Assistenten der Unterdrücker

Mit dem Promoten des "World Hijab Day" gibt sich eine privilegierte Bewegung alle Mühe, den wahren Kämpferinnen für Frauenrechte in den Rücken zu fallen.

 

Am 1. Februar wird der „World Hijab Day“ gefeiert. Er wurde von Aktivistinnen aus den USA gegründet und soll zeigen, dass die Verschleierung von muslimischen Frauen keine Unterdrückung darstellt. Die Bewegung fordert auch westliche Frauen auf, den Hijab zu tragen, um zu erleben, wie es sich anfühlt. Unter dem Hashtag „FreeInHijab“ (frei im Kopftuch) sollen sie dann Selfies von sich in den sozialen Medien posten. Ein Hijab ist ein islamisches Kopftuch, das Haar, Hals und Schulterbereich bedeckt.

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Seit einigen Tagen nun veröffentlichen Frauen Fotos von sich im Hijab, viele feiern ihn als Symbol der Freiheit und der weiblichen Emanzipation. Aziza, Amerikanerin äthiopischer Abstammung, schreibt bei Twitter: “Ich trage den Hijab, weil ich mich damit komplett fühle.“ Es sei ihre eigene Wahl. Keiara aus den USA meint: „Ich habe mich nie freier gefühlt als in dem Moment, als mich meine Nachbarn zum ersten Mal mit dem Hijab sahen.“ Shakera aus Bangladesh: “Ich trage den Hijab nur für Allah. Ich habe beim Tragen viel über meine Identität gelernt. Er lehrte mir die wahre Bedeutung von Selbstbestimmung und Emanzipation. Mein Hijab ist das am meisten bestärkende Kleidungsstück.“

Dass diese Damen den Hijab als Sinnbild für Freiheit sehen und sich darunter wohl fühlen, ist ihre Entscheidung. Nur hat die öffentlich zur Schau getragene Verehrung etwas Befremdliches. Denn in vielen muslimischen Ländern wird Frauen die Freiheit verweigert, anzuziehen, was sie wollen. Sie haben nicht die freie Wahl, den Hijab zu tragen; viele wollen sich nicht verhüllen, sind aber dazu gezwungen. Für sie steht das Kopftuch nicht für Freiheit und Selbstbestimmung, sondern für das exakte Gegenteil: für Freiheitsberaubung.

Ignorierte Fakten und Widersprüche
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„Es ist das sichtbarste Symbol der Unterdrückung“, sagt die iranische Journalistin Masih Alinejad im Interview mit dem Magazin „Emma“. In ihrem Heimatland gilt für Mädchen ab sieben Jahren Zwangsverschleierung. Dagegen kämpft die 42-jährige seit vielen Jahren, ohne Anklage sass sie deswegen im Gefängnis, musste ihr Heimatland verlassen, ist von ihrer Familie getrennt. 2014 gründete sie in den USA die Online-Bewegung „My Stealthy Freedom“ (Meine Heimliche Freiheit) gegen den Kopftuchzwang. „Der Hijab ist die zentrale Art, Frauen zu kontrollieren“, so Alinejad.

Im Internet gibt es Videos aus muslimischen Ländern, die Frauen mit offenem Haar zeigen, wie sie von Männern auf der Strasse belästigt, als Schlampe beschimpft oder unter Androhung von Polizeiarrest aufgefordert werden, ihr Haupt zu verhüllen.

Während sich also die einen trotz dem Risiko einer Gefängnisstrafe gegen die Zwangsverschleierung wehren, promoten die anderen, die keinen Preis für ihre freie Outfit-Wahl zu bezahlen haben, den Hijab als „befreiend“. Die Kampagne beruft sich zwar auf kulturelle Toleranz, offenbart damit aber den Hochmut einiger privilegierter westlicher Aktivistinnen, die die Welt nur im Bezug zu ihrer eigenen Realität beurteilen – und die schreckliche Wirklichkeit, die Einschränkungen vieler anderer Frauen ausblenden. Diese Frauen dürften den „Hijab Day“ als Hohn empfinden. „Diese Frauen und Millionen andere sehen es als unglaublichen Verrat und Heuchelei vom Westen…insbesondere von sogenannten Feministen“, fasst es Yasmine Mohammed, eine prominente Ex-Muslimin und Aktivistin aus Kanada, bei Twitter zusammen. Es ginge nicht darum, gegen den Hijab zu argumentieren, sondern für die freie Kleiderwahl.

