Frankreich zwischen Brand und Barrikade: Wie Eltern dem Wahn entkommen

Während noch immer hunderte Schulen brennen, stehen normale Eltern vor einer Frage: Wie schütze ich meine Kinder vor dem Chaos? Manche gehen mit auf die Straße – aber dabei kam es auch am Dienstag zu Zusammenstößen. Das Land reagiert erstaunlich entspannt, aber zunehmend fester.

picture alliance / NurPhoto | Tonny Linke

Angesichts der immer noch eskalierenden Proteste und Unruhen rund um die Schulen des Landes haben die anständigen Eltern in diesem Dilemma zu zwei Wegen gefunden, um Verwicklungen zu vermeiden: Einige gingen schlicht mit ihren Kindern auf die Straße an diesem Dienstag, 6. Oktober. Die Rede war von einer „Mobilisierung der Gymnasiasten“, so wie generell immer von der „Gymnasiasten-“ oder „Oberschülerbewegung“ (mouvement lycéen) gesprochen wird. Und so füllten Umzüge die französischen Städte, unterstützt vom üblichen Brimborium der diversen Gewerkschaften, für den Anfang anscheinend friedfertig – allerdings unter strenger Aufsicht durch die Sicherheitsbehörden.

Der andere Weg war für viele Eltern, ihre halbwüchsigen Kinder umgehend von den Schulen nach Hause zu rufen und sie wohl auch nicht auf solch eine Demo zu schicken, bei der weitere Gewaltausbrüche drohen. Die 16- oder 17-jährigen Schüler galt es davor zu bewahren, in eine der Unruhen zu geraten und sich am Ende zwischen brennenden Mülltonnen und bewaffneten Randalierern wiederzufinden.

Laut Innenministerium demonstrierten über 250.000 landesweit für bessere Schulbedingungen, davon 50.000 in Paris. Die Organisatoren sprechen von 450.000. Daneben wird allein in Paris von 300 „feindseligen Personen“ berichtet, die sich vom Zug absetzten oder von außen dazukamen und Gewalttaten begingen. Es könnten wohl deutlich mehr sein. Denn die letzten Tage sahen zahllose Akte der Gewalt rund um die Schulen des Landes.

Bleibende Schäden nach Tagen der Gewalt

Im Verlauf der „Proteste“ der letzten Tage dieser „Bewegung“ wurde in Marseille ein Feuerwehrwagen von angeblichen „Gymnasiasten“ geplündert und in Brand gesteckt, ebenso ein öffentlicher Bus. In Belfort unweit der deutschen Grenze wurde ein Polizist, schon am Boden liegend, verprügelt. Am Montag soll ein 15-jähriger Schüler eine Deescalation-Granate der Polizei aufgehoben haben, um sie zurückzuwerfen. Sie explodierte in seiner linken Hand, die er so verlor. Eine Untersuchung des Vorfalls wurde eingeleitet.

Die Eingangsbereiche von dutzenden Lycées sind heute nur noch verkokelte Reste ihrer selbst. Wie war das noch mit der Finanznot des französischen Staates, die angeblich leistungsmindernd auf die Schulen durchschlägt? Man hat sie größer gemacht. Laut Berichten belaufen sich die angesammelten Verluste auf 50 Millionen Euro. Das ließ die Befürchtungen in die Höhe schießen angesichts der großen „Mobilisierung“ der Schüler, die für diesen Dienstag angekündigt war.

Besonders flagrant ist der Fall des Lycée Nelson-Mandela in Nantes, das erst 2014 eröffnet wurde, nun aber mit schweren Beschädigungen geschlossen wurde. Natürlich kann man auch so seine Probleme mit der Schule oder einem ganzen System lösen: Man brennt einfach alles ab. Dann gibt es keine schlechten Noten und kein Sitzenbleiben mehr. Das könnte durchaus eine Motivation vieler Schüler gewesen sein, die ihre Zukunft nicht mit der eigenen Bildung verknüpft haben.

Im Département Hauts-de-Seine wird allerdings auch ein Kontrapunkt gesetzt: Eltern, deren Kinder sich an der Gewalt beteiligten, wurden vom Präfekten vorgeladen und abgelichtet, wenn anonymisiert von hinten. Den Eltern wurde mitgeteilt, dass sie moralisch und rechtlich für ihre Kinder verantwortlich sind. Wenn es nützt … Grüne und linksradikale Abgeordnete fanden das natürlich „abstoßend“, „autoritär“ oder „repressiv“. 

Jüdische Schüler protestieren gegen Vorfälle

Auch am Dienstag blieb ein Viertel der französischen Oberschulen geschlossen: 891 von rund 3.700 Lycées konnten nicht normal arbeiten, sei’s wegen der Unruhen, sei’s wegen der Zerstörungen. Übrigens sind die Bildungsausgaben in Frankreich mit 4,5 Prozent des BIP gar nicht so niedrig. Viele Länder, auch ärmere in Europa, geben anteilig weniger aus. In Deutschland liegt dieser Anteil laut Statistischem Bundesamt ähnlich hoch (2024: 4,6 Prozent). Natürlich bekommt man nicht den Eindruck, dass jeder Cent gut investiert wäre. Jedenfalls lassen die PISA-Erfolge beider Länder seit Jahren zu wünschen übrig.

