Syriens Christen unter al-Scharaa: Zwischen Aussonderung und Pogrom

Al-Scharaa weiß, eine zu offene Repression der Christen in Syrien würde den Westen verstimmen, von dem er Geld erwartet. Die Christenverfolgung wird daher nicht staatlich verordnet – geschieht aber trotzdem. Solange Deutschland ihn bedingungslos unterstützt, finanziert es eine neue Islamische Republik im Nahen Osten. Und sollten die Dschihadisten ihre Minderheitenpolitik fortsetzen, wird das zu neuen Fluchtbewegungen führen – nicht nur unter den Christen.

picture alliance / Chris Emil Janßen | Chris Emil Janssen

Al-Scharaa ist weg, die Probleme bleiben. In Deutschland dominiert die Diskussion darüber, ob es der deutsche Kanzler oder der syrische Übergangspräsident war, der sagte, dass in drei Jahren 80 Prozent der Syrer in ihre Heimat zurückgeführt würden. Zuerst verwies Merz auf al-Scharaa, dann al-Scharaa auf Merz. Im Protokoll, das die Zeit online gestellt hat, steht: „In der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre – das ist der Wunsch von Präsident Scharaa gewesen – sollen rund 80 Prozent der Syrerinnen und Syrer, die sich derzeit in Deutschland aufhalten, in ihr Heimatland zurückkehren.“

Der Machthaber aus Damaskus hätte also bereits an dieser Stelle widersprechen können. Womöglich ging es beim Dolmetscher unter, womöglich sprach Merz zu schnell – wie auch immer. Offenbar hat al-Scharaa eine solche Perspektive zumindest in Aussicht gestellt. Dass er sich jetzt nicht mehr daran erinnern kann, weckt Zweifel, wie sehr man dem neuen Regime trauen kann. Es ist nur ein Mosaikstein in einem Bild.

Das Vorspiel: Alawiten, Drusen, Kurden

Denn in Syrien selbst sieht die Menschenrechtslage alles andere als rosig aus. Das Auswärtige Amt verstieg sich noch im Dezember zu der Behauptung, dass diese sich verbessert habe. Dabei datiert das Massaker an den Alawiten bereits auf den März 2025. Medial wurde vielfach das Narrativ der Regierung genommen, man sei gegen unverbesserliche Assad-Anhänger vorgegangen. Das passt allerdings kaum mit der Sachlage zusammen, dass seitdem dutzende alawitische Frauen immer noch entführt sind. Selbst vorsichtige Schätzungen gehen von 1.500 Toten aus.

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Eine Untersuchung der Vereinten Nationen hat ergeben, dass die Gewalt gegen Zivilisten durch regierungsnahe Gruppierungen „weit verbreitet und systematisch“ gewesen sei. Al-Scharaas Truppen stürmten Häuser von Zivilisten und fragten, ob diese Sunniten oder Alawiten gewesen seien. Alawitische Männer und Jungen seien danach zur „Hinrichtung“ abgeführt worden.

Im Sommer 2025 griffen sunnitische Einheiten Stellungen der Drusen an. Die Drusen gelten wie die Alawiten vielen Muslimen als Ungläubige. Milizen sind demnach die einzige Möglichkeit zur Selbstverteidigung. Damals kamen hunderte Menschen ums Leben, Beobachter gehen von einem Massaker an drusischen Zivilisten mit 80 Toten aus. Die islamistischen Angreifer wurden von der Regierung unterstützt. Ein weiterer Punkt: Die Drusen gelten den Islamisten als „fünfte Kolonne“ Israels, Spekulationen über einen von Israel protegierten Drusenstaat kursieren seit Jahren.

Im Januar überrollten al-Scharaas Truppen die kurdisch kontrollierten Gebiete im Nordosten des Landes. Im Westen sorgte insbesondere die Befreiung tausender IS-Häftlinge für Aufsehen. Das brutale Vorgehen wurde auf Videos festgehalten, die auch im US-Kongress ausgestrahlt wurden. Sie zeigen verletzte, kurdische Kämpferinnen, die blutend am Boden liegen. Die Islamisten gehen die Straße ab, treten ihre Opfer noch und erschießen sie dann.

Al-Scharaa: Dschihadist mit guter PR

Die geschilderten Fälle belegen, dass man nicht auf der Vergangenheit Al-Scharaas herumreiten muss. Als Muhammad al-Dscholani hat er die Al-Nusra-Front und anschließend die HTS mitbegründet und angeführt. Er galt lange Zeit als heimlicher Herrscher der Islamistenhochburg Idlib. Al-Scharaa ist eben kein geläuterter Terrorist. Ähnlich wie die Taliban hat er gelernt, wie der Westen tickt, und sich PR-technisch umorientiert.