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Ich sehe es genauso. Ich habe nichts dagegen, dass Frauen Hijabs tragen. Das Kopftuch gehört zur Religionsfreiheit, und es ist verwegen, Menschen vorzuschreiben, was sie anziehen dürfen und was nicht (Ausnahme: Burka, aber das ist ein anderes Thema). Nur: Wer seine Entscheidungen primär aufgrund von Religion trifft oder diese mit dem Tragen religiöser Symbole wie des Hijab, der Kippa, eines auffälligen Kreuzanhängers oder einer Amischen-Haube in den Vordergrund stellt, dem muss einfach bewusst sein, dass das in einer säkularen Gesellschaft Nachteile mit sich bringen kann; ein Arbeitgeber entscheidet sich vielleicht eher gegen einen Bewerber, dessen religiöse Überzeugungen zu Lasten seiner Flexibilität im Berufsalltag gehen.

Jene Frauen, die in ihrer Heimat unter Androhung von Gefängnisstrafen gegen Kopftuchzwang protestieren, gegen die Sittenpolizei und den patriarchalen Wächterrat – sie sind die wahren Feministinnen. Und gerade sie bräuchten die Unterstützung der westlichen Frauenrechtler und Netzaktivisten, denen es ja ansonsten nicht an Leidenschaft mangelt, wenn es darum geht, falsche Komplimente anzuprangern oder gegen unliebsame Gedichte ins Feld zu ziehen. Aber ihr Protest zum „World Hijab Day“ bleibt weitgehend stumm. Offenbar haben sie sich entschlossen, von der real existierenden Diskriminierung in fernen Ländern keine allzu grosse Notiz zu nehmen.

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Während bei uns viele – trotz endloser Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung – auf noch mehr Gleichberechtigung hoffen, hofft Masih Alinejad darauf, ihre Mutter im Iran irgendwann wiederzusehen. Ihr grösster Wunsch ist es, mit ihr spazieren zu gehen, die Mutter im Hijab, Mashi mit Wind im Haar – das bedeute für sie Freiheit.

Man kann den Hijab akzeptieren, ohne ihn zu promoten, kann ihn gutheissen, ohne ihn zu feiern. Solange aber Verschleierung nicht für alle Frauen eine freie Wahl ist, solange nicht alle Frauen dieser Welt ihr Haar zeigen, im Minirock flanieren, mit tiefem Dekolletee ins Restaurant und im Bikini am Strand liegen können, solange ist Sensibilität angebracht und Zurückhaltung mit unsinnigen Kampagnen für ein Kleidungsstück, das vielen Menschen Leid und Schmerz bereitet. Indem wir den Hijab zu etwas Grossartigem hochstilisieren, machen wir uns zu Assistenten von Unterdrückern.

Der Beitrag erschien zuerst in der Weltwoche.

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Kommentare ( 70 )

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Dahinter steht ein Denkfehler: keine der Befürworterinnen fragt sich, warum sie ein Kleidungsstück benötigt, um sich frei fühlen zu können. Warum sie sich ohne den Hijab unfrei fühlt. Wenn das Freiheitsgefühl von einem Gegenstand abhängt, würde man in jedem anderen Fall von einer Sozialstörung ausgehen und versuchen den Betroffenen zu helfen, damit sie aus ihrer Abhängigkeit befreit werden. Beim Hijab aber sollen Effekte die sonst ein Fall für den Psychologen sind auf einmal ein Zeichen für Emanzipation sein? Seltsam. Was wenn jemand behaupten würde, ohne seinen Badezimmerteppich um die Hüften nicht das Haus verlassen zu können? Würden diese Leute dann… Mehr

