DER SPIEGEL Nr. 12 – Aufstand der Wutbürger: „Ihr da oben belügt uns doch alle“

Der Wind wirbelt die Blätter durcheinander. Das ist kein Herbst-Lied, sondern Zustandsbeschreibung auch des SPIEGELs nach dem Wahl-Sonntag.

Der SPIEGEL beeindruckt in dieser Woche durch ungewohnte Flexibilität: Vor fünf Wochen noch war Frauke Petry als Hasspredigerin auf dem Cover. In dieser Ausgabe nun erklärt Dirk Kurbjuweit im Leitartikel „Herzlich willkommen“ die AfD zur Partei der Mitte. Und Nils Minkmar deklariert in „Endlich mal was los“ den Wahlausgang als Chance auf eine Renaissance der Politik. Da paßt die Zeile, die bei der Besprechung der Sonntagszeitungen formuliert wurde: „Dass der politische Wind dreht, wundert nicht, Tempo und Ausmaß sehr wohl.“ 

Aussitzen ist eine Kunst

In den Beiträgen zum Titel erfahren die Leser nicht zum ersten Mal, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel macht, was sie will. Folgerichtig müsste der Titelzeile lauten: „Die da oben machen doch, was sie wollen.“ Sensibilisiert durch das Schlagwort „Lügenpresse“ schiebt das Magazin die „Lüge“ weiter auf die nächste Instanz, die Kanzlerin.

Aussitzen à la Merkel ist eine hohe Kunst, die zugleich lähmt und polarisiert. Insofern wäre es an der Zeit, die AfD als demokratisches Ventil zu definieren. Es war schon immer so, dass das Staatsvolk die Staatslenker für sämtliche Unbill, angefangen von Missernten bis zu Geldentwertung und Staatsdefiziten verantwortlich machte. Als den Herrschern das Gemeckere ihrer Untertanen zu lästig wurde, erfanden sie den Straftatbestand der Majestätsbeleidigung, was mitunter recht rüde geahndet wurde und für Ruhe sorgte. Die Folge: Bei größerer Unzufriedenheit rotteten sich nunmehr die Bürger zusammen und zettelten eine mehr oder weniger erfolgreiche, mehr oder weniger brutale Revolution an. Auch Auswandern war eine beliebte Methode. Es ist das Mittel der Demokratie, wenn sich die Unzufriedenen zu einer Partei zusammentun und per Wahlurne Luft ablassen. Übrigens: Das gute an der Demokratie aus Sicht der Mächtigen ist, dass es die einzige Regierungsform ist, bei der die Entmachteten den Kopf oben behalten dürfen.  Also: Guter Titel, falsche Zeile.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Interviews „Dann kommt der große Hammer“ von Ralf Neukirch mit CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn und „Gabriel hat Gespür“ von Sven Böll und Horand Knaup mit SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann. Spahn will ganz nach oben, ein Rüttler am Zaun des Kanzleramts voller Willen und Phantasie, während  Oppermann die feine Melancholie des gebildeten Verlierers im Angesicht des Untergangs einer Volkspartei leise summt.

Spannend erzählt und erschreckend zu lesen ist in „Ein leichtes Ziel, ein Konzert“ der Weg der Waffen, die bei den Terroranschlägen in Paris verwendet wurden, und die Hintergründe, wie einfach zugänglich der Waffenmarkt in Europa für Terroristen und Kriminelle ist: Versagen der EU-Politik auf ganzer Linie. Sensationell finde ich das Interview von Beate Lakotta mit dem Dresdner Gefängnisdirektor Thomas Galli. Der Justizbeamte ist überzeugt, man könne 90 Prozent aller Inhaftierten aus den Gefängnissen entlassen, ohne dass die Bevölkerung Schaden nähme. Die Fixierung auf Strafe stellt Galli in Frage und plädiert für Sanktionen, die der Gesellschaft aus seiner Sicht mehr dienten.

Mut macht Christoph Pauly mit der Schilderung des Kampfes von EU-Kommissarin Margarethe Vestager, die den großen US-Konzernen wie Amazon und Apple, Microsoft, IBM und vielen anderen Steuern abknüpfen will. Zu lesen unter der Headline „Schönste aller Welten“ mit dem erschreckenden Hinweis, dass in Deutschland keine Steuerermittlungen gegen US-Konzerne bekannt seien.

Zum Schluss: Den Abschied seines langjährigen Dokumentars Johannes Erasmus nimmt die Redaktion zum Anlass, die Qualität der recherchierten Fakten zu loben. Das Magazin wolle „fehlerfrei sein“, heißt es in der Notiz von Lothar Gorries. Der SPIEGEL ist die einzige große Redaktion, die sich noch eine Dokumentation leistet. Es ist gut, dass sie es tut, und es ist ein Trauerspiel, wenn viele andere Redaktions- und Verlagsleitungen schon vor Jahren meinten, ohne das auszukommen.

Ausgerechnet da aber geht die Kulturredaktion wenige Seiten später im Beitrag „Ganz feine Kaufleute“ in die Fehlerfalle. Es ist nämlich nicht so, wie Autor Thomas Darnstädt schreibt, dass „die Epoche deutscher Landnahme auf dem schwarzen Kontinent“ „in den alten Hamburger Kontorhäusern eingeleitet“ worden wäre. Vielmehr wurde Groß Friedrichsburg in Ghana bereits im Jahr 1683 als erste deutsche Kolonie durch die Brandenburger gegründet. Als der Sklavenhandel nicht mehr genug abwarf, verscherbelten die Preußenkönige die damals einzige deutsche Kolonie 1717 an die Niederlande.

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