Die Sanktionierung der Meinungsfreiheit

Die EU baut Sanktionen zur Waffe gegen Kritik um: Reiseverbote, Konten einfrieren, wirtschaftliche Strangulation – ohne Urteil, ohne nachprüfbare Beweise, oft ohne Vorwarnung. Kaja Kallas will solche totalitären Maßnahmen als „Rechtsstaatlichkeit“ deklarieren. In Wahrheit reicht das Etikett „destabilisierend“, um Andersdenkende zu treffen.

IMAGO

Selten wird die Spannung zwischen politischer Zweckmäßigkeit und rechtsstaatlichem Anspruch so deutlich wie im Umgang der Europäischen Union mit individuellen Sanktionen. Im Dezember 2025 haben Abgeordnete des Europäischen Parlaments, denen ich mich anschloss, eine Überprüfung neu verhängter Maßnahmen gefordert. Wir sorgen uns nach wie vor um die Substanz europäischer Rechtsstaatlichkeit.

Sanktionen gegen Europäer
Offiziell: EU bestraft missliebige Meinungen
In dem Schreiben, das an die Außenbeauftragte Kaja Kallas und den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, adressiert war, kritisieren wir, dass diese Maßnahmen Grundrechte wie Meinungsfreiheit, das Recht auf ein faires Verfahren und den Eigentumsschutz verletzen. Wir forderten die EU-Außenbeauftragte Kallas und den Präsidenten des Europäischen Rates Costa auf, die Sanktionen gegen zwölf weitere Personen, darunter Oberst Jacques Baud, zu überprüfen. Beide Schreiben finden Sie auf meiner Webseite.

Am 29. Januar 2026 antwortete Kallas, auch im Namen von Costa – in erster Linie, um die Rechtmäßigkeit und die formalen Verfahren der Sanktionen zu betonen. Unsere Kernkritik griff sie dabei nicht wirklich auf.

Ihre Antwort liest sich wie ein Lehrstück bürokratischer Selbstverliebtheit: Mit Floskeln von „Rechtsstaatlichkeit“, „transparenter Begründung“ und „regelmäßiger Überprüfung“ versucht die Außenbeauftragte, ein Bild von Rechtmäßigkeit zu zeichnen – während sie faktisch fundamentale Bürgerrechte mit Füßen tritt.
Die EU verhängt Reiseverbote, nimmt Vermögenseinfrierungen vor und veranlasst wirtschaftliche Einschränkungen – ohne dass Gerichtsentscheidungen ergangen wären, ohne überprüfbare Beweise, ohne Vorwarnung. Die Betroffenen erfahren erst von ihrer Listung, wenn es zu spät ist, ihre Rechte auszuüben oder sich zu verteidigen.

Das ist nicht nur nicht rechtsstaatlich, es ist auch im höchsten Maße unfair und unmenschlich.

Oberst Jacques Baud, ein Schweizer Staatsbürger, wird auf Basis vager Anschuldigungen als „destabilisierend“ eingestuft, weil er angeblich „pro-russische Propaganda“ verbreite.

Konkrete Beweise für eine Koordination mit der russischen Regierung? Fehlanzeige.
Identifizierbare Quellen? Fehlanzeige.

Individuelle Prüfung? Offenbar nicht vorgesehen.

Kritik, Analyse, abweichende Meinungen – alles wird pauschal in den Sanktionsmechanismus eingespeist, der im Namen der Sicherheit und der „Demokratieverteidigung“ jeden kritischen Geist mundtot machen kann – und machen wird. Und das scheint das große Ziel zu sein.

Kaja Kallas verweist auf Anhörungsrechte, die Möglichkeit der gerichtlichen Überprüfung, die Einhaltung formaler Standards und das Einsehen der Beweise durch einfache Internetrecherche.

Doch diese rein politische Entscheidung der Mitgliedstaaten im Rat der Europäischen Union, eingebettet in die politischen Vorgaben des Europäischen Rates, führt in der Realität dazu, dass die gelisteten Einzelpersonen diffamiert, entrechtet und entmündigt werden. Ganz abgesehen davon, dass sie ohne Geld ihren Alltag bestreiten müssen.

Der erwähnte Rechtsweg nach einer Listung ist langwierig, kostspielig und kräftezehrend.

Die Verweise von Kallas sind reine Lippenbekenntnisse.

Auf dem Weg zum autoritären Maßnahmenstaat
Putinisierung im Grundwertestaat
Das Gutachten renommierter Juristen, die warnen, dass die EU den Rubikon überschreite und mit diesen Sanktionen Grundrechte verletze, wird von Kallas in ihrer Antwort in keiner Weise gewürdigt. Die vorgespiegelte „Rechtsstaatlichkeit“ ist ein Schutzmantel für faktische Willkür. Wer die EU kritisiert oder analysiert, kann (und wird!) sanktioniert werden – völlig unabhängig von nachweisbaren Handlungen.

