Strache im Unterhemd: Eine Doku in Heimlich-Qualität geht um die Welt

Ein zwei Jahre altes Video Tage vor einer EU-Wahl platziert, die den Etablierten Angstschweiß auf die Stirn treibt wegen der vermuteten weiteren Erstarkung der rechten Kräfte im EU-Parlament, da müssen doch alle Alarmsirenen losgehen.

Screenprint: Youtube

Was für eine vollständig beknackte Räuberpistole mit maximalem Ausgang war das eigentlich? Der erste Gedanke geht natürlich zu Ronald Barnabas Schill, zum ehemaligen Innensenator Hamburgs, der sich bei einer Paolo-Pinkel-mäßigen Kokainparty hatte filmen lassen. Gab es bei Heinz-Christian Strache auch Kokain? Der Film soll sechs Stunden lang sein und Böhmermann hatte die Droge verbal eingeführt, als der Moderator eine Andeutung zu Straches Rendesvouz mit der falschen russischen Prinzessin und angeblichen weißen Linien auf dem Glastisch in dem Häuschen auf Ibiza machte, der Drogenpartyinsel der 1970er Jahre. Wer hier nicht grinsen muss ob dieser völlig aus dem Ruder gelaufenen Inszenierung, dem ist nicht mehr zu helfen.

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Aber die aufgeschreckte Meute hechelt das Filmchen, welches in seiner behaupteten Gesamtlänge durchaus das Potential hätte, Serie zu werden, sofort durch alle Kanäle. Melanie Amann beispielsweise, Redakteurin für AfD-Themen beim Spiegel, twittert gefühlt Sekunden nach der Veröffentlichung der Video-Schnipsel aus der Villa:

„Nicht nur die #AfD-Spitze schweigt zu den #Strache-Enthüllungen von @DerSPIEGEL und @sz, auch die Wortführer der sonst so vehement twitternden „alternativen“, „konservativen“ und „freien Medien“ sind verdächtig still.“

Man stelle sich vor, die von Amann angesprochenen Medien hätten kommentiert, noch bevor Amann selbst ihren Kommentar getwittert hat. Und in den darauf folgenden Stunden twittert sich die Reporterin einen veritablen Wolf, als wäre sie es höchst selbst gewesen, die das bloßstellende Video gedreht hat. War Amann ebenfalls im Zimmer? Aber als was? Als knackiges Ibiza-Mädchen? Nein, natürlich nicht. Stattdessen drehen Gerüchte die Runde, Nachrichtendienste seien irgendwie beteiligt, zeitgleich spricht der deutsche Verfassungsschutz den Kollegen in Österreich sein Misstrauen aus, weil irgendwer irgendwem in Russland irgendwas zugeschoben haben soll.

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Wie mag sich das anfühlen, wenn sie das Meer sonst nur aus dem Fernsehen kennen, weil sie hoffnungslos als rechtes Enfant terrible zwischen einem eleganten Kanzler-Jüngling und den Alpen eingeklemmt leben müssen, dann sind sie endlich mal am mediterranen Wässerchen, nehmen vor Aufregung ein paar Glas Hochprozentiges in Kombination mit Red Bull (der Flügel verleiht, für manche jetzt auch aus dem Amt), und dann kommt ein blondes Engelchen im Goldkostümchen hereingerauscht, sie bleiben weiter Vize-Kanzler der Alpenrepublik in Spe, sitzen da aber im Alfred-Tetzlaff-Unterhemd … Also wer in so einer Aufmachung, noch dazu mit durchgestreckter Miniwampe, bei so einem Goldschatz landen will, der schafft das tatsächlich nur, indem er den größten Mist erzählt. Mist, von dem nicht zu ahnen war, dass dieser von wem auch immer aufgezeichnet und jemals für ein Millionenpublikum auf Sendung gehen würde. Übrigens soll angeblich öffentliches Interesse der Grund sein, dass solche privaten Aufnahmen straffrei publiziert werden dürfen. Und dieses Interesse ist zweifellos da.