Wer annimmt, eine Frau, die eine Kopfbedeckung trägt, sei frei, kann im Koran nachlesen, wie Frauen im Islam behandelt werden und welchen Stand sie in der familiären Hierarchie haben, ab Seite 10:
http://www.atheisten-info.at/downloads/Bill_Warner-Scharia_fuer_Nicht-Muslime.pdf
Alles, bis hin zum Schlagen bei Nichtgehorsam, ist dem Mann erlaubt.
Und müssen Frauen in der Moschee nicht hinter einem Vorhang sitzen, trotz Verhüllung?
Auch, wenn sie sich freiwillig verhüllt: sie zeigt, dass sie sich den islamischen Regeln unterwirft, die die Welt in Gläubige und Ungläubige teilt.
Und wie die Gläubigen mit Ungläubigen umzugehen haben, ist noch einmal ein ganz anderes Kapitel, ganz ohne Gleichheit, Gleichberechtigung und Freiheit.

Dem stimme ich durchaus zu. Mein Kommentar war eher als weiterer Aspekt gemeint, warum die positiven Aussagen über den Hijab selbst dann bedenklich wären, wenn nicht der Islam dahinterstünde. Egal wie man es dreht und wendet. Es ist kein Zeichen von Freiheit. Es ist Abhängigkeit.

Die Aktivistinnen des „World Hijab Day“ haben übersehen, dass die Kopftuch oder Hijab tragende Muslima auch einen knöchellangen Rock trägt.
Wenn sie schon so dämlich sind, sich auf die Machtübernahme der Muslims in den USA vorzubereiten, dann bitte richtig.

Danke für den Artikel! „Seit einigen Tagen nun veröffentlichen Frauen Fotos von sich im Hijab, viele feiern ihn als Symbol der Freiheit und der weiblichen Emanzipation.“ Das zeigt mal wieder deutlich, dass menschliche Dummheit keine Grenzen hat, wenn Frauen ihre eigene Unterdrückung „feiern“. Wissen diese Damen denn wirklich nicht, welch brutalen Zwängen und welcher Gewalt Frauen in islamischen Gesellschaften ausgesetzt sind? Können sie vielleicht nicht l e s e n??? Es gibt unzählige Berichte und spätestens seit „Nicht ohne meine Tochter“ von Betty Mahmoody sollte doch ein jeder und eine jede Bescheid wissen? Claudia Roth hat sich in einer Fernsehdebatte… Mehr

Vermutlich wollen da einige Frauen des Westens endlich auch mal in den Medien genannt und gezeigt werden. Das Bedürfnis nach öffentlicher Aufmerksamkeit ist ja bei vielen Menschen, auch Frauen, ungebrochen. Diese Damen glauben offensichtlich, durch Aktionen wie das provokative Tragen einer Hijab- Vermummung sich öffentlich zur Schau stellen zu müssen nach dem Motto: Ich bin hier, hier bin ich, seht ihr mich? Ich bin so dumm und lasse mich freiwillig unterdrücken. Ach ist das lustig. – Die Dummheit stirbt nicht aus!

Ach, mit so einer Twitterdatenbank-Der-Dummheit lässt sich das schon regeln.

Also für mich wäre der World-Hijab-Day akzeptabel, wenn Muslimas an diesem Tag ausprobieren dürften, wie es sich anfühlt, ohne Schleier und Kopftuch unterwegs zu sein.

DAS wäre doch mal ein toller Schritt! Nicht wir tolerieren die Abgrenzung sondern die tolerieren die Nichtabgrenzung!

Aber da kommen wir schon an die Grenzen des Islam, die blutig mit Feuer und Schwert verteidigt werden…

Jede Hijabträgerin beleidigt alle Frauen, die den Hijab nicht tragen.

Sie sagt nämlich mit ihrer Kleidung: „Ich bin eine anständige Frau, ihr seid alle Schlampen.“

Wir sollten uns in unserem eigenen Land nicht beleidigen lassen müssen.

Sehe ich ebenso. Das Kopftuch ist die Fahne des politischen Islam.

Für mich ist es ein Zeichen willentlicher Nichtanpassung und Abgrenzung.

