Paris: Dutzende Vorschullehrer wegen sexueller Gewalt suspendiert

Haben die jüngsten Kommunalwahlen etwas gebracht? In Paris sind noch immer die Sozialisten an der Macht, wenn auch geschwächt. Nun trifft sie ein schwerer Missbrauchsskandal an staatlichen Vorschulen. Der neue Bürgermeister hat die politische Verantwortung seiner Partei eingeräumt.

picture alliance / Hans Lucas | Amaury Cornu

Kaum im Amt, sieht sich der neue Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire (Parti socialiste) mit Vorwürfen gegen seine Partei konfrontiert. Schon im Wahlkampf wurde die „schmutzige Wäsche“ dieser Partei recht öffentlich gewaschen. Es geht nicht um einen der offensichtlichen Mängel der Hauptstadt, die zunehmend zu einer Bi- oder Trizone aus verschiedenen Ethnien wird, während sich viele Einwohner nicht mehr am normalen Wirtschaftsleben beteiligen. Es geht um Schmutzecken tief im eigenen System des staatlichen Systems, um die Schulen und Vorschulen der Stadt.

Der neue Bürgermeister, einst rechte Hand der dominanten Anne Hidalgo, dann von ihr abtrünnig, hat seit Jahresbeginn 78 Betreuer aus den Pariser Vorschulen suspendiert, davon 31 wegen des dringenden Verdachts auf sexuellen Missbrauch an Kindern. Der Rest hat Täter und Taten offenbar gedeckt oder sich sonstwie schuldig gemacht.

Die parteilose Mitte-rechts-Kandidatin Rachida Dati hatte mit dem Thema Wahlkampf gemacht. Angeblich haben Hidalgo und Grégoire die Vorschulen nicht hinreichend beaufsichtigt und Warnsignale bewusst überhört. Grégoire organisierte seine Defensive, indem er erzählte, als Schulkind ebenfalls Opfer sexueller Gewalt während des Schwimmunterrichts geworden zu sein. Wie immer geht es auch darum, dass in einem so festgefügten System wie der staatlichen Irgendwas-Vorsorge niemand einen Fehler erkennen, benennen oder gar anzeigen will. Die allmächtige Verwaltung hält in solchen Fällen notorisch zusammen. Eltern dürfen ihr Kinder an den Pforten von Kitas und Vorschulen abliefern und müssen vermutlich noch dankbar sein, dass das jemand für sie übernimmt.

Im Französischen heißen die Vorschulen bezeichnenderweise „maternelle“, also mütterliche Schule, Ersatzmutter zur quasi. Betroffen ist nun auch eine Maternelle im wohlhabenden 7. Arrondissement, deren Co-Leiter schon im Mai 2025 hatte zurücktreten müssen, ohne dass die Eltern den Grund erfuhren. Laut der Website Mediapart berichten allein fünf Familien mit Kindern an dieser Vorschule von Missbrauch an ihren Kindern. Ein Mädchen beschrieb das Geschehen in dem Satz: „Der Wolf geht im Schlafsaal um.“ Andere sprechen von einem „Gefängnis“ oder einem „blauen Raum“, in dem die schlimmen Dinge passieren. Die Rede ist von Küssen auf den Mund und auf Geschlechtsteile. Und auch in diesem, wie gesagt: geschlossenen, System ist es so, dass Täter geschont, etwa schlicht an andere Einrichtungen versetzt werden, wo sie dann weiter Unheil stiften können.

Kinder werden oft nicht ernst genommen

Bedenklich stimmt daneben eine Praxis, die Raum greift, wenn Eltern erste Hinweise auf Missbrauch haben. Herbeigezogene Kinderpsychologen beharren dann oft darauf, die Kinder seien von ihren Eltern oder Altersgenossen beeinflusst und entwerten so deren Aussagen. So werden selbst eindeutige Beschwerden wie Verstopfung, Reizungen im Genitalbereich oder neu aufkeimende Ängste weggewischt statt ernst genommen.

So kam es, dass auch im Fall der Pariser Vorschule im 7. Bezirk erst ein Fernsehbericht über die Vorgänge die Eltern auf den Plan riefen und ihnen klar machte, dass ihre Kinder nicht phantasierten. Zuvor hatte das System zusammengehalten, nicht anders als auch in Berlin-Neukölln, wo das Jugendamt samt der linken Bezirksstadträtin und die Leitung eines Jugendzentrums so lange zusammenhielten, bis das vergewaltigte Mädchen quasi alleine den Weg zur Polizei geschafft hatte. Die vorgeschobene Begründung der Behörden in diesem Fall: Man wollte keine Anzeige erstatten, solange das Opfer dies nicht wünsche. Aber das Opfer suchte sich selbst Hilfe, und so kam der Charakter sicher nicht nur dieses Berliner Jugendzentrums ans Licht.

Man kann auch in Deutschland die Liste verlängern um Beispiele wie die Odenwaldschule oder das im Ansatz missratene „Kentler-Experiment“, in dem schwer erziehbare Jungen in die Obhut von pädophilen Pflegevätern gegeben wurden – in Verlängerung einer Linie aus der Entstehungszeit der Grünen Partei, als Vertreter wie Daniel Cohn-Bendit sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen „normalisieren“ wollten. Auch die großen Kirchen waren oft genug Systeme, die Verbrechen deckten.

Grégoire will eigentlich nur Hidalgos Werk fortsetzen

Und während Skandale wie dieser den Ruf der Sozialisten in Paris im letzten Wahlkampf noch nicht eindeutig erschüttern konnten, will Emmanuel Grégoire vor allem die Anti-Auto-Politik seiner Vorgängerin fortsetzen, die auch eine Anti-Geschäftspolitik ist. Direkt nach dem Wahlsieg führ Grégoire demonstrativ mit dem Fahrrad ins Rathaus. Daneben will Grégoire angeblich Sicherheitskioske nach japanischem Vorbild installieren, sogenannte „kōban“; im Grunde sind das kleine Wachen, die ihren Ort wechseln und so den Hotspots der neuen Kriminalität hinterherziehen können. Man sieht, da warten noch mehr Probleme auf den neuen Bürgermeister.

Grégoire hat sich zu einer Verantwortung staatlicher Stellen im Missbrauchsskandal bekannt, will aber persönlich keine Schuld daran tragen. Fest steht, dass die staatliche Beaufsichtigung des eigenen Personals hier offenbar nicht funktionierte. Man kann nur mutmaßen, welche Netzwerke sich unter diesem Schirm und Deckel Zutritt zu den Vorschulen der Stadt verschafften. Es scheint sich um ein regelrechtes System gehandelt zu haben.

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