Fake News und „Lügenpresse”. Nichts schmerzt Leitmedien mehr als diese Vorwürfe. Falsch seien sie, populistisch und ungerecht. Es darf gezweifelt werden.
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Seit Alters her haben Publikationen, Medien, eine klare Aufgabe: Sie berichten, was passiert, was ist. Dabei treffen sie eine Auswahl, damit alles auf einigen Blatt Papier oder auf einem Online-Auftritt Platz hat. Oder in einem fünf- oder fünfzehnminütigen Nachrichtenüberblick in Funk und Fernsehen.
«All the News That’s fit to Publish», so lautet das Motto der grossen New York Times. Hier geht es nicht ums Überleben des Fittesten. Sondern um Kriterien, die eine zu publizierende News von einer nicht berichtenswerten unterscheiden. Das ist so selbstverständlich wie ewiger Anlass zu Zank und Streit. Dann gibt es noch die Meinung, also den Farbfilter, mit dem die Welt und ihre Ereignisse betrachtet werden. In der kubanischen Parteizeitung «Granma» gibt es nur einen Filter, und die Kriterien zur Publikation sind ganz einfach: Erfolgsnachrichten aus Kuba, schlechte Nachrichten aus dem kapitalistischen Ausland und ganz schlechte Nachrichten aus den USA.
Aktuell ist ein sehr verstörender Vorfall zu vermelden. Wäre ich nicht selber Autor, hätte ich höchstwahrscheinlich nicht mitbekommen, dass es Tichys Einblick nach längerer Recherche gelungen ist, die Urheberin des sogenannten «Hetzjagd»-Videos zu treffen. Diese 19 Sekunden haben nun wahrlich zu Nachrichten Anlass gegeben. Sie dienten als angeblicher Beweis, dass es in Chemnitz zu Hetzjagden gekommen sei, sogar Pogrome, sogar Lynchmobs wurden gesichtet. Das Video ging viral, wie man heute so schön sagt, es wurde weltweit berichtet, ja, auch in der New York Times. Zudem führte es zu einer wochenlangen Regierungskrise und dem Rücktritt des Präsidenten des Deutschen Verfassungsschutzes.
Erst dann seinen die beiden Männer vertrieben worden, ohne dass vorher oder während Rechtsradikales oder Fremdenfeindliches gerufen worden sei. Aus Angst vor der militanten Anti-Fa möchten die Frau und ihr Mann anonym bleiben. Aber der Autor der Recherche verbürgt sich für die Authentizität. Das nennt man einen Primeur, einen Knaller, eine Enthüllung, eine News. Nachdem das Video dermassen weltberühmt wurde, kann es keinen Zweifel geben, dass diese Aussagen der Urheberin berichtenswerte News sind.
Nachdem über Wochen hinweg viele, viele Worte darauf verschwendet worden sind, ob das Video echt ist, was man genau darauf sieht, ob das Wort Hetzjagd angebracht ist oder nicht, wessen Geistes Kind einer ist, der die Verwendung dieses Ausdrucks bezweifelt. Ob es nur symbolisch eine von vielen Hetzjagden darstellt, ob solche Hetzjagden in Chemnitz ständig stattfinden. Es gab wohl keinen Pixel dieses Videos und keinen semantisch nur noch erspürbaren Oberton in einer Aussage, dem sich die Journalisten nicht mit Hingabe gewidmet hätten. Und jetzt? Nachdem doch das Ergebnis einer Recherche vorliegt, die keine Kleinigkeit beinhaltet?
Das sollte man ohne die geringste Schadenfreude zur Kenntnis nehmen, denn Aufklärung tut not wie nie, Einordnung, Analyse, Hintergründe, Recherchen, Skandale aufdecken. Natürlich ist es gut und richtig, dass fragwürdige Parteispenden untersucht werden. Es ist ja nicht der erste Parteispendenskandal, den der «Spiegel» aufdeckt. Aber absorbiert das schon alle Kräfte, wodurch für eine Nachrecherche des Chemnitzer Videos keine Ressourcen vorhanden sind? Das wäre tragisch und fatal.





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