Eskalation im Brüsseler Apparat: Kallas nennt von der Leyen „Diktatorin“

In Brüssel wächst der Widerstand gegen Ursula von der Leyen mit jedem Tag mehr: Kaja Kallas nennt sie intern „Diktatorin“, Misstrauensanträge in kurzen Abständen. Die Autorität bröckelt massiv, so dass Manfred Weber (CSU) selbst die eigene Fraktion nur noch mit massiven Sanktionsandrohungen kaum mehr noch auf Linie halten kann.

picture alliance / Anadolu | Dursun Aydemir

Was sich derzeit in Brüssel abspielt, ist starker Tobak. Nach einem Bericht des Magazins Politico eskaliert der Machtkampf zwischen der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen um die Frage, wer den diplomatischen Kurs der Europäischen Union festlegt. Politico zitiert einen Insider, der bestätigt, Kallas habe mit Blick auf die Neustrukturierung der diplomatischen Vertretung der EU von der Leyen im privaten Kreis als „Diktatorin“ bezeichnet. Zugleich räumte Kallas ein, es gebe wenig bis gar nichts, was sie dem entgegensetzen könne.

Kallas steht politisch auf vergleichsweise schmaler Basis. Als Vertreterin einer kleineren liberalen Gruppierung im Europäischen Parlament fehlt ihr die breite Rückendeckung, während sie zugleich zunehmend unter Druck durch die Kommission gerät, die seit Längerem massiv in das diplomatische Feld vorstößt. Vieles deutet darauf hin, dass Ursula von der Leyen angesichts zahlreicher Misstrauensanträge gegen ihre Amtsführung, der schwelenden wirtschaftlichen Krise der EU und eines erheblichen Autoritätsverlusts nach den weithin als katastrophal bewerteten Handelsgesprächen mit den Vereinigten Staaten versucht, ihren Kompetenzbereich mit Hochdruck auszuweiten und so ihre Hilfstruppen hinter sich zu versammeln.

Dieser Ausbau persönlicher Macht erfolgt auf Kosten von Kallas. Im Kern zeigt sich dabei ein bekanntes Muster: Außenpolitische Aktivität dient als medientaktische Ausweichbewegung von inneren Problemen. Von der Leyens Vorgehen folgt dabei einem bekannten politischen Muster: Außenpolitische Aktivität dient als strategische Ausweichbewegung, um von inneren Krisen abzulenken. Die internationale Bühne wird zur Projektionsfläche demonstrativer Handlungsfähigkeit, während strukturelle Defizite im Inneren unangetastet bleiben.

Ziel ist es offenkundig, durch diplomatische Schönwetterrhetorik positive Schlagzeilen zu produzieren und so von den tief wurzelnden strukturellen Defiziten im Inneren abzulenken.

Vor diesem Hintergrund lässt sich möglicherweise auch das mitunter erratische Auftreten Kaja Kallas’ im Russland-Konflikt erklären. Um im von Ursula von der Leyen dominierten EU-Medienbetrieb nicht unterzugehen und in den diplomatischen Wellen zu versinken, nutzte sie den Konflikt mit Russland immer wieder als rhetorische Bühne. Russland müsse militärisch in die Knie gezwungen werden, erklärte sie mehrfach. Ein „Business as usual“ mit Kriegsverbrechern wie Wladimir Putin dürfe es nicht geben. Russland habe, so ihre wiederholte Zuspitzung, mindestens 19 Länder überfallen – dies klingt nicht nach diplomatischem Sound, der auf einen Frieden mit Russland hinwirkt. So tritt jemand auf der internationalen Bühne auf, der den diplomatischen Scherbenhaufen riskiert, um selbst auf Kosten der Allgemeinheit an Profil zu gewinnen.

