73 Jahre Israel: Keine Regierung – kein Lockdown – viel Zuversicht

Israel ist kein Wohlfahrtsstaat, sondern eine Gesellschaft, die konsequent auf Leistung setzt. Denn nur Leistung bringt Umsätze, mit denen Soziales finanziert werden kann. Hoffnung und Zuversicht zu Beginn des 74. Jahres der Wiedergründung leben.

IMAGO / Xinhua

Israel feiert am heutigen Donnerstag seinen 73. Wiedergründungstag. Ein ungerades Jubiläumsjahr, aber umso auffälliger im zweiten Jahr einer Pandemie. In Deutschland werden gerade die Lockdownzügel durch ein strammes Infektionsgesetz straffer gezogen. In Tel Aviv und Jerusalem sitzen Israeli mittags im Restaurant und überlegen, in welcher Disco oder in welchem Theater man sich am Abend trifft. Die lokale Presse titelt: „Israel feiert fast frei von Corona“. Das alles muss doch einen Grund haben.

Als der Staat Israel am 14. Mai 1948 ausgerufen wurde, hatte US-Präsident Harry Truman kurz vorher der UN-Teilungs-Resolution für das damalige „Palestine“ zugestimmt, weil er sicher war: In 14 Tagen gibt es kein Israel mehr. Da hat sich der Boss der damals größten und einzigen Weltmacht mit all seinen hochrangigen Beratern kräftig getäuscht. 73 Jahre später wird der Feiertag in Israel um einen Tag vorverlegt – aus Gründen, die in einem 3.000 Jahre alten Buch gesetzmäßig verankert sind. Andernfalls würde der „Shabbat“ verletzt, der siebte Tag der Woche, an dem möglichst jeder und alles ruhen soll, keine schöpferischen Tätigkeiten verrichtet werden dürfen.

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Vor allem darf am „Shabbat“ kein Feuer gemacht werden. Und Feuermachen ist am Unabhängigkeitstag, an dem Millionen das osmanisch-stämmige „Mangal“ genießen, das Grillen von Fleisch, ein geradezu nationales Hobby. Es raucht und dampft auf allen Terrassen und in allen Parks. Das Fleisch stammt nicht selten vom arabischen Metzger in Jaffa oder Tira, der Halal schlachtet, damit nicht kosher ist, aber dafür wesentlich billiger. In einem Land, dessen Lebenshaltungskosten im 73. Jahr seiner Wiedergründung zu den höchsten der Welt gehören, kein unwesentliches Argument. Auch am freudvollsten Feiertag im Jahr.

Präsident Truman war nicht der erste und ist nicht der letzte Schlaumeier, der den Eindruck vermittelt, er würde Israel und Nahost verstehen. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass Israel die unendliche Geschichte von einem Land, einem Glauben, einer Sprache, einem Volk und einer Vision ist. Damit ist alles im Fluss. Jede Beschreibung ist eine Momentaufnahme, die morgen schon ganz anders aussehen kann. Wichtig ist der Trend und der ist erfolgreich, auch vor, während und nach einer Pandemie.

Abzulesen ist das auch an den Investitionszahlen des Jahres 2020: Trotz der Corona-Pandemie flossen 9,9 Milliarden US-Dollar in Start-ups – immerhin 14 Prozent mehr als im Vorjahr – und bestätigen damit Israel als weltweites High-Tech-Zentrum. Die Start-ups und Technologiezentren kennen das Homeoffice aus Kostengründen schon seit langem. Kurzarbeit oder gar eine monatelange Bezahlung fürs Weniger-Tun gibt es nicht. Also wird weitergebastelt an den Algorithmen von Morgen, die Autos selbst fahren oder gar fliegen lassen.

