„Rassenunruhen“: Wie Krieg in niederländischen Städten und Badeorten

Zunächst kam es an der Nordseeküste zu Schlägereien und Krawallen durch jugendliche Migranten, dann in vielen Städten der Niederlande. War es nur die Augusthitze, wie manche Politiker behaupten? Die Polizei reagiert hilflos, der Einsatz von Soldaten wird gefordert.

Screenshot via twitter

Die Hitzewelle des August 2020 wurde von Unruhen, sozialen Spannungen und einer bemerkenswerten Anzahl von Messerstechereien an der niederländischen Küste und in niederländischen Städten begleitet. Viele jugendliche Einwanderer waren an der Gewalt beteiligt. Die Behörden geben der Hitze und Langeweile die Schuld an den Spannungen, denn die Corona-Maßnahmen hätten den Jungs den ganzen Spaß verdorben – die niederländische Variante der krawalligen Party-Szene. Es gibt auch andere Begründungen: Migrantische Parallelgesellschaften in den niederländischen Großstädten. Die Tatsache, dass besonders viele Kinder von Einwanderern an der Gewalt beteiligt waren, ist auffällig, aber nicht überraschend. Und tatsächlich spielen die Corona-Maßnahmen die Rolle des Brandbeschleunigers.

Die Parallelgesellschaft zeigt sich

In den größeren niederländischen Städten (Amsterdam, Rotterdam, Den Haag, Utrecht) besteht ein großer Teil der Bevölkerung – insbesondere der jungen Leute – aus nichtwestlichen Einwanderern, häufig aus den ehemaligen Gastarbeiterländern Marokko und der Türkei oder den ehemaligen Kolonien Surinam und Curacao. Viele von ihnen – insbesondere die Marokkaner, in geringerem Maße auch Türken – leben mit großen Familien in kleinen Wohnungen, die sich auf Problem-Viertel konzentrieren.

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Dieses Umfeld war bereits benachteiligt, als ab März auch in den Niederlanden weitreichende Corona-Maßnahmen ergriffen wurden. Schulen und Gastronomie wurden geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Unternehmen ließen ihre Mitarbeiter so viel wie möglich von zu Hause aus arbeiten. Helfer meldeten bald zusätzliche häusliche Gewalt, insbesondere in Stadtteilen mit „schutzbedürftigen“ Familien.

Ab dem 1. Juni wurden die niederländischen Corona-Maßnahmen gelockert und Reisen in viele Urlaubsländer waren wieder möglich. Aber genau die Herkunftsländer, in denen viele niederländische Migrantenfamilien im Sommer oft Langzeitferien machen (Marokko, Türkei), blieben geschlossen. In den Migrantenvierteln in Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht nahmen  die Spannungen zu. Auch viele Migrantenfamilien aus Deutschland, die in diesem Sommer nicht in ihr Herkunftsland reisen konnten, erhöhten den Druck im Kessel.

Zunächst führte es in Scheveningen, dem Badeort von Den Haag, zum Chaos. Dabei ist Scheveningen einiges gewöhnt, denn das ehemalige Fischerdorf zählt jährlich rund 14 Millionen Touristen. Aber noch nie waren so viele da wie am Wochenende des 8. und 9. August. Sie wurden nicht unbedingt begeistert aufgenommen. Scheveningen wurde in „Marrakesch aan Zee“ umbenannt.

Die Schlacht um den Platz an der Sonne

Das meist rustikale Strandleben nahm einen ganz anderen Charakter an. Der stellvertretende Bürgermeister von Den Haag stellte fest, dass es nicht nur doppelt so viele Badegäste wie an jedem anderen heißen Tag gab, sondern auch eine ganz neue Art von Touristen mit Gewalt und Schlägereien. In Blankenberge, Belgien, war es noch schlimmer: Dort provozierten Brüsseler Migrantensöhne Kämpfe um den Platz an der Sonne oder um den Sonnenschirm. Verzweifelt beschlossen die Behörden, den Zugverkehr bis zur gesamten belgischen Küste zu begrenzen um Verstärkung für die Aufständischen zu blockieren.