Und auch am Dienstag kam es erneut zu „Aussetzern“ bei der Friedfertigkeit: In Lyon stießen „feindselige Personengruppen“ zu der Demonstration und bildeten eigene „wilde Demonstrationszüge“, wie die Präfektur des Départements Rhône feststellte. Und aus diesen „wilden“ Gruppen flogen offenbar auch wieder die bekannten Wurfgeschosse auf Polizei und Gendarmerie. Auch in Rennes tauchte eine „feindselige Gruppe“ auf der Place de la République auf. Die Polizei versuchte die Feindseligen von den Friedfertigen zu trennen, setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Dasselbe Bild der Wurfgeschosse gab es in Straßburg.

— Luc Auffret (@LucAuffret) October 6, 2026

Die Vereinigung der jüdischen Schüler hat sich den Forderungen der Schülerbewegung angeschlossen, prangert aber deren Vereinnahmung durch die linke Partei La France Insoumise (LFI) und „antisemitische Auswüchse“ an. Ja, es brauche „bessere Lernbedingungen für alle, aber auch eine neue Forderung: die Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Antisemitismus an den Gymnasien zu verstärken“. Immerhin, ein wenig schlagen diese Aussagen eine Schneise durch die verquere Identifikation von Schülerprotesten mit gewalttätigen Ausschreitungen und Ansagen.

Was es mit diesem Protest der jüdischen Schüler auf sich hat, muss man erklären: Am 1. Oktober wurde nicht nur das Gymnasium im südfranzösischen Carpentras blockiert. Es wurden auch Mülltonnen in Brand gesetzt. Davor standen Jugendliche mit Palästina-Flaggen. In Videos waren Parolen zu hören und zu lesen wie: „Wir haben Israel verbrannt!“ – „Wer sind die Juden? Wir zertrampeln sie!“

Rima Hassan, Antifa und Antisemitismus

Anderswo war zu hören: „Wir sind alle Kinder von Gaza“. Auch Hakenkreuze sollen gesichtet worden sein. Für diese Bezugnahmen auf den Nahostkonflikt wird auch die linke Partei LFI verantwortlich gemacht, die den Konflikt immer wieder aufgreift, weil er muslimische Wähler mobilisiert. Gerade erst hat die LFI-Abgeordnete Rima Hassan die israelische und die EU-Flagge zu Boden geworfen – an dem Ort, an dem an die Taten vom 7. Oktober erinnert wurde.

Die konservative Website Boulevard Voltaire sieht ohnehin eine große Nähe von La France insoumise zum Antisemitismus. Die parteinahe Schlägertruppe Jeune Garde um den Abgeordneten Raphaël Arnahttps://twitter.com/Ringo496351/status/2107486159735566770ult soll schon 2024 einen jungen Juden am Rande einer Parteiveranstaltung von Rima Hassan angegriffen haben. Dazu gibt es ein Audiodokument: Der Jugendliche von 15 Jahren bricht darin in Tränen aus. Sein Leben scheint bedroht. Er muss zehn Mal „Es lebe Palästina“ rufen. 2026 folgte dann der Lynchmord an Quentin Deranque – wiederum am Rande einer Rima-Hassan-Veranstaltung, die auch wieder von der Jeune Garde begleitet wurde. Man kann getrost sagen, dass diese vorgebliche Antifa-Truppe selbst faschistisch ist.

Unheimliche Parallelen: Kinder des 7. Oktober in drei Ländern

Es ist fast atemberaubend, wie sich in drei europäischen Ländern in einer relativ kurzen Zeitspanne dieselbe Dynamik zeigt. Das lässt allerdings die Idee aufkeimen, dass es hier einen echten Zusammenhang und eine Ermutigung von außen gibt. Der 7. Oktober, der Terrorangriff auf Israel mit den folgenden Kämpfen, bietet natürlich einen Rahmen.

In Großbritannien haben sich die Grünen gerade zur antizionistischen Partei umgebaut – das bedeutet, zu einer Partei von Antisemiten. Denn die überwältigende Mehrheit der britischen Juden sind entweder selbst Zionisten oder besuchen Synagogen mit dieser Ausrichtung.

Dieselbe Entwicklung vollzieht sich in rasendem Tempo auch in der deutschen Hauptstadt, hier angeführt von der LINKEN (LFI auf Deutsch), aber mit einer SPD und den GRÜNEN, die sich schon heute willfährig in deren Schlepptau begeben. Nun hofft das Establishment der Stadt – etwa Volker Beck als Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft –, dass es auch weiterhin vor dem zunehmend muslimischen Clan-Stadtbild geschützt wird.

Iran protestiert gegen „unverhältnismäßige Gewalt“

Inzwischen hat sich auch der Iran zu Wort gemeldet in einer Sache, die man für innerfranzösisch halten sollte. Die Rede ist von „unverhältnismäßiger Gewalt“ gegen die Schülerproteste und einem „unvertretbar“ harten Vorgehen gegen die „Bewegung“, schreibt Le Parisien. Dass die iranische Kritik ziemlich eigennützig und absurd daherkommt, unterliegt keiner Frage.

Um den Jahreswechsel 2025/2026 hatte das Mullah-Regime landesweite Proteste wegen der Wirtschaftslage, gegen die Regierung im allgemeinen und deren theokratischen Charakter blutig niedergeschlagen – mit zehntausenden Toten und fast einer halben Million Verletzten. Es folgten Hinrichtungen, oft von Jugendlichen und Sportlern.

Dass die Reaktion des französischen Staates eine ganz andere ist, liegt auf der Hand. Die Teheraner Führung will mit ihren Aussagen eine Scheinparallele herstellen und von eigenen Vergehen ablenken. Außerdem ist gewissermaßen klar, dass der chaotische Aufstand einer großteils muslimischen Jugend mit Wurzeln in Nordafrika eher die Gnade der Mullahs findet als die Proteste der eigenen säkularen Jugend.

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