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Israel ist kein Wohlfahrtsstaat, sondern eine Gesellschaft, die konsequent auf Leistung setzt. Denn nur Leistung bringt Umsätze, mit denen Soziales finanziert werden kann. Militär und Universitäten bilden gemeinsam mit Unternehmen und Arbeitnehmern das Leistungs-Zentrum, getragen von einem kompromisslosen Ja zum Leben. Das eint Säkulare und Orthodoxe, trennt Israel von Leistungsunwilligen und Träumern von einer vermeintlich „Neuen Welt“ getragen von Gutmenschen, die CO2 als Teufelswerk hochstilisieren und glauben machen, dass das Klima rettbar ist.

Deshalb hat Benyamin Netanyahu – hätte übrigens jeder Ministerpräsident – ausreichend Impfstoff für 9,3 Millionen Bürger besorgt. Das ist die eigentliche Ursache, dass die Lockdown-Plage in Israel der Vergangenheit angehört. Israeli schauen nicht ängstlich gebannt auf eine mögliche, gefährlichere Mutation, sondern nehmen die ohnehin bekannte Herausforderung an. 70 medizinische Start-ups suchen nach einer helfenden Arznei. Diese Lebenshaltung ist Teil des jahrtausendealten Überlebenskampfes. Akteure und Zuschauer konnten deshalb bei den Feierlichkeiten am Herzl-Berg in Jerusalem am Mittwochabend agieren, als gäbe es keine Covid-19-Gefahr mehr.

Israel ist risikobewusst und -bereit. Kein Volk hat mehr Lebenserfahrung, aus fast nichts viel zu machen: 100prozentige Lösungen gibt es nicht, auch keine 100prozentige Gerechtigkeit. Diejenigen, die stur und uneinsichtig danach streben, sind lösungsfern, letztlich ungerecht und nehmen in einer Pandemie gnadenlos den Tod von Tausenden Mitmenschen in Kauf. Die täglich gemeldeten Zahlen der Corona-Toten sind in Israel seit langem meist einstellig, in Deutschland dreistellig.

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An seinem 73. Jahrestag hat Israel schon wieder oder noch immer keine stabile Regierung. Das Land ist gespalten in Netanyahu-Anhänger und -Gegner. Daran wird auch eine fünfte oder sechste Wahl nicht viel ändern. Tatsache ist: Der Amtierende hat mit 30 Mandaten die meisten Befürworter im Parlament. Mehr als der Zweite und Dritte zusammen. Deshalb hat Netanyahu jetzt zum x-ten Mal einen Auftrag zur Regierungsbildung. Das Wahlergebnis zeigt überdeutlich: Das Volk will eine Mitte-Rechts-Regierung. Das Volk ist der Souverän.

Am Vorabend des 73. „Yom Hatzma´uth“ geht mit dem Sonnenuntergang traditionell der Gedenktag für die Gefallenen in allen Kriegen und Ermordeten bei Terroranschlägen seit 1948 zu Ende. Es sind aktuell 23.928 Männer und Frauen. Das entspricht ungefähr der Anzahl an Menschen, die in drei Tagen in Auschwitz ermordet wurden. Dieses Trauma lebt noch immer. Der wesentliche Unterschied: Das heute 73jährige Israel ist eine überzeugende Antwort auf Machtlosigkeit, Pogrome, Vertreibung und Verfolgung, Leben im Ghetto, Tragen eines Judensterns und Krematorien. Deshalb haben es Israeli in der Nacht mit schier endlosen Feuerwerken krachen lassen. Der Himmel strahlte und leuchtete mitten in einer Pandemie, die Israel wie die ganze Welt teuer zu stehen kommt. Hoffnung und Zuversicht zu Beginn des 74. Jahres der Wiedergründung leben.

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Kommentare ( 20 )

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Lizzy
3 Monate her

Herzlichen Glückwunsch ! Sobald es wieder machbar ist werde ich
nach Israel reisen.

Evero
3 Monate her

Ich gönne den Israelis die Freiheit und den Erfolg. Aber ich bezweifle den dauerhaften Erfolg der Impfung.
In Israel ist jetzt wohl schon warmer Frühling. Da klingen die Grippewellen auch so ab. Mal schauen, wie es im Herbst dann mit dem Impferfolg aussieht.