Europa setzt hier einen gefährlichen Präzedenzfall: Mit der Begründung, die Union und ihre Partner gegen Destabilisierung zu schützen, wird Kritik mit feindlicher Aktion gleichgesetzt. Diese sprachliche Systematik kennt man von autoritären Staaten. Die EU spielt Richter, Jury und Vollstrecker in einer Person, während sie vorgibt, neutral Recht zu sprechen. Wer Transparenz, Evidenz und individuelle Prüfung ernst nimmt, sieht, dass diese Prinzipien systematisch ausgehebelt werden.

Das Resultat ist bitter: Die Union zerstört die Rechtsstaatlichkeit, die sie zu verteidigen vorgibt. Meinungsfreiheit wird zur Waffe, die man im Namen der Sicherheit gegen Andersdenkende einsetzt. Formale Verfahren dienen nur als Alibi, während faktische Willkür herrscht. Das ist die Sprache der Autoritären auf dem Weg in ein totalitäres System.

Mit jedem weiteren Sanktionspaket, das auf vagen Verdachtsmomenten und geopolitischen Schlagworten basiert, wird Europa zum Richter über Wahrheit und Meinung – und setzt die Prinzipien der Demokratie aufs Spiel, die es angeblich schützen will.

Das Europäische Parlament und die Parlamente der Mitgliedstaaten dürfen hier nicht weiter wegsehen.

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Kommentare ( 11 )

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Jatoh
26 Minuten her

„Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen. Sein persönliches Eigentum wird ihm – soweit es sich in der DDR befindet – zugestellt“.
Ausbürgerung Biermann 1976

BKF
26 Minuten her

Und Frau Kallas meint, vd Leyen als Diktatorin bezeichnen zu können? Ist das vielleicht nur Neid, weil sie denkt, es noch viel diktatorischer machen zu können, also die überlegenere Diktatorin zu sein? 😉

alter weisser Mann
27 Minuten her

Und selbige Kallas nennt von der Leyen Diktatorin.
Das ist Polittheater mit völlig schmerzfreien Darstellerinnen. Leider ist das Publikum zu dumm und träge, zu reagieren. Faule Eier und gammliges Obst wären das Mindeste.

Martin Mueller
39 Minuten her

Wenn ein politisches System festgefroren ist, dann hat es kein Interesse an Tauwetter.

Die EU ist auf einem autoritären Weg.
Wer von der EU-KOMMISSION ist eigentlich demokratisch legitimiert?

Die Kritik am EU-Regime nimmt zu. Die Bürger merken, dass sich die EU immer mehr Macht knallt. Den offenen politischen Diskurs nach grünlinks verschoben hat. Meinung wird nur noch in diesem politisch korrekt Korridor toleriert. Logisch, dass man unerwünschte Meinungen stigmatisiert, um sie zensieren, löschen und kriminalisieren zu können.

Die EU und Demokratie passen nicht mehr zusammen.

M.E.S.
39 Minuten her

Trump hat ja den Kern der Sache getroffen. UN, bzw. UN Charta sind realiter obsolet. Entweder man löst die UN auf, oder man führt sie wieder auf ihren Grundgedanken zurück. Zum letzteren gehörte dann natürlich auch die Eliminierung jeglicher Korruption innerhalb der UN-Organisationen, was wohl unmöglich sein würde.

Ralph Martin
49 Minuten her

Sie kommt aus einem Land in dem die Menschen jahrzehntelang unter in fremden Hauptstädten ersonnenen Repressalien gelitten haben.

alter weisser Mann
24 Minuten her
Antworten an  Ralph Martin

… und ihr Vater war In der Estnischen Sowjetrepublik Teil des Apparates.
„Kallas war im Finanzministerium der Estnischen Sowjetrepublik (1975–1979), als Direktor des Vorstands der Estnischen Sparkassen (1979–1986) und als stellvertretender Herausgeber der Parteizeitung Rahva Hääl („Stimme des Volkes“) (1986–1989) tätig.“

Da wird sich das persönliche Leid der 1977 Geborenen durch Repressionen arg in Grenzen gehalten haben.

Last edited 23 Minuten her by alter weisser Mann
Deutscher
49 Minuten her

Nun, man kann all diese Werkzeuge der Repression erschaffen. Man sollte sich nur nicht wundern, wenn die Gegenseite sie dann für sich nutzt, sobald die Zeit gekommen ist.

derostenistrot
55 Minuten her

in jeder dieser Politfrauen steckt das Margot-Honecker-Gen. Bei einigen sogar das stärkere Hilde-Benjamin-Gen.

Dominik R
1 Stunde her

Wie Mann sieht, die Frauen sind offenbar gar nicht die besseren Menschen. Die Brüsseler Hexenwirtschaft wird sich hoffentlich selbst zerfleischen.

AlNamrood
1 Stunde her

Ein Grund mehr für einen Dexit. Nur: Die Deutschen finden diese Methoden ja sogar noch gut.