gewährt werden müssen. Dieses System zu kultivieren, sind Karl Lauterbach und andere Linksausleger angetreten. Jetzt wird es als Ideal verkauft.

Das Ende der Ära Seehofer läutet der Spiegel mit zehn Seiten ein. „Feinde fürs Leben“ fasst die Dynamik der letzten Wochen fleißig zusammen. Erhellender ist das Interview „Ich kann loslassen“, das Horst Seehofer den Redakteuren René Pfister und Ralf Neukirch gab, über die Fehler der letzten Monate und die Pläne für ein Leben nach der Politik. Nachdrücklicher hätte er bei Kanzlerin Merkel für eine Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen eintreten müssen. Das Gespann Horst Seehofer als Noch-Parteivorsitzender und Markus Söder als designierter Ministerpräsident von Bayern werden eine harte Nuss sein in den Sondierungsverhandlungen mit der SPD. Phantastereien wie Eurofonds und das Aus für die Private Krankenversicherung werden auf Granit stoßen.

Gerald Traufetter und Andreas Wassermann, berichten, dass in Berlin diskutiert wird, mit einem „BER light“ als Rumpfprojekt an den Start zu gehen, damit 2020 überhaupt irgendetwas in Betrieb gehen kann. Ausgerechnet das Hauptterminal soll von der Inbetriebnahme ausgeschlossen werden. Mittlerweile schadet das Bauchaos dem Image der deutschen Ingenieurkunst ebenso stark wie die Dieselbetrügereien der Automobilkonzerne.

Martin Hesse erklärt uns in „Das System zerstört sich selbst“, dass Ex-Dresdner-Bank-Vorstand Leonhard Fischer sich vom Saulus zum Paulus gewandelt habe und gemeinsam mit Ex-Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann die Finanzmärkte revolutionieren will: Das klingt doch verdächtig nach Titanic.

Bis auf Seite 144 muss man vorblättern, um sich von Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der LMU München, erklären zu lassen, wo die großen Volksparteien versagt haben. Unbedingt lesenswert „Arithmetik oder Algebra?“.

In der allgemeinen Freudenstimmung über die Vollendung der ICE-Neubaustrecke von München nach Berlin verstört Christian Wüst mit seinem ernüchternden Beitrag „Rennbahn mit Knick“. Informativ und interessant.

Johann Grolle unterhält sich mit dem Biologen Jonathan Losos und schreibt mit „Von einem anderen Stern“ ein bereicherndes Stück über die großen Fragen der Evolution. Endlich erfahren wir, wie sich ein Tier wie das Schnabeltier mit Entenschnabel, Biberschwanz, Giftstachel und Elektrosinn entwickeln konnte. Zudem erfahren wir, dass die Tiere und Pflanzen sich bei Klimaänderungen vermutlich anpassen werden.

Ist das nicht cool? Aber wem nutzt es? Denn cool ist out, schreibt Xaver von Cranach. Die Welt gehört den Böhmermanns, den Nervösen und Hibbligen.
Ich erfuhr erst durch den Spiegel, dass Skandalnudel Christine Keeler, ehemals Nachtclubtänzerin, Fotomodell, Callgirl und Geliebte des britischen Kriegsministers John Promuno, nicht mehr unter den Lebenden weilt. Vor 54 Jahren füllte sie allein die Spalten von Bild, Quick und Revue und ergötzte manch pubertierenden Knaben.

P.S. Schon oft habe ich mich in der Vergangenheit über Geschichtsvergessenheit, krude Assoziationen und Rosstäuscherei im Titelbild ausgelassen. All das könnte ich jetzt wieder auffahren. Aber es wär zu flach für die Ungeheuerlichkeit, die sich die Spiegel-Grafik geleistet hat. Einmal abgesehen davon, dass offenbar der theologische Kern von Weihnachten entweder nicht verstanden wird oder in aller Religionsferne auch nicht verstanden werden will: Als Karikatur könnte man über da Titelbild noch streiten, als Collage hat es nicht einmal künstlerischen Wert. Es ist nur mangelnder Respekt vor den Gefühlen anderer Menschen.

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Kommentare ( 23 )

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Mal wieder fleißiges Christen bashing im Spiegel. Erträglich wäre es nur, wenn auch der „Religion des Friedens“ in gleicher Weise ein Titelbild gewidmet würde. Doch das wird nicht passiert, schließlich will man kein zweites Charly Hebdo in Hamburg riskieren…

Ihr Gutesten vom Spiegel:
Im Namen von amazon möchte ich mich für das gelungene Titelbild bedanken.
Besser kann man nicht zeigen, wozu das Weihnachtsfest verkommen ist.
Und nun bitte etwas Ähnliches zum Ramadan.
Vielleicht eine Kinderbraut im amazon-Karton?