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Damit geht auch die Frage nach der Situation der Christen einher. Denn al-Scharaa weiß, dass eine zu offene Repression der Christen den Westen verstimmen würde, von dem er Geldspritzen erwartet. Eine staatlich verordnete Christenverfolgung wird es daher vorerst nicht geben. Die Drangsalierungen, Diskriminierungen und Ausmerzung aus dem öffentlichen Leben sind jedoch deutlich. Es reicht, dass Damaskus nichts dagegen unternimmt, wenn Islamisten oder muslimische Stämme die Christen ins Visier nehmen.

„Wie alle Bürger Syriens leiden die Christen unter bitterer Armut – al-Scharaas Versprechen einer schnellen Besserung der wirtschaftlichen Lage haben sich nicht bewahrheitet“, sagt Pfarrer Peter Fuchs von der Hilfsorganisation Christian Solidarity International (CSI). „Dazu kommt jetzt die tägliche Bedrohung durch Diskriminierungen und Übergriffe. Al-Scharaas Leute vermitteln Christen sehr deutlich, dass man ihnen keinen Platz im neuen Syrien zugestehen will.“

Anschlag auf die Mar-Elias-Kirche: 30 Tote

Erst der Anschlag auf die Mar-Elias-Kirche in Damaskus am 22. Juni 2025 hat die Weltöffentlichkeit auf die Situation des Christentums in Syrien aufmerksam gemacht. „Die Anhänger des IS bewegen sich jetzt ungehindert in ganz Syrien. Sie geben den Ton an und drangsalieren uns und unsere Kinder. Wir sind schutzlos“, sagte eine Christin direkt nach dem Attentat. Die Elias-Kirche befindet sich unweit des Christenviertels von Damaskus, der Stadt, wo der Heilige Paulus sein Konversionserlebnis hatte. Christen haben diesen Anschlag als unmissverständliche Drohbotschaft der „neuen Herren“ aufgefasst. Insgesamt wurden 30 Menschen getötet und 54 verletzt.

Kaum bekannt ist das Schicksal von Suleiman Khalil. Als Bürgermeister der christlichen Ortschaft Sadad verteidigte er 2015 seine Heimat gegen den Islamischen Staat und andere Dschihadisten. Khalil war Mitglied einer von Bashar al-Assad tolerierten Oppositionspartei. Die wachsende Popularität Khalils war aber offenbar ein Grund dafür, dass Assad ihn 2016 absetzte.

Die dschihadistische Kraft, die Sadad neben dem IS terrorisiert hatte, war die Al-Nusra-Front von Al-Scharaa. Sie nahmen den Ort im Oktober 2013 ein, Kirchen wurden geplündert, 45 christliche Dorfbewohner getötet – bei der Rückeroberung durch die syrische Armee fand sich ein Massengrab mit 30 Bewohnern, mehrheitlich Frauen und Kinder.

Khalil: Verhaftet, weil er als Christ gegen die Dschihadisten kämpfte

Seit dem 8. Februar 2025, also zwei Monate nach al-Scharaas Machtergreifung, wurde Khalil inhaftiert. Er sitzt seitdem im Militärgefängnis von Homs – ohne Anklage, ohne Anwalt. Er hat nicht einmal Zugang zu Beweismaterial in seinem Fall. Drei Monate lang nach seiner Festnahme, als seine Familie versuchte, ihn im Gefängnis zu besuchen, teilten Beamte ihnen mit, sein Name stehe nicht in ihren Unterlagen. Er war faktisch verschwunden.

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Beobachter werten das Vorgehen als Rache für den christlichen Widerstand gegen die islamistische Gefahr – viele Christen sehen Khalil als Helden an. Defense of Christians (IDC) und CSI, die den Fall Khalil betreuen, schreiben: „Sein Gesundheitszustand hat sich in der Haft verschlechtert. Es gibt Grund zu der Annahme, dass er gefoltert wurde. Seiner Familie wurde untersagt, ihm religiöse Gegenstände wie eine Kreuzkette und eine Bibel zu bringen.“ Im Gefängnis wurde Khalil dazu gezwungen, im Ramadan zu fasten und den Koran zu lesen.

Khalils Tochter Natalie, die sich international für die Freilassung ihres Vaters einsetzt, hat dem neuen Regime „dieselben Praktiken“ wie dem alten Regime attestiert. Dass sich nicht mehr Christen gegen al-Scharaa aussprechen, hängt mit der Angst zusammen, als nächste ins Fadenkreuz zu geraten. Sie müssen sich als Minderheit im Alltag arrangieren; es ist überdies eine Minderheit, die seit dem Beginn des Bürgerkrieges von rund 2 Millionen auf nur noch 300.000 Mitglieder geschrumpft ist.

Aussonderung, Isolation und pogromartige Überfälle

Diese Form von Racheaktionen zeigte sich auch bei den Überfällen auf Christen, die al-Scharaas Besuch überschatteten. Am Abend des 27. März überrannten bewaffnete Gruppen die christliche Kleinstadt Suqailabiyya. Bewaffnete Gruppen drangen in den mehrheitlich von Christen bewohnten Ort ein. Sie plünderten Geschäfte und Häuser, darunter Cafés, Restaurants, Getränkemärkte und Bekleidungsgeschäfte. Zivilisten wurden mit Gewalt bedroht, Frauen belästigt. Sicherheitskräfte griffen nicht ein – oder arbeiteten den Aggressoren sogar zu.