Ich versuche gesund zu leben, Sonne, Zink und Vitamin D helfen, Abwehrkräfte aufzubauen und im Notfall ein Antivirenpräparat einzunehmen.
Ich habe mich nie gegen Grippe impfen lassen. So halte ich es auch mit Corona.

IJ
3 Monate her

Lieber Herr Rosenberg, Vielen Dank für diese aktuellen Eindrücke aus dem glücklichen Israel. Mir fällt es indes zunehmend schwerer, ihre Berichte zu lesen, ohne in eine Depression zu verfallen, obwohl ich vom Naturell her ganz und gar nicht dazu neige. Denn an der positiven, lebensbejahenden Entwicklung in Israel wird überdeutlich, was in Deutschland unter Angela Merkel alles katastrophal falsch läuft. Gesunder Menschenverstand, sozialer Zusammenhalt und zupackendes Mangagement dort und grün-linker ideologischer Irrsinn, Spaltung der Gesellschaft und lähmende Staatsbürokratie hier. Israel ist im Aufstieg. Deutschland ist im Abstieg.

Hannibal ante portas
3 Monate her

Werter Herr Rosenberg, erinnert mich – zumindest in Teilen – an die medial gehypte doch so vorbildliche „Bewältigung“ der ersten Welle in Dtld. Wir wir heute wissen, wurden die Orden viel zu früh verteilt. Natürlich auch aus ganz egoistischen Gründen hoffe ich sehr, dass Israel mit dieser Strategie durchschlagenden Erfolg hat. Nüchtern betrachtet: wir sind immer noch mitten im Geschehen und eine Bewertung der SCHLUSSBILANZ ist noch komplett offen. Ja, der moderne Staat Israel musste in seiner kurzen Geschichte immer alles wagen, um überleben zu können und ist mit dieser Devise bisher auch sehr gut gefahren. Aber wie bei seinen… Mehr

Tee Al
3 Monate her

Es gibt zwei Völker, die ich auf das tiefste bewundere: Ungarn und Israelis.
Zufall, dass auch gerade in Ungarn wieder die größte jüdische Gemeinde lebt ?

Hava nagila
Hava nagila
Hava nagila ve-nismeḥa

Hava neranenah
Hava neranenah
Hava neranenah ve-nismeḥa

Uru, uru aḥim!
Uru aḥim be-lev sameaḥ

Uru aḥim, uru aḥim!
Be-lev sameaḥ

Matthias K.
3 Monate her

Zu der Aussage „Israel ist kein Wohlfahrtsstaat, sondern eine Gesellschaft, die konsequent auf Leistung setzt. Denn nur Leistung bringt Umsätze, mit denen Soziales finanziert werden kann.“: Wichtiger scheint mir hier zu sein, daß nur Leistung das Überleben dieses von Feinden umgebenden Landes ermöglichen kann. Auf wen wäre zu rechnen, wenn es hart auf hart kommt? Auf Deutschland wohl kaum. Schon die Umsetzung der seitens Deutschlands immer wieder zu hörenden vollmundigen Beistandsbekundungen in einen ernsthaften Beistandswillen würde scheitern. Abgesehen davon wäre Deutschlands erfolgreiche Abrüstungsarmee kaum eine nennenswerte Hilfe. Überspitzt formuliert scheinen mir die Israelis in der Wirklichkeit zu leben, während wir… Mehr

MariaundJosef
3 Monate her

Ich bewundere die Israelis und wünsche ihnen allen Erfolg für eine friedlichere Zukunft. Nur bei einer Sache bin ich skeptisch: Ich glaube nicht an diese Durch-Impferei des israelitischen Volkes. Niemals werden die Verantwortlichen die eigene Jugend, die sie dringenst brauchen, mit diesem unerforschten Gift in Gefahr bringen. Die Spätfolgen dieser Impfungen sind unbekannt!