Der spürbare Verlust an Zuständigkeit im diplomatischen Chor dürfte ihren Ton verschärft haben. Und der Druck auf Kallas wurde kontinuierlich erhöht. Bereits im Februar 2025 schuf die Kommission unter von der Leyen mit der Generaldirektion für den Nahen Osten, Nordafrika und die Golfregion (DG MENA) eine Institution, die faktisch neben die diplomatische Zuständigkeit von Kallas trat. Unter der Leitung von Kommissarin Dubravka Šuica und Stefano Sannino wurde das diplomatische EU-Korps für den Mittelmeerraum neu organisiert – ein Schritt, der Kallas materiell zentrale Kompetenzen entzog.

Besonders zynisch wirkt in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet im Bereich des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS), der Kallas untersteht, eine Verschlankung der Bürokratie durchgesetzt werden soll. Dies widerspricht den sonstigen Gepflogenheiten Brüssels, wo seit Jahren ein massiver Ausbau administrativer Strukturen und politischer Eigenständigkeit betrieben wird. Die DG MENA beschäftigt inzwischen mehr als 500 Mitarbeiter in Brüssel und ist direkt der Kommission unterstellt. So entstehen kostspielige Parallelstrukturen auf dem Rücken der europäischen Steuerzahler – nicht zuletzt zur Stabilisierung der Machtbasis Ursula von der Leyens.

Der Machtkampf zwischen Ursula von der Leyen und Kaja Kallas setzt sich ungebrochen bei der Frage nach der Organisation eines geplanten EU-Geheimdienstes fort. Nach den Vorstellungen der Kommissionspräsidentin soll eine neue Einheit direkt im Generalsekretariat der Kommission angesiedelt werden. Kallas hingegen verteidigt vehement das bestehende Europäische Zentrum für Informationsgewinnung und Analyse (IntCen), das dem Europäischen Auswärtigen Dienst untersteht. Kallas warnte immer wieder vor einer weitgehenden politischen Entwertung jener Institution, für die sie selbst die Verantwortung trägt.

Von der Leyen, über viele Jahre hinweg erprobt in machttaktischen Winkelzügen, treibt den Konflikt mit Kallas weiter auf die Spitze. Seit geraumer Zeit blockiert sie zentrale Personalentscheidungen innerhalb des EEAS. Dazu zählt unter anderem die geplante Ernennung von Martin Selmayr zum Stellvertreter von Kallas – ein Vorgang, der den schwelenden Konflikt zwischen den beiden weiter anheizt und die institutionelle Handlungsfähigkeit des Auswärtigen Dienstes zusätzlich belastet.

Der sich zunehmend aufschaukelnde Kompetenzkampf zwischen von der Leyen und Kallas legt die tiefen Risse innerhalb der EU-Führung offen, die durch die wachsende internationale Isolierung der Europäischen Union immer deutlicher zutage treten. Mit der kompromisslosen Linie im Russland-Konflikt hat Brüssel faktisch eine Mauer gegen eine eurasische Vertiefung errichtet, während man sich zugleich ideologisch mit den Vereinigten Staaten überworfen hat. Der diplomatische Streit ist damit weniger Ursache als Symptom eines strukturellen Führungsversagens.

Er spiegelt die personelle Inkompetenz der politischen Spitze in Brüssel wider, deren einzige gemeinsame ideologische Klammer offenbar im Streben nach dem Ausbau eines mächtigen zentralen EU-Körpers mit Sitz in Brüssel besteht. Der eigentliche Streitpunkt ist dabei nicht der politische Kurs an sich, sondern lediglich der Weg hin zu einem supranationalen System: der Aufbau eigenständiger Geheimdienststrukturen, flankiert von einem angeschlossenen Zensur- und Kontrollapparat.

Von einer ernsthaften Oppositionsarbeit innerhalb der EU kann dabei keine Rede sein. Es handelt sich vielmehr um rivalisierende Fraktionen, die um institutionellen Einfluss und persönliche Machtpositionen ringen – nicht um eine inhaltliche Neujustierung der europäischen Politik. Der Grundkurs der EU bleibt dabei unangefochten.