Auch nach Strache: Verschwörungstheorien und Kompromat
Ein zwei Jahre altes Video Tage vor einer EU-Wahl platziert, die den Etablierten bis dahin brutal Angstschweiß auf die Stirn getrieben hat angesichts einer vermuteten weiteren Erstarkung der rechten und konservativen Kräfte im EU-Parlament, da müssen doch alle Alarmsirenen losgehen. Hat der Spiegel so lange gewartet, weil er an den Stern und die Hitlertagebücher gedacht hat? Hatte der Spiegel deshalb so lange gebraucht, weil man sicherheitshalber von Fachleuten überprüfen ließ, ob Strache wirklich Strache oder doch ein Strache Schauspieler ist? Schließlich kennt man Strache nur im Anzug und nicht verschwitzt und hektisch im Unterhemd vor dem voll gepackten Glastisch nebst einer Nastrovje-Goldmarie. Aber Strache war dann tatsächlich Strache. Hatte es so lange gedauert, das herauszufinden?

Nachdem also Spiegel-Amann das Auftaktsignal gab, trompetete der ganze Verein. Seinen persönlichen Twitter-Höhepunkt feierte Ralf Stegner (SPD), als er wieder einmal völlig entfesselt schrieb (was steht bei dem Mann eigentlich in Schleswig auf dem Glastisch?):

„Das armselige Rücktrittsvideo dieses rechtsradikalen österreichischen Vizekanzlers und FPÖ Hetzers Strache ist noch interessanter als das Tatvideo über die schmierige Ibizaprotzgeschichte, das ihn zu diesem Schritt gezwungen hat, um die Rechts&Rechtsradikal-Koalition zu retten.“

Und dann konnte sich auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil nicht mehr an
der Reling halten: „Sebastian Kurz hat keine andere Möglichkeit als diese Regierung sofort zu beenden und sich dafür zu entschuldigen, dass er Spaltern und Hetzern wie Strache Verantwortung übertragen hat.“

Dermaßen hochgetwittert empfand auch Ulf Poschardt den dringenden Wunsch, irgendetwas Schlaues zum Strache-Unterhemd zu schreiben:

„die #StracheVideos zeigen: bürgerliche können nicht mit rechtsaußen koalieren. es desavouiert bürgerliche demokratiestandards“

Aber es wurde noch lustiger, als Jakob Augstein als ehemaliger Pöbel-Kompagnon von Ralf Stegner eben dem und Klingbeil und Poschardt usw. den Spaß verderben wollte oder einfach nur neidisch war über deren schnelle Twitterei, als Augstein retournierte:

„Einziger Nachteil: die Rechten haben einen neuen Märtyrer: in die Falle gelockt, trunken gemacht, heimlich gefilmt, 2jahre liegengelassen, dann 6min von 6std gesendet – die Geschichte erzählt sich von selbst. Darum wird das weder der FPÖ noch der AfD schaden.“

Eine Geschichte, wie aufgeschrieben von einem ziemlich bekoksten Drehbuchautor und dann nicht etwa in der Schublade verschwunden, sondern tatsächlich gedreht, aber eben als Doku.

Und jetzt wollen wir nur noch eines wissen: Wer hat das (genial Schill-esque) inszeniert? Und dann gewartet, die Geschichte zu platzieren – mit der Auflage, dass sie genau in der Woche vor den EU-Wahlen hochgeht? Und was hat Tal Silberstein eigentlich damit zu tun? Musste der so lange warten, weil er wegen seiner letzten Affäre verbrannt war? Oder doch Chodorowski wie bei allen jüngsten Geschichten über Russland und europäischen Rechte?

