Merkel: Nicht schlecht, nur anders gut

Die Feststellung, dass Angela Merkel heute wieder so beliebt ist wie vor der Einwanderungskrise, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir uns längst wieder vor einer Einwanderungskrise befinden.

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Was ist los mit den deutschen Wählern? Wie kann es sein, dass die Union mit Angela Merkel an der Spitze aktuell in der Wählergunst bei fast 40 Prozent liegt? Nur ein Mangel an Alternativen? Ein fehlendes Sicherheitsversprechen? Oder gar eine Art Stockholmsyndrom?

Wahrscheinlich eine Mixtur aus allem. Und der Umstand, dass es den meisten Deutschen noch gut geht. Dass es Ihnen in den Merkeljahren immer gut ging. Ein merkwürdiger Effekt, den sonst höchstens Scheidungspaare kennen: Unabhängig von einander geben sie an, dass man viel zu lange gewartet hätte damit, viel zu lange gedacht hat, die schönen Jahre kommen wieder, während man am Küchentisch saß und schon die Essgeräusche des Gegenüber nicht mehr hören konnte.

„Merkel muss weg“, skandieren wenige und denken ein paar mehr, die dann aber doch Union ankreuzen, wenn es drauf ankommt. Aus Kontinuität? Weil alles so bleiben soll, wie es ist, wählt man immer weiter die, die dafür verantwortlich ist, das immer weniger so bleibt, wie es ist. Ein Kuriosum: Im Wildwasser wird dem ruhigen Stein mitten in der Strömung gehuldigt, der allerdings erst Schuld an den Umwälzungen ist.

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Dirk Schümer schrieb schon Ende 2016 für die ZEIT: Bleibe sie gesund und würde es bis ins hohe Alter machen, wie Adenauer, dann „hätte sie noch bis 2041 ein Abonnement auf das Amt der Bundeskanzlerin.“ Eine Horrorvorstellung? Offensichtlich für viele Deutsche nicht. Eine Nibelungentreue mit antidemokratischen Wurzeln. Schümer erinnerte an Italien, wo das Amt des Regierungschefs auf zwei Amtsperioden beschränkt ist, allerdings hätte es bisher noch niemand geschafft, auch nur in die Nähe dieser Ausbremsung zu gelangen.

In Deutschland gibt es diese Hürde nicht. Schümers Fazit damals: „Alle müssen gehen, während sie bleibt. Wir lernen: Politik in Zeiten von Globalisierung und Internet ist ein sehr kurzlebiges Geschäft, überall auf der Welt. Nur in Deutschland nicht.“

Ist Merkel schlecht für Deutschland? Die meisten Deutschen würden wahrscheinlich so antworten: „Nein, nur anders gut.“ Die Feststellung, dass Angela Merkel heute wieder so beliebt ist wie vor der Einwanderungskrise, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir uns längst wieder vor einer Einwanderungskrise befinden. Man will es kaum glauben, aber Umfragen wollen belegen, dass 64 Prozent der Befragten mit der Arbeit von Frau Merkel zufrieden oder sehr zufrieden sind. Illegale Masseneinwanderung nach angeblich humanistischem Imperativ (was ist übrigens mit dem Versprechen, dass sich 2015 nicht wiederholt?), Energiewende, Niedergang der deutschen Autoindustrie, usw. – die Liste des Versagens ist lang.

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Aber dem gegenüber steht z.B. auch dieser kollektive Schock während der Finanzkrise, die doch offensichtlich für den Bürger dank Merkels Arbeit überwunden scheint. Das Gefühl, alles verloren zu haben, ist nun aber Teil der deutschen DNA. Das Sparguthaben der Urgroßeltern, das Kriegstrauma der Großeltern – und dennoch ging es irgendwie weiter, wenn man nur fleißig war und keine Experimente wagte. So wird dann eine Abwahl der Kanzlerin als Wagnis, als zu großes Experiment angesehen.

Naomi Klein, die kanadische sozialistische Aktivistin hat dieses Problem in einem ganz anderen Zusammenhang erforscht und kam zum Ergebnis, das gesellschaftliche Umwälzungen und Schocks immer Initial für die Mächtigen gewesen seien, tief greifende Veränderungen durchzusetzen. Die Katastrophen einer Angela Merkel sind der Bundeskanzlerin tatsächlich noch Ansporn für ein „Weiter so!“. Eine pervertierte Form der Kontinuität. Für Naomi Klein kommt nach dem Schock eine Art ökonomische Kernschmelze. Die Mächtigen nutzen die sich bietende Gelegenheit. Nutzen Katastrophen, nutzen den darauf folgenden Schock, „die ganze Gesellschaften weich klopfen.“

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Dabei sind sie aber immer selbst die Verursacher dieser Schocks. Zugespitzt: Ich schocke erst, dann vergewaltige ich und hoffe obendrein noch auf ein Stockholmsyndrom. Aber nicht nur das. Sogar junge, am ehesten noch schockresistentere Deutsche – sonst ein Privileg der Jugend – würden Merkel wählen. So weiß die FAZ vor wenigen Tagen zu berichten: viele junge Deutsche halten Angela Merkel zwar für „traditionell, langweilig und „weit weg“, andererseits aber für „kompetent, diszipliniert und sympathisch.“

Dass auch diese Einschätzung auf einer nicht offen artikulierten Angst basiert, also auch eine andere Form des Stockholmsyndroms sein könnte, darauf könnte man schließen, wenn wiederum 91 Prozent der jungen Deutschen „Sicherheit“ besonders hoch schätzen und gleichzeitig 83 Prozent Zuwanderung für wichtig halten.

Ein weiterer Hinweis für den republikanischen Mehltau quer durch alle Alters- und sozialen Schichten: „39 Prozent finden richtig, was ihre Eltern wählen, (nur) 15 Prozent würden anders wählen als ihre Eltern.“

„Reiches Deutschland“ klingt dann auf einmal wie „Armes Deutschland“. Und wer also in einem hellen Moment sagen möchte: Merkel ist schlecht für Deutschland, sagt am Ende nur: Merkel ist nur anders gut für Deutschland.

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Kommentare

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  • Thomas A.

    Da haben Sie sicher bezueglich vieler „Journalisten“ recht, es ist aber auch eine Form der Verkommenheit seinen Berufsethos wegen ein wenig Bauchpinselei ueber Bord zu werfen.