Im Schatten dieses Machtkampfs wächst jedoch die konservative Opposition weiter heran, die so spürbar an Glaubwürdigkeit gewinnt. Die fortschreitende Offenlegung der internen Brüche und Machtkämpfe innerhalb des Brüsseler politischen Kartells könnte ihr zusätzlichen Aufwind verschaffen.

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Kommentare ( 82 )

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Peter Pascht
1 Monat her

Muss man hier alles haarklein erklären? vd Leyen, EU Kommission, EU Parlament besitzen überhaupt keine rechtliche Zuständigkeit, Deutschland irgendetwas zu befehlen, oder anzuordnen. Ja es ist sogar verboten dem zu Folgen was die beschließen StGB Art.92 Deutscher Regierung, Bundestag, Rechtsprechen ist es verboten sie dazu zu ermächtigen, denn das verbietet das Grundgsetz – Urteil BverfG vom 30. Juni 2009. Zudem gilt: StGB Art. 921) Im Sinne dieses Gesetzes beeinträchtigt den Bestand der Bundesrepublik Deutschland, wer ihre Freiheit von fremder Botmäßigkeit aufhebt, ihre staatliche Einheit beseitigt oder ein zu ihr gehörendes Gebiet abtrennt.3) Im Sinne dieses Gesetzes sind1.  Bestrebungen gegen den Bestand… Mehr

Don Didi
1 Monat her
Antworten an  Peter Pascht

Soweit die Theorie. Das Spiel wird aber anders gespielt. Die deutsche Regierung spielt in der EU mit, die deutsche Regierung trifft die Entscheidungen, ganz so, wie es das GG fordert. Nur daß die deutsche Regierung genau die Entscheidungen trifft, die von der EU (und damit maßgeblich von ihnen selbst) „vorschlägt“. Damit hat theoretisch/auf dem Papier die deutsche Regierung GG-konform die Entscheidung getroffen, faktisch werden die Vorlagen aber in Brüssel erstellt.

Fralarovi
1 Monat her

Entweder herrscht die aufrichtige Suche nach Wahrheit oder es herrscht die Macht der Herrschenden. Demokratie entstand im Laufe von Jahrhunderten nicht ohne ehrliches Streben nach Menschenwürde, Menschenrechten, Gleichheit vor dem Gesetz, Wahrheit, Objektivität, Rechtsstaatlichkeit, nach Wohlstand für alle und nach Frieden, Freiheit und Aufklärung der Hintergründe, Zusammenhänge, der relevanten Perspektiven und Aspekte. Sonstige politische Systeme sind auf Macht aufgebaut und führen von der Demokratie weg, zu Totalitarismus und Unterdrückung. Über Jahrhunderte hatte sich diese Suche auf der Grundlage des christlichen Menschenbilds entwickelt. Wahrheitssuche ist möglich, auch wenn Menschen egozentrisch, fehlerhaft, begrenzt sind. Philosoph Johannes Hartl: „Wir sind als Gesellschaft in… Mehr

jugend_attacke
1 Monat her

Tut mir leid, aber hat den Text ne AI geschrieben? Dieser Ausbau persönlicher Macht erfolgt auf Kosten von Kallas. Im Kern zeigt sich dabei ein bekanntes Muster: Außenpolitische Aktivität dient als medientaktische Ausweichbewegung von inneren Problemen. Von der Leyens Vorgehen folgt dabei einem bekannten politischen Muster: Außenpolitische Aktivität dient als strategische Ausweichbewegung, um von inneren Krisen abzulenken. Die internationale Bühne wird zur Projektionsfläche demonstrativer Handlungsfähigkeit, während strukturelle Defizite im Inneren unangetastet bleiben.Ziel ist es offenkundig, durch diplomatische Schönwetterrhetorik positive Schlagzeilen zu produzieren und so von den tief wurzelnden strukturellen Defiziten im Inneren abzulenken. Das ist dreimal die gleiche Aussage in… Mehr