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In Scheveningen spielte sich unter der Oberfläche ein Drama ab. Gruppen von „Drillrappern“ – waffenverherrlichende Hip-Hopper, oft aus Surinam oder Curaçao stammend – aus Amsterdam und Rotterdam forderten sich gegenseitig heraus. Am Sonntag, dem 9. August, verloren die Amsterdamer Rapper die Schlacht gegen die Rotterdammers. Am heißen Montag, dem 10. August, wurde ein 19-jähriger Rotterdammer am Pier von Scheveningen erstochen. Der Bürgermeister von Den Haag, Jan van Zanen, kam aus dem Urlaub zurück um die Krise zu managen.

Keinen Tag zu früh. Denn am Mittwoch, dem 12., kam es im Schilderswijk, einem ehemaligen Arbeiterviertel in der Nähe eines der beiden Hauptbahnhöfe von Den Haag, zu brutalen Unruhen. Das Schilderswijk war bereits ein unruhiges Viertel, als es noch ein holländisches Arbeiterviertel war, und blieb es auch, als es ein fast vollständiges Einwandererviertel geworden war.

Schon 2014 marschierte eine Gruppe von Sympathisanten der islamischen Terroristengruppe ISIS durch das Schilderswijk. Ebenfalls 2015 kam es zu Schlägereien und Zerstörungen, nachdem ein Migrant aus Curaçao, Mitch Henriquez, bei seiner Verhaftung durch die Polizei in Den Haag getötet worden war. Henriquez gilt unter schwarzen Aktivisten in den Niederlanden bis heute als Beweis dafür, dass die niederländische Polizei angeblich rassistisch ist und sich nach „ethnischen Profilen“ ausrichtet.

Früher nannte man es „Rassenunruhen“

Aber jetzt, in den heißen Augusttagen 2020, wurde das Schilderswijk an drei Tagen hintereinander zum Schauplatz von etwas, das man früher in den USA „Rassenunruhen“ genannt hätte. Hydranten wurden geöffnet, Feuer auf den Straßen angezündet, ein Molotow-Cocktail in ein brandneues Jugendgebäude geworfen. Gruppen junger Leute hauptsächlich marokkanischer Herkunft zogen von Straße zu Straße, zerstörten Autos und entglasten Häuser und Geschäfte.

Die Polizei wurde mit Eiern und Pflastersteinen beworfen, gezielt auch von den Dächern der Häuser. Einwohner erlebten es als Krieg. An drei aufeinanderfolgenden Abenden kamen hunderte Randalierer –  über Snapchat und andere soziale Medien  alarmiert und oft aus anderen Stadtteilen oder Städten. Jede Nacht wurden Dutzende verhaftet.

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Am Freitag breitete sich das Feuer auf Utrecht aus; per Snapchat wurde dazu aufgerufen ‘Den Haag zu übertreffen’. Hier begannen die Unruhen im Einwanderungsbezirk Kanaleneiland und breiteten sich auf Overvecht aus. Auch hier kam es zu Ausschreitungen, Zerstörungen und Steinwürfen junger Leute, begleitet von Feuerwerkskörpern. Auch hier wurden an beiden Abenden Dutzende Randalierer verhaftet. Aber das Gewitter und die Wolkenbrüche hatten größere Wirkung als der Polizeieinsatz. Insbesondere die Regengüsse haben den niederländischen Hitzewellenunruhen vorerst ein Ende gesetzt. Ein Aufstandsversuch in Rotterdam wurde von der Polizei und vom Regen im Keim erstickt.

Die Schauer, die die Unruhen beendeten, markierten den Beginn der Debatte. Die Behörden wiegeln mit der Erklärung ab, dass die Hitze, Langeweile und Unmöglichkeit, Urlaub in Marokko zu machen, Ursache für die Unruhen wären. Die Polizeikräfte in Den Haag und Utrecht weigern sich, die ethnischen Aspekte offenzulegen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass junge Marokkaner – einige kaum 14, 15 – den harten Kern der Randalierer bilden. Dies wurde auch von einer einzigen betroffenen marokkanischen Moschee bestätigt, die die Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass Allah ihnen immer noch den richtigen Weg zeigen würde.

Einsatz des Militärs?

Die „rechtspopulistischen“ Politiker Geert Wilders und Thierry Baudet sehen sich bestätigt: Multikulturelle Gesellschaften sind eher Parallelgesellschaften. Wilders befürwortet den Einsatz der Armee gegen die Randalierer. Lokale Politiker in Den Haag forderten „Umerziehungslager“ und Kürzungen der Leistungen für Eltern, die ihre Kinder nicht von Unruhen abhalten.