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Kommentare ( 164 )

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So unappetitlich auch die Art und Weise ist, mit der hier Politiker in der Öffentlichkeit vorgeführt werden und so zweifelhaft die Wahl des Zeitpunkts, es muss doch festgehalten werden: 1. HC Strache fehlt die charakterlich Eignung für die von ihm zuvor ausgeübten Ämter. Darüber hinaus hat er mit seiner – in grenzenloser Selbstbesoffenheit verbrochenen – „Vorstellung“ auch die richtigen und wichtigen Anliegen, für die zu stehen er vorgab, nachhaltig diskreditiert. Und damit all jenen geschadet, die sich im Bemühen um eine Alternative zum Establishment ohnehin schon Diffamierungen ausgesetzt sehen. Das fällige Teeren und Federn haben Strache und Gudenus, in ihrer… Mehr

Zu dieser ganzen Berichterstattung im Mainstream über diese schmierige, niederträchtige Intriege fällt mir nur noch eines ein: „Hugenberg-Presse“ !

Gefährliches Spiel! Ich werde Strache keine Träne hinterherweinen und würde mich freuen, wenn eine Partei wie die FPÖ, die sich nicht vom rechten Rand trennen mag oder kann, in der Versenkung verschwindet. Für die vereinigten „Kämpfer gegen Rechts“ könnte die Sache aber nach hinten losgehen, steht den bisherigen FPÖ-Wählern, die sicher überwiegend keine Rechtsextremen sind, mit der Kurz-ÖVP eben das als Alternative zur Wahl, was es in Deutschland nicht mehr gibt: eine Partei „rechts“ vom sehr weit linken Mainstream, die ohne jeden Zweifel auf dem Boden der rechtsstaatlich verfassten Demokratie steht. Wenn die Österreicher clever wählen, können Sie Kurz im… Mehr

Die Österreicher ,die FPÖ wählen ,haben das nicht ohne Grund getan.Es ist sehr unwahrscheinlich ,daß diese plötzlich in Kurz den Retter sehen.Vermutlich wird die Neuwahl im Sept. ein ähnliches Ergebnis zeigen und dann bleibt Kurz nur eine Koalition mit der SPÖ .Das wird eine weitere Erosion der Altparteien verursachen.

Mörder und Totschläger mit Migrationshintergrund werden in den Regierungsmedien nicht gezeigt, da dies gegen deren Persönlichkeitsrechte verstoßen würde. Ein Herr Strache hat wie alle Nichtlinken offensichtlich keine Persönlichkeitsrechte. Und im Übrigen, was ist dagegen einzuwenden, wenn ein medial permanent Benachteiligter während einer feuchtfröhliche Party ein Interesse äußert, auch einmal von einer Zeitung positiv dargestellt zu werden? Die Regierungsparteien verfügen über ein mit Zwangsabgaben finanziertes, ihnen ergebenes Medienimperium und die SPD hält flächendeckend zahlreiche Beteiligungen an Zeitungen, siehe TE und die dazugehörige Unterlassungsklage. Und diese Heuchler entrüsten sich jetzt! Aber nicht über die Sauerei einer Politmafia, sondern über deren Opfer.Wenn die… Mehr

Wer zuletzt lacht, lacht am besten und das werden nicht die linken Twitterkönige von Stegner bis Lindner sein. Augstein sieht es ausnahmsweise mal richtig. Die Rechte hat noch garnicht verstanden, welches Potenzial die Existenz des Videos für Agitation bietet.

Ich frage mich was bleibt aus den Vorwürfen wenn Staatsanwaltsschaft ihre Untersuchungen fertig hat. Was man bei Wodka so alles plappert ist eine was man macht ist andere. Ich habe auch letztes Jahr so meine Erfahrungen mit semantischen Fehler gemacht. Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mich mit dem langen Video zu beschäftigen. Was ich aber denke ist: jemand hat sehr viel Geld investiert das bedeutet meistens: Medien, gut organisierte und genauso gut finanzierte Aktivisten, Mafia oder Staatsakteure. Medien tun es meist für eigenen Ruhm. Alle andere konnten es tun obwohl Menge an Geld und Wissen um das durchzuziehen bedeutet… Mehr

Varoufakis-Stinkefinger-Video. Erdogan-Schmähgedicht. Strache-Video?

Ah geh‘! Das Strache-Video paßt nicht in die Satire-Schiene.