Diogenes
1 Monat her

„Diktatorin“? Viel zu viel der Ehre! Eine als unfähig bewiesene „Verteidigungsministerin“ zur beliebigen Verfügung niemals von einem Volk gewählt abgeschoben in den EU-Haufen voll abgewrackter tausender weiterer politik-unfähiger Figuren (im Sinne des Dienstes an ihrem Volk) aus aller europäischer „Herren Länder“ eines einst lebendigen, souveränen Europas in einen Sumpf, genannt „Europäische Union“. Aber jederzeit bereit in jede ihr von höherer Stelle oder vom Roulett zugewiesene Position einzufinden und diese in der Rolle einer liebend gerne akzeptierten Sandkasten-Königin. Nur minimale „denglish“ Fähigkeiten sind Voraussetzungen für so eine Karriere. Und zahllose lebenslang für ihr Land sich abgerackert habende Rentner wissen nur wo… Mehr

Mathias Rudek
1 Monat her

Inkompetente Politik-Darstellerinnen auf ganzer Linie. Die ganzen Kämpferinnen gegen die Grund- und Freiheitsrechte der Bürger sind an vorderster Front diese ganzen Quoten-Weiber, das gilt nicht nur für die EU, sondern für Deutschland allemal.

Anglesachse
1 Monat her

Das ist blanker Stalinismus….

Martin Mueller
1 Monat her

Niemand von der EU-Kommission ist demokratisch legitimiert .

Und so führen sie sich auch auf!

Das Dilemma der EU ist mangelnde Demokratie.

Kein Wunder, wenn sie sich alle wie kleine Feudalherrscher benehmen und auch so Politik gestalten.

Und eines sollten jedem klar sein: Es gibt kein EU-Volk.
Darum muss die politische KernHoheit immer bei den Nationataaten liegen.

Da hilft es auch nicht, dass man durch unkontrollierte Masseneinwanderung quasi ein neues Volk importieren möchte und duch die Demografie vermehrt in Szene setzen möchte.

Last edited 1 Monat her by Martin Mueller
nachgefragt
1 Monat her

Diktator kann man so nicht stehen lassen. Wenn schon, gehört ein „Westentaschen-“ davor. Einen Diktator würde ja irgendwer international ernstnehmen. Unsere gernegroße Drei-Käse-Sekretärin wäre zwar gerne ein waschechter Lametta-General, aber Gott-sei-dank war noch kein Land zu bescheuert, ihr die Kontrolle über das Militär zu geben – AUßER NATÜRLICH??? Natürlich! Außer Deutschland. Mit bekanntem Ergebnis. Aber Deutschland ist ja auch so gesehen kein Land mehr, hat keine Grenze und keine Volk mehr, und wem das Land gehört, weiß auch keiner mehr so genau. Jedenfalls nicht den Deutschen – wird es aus sogenannten „elitären Kreisen“ immer wieder betont. Wobei, in Deutschland ist… Mehr

Don Didi
1 Monat her
Antworten an  nachgefragt

Wem man die Kontrolle über das „deutsche Militär“ gibt, ist eigentlich unerheblich, beim aktuellen Zustand des deutschen Militärs.
Wenn man mal den Spruch „Man geht nicht mit einem Messer zu einer Schießerei“ zu Grunde legt, rück das „deutsche Militär“ im Prinzip mit Plastik-Essbesteck aus.

Ralph Martin
1 Monat her

Kallas nennt von der Leyen „Diktatorin“!
Oma wusste es schon immer: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.

Heptamer
1 Monat her

Kallas und vdL sind beide im Zickenkrieg mit sich selbst beschäftigt. Politisch gehören beide abgesetzt. Eine europäische „Außenbeauftragte“ klingt so wie Außenminister Wadephul; die Ähnlichkeiten in Auftritt und Wirken sind verblüffend.