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In der Zwischenzeit ist auch die Polizeiaktion ein Thema. Die Polizeigewerkschaften argumentieren, dass sie nichts Wirkungsvolles tun können, denn wenn sie hart handeln, werden sie der Diskriminierung beschuldigt, und wenn sie dies nicht tun, werden sie beschuldigt, zu weich zu sein. Ein bemerkenswertes Manöver kam vom stellvertretenden Bürgermeister von Utrecht, Lot van Hooijdonk (GroenLinks), der die Polizei bei den ersten Unruhen zunächst nicht einsetzte, weil die Polizeiaktion ein Erfolg für die Randalierer sei. Utrecht konnte diese Haltung nicht lange durchhalten angesichts der allgemeinen Verwüstung und setzte schließlich doch Polizei ein.

Bemerkenswert ist auch, dass nur wenige der Randalierer länger als nur eine Nacht auf den Polizeistationen inhaftiert waren. Von repressiven Maßnahmen kann man sicherlich nicht sprechen. Es scheint, dass die niederländische Polizei nach dem Tod von George Floyd in Minneapolis, den zahlreichen Demonstrationen von Black Lives Matter und dem immer noch allgegenwärtigen Mitch Henriquez und dem Vorwurf der ethnischen Profilerstellung verunsichert und in der Defensive ist.

„Sie sind wütend auf die Polizei, weil sie angeblich rassistisch ist“, sagte ein Beobachter in De Volkskrant über die Marokkaner. Und: „Sie leben in überfüllten Wohnquartieren, sie haben einen schlechten Ruf und keine Zukunft.“ Tatsache ist, dass niederländische Marokkaner in der Kriminalstatistik überrepräsentiert sind und die Schule oft nicht beenden. Die niederländische Drogenmafia – mit zahlreichen Morden – weist ebenfalls einen markant hohen marokkanischen Anteil auf. Ein Experte vervollständigt das Bild in einer anderen Zeitung, NRC Handelsblad: „Große Familien, kleine Häuser, autoritär erzogen“.

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Aber die Zeitung De Telegraaf ist nach einer Woche der Unruhen weniger verständnisvoll und fordert eine Ausgangssperre, Massenverhaftungen und will die Eltern in die Verantwortung nehmen. Die vorwiegend marokkanische Jugend habe „keinen Respekt vor Autorität“ und bilde in den niederländischen Großstädten eine Unterschicht, die dauerhafte Formen annimmt. Der Anthropologe Teun Voeten: „In den Arbeitervierteln tickt eine Zeitbombe. Es ist ein Zustand der Gesetzlosigkeit. “

Der Autor Paul Andersson Toussaint plädiert dafür, die sanfte Wohlfahrtspolitik der niederländischen Regierung („Tee trinken“) aufzugeben und „eine sehr klare Linie zu ziehen“, weil „die kriminelle Machokultur verschwinden muss“. „Daran ist nichts Rassistisches.“ Toussaint: „Sie haben keine Angst, erwischt zu werden, das passiert ja auch nicht oft. Die niederländische Gesellschaft ist ihnen egal. Es gibt extreme Wut und Hass, besonders gegen Weiße. “

Unser Autor Syp Wynia ist ein bekannter niederländischer Journalist. Er ist Gründer und Herausgeber von „Wynia`s Week“, dem TE-Partner-Magazin in den Niederlanden.

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Kommentare ( 265 )

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265 Kommentare auf "„Rassenunruhen“: Wie Krieg in niederländischen Städten und Badeorten"

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Vor ein paar Tagen gab es ein heute-journal mit Marietta Slomka. Darin ging es um die angebliche desaströste Auslandsbilanz von DT. All diese Erfolge, die hier aufgelsitet werden und die neuen Verbindungen zwischen IOsrael undd er arabischen Welt wurden schlicht ignoriert.
Ich habe abgeschaltet, auch weil ich weiß dass der ÖR damit Erfolg hat. Auch in meinem familiären und geschäftlichen Umfeld.

Ich würde als Polizist keinen Finger krümmen, sondern mich hinstellen und sagen: Entweder Rückhalt von der gesamten Politik, Gesellschaft und Medien oder Ihr macht Eure Sicherheitsarbeit alleine. Im Zweifel einen privaten Sicherheitsdienst gründen oder einen anderen Job suchen sowie der Jugend vom Polizeidienst abraten. So viele wie möglich. Die linken Meinungsführer dort werden zeitnah große Augen machen.

