Cloudflare unter Druck der italienischen Behörden

Italienische Behörden versuchen, Cloudflare dazu zu zwingen, bestimmte Internetdienste zu löschen und zu blockieren. Das Unternehmen wehrt sich dagegen und wendet sich an die US-amerikanische Regierung. Der Kampf um das freie Internet spitzt sich immer weiter zu.

picture alliance / NurPhoto | Samuel Boivin

Der Kampf um die Meinungshoheit, um Zensur und wirtschaftliche Dominanz im digitalen Raum entwickelt sich zunehmend zu einer zivilisatorischen Grundfrage. Dass sich in der Europäischen Union längst nicht mehr nur die EU-Kommission, sondern auch nationale Regierungen und Sicherheitsapparate auf die Seite des Meinungsdiktats und gegen das fundamentale Prinzip der Meinungsfreiheit gestellt haben, sendet ein fatales Signal in die Welt. Die EU hat sich faktisch aus dem Kreis freiheitsliebender staatlicher Akteure verabschiedet.

In dieses Bild fügt sich eine aktuelle Nachricht aus Italien nahtlos ein.

Ein Tweet des Gründers und CEO des Internetinfrastrukturanbieters Cloudflare, Matthew Prince, sorgt derzeit für Wirbel.

Prince berichtet, dass Cloudflare von einer – wie er es nennt – im Verborgenen agierenden Kabale in Italien mit einer Geldstrafe von 17 Millionen US-Dollar belegt worden sei. Der Vorwurf: Cloudflare habe sich geweigert, auf Geheiß dieser Gruppe an einem italienischen Zensurmechanismus mitzuwirken.

Eine Kabale aus Behörde und Medienkonzernen

Konkret geht es um ein von der italienischen Medienaufsicht AGCOM (Autorità per le Garanzie nelle Comunicazioni ) gesteuertes System namens „Piracy Shield“. Dieses Sperrsystem dient offiziell der Bekämpfung illegaler Sport- und Medienstreamingdienste. Im Fokus stehen dabei vor allem die wirtschaftlichen Interessen großer Akteure wie der italienischen Fußballliga Serie A, Sky Italia, DAZN, Mediaset sowie weiterer großer europäischer Medien- und Verwertungskonzerne.

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Private Akteure, vergleichbar mit den sogenannten „Trusted Flaggern“, inzwischen auch gut bekannt aus Deutschland, operieren im Auftrag des italienischen Mediensektors innerhalb dieses Systems. Sie melden Webseiten, IP-Adressen oder verdächtige Domains an „Piracy Shield“. Die Behörde zwingt daraufhin Internetdienstleister und Infrastrukturbetreiber wie Cloudflare, innerhalb von nur 30 Minuten entsprechende Sperren umzusetzen. Hier zählt jede Werbeminute, Piraterie ist tatsächlich ein brandgefährlicher wirtschaftlicher Faktor, das steht außer Zweifel. Die Frage ist nur: Wie setzen Staat und betroffene Unternehmen das Urheberrecht durch? Operiert man auf rechtsstaatlichem Boden und vermeidet Kollateralschäden wie eine staatliche Zensur durch die Hintertür?

Nach Darstellung von Prince geschieht all dies ohne richterliche Anordnung, ohne vorherige Prüfung und damit unter vollständiger Umgehung rechtsstaatlicher Verfahren. Die Maßnahme trifft nicht nur mutmaßlich illegale Angebote, sondern greift tief in die technische Infrastruktur des Netzes ein.

Cloudflare als neuralgischer Punkt der Netzinfrastruktur

Cloudflare kündigte an, sich juristisch gegen die verhängte Strafe zu wehren. Als US-amerikanisches Unternehmen, das Teile seiner Infrastruktur in Europa betreibt, ist absehbar, dass dieser Konflikt rasch auf die politische Ebene wandert. Prince stellte bereits klar, dass er den Fall in dieser Woche in Washington vortragen werde. In Italien sollten sie sich schon einmal auf eine unangenehme Konfrontation mit US-Vizepräsident JD Vance einstellen. Der ist dafür bekannt, in Fragen der Meinungsfreiheit kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Tricksereien und Täuschungsmanöver der europäischen Politik sind in amerikanischen Regierungskreisen längst bekannt.

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Um die Tragweite des Vorgangs zu verstehen, ist ein Blick auf das Geschäftsmodell von Cloudflare notwendig. Das Unternehmen zählt zu den zentralen Infrastruktursäulen des Internets. Es schützt Millionen von Webseiten vor Cyberangriffen, beschleunigt Datenströme und stellt mit Diensten wie dem DNS-Resolver 1.1.1.1 grundlegende Funktionen für die Erreichbarkeit von Internetseiten bereit. Cloudflare ist kein klassischer Contentanbieter, sondern ein digitaler Schutzschild – und gerade deshalb eine besonders vulnerable Angriffsfläche für staatliche Zensurbestrebungen.