Es gibt tatsächlich Gestalten, die sind widerlich.
Was der Her B. wohl für ein Lebensmotto haben muss, um sich seltsam in aller Öffentlichkeit so zu entblößen?
Bei Herrn M. liegt die Sache ähnlich, aber dann doch ganz anders.

Ich hoffe, bei der EU Wahl können die Wähler unterscheiden zwischen Inhalt des Videos und der Methode selbst. Und wem was zuzurechnen ist, bzw. von welchem Phänomen die größere Gefahr für eine rechtsstaatliche Gesellschaft ausgeht. Danach können sie in der Wahlkabine gewichten.

Das ist super beschrieben, wie Strache im Schlabberlook die pralle Blondine empfängt, und dabei so manchen RedBull Wodka hinunterspült.. Nach einem offiziellen Geschäftstermin sieht das nichts aus. Seine Umgebung scheint aus echten Dilettanten zu bestehen, die nichts recherchieren. Und dann noch so eine Panne, dass Leute ungeshen in seine Urlaubsunterkünfte hinein, und hinaus marschieren, Kameras installieren, um diese anschließend wieder abzuholen. Die Sache beweist gar nichts, ausser dass sie arrangiert war. Der Spiegel ist nun mal ein Revolverblatt, nicht seriös!

Abseits jeglicher Empörung wäre es gut, ein wenig zur Sachlichkeit zurückzukehren. Also zurück zu den Fakten. 1. Kein Zweifel, Kurz hat ganz klar recht, daß so etwas gar nicht geht und daß die FPÖ hier in der Sache selbst wenig Unrechtsbewusstsein zeigt; nämlich den Staat in eine „Amigo-Wirtschaft“ umzuwandeln. 2. Kurz hat daraus die richtigen Schlüsse gezogen und Neuwahlen ausgerufen und nicht mit anderen Personen der FPÖ weitergemacht. Ich sehe nicht, was daran kritikwürdig wäre. 3. Ob Straches Auftritt hier strafrechtlich relevant ist, das wage ich mal schwer zu bezweifeln. Vor allem weil es VOR der Wahl geschah und die… Mehr

„.. nämlich den Staat in eine „Amigo-Wirtschaft“ umzuwandeln.“
Nun das braucht die FPÖ sicher nicht ,das ist er längst. Wozu gibt es tausende Lobbyisten ?Strache plaudert bloß unbefangen und unbedarft aus dem Nähkästchen weil er sich aus unbekannten Gründen unbeobachtet fühlt.
Wir müssen annehmen,daß die Veröffentlichung des Videos eher eine Warnung von ganz oben an Kurz ist ,weil er zu weit von der vorgegebenen Route abweicht.

Butlerparker, kritikwürdig an Kurz ist folgendes: Es ist von ihm schlicht gelogen, daß er vorab keine Kenntnis von diesem Video hatte. Wenn Jan Böhmermann Wochen vorher damit herumprahlte, aber er und die Wiener Schlapphüte davon keine Ahnung hatten, so müßte er nicht Strache, sondern den gesamten österreichischen Polizeiapparat entlassen, wegen Inkompetenz. Aber sicher wußte man in Wien davon – und ich wette, auch in der FPÖ gab es einige, die das Video kannten, oder zumindest von dessen Existenz wußten. Insoweit wird hier massiv über Bande gespielt, aber wessen Kugeln einputten, ist noch lange nicht klar. Insoweit hat Kurz hier nicht… Mehr

@Hellerberger. Sie wissen, dass Sie hier Ansichten ausbreiten, die reine Hypothese sind. Überlegen Sie mit mir: hätten Leute in der ÖVP, Kurz selbst, wie Sie sagen, von dem Video gewusst, hätte man nicht Mittel und Wege gefunden, Herrn Strache in einem Vier- oder Sechsaugengespräch den Rücktritt – evtl. aus gesundheitlichen Gründen – nahezulegen?

Behauptungen ohne jede Evidenz sind sonst nicht Ihr Stil, Herr Hellerberger. Dieses mal liegen Sie komplett daneben.

Und woher wissen Sie das ?

Was meinen Sie?