Masada
3 Monate her

Mazal Tov Israel ! Das letzte Jahr war hart und durch wirkliche Lockdowns geprägt. Durch cleveres Einkaufen der Impfstoffe und viel Pragmatismus beim Impfen, ist Israel nun über den Berg. Wenn man sich die gestrige Feier angeschaut hat, konnte man spüren wie dieser gemeinschaftliche Erfolg gefeiert wurde.
Übrigens bei der Feier hat der CEO von Pfizer Israel gratuliert zum Unabhängigkeitstag und zum Impferfolg.

Bernhard J.
3 Monate her
Antworten an  Masada

Der CEO von Pfizer hat gerade erklärt, er halte eine dritte jährliche Dosis für notwendig. Jeder Geschäftsmann weiß, dass ein Unternehmen möglichst hohen Absatz und Ertrag seiner Produkte generieren will. Das ist bei Pharmaunternehmen nicht anders, denn die sind eben keine Wohltätigkeitsorganisationen und da darf man der Stellungnahme eines CEO durchaus kritisch gegenüberstehen. Japan hat die niedrigsten Zahlen sowohl bei den Neuinfektionen als auch bei den Todeszahlen, bei einer Impfquote von aktuell 0,5%. Wie erklären Sie sich das, bei einem so dichtbesiedelten Land? Macht da das Virus einen Bogen um Japan oder mag es einfach die Gegend nicht? Für Euphorie bezüglich… Mehr

Masada
3 Monate her

Vielleicht sollten sie mal die israelis fragen, dort beschwert sich keiner über den grünen Impfpass, 1. sind die meisten Israelis geimpft, 2.gibt es dort nicht die typisch deutsche Neiddebatte. Die Erinnerung an den „Stern“ ist sowas von daneben. Aber wie bei vielen anderen kommt auch bei ihnen die absolute und von Nichtwissen geprägter zumindest AntiIsraelismus zu Tage.

Bernhard J.
3 Monate her
Antworten an  Masada

Ich habe keinerlei „Antiisraelismus“, sehe aber Ihre Darstellung doch sehr kritisch. In der 47. oder 46. Sitzung des Corona Ausschuss von Dr. Füllmich hat ein orthodoxer Rabbiner geschildert, wie da in Israel massiv Druck ausgeübt wird. Die aktuellen Zahlen der John Hopkins Universität zeigen, dass die Impfungen in Israel mittlerweile stark zurückgehen, ja fast stagnieren. Möglicherweise ist da bei einem Teil der Bevölkerung die Impfbereitschaft dann doch nicht mehr so hoch, auch weil mittlerweile schon schwere Impfnebenwirkungen bekannt geworden sind. Das sind auch keine so ganz geringen Zahlen, sondern bezogen auf die sonst üblichen Impfungen deutlich, ja extrem höher. Mittlerweile… Mehr

h.milde
3 Monate her

Naja, also das mit der tollen Impfquote“ bleibt abzuwarten, wie das mit den mittel-/langfristigen Nebenwirkungen sich entwickelt. Am Sheba Medical Center werden mW derzeit Fertilitätsstudien gemacht an je 200 „geimpften“ vs. un“geimpften“ Frauen im gebährfähigen Alter (18-45). Sollte es sich herausstellen, daß eine Sterilität/bzw. Gebährunfähigkeit infolge dieser Experimentalsubstanzen entsteht, werden Shin Bet, oder Mossad sich wohl der Sache annehmen. Va. weil Israel sich weiterhin im Kriegszustand ua. mit friedensreligionsbewegten Staaten und deren bezahlte Terrororaganistionen -ua indirekt sogaor auch von D- befindet, und jede Hand, auch in der Armee gebraucht wird. Nethanjahu wird mW auch angeklagt in Den Haag, ua. wg.… Mehr