Dass Cloudflare sich diesem Zugriff bislang entziehen kann, liegt nicht zuletzt am Firmensitz in den Vereinigten Staaten. Dort setzt sich die gegenwärtige US-Regierung demonstrativ für die Freiheit im Internet ein – ungeachtet der von europäischen Medien und Politikern geschürten Vorbehalte gegenüber Donald Trump.

Zensur statt Rechtsstaat

Das Zusammenspiel zwischen italienischen Regulierungsbehörden und mächtigen Medienkonzernen zeigt ein Problem: Statt den rechtsstaatlich sauberen Weg über die Gerichte zu wählen – etwa durch gezielte Blockade der Finanzströme illegaler Angebote – greifen die Akteure zu sofortigen, exekutiven Sperrmaßnahmen. So entsteht eine Infrastruktur, die weitreichendere Zensurbemühungen ermöglicht, auch gegenüber politischen Gegnern. Es scheint zwei Ziele zu verfolgen: die Durchsetzung nationaler Konzerninteressen und die Einordnung des italienischen Überwachungsapparats in die wachsende Stoßrichtung europäischer Politik, die zunehmend auf Kontrolle und Regulierung des Internets setzt.

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Hier drängt sich der Verdacht auf, dass gleich zwei Ziele verfolgt werden: zum einen die Durchsetzung nationaler Konzerninteressen, zum anderen die Einordnung des italienischen Überwachungsapparats in die generelle Stoßrichtung europäischer Politik, die zunehmend auf Kontrolle und Zensur des Internets setzt.

Der Cloudflare-CEO machte deutlich, dass dieser Kurs für Italien unmittelbare Konsequenzen haben könnte. Geplant ist der Rückzug kostenloser Sicherheitsleistungen für italienische Nutzer, der Abzug von Servern aus italienischen Städten sowie das Ende weiterer Investitionen im Land. Auch der pro bono bereitgestellte Cyberschutz für die Olympischen Winterspiele in Mailand-Cortina steht nun infrage.

Italien sendet damit widersprüchliche Signale. Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni positioniert sich in vielen Fragen bewusst gegen die Brüsseler Linie – kritisch gegenüber dem Ukraine-Krieg, skeptisch gegenüber weiterer Klimaregulierung und restriktiver in der Migrationspolitik. Dass man ausgerechnet beim Schutz der Meinungsfreiheit im digitalen Raum regulatorischer Willkür Tür und Tor öffnet, wirkt vor diesem Hintergrund umso unverständlicher.

Präzedenzfall Cloudflare

Cloudflare schafft einen spannenden Präzedenzfall. Es ist davon auszugehen, dass europäische Regulierungsbehörden die juristischen Konsequenzen dieses Falls sehr genau prüfen werden. Für die EU könnte sich hier ein Hebel anbieten, um eigene Zensurbestrebungen künftig effektiver durchzusetzen, unliebsame Plattformen – etwa X von Elon Musk – final zu sperren und den Meinungskorridor weiter im eigenen Sinne zu verengen.

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Cloudflare mit Sitz in San Francisco unterliegt jedoch primär dem US-amerikanischen Recht. Weder Italien noch die Europäische Union verfügen daher über die Möglichkeit, das Unternehmen global zu regulieren, das rund 20 Prozent des weltweiten Internetverkehrs digital absichert. Druck kann die EU lediglich innerhalb ihres Binnenmarktes ausüben – etwa durch Bußgelder, Verfahren gegen europäische Niederlassungen oder durch eine stetige Ausweitung regulatorischer Auflagen.

Dass es bislang nicht zu einer offenen Eskalation gekommen ist, liegt vor allem an der systemrelevanten Rolle des Unternehmens für Wirtschaft, öffentliche Verwaltung und Cybersicherheit in Europa. Ein Rückzug Cloudflares aus der europäischen digitalen Infrastruktur wäre technisch mit kaum kalkulierbaren Risiken verbunden und würde angesichts der wachsenden Hacker-Bedrohung erhebliche wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen.

Nach aktuellem Stand spricht vieles dafür, dass die amerikanische Regierung auch in diesem Fall schützend ihre Hand über Cloudflare – und damit über zentrale Elemente der Meinungsfreiheit – halten wird. Italien wäre dann gezwungen, das Problem illegaler Streamingdienste und systematischen Rechteentzugs auf rechtsstaatlichem Wege zu lösen, etwa durch Kooperation mit Banken und Zahlungsdienstleistern. Verhandeln statt mit dem regulatorischen Hammer Grundrechte zu zerschlagen, lautete dann die ungewohnte Devise.