Die oben beschriebene „FreeInHijab“ Aktion erinnert mich an folgende Situation: als Physiotherapeut übt man während der Ausbildung auch Rollstuhlfahren und Sportarten wie Rolli-Basketball etc. Das macht sogar richtig Spaß – solange man danach wieder aus dem Gerät aussteigen kann! Ein Blick in die Augen eines echten, an den Rollstuhl „gefesselten“ Patienten offentbart jedoch schnell, wie diese Aktion auf den Betroffene wirken kann: es ist eine Zurschaustellung von Freiheiten, die dem anderen versagt bleiben. Im Falle des Physios ist es eine berufliche Notwendigkeit, sich mit der Unfreiheit des anderen vertraut zu machen. Dieses Experiment vollzieht man dann aber möglichst mit einer… Mehr

CCB,
Ihr Gleichnis trifft es hervorragend. Es ist eine Verhöhnung der zum Kopftuchtragen verdammten Mädchen und Frauen in praktisch allen muslimischen Ländern.

Wenn eine Frau den Hijab wirklich aus freiem Willen tragen möchte, soll sie das tun, es geht mMn niemanden etwas an. Aber wenn so etwas als „befreiend“ gefeiert und ich als europäische Frau aufgefordert werde, auch nur für einen Tag selbst so etwas zu tragen, hört der Spaß für mich auf. 1. Was soll daran befreiend sein? Wovon denn überhaupt befreien? 2. Warum eigentlich nicht quid pro quo? Warum rufen wir nicht am 1. August (da ist es nämlich voraussichtlich schön warm) den weltweiten Tag der Freikörperkultur aus und die muslimischen Damen, die jetzt wollen, dass westliche Frauen sich aus… Mehr

Eine andere Variante: einen Tag laufen alle muslimischen Männer mit so einem Teil herum und auf der Strasse drei Meter hinter ihren Frauen her.

Beim Hijab, Kopftuch, Nikap oder wie auch immer kann es keine Toleranz geben. Wären wir unser selbst bewußt, würden wir es verbieten und jede Frau außer Landes jagen, die es wagte zu tragen. Toleranz und Religion schließen einander aus. Religiöse sind nie tolerant, können es nicht sein, ohne sich selbst zu verraten. Hier liegt die große Schwäche des Westens, die ihn, in Europa derzeit am augenfälligsten, langsam verschwinden läßt. Es kann auch keine Religionsfreiheit geben – oder es gibt gar keine Religion. (Gleich vorweg: Atheismus ist nicht frei von Religion, sondern auch nur eine Form von Religion, nämlich die des… Mehr
Es stimmt nicht das Toleranz und Religion sich prinzipiell ausschließen. Es gibt durchaus tolerante Religionen. Von denen hört man nur nie was weil sie oft auch nicht missionieren. Im Falle der Bahai zum Beispiel, wo sie niemals einen Missionar treffen werden, weil das Baheitum jegliche Gewaltausübung im Namen Gottes verbietet und schon Missionsgespräche als Gewaltakt gegen die Gottgegebene Freiheit wertet. Man glaubt dort der Glaube komme nur von Gott selbst und jeder derHerumläuft ist genau so gläubig wie Gott das möchte. Daher darf man die Suche nach Gott nicht mit Beeinflussung unterbrechen. Daher kennt man oft nur die Negativbeispiele. Zu… Mehr

Wollen Sie etwa sagen,der fromme Moslem ist innerlich erfüllt?
Und dann wàre immer noch zu fragen womit?
Soso,die Muslime haben das Gefühl und die Gewissheit besser zu sein.Achso diese Religiösen sind nicht leer aber dafür voll mit Arroganz.Ob das sehr sympathisch ist wage ich zu bezweifeln.
Ich habe oft den Eindruck das besonders religiöse Menschen eher leer das heisst ohne Lebendigkeit sind und nur mit ihrem Glaubensbekenntnis gefüllt sind quasi innerlich erstarrt sind.
Sie zeichnen hier ein völlig verzehrtes Bild des westlichen Menschen,den es in dieser Pauschalheit ohnehin nicht gibt.Ich bin kein religiöser Mensch und keineswegs innerlich leer.Daraus folgt ihre These ist widerlegt.