Letzteres sollte nicht verwundern. Suqailabiyya und Mhardeh waren im Krieg häufiger Schauplatz dschihadistischer Angriffe. Beide christlichen Ortschaften hatten keine strategische Bedeutung. Sie waren vielmehr Ziel aufgrund ihrer Religion. Die Dschihadisten kamen aus Idlib, wo al-Scharaas HTS dominierte. Trotz Angriffen mit Mörsergranaten verteidigten sich die Christen erfolgreich. Dieser Widerstand ist den Islamisten offenbar im Gedächtnis geblieben. Unter al-Scharaa glaubt man wohl, ungestraft offene Rechnungen begleichen zu können.

Pogrom
Syrien: Schwerer Angriff von Islamisten auf Christen in Suqaylabiyah
Die Gewalt hat dazu geführt, dass mehrere christliche Gemeinden ihre öffentlichen Prozessionen und Veranstaltungen zu Ostern abgesagt haben. Man will nur in den Kirchen oder anderen Innenräumen feiern. Die prächtigen Umzüge mit Fanfaren fallen aus. Bereits die Palmsonntagsumzüge waren aus Sicherheitsgründen vielfach abgesagt worden. Christen verschwinden damit aus der Öffentlichkeit – aufgrund der Macht des Faktischen.

Im „zurückeroberten“ Nordosten, wo früher die Kurden autonom agierten, spielen die Dschihadisten die Minderheiten zudem gegeneinander aus. Der neu eingesetzte Gouverneur ist zwar Kurde, hat aber den bisher dort herrschenden Konsens zwischen den Völkern und Religionen aufgelöst. In den Jahren der Autonomie waren Arabisch, Kurdisch und das Aramäische gleichberechtigte Sprachen. Nun hat man das Aramäische von offiziellen Schildern entfernt. Das Aramäische bildet als Sprache Jesu Christi einen Teil der Identität der orientalischen Christen.

Auch andere Nachrichten bilden die Situation der Christen ab. So wurde in Homs die christliche Lehrerin Iman Georges ermordet. Der bittere Hintergrund der Tat: eine Verwechslung. Der Täter hatte sie für eine Alawitin gehalten. Schon die vermutete Zugehörigkeit zu einer Minderheit entscheidet in Syrien über Leben und Tod. Indes mehren sich die Berichte darüber, dass Christen sukzessive aus dem syrischen Staatsapparat ausgesondert werden.

Deutschland finanziert die nächste Islamische Republik

Man mag es Illusion abtun, die menschenrechtliche Lage in Syrien verbessern zu wollen. Es ist aber ebenso eine große Illusion, 1 Million Syrer abschieben zu wollen, wenn wegen exakt dieser Menschenrechtssituation eine Rückführung vereitelt wird. Nicht nur linke Parteien und NGOs, sondern auch Gerichte können auf das dschihadistische Regime in Damaskus verweisen, um den Plan einer großflächigen Abschiebung zu verhindern. Auch al-Scharaa und seine Islamistenfreunde dürften daran nicht interessiert sein. Die Überweisungen von Auswanderern machen einen bedeutenden Teil der Staatseinnahmen aus.

Solange Deutschland seine Unterstützung an al-Scharaa nicht an Reformen koppelt, finanziert es lediglich eine neue Islamische Republik im Nahen Osten. Und sollten die Dschihadisten ihre Minderheitenpolitik fortsetzen, wird das eher neue Fluchtbewegungen bedeuten – nicht nur unter den Christen.


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Kommentare ( 2 )

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WGreuer
37 Minuten her

Dieses Titelbild sagt schon alles: der Kanzler himmelt diesen Terroristen regelrecht an. Man muss sich das mal wirklich geben: Dieser syrische Präsident war bis vor kurzem noch mit 10 Mio $ Kopfgeld als Terrorist und sprichwörtlicher Halsabschneider (von dem gibt’s Fotos mit 2 abgeschnittenen Köpfen in der Hand!!) zur Fahndung ausgeschrieben. Alles vergessen. Nun himmelt Merz ihn regelrecht an während er sich gleichzeitig weigert, AfD-Leuten, die die gesellschaftlichen Mitte darstellen, im Bundestag zur Begrüßung die Hand zu geben. Ich finde das widerwärtig. Ich darf hier leider nicht im Klartext schreiben, was ich von derartigen Leuten wie Merz halte. Bademantel und… Mehr

Leroy
40 Minuten her

Alle Syrer außer Kurden, Jesiden und Christen können auf der Stelle gehen.
Das sind doch Freunde des Oberislamisten. Asyl bedeutet Aufnahme auf Zeit bis der Asylgrund weggefallen ist. Assad ist weg. Sie werden beim Gehen finanziell genau gleichgestellt wie bei ihrer Ankunft. Und Tschüss.