Dass zugleich immer wieder der Ruf laut wird, Sicherheitsbehörden wie – zuletzt auch in Deutschland – den BND tiefer in die Überwachung digitaler Kommunikation einzubinden, zeigt, wie sehr sich Europa auf eine schiefe Ebene begeben hat. Die Meinungsfreiheit droht hier ihren Status als unverrückbares Grundrecht zu verlieren – und könnte ausgerechnet in den Vereinigten Staaten erneut zu einem zentralen zivilisatorischen Markenzeichen werden.

Dass selbst Papst Leo XIV in seiner Neujahrsansprache auf den Verfall der Meinungsfreiheit in westlichen Staaten hinwies, sollte als allerletzte Warnung vor dem Fall in die zivilisatorische Barbarei gewertet werden.

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Kommentare ( 14 )

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Sanijo
2 Stunden her

Giorgia Meloni ist eine Young Global Leaders (WEF) Sprechpuppe, sie ist ganz klar auf Linie!

Unglaeubiger
3 Stunden her

Auch wenn die Menschlein ihrem größten Elend ins Angesicht schauen müssen, schaffen es nur Wenige, ehrlich und mutig hinzusehen um sich daraus zu befreien.

EchoLog
4 Stunden her

Wenn wirklich gar nichts mehr hilft, kann man auf Musks Starlink zurückgreifen.
Eine Satellitenschüssel mit Router kostet ungefähr 300 Euro.
Den Zugriff auf sein System gibt es ab 30 Euro pro Monat.

Manfred_Hbg
4 Stunden her

Na, hier könnte sich dann ja demnächst zeigen wie ausgeprägt und fest die Freundschaft zwischen Trump und Meloni tatsächlich ist.
Wobei ich hier aber am denken bin, dass für Trump sein „Amerika first“ dann letztendlich doch wichtiger sein wird als Meloni und/oder Italien.

Felix Dingo
5 Stunden her

Es gibt aber (noch) folgende Möglichkeiten, die teilweise Sperrung
von Cloudflare zu umgehen:

NextDNS >> ist Cloudflare ähnlich, in Firefox aktivieren TOR auf dem Rechner installieren: https://www.torproject.org/download/ ProtonVPN auf dem Rechner installieren, zuerst Konto erstellen: https://protonvpn.com/, es gibt eine kostenlose Version TAILS auf USB-Stick installieren: https://tails.net/
Damit ist es zurzeit noch möglich, gesperrte Inhalte zu laden.

Die Mullahs im Iran manipulieren zurzeit auch das Internet. Die EU ist also auf dem besten Weg, es den Mullahs gleichzutun.

Last edited 5 Stunden her by Felix Dingo
jopa
5 Stunden her

Wenn man Georgia die Maske runter reißt, was kommt dann hervor? Eine Donaldine eher nicht, vielleicht eine Fritzine oder Egonine oder eine Ursel II?

Kampfkater1969
6 Stunden her

Man muss sich klar machen, dass der woke Tiefe Staat immer noch viel Macht hat. Es ist immer noch eine gewaltige Aufgabe, dem Recht, der freiheitlichen Rechtsordnung wieder zur Geltung zu verhelfen.

Lars Baecker
6 Stunden her

Und ich dachte, Georgia M. sei eine konservative Politikerin, die sich den Werten einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und alter Tugenden verpflichtet fühle. Wenn’s um Macht geht, kennen die nichts und niemanden mehr. Da kommen dann die „guten alten“ faschistischen Werte (Machterhalt um jeden Preis, und wenn es Leben kostet) wieder durch. Hätte ich nicht gedacht. Oder, wenn ich ehrlich sein soll: War mir sowas von klar.

Sanijo
2 Stunden her
Antworten an  Lars Baecker

Giorgia Meloni ist eine Young Global Leaders (WEF) Sprechpuppe, sie ist ganz klar auf Linie!

Blauracke
6 Stunden her

Meloni ist letztendlich auch nur ein EU- Tumbleweed im Wüstenwind. Wir werden sehen….

Mike76
6 Stunden her

Hatte mich schon gewundert, warum seit etwa 2 Wochen verstärkt „Sicherheitsprüfungen“ auf Cloudflare-Dienste-Webseiten auftauchen, die dann ins digitale Nirvana führten, also zensiert wurden. Da kommt noch was Dickes hinterher!

Last edited 6 Stunden her by Mike76