In einer Zeit, in der Weihnachtsmärkte geschützt werden müssen
wie Fort Knox, der Glühwein nur noch mit einem Schulterblick nach
LKWs, Messerattacke oder Sprengstoffgürteln durch die von Angst
eingeschnürte Kehle fließt, polemisiert der Spiegel mutig gegen die
Rudimente christlich-abendländischer Kultur im Kerzenschein des
Lichterfestes. Auf ein kritisches Titelbild des sakrosankten Islam wartet
man derweil vergeblich, man möchte den rechten Populisten tunlichst
nicht in die Hände spielen. Doch was für ein billiges Statement, das aus
Furcht, ideologischer Verblendung und fehlender Courage nichts riskiert.
Ob Trump als „Kopfabschneider“ oder Weihnachts-Bashing, der Spiegel
längst vom Sturmgeschütz zur journalistischen Knallcharge verkommen.

Zum Titelbild: Wenn der Spiegel kein Interesse an Weihnachten hat, dann ist das eine private Entscheidung. Wenn der Spiegel aber meint, überzogen zeigen zu müssen, dass er keinen Respekt vor Mitbürgern hat, denen Weihnachten viel bedeutet, dann sagt er damit: ich finde Respektlosigkeit klasse. – Ich denke auch, dass der Spiegel den Kern von Weihnachten nicht verstanden hat oder nicht verstehen will. Das eigentliche Leben ist nicht käuflich. Das lebendige Brot und den Kontakt mit dem lebendigen Brot, Christus, gibt es umsonst für den, der dies haben möchte. Es ist eine individuelle, private Entscheidung, ob ich mich damit beschenken lasse.

Danke, liebe Zahnfee! Ihr Kommentar hat gutgetan! Weiterhin hoffentlich schöne besinnliche Adventszeit! Herzliche Grüße, Mabell.

Und ich sage ganz herzlichen Dank für Ihren überraschenden Kommentar und wünsche auch Ihnen und allen eine besinnliche Adventszeit! (Ich lese erst jetzt Ihren Kommentar, weil ich viel mit der Gestaltung einer Weihnachtskarte beschäftigt war … Licht der Welt, guter Hirte. Er ist, war und kommt …) Liebe Grüße zurück!

Was bringt eigentlich CharlieHebdo (deutsch) zu diesem Thema?

Wurde im November eingestellt.

Ein paar Gedanken zum Weihnachts-Online-Einkauf: 1. Ich spare Zeit und Geld (Fahrkosten in die Stadt, exorbitant hohe Parkgebühren) 2. Preistransparenz im Internet 3. Im Internet gibt die gleiche Massenwahre wie in den innerstädtischen Kaufhäusern, nur häufig billiger und ohne Gedrängel und Weihnachsshoppingsstress 4. „Bedienung“ und fachkundige Beratung gibt es in den meisten Kaufhäusern heute auch noch mehr. Da ist die eigenrecherche im Internet stressfreier und einfacher 5. Beim Shopping auf dem heimischen Sofa bin ich nicht in Gefahr von Taschendieben ausgeraubt zu werden, werde nicht Opfer eines Terroranschlags, komme nicht bei einem Verkehrsunfall ums Leben. 6. Ich werde nicht mit… Mehr

Den ersten 4 Argumenten schließe ich mich nur zum Teil an. Die Argumente 5 und 6 sind leider sehr überzeugend

Mein Vorschlag zur Titelseite vor dem nächsten Zuckerfest, um bei dem Motiv Kind zu bleiben: Abbildung des Propheten mit seiner 9jährigen Ehefrau, die er nach drei Jahren endlosen Wartens endlich zum Vollzug der Ehe in sein Zelt geleitet.
Das hält die Religion des Friedens, der Liebe und Toleranz bestimmt auch aus. Nach dem christlichen Befinden fragt eh schon keiner mehr.

Spiegel-Titelbild.

Diese Feiglinge von Spiegel-Journalisten. Jemanden ins Gesicht schlagen, von dem man weiß, dass er nicht zurückschlägt, das ist mehr als memmenhaft. Macht das doch mal mit Mohammed und den Muslimen, dazu seid ihr zu feige.

Wer bislang nicht wusste, wie neutral und vor allem mutig der Spiegel ist, erhält als Beweis das Titelbild der aktuellen Ausgabe. Die Message ist wohl: „Uns sind die Gefühle von Christen sowas von egal, darum sind wir so mutig, jedes Titelbild, auch wenn es noch so dämlich ist, zu bringen. Gleichzeitig würden wir aber niemals ein Titelbild drucken, welches den Propheten darstellt oder den Islam (satirisch) kritisiert. Das könnte nämlich die Gefühle der Menschen verletzen, die uns wirklich wichtig sind.“. Kein Wunder, dass so eine Parteizeitung kaum noch jemand kauft. Kleiner Trost, dem SED-Parteiorgan „Neues Deutschland“ geht es genauso.

Der Spiegel lag in den 70ziger und 80ziger Jahren in meinem Elternhaus stets auf der Toilette. Als ob sie es damals schon wussten. Heute scheint es mir tatsächlich der einzige Ort, an dem diese schwer verdauliche Lektüre zu lesen ist, wenn man überhaupt meint, eine Investition in den dort gängigen, milde formuliert, Oberlehrerjournalismus tätigen zu müssen.

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