Also solche Tatsachenberichte als blanken Rassismus. Dabei mag ich doch den Haltungsjournalismus.

Ich finde, die holländische Polizei sollte sich zurückhalten. (Ist Satire hier erlaubt?)
Denn wenn sie nicht eingreift, bekämpfen sich die „migrantischen Gruppen“ selbst bis aufs Blut, was ja dann zum Glück keine Polizeigewalt darstellt.
Wenn sie hingegen einschreitet, kreischen die Linksgrünen sofort von rassistischer Polizeigewalt, die sich ja ausschließlich gegen die armen, vor Krieg und Gewalt geflohenen Schutzbefohlenen richtet, neudeutsch auch „race profiling“ genannt. Entsprechend geschnittene Handyvideos der unmenschlichen Polizeigewalt sind dabei flott fabriziert und animieren die armen, verfolgten Flüchtlinge nur noch zu mehr Widerstand.

@Hannibal Murkle

Ich kann den WELT-Artikel nicht ganz zugreifen, aber gemessen an dem einsehbaren Ausschnitt, wird verallgemeinernd von „Jugendlichen“ gesprochen. So wird dem Leser ininsuier, dass „Daan“, „Bram“ und „Mats“ auf den Straßen randaliert hätten.

Bei uns gibt es „Zwischenfälle“, aber sie schwanken noch, ob das „islamistische“ oder das „psychische“ Versagen des terroristischen Menschen im Vordergrund steht – während das bei dem in Hanau bis heute glasklar ist und unzweifelhaft feststeht: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/zwischenfall-auf-berliner-autobahn-islamistischer-anschlag-16911660.html?utm_campaign=GEPC%253Ds30&utm_content=bufferfedb5&utm_medium=social&utm_source=twitter.com

Unser Kernproblem ist, dass sich das in den letzten Jahren entwickelte Wohlfühlbürgertum in seinem Lifestyle nicht verstören lassen möchte. Also blendet man alles aus, was einen beunruhigen, zum Nachdenken veranlassen und vor allen Dingen zum Handeln zwingen könnte. Aber irgendwann ist der Freiraum für dieses neubourgeoise Verhalten zu Ende. Dann wird es zu spät sein, um die Weichen umzulegen. Unsere öffentlich rechtlichen Medien scheinen sich immer mehr darin zu suhlen, die Reste der nach dem Zweiten Weltkrieg durch Fleiß und Umsicht gewachsenen Gesellschaft weiter zu zersetzen und gesellschaftliche Gruppen bashingmäßig gegeneinander auszuspielen. Von vielen der nachgewachsenen Politikern und Politikern können… Mehr

Aber Sie wissen doch inzwischen, dass über bedeutungslose Einzelfälle mit nur lokalen Bezug das Staatsfernsehen nicht berichten kann. Zudem wäre es ja auch zutiefst rassistisch, wenn man die armen schutzbedürftigen Menschen, die noch nicht so lange hier leben, durch die Öffentlichkeit zerren würde.
Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn einheimische Wirrköpfe und rechtsradikale Coronaleugner es wagen, teilweise ohne Maske zu demonstrieren. Da wird sofort der Ruf nach dem Einsatz von Wasserwerfern laut.
Das Hofberichterstatter-Fernsehen muss halt Prioritäten setzen.

Rassismus-Vorwürfe gegen Polizeimaßnahmen und die Eindämmung von solcher Migrantengewalt führen zu einem Dilemma, das sich in letzter Konsequenz nur auf zweierlei Weise lösen lässt (wenn man es lösen wollte): Den Rassismusvorwurf unschädlich mahen und Polizeimaßnahmen ausschließlich nach ihrer Verrhältnismäßigkeit in Bezug auf die Anforderungen/Delikte zu beurteilen oder alle, die den Rassismusjoker ziehen könnten dahin zurück, wo sie hergekommen sind bzw. ethnisch hingehören.

Wenn pauschale Rassismus-Vorwürfe gegen die Polizei und Staatsgewalt zum Freibrief für migrantische Kriminelle und Unruhestifter wird, dann ist das Land verloren und das Gemeinwesen freigegeben für die Okkupation durch jene.