Houellebecq rechnet mit Frankreichs Justiz und dem neuen Kontrollstaat ab

„In Frankreich entsteht die Gewalt nicht aus Unzufriedenheit, sondern daraus, dass man keine Angst mehr vor der Polizei und der Justiz hat.“ Michel Houellebecq beschreibt im Interview mit einer spanischen Zeitung den gesellschaftlichen und geistigen Verfall Europas.

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Wenn in Frankreich größere Menschenmengen zusammenkommen, gehören Plünderungen inzwischen beinahe zum erwartbaren Ablauf. Das beobachtet der französische Schriftsteller Michel Houellebecq bereits seit Jahren. Bei Demonstrationen geschieht es ebenso wie nach Fußballfinalspielen. Selbst Nationalfeiertage bleiben davon nicht mehr verschont. Die Franzosen hätten begonnen, sich an diese Art von Gewalt zu gewöhnen, erklärt Houellebecq in einem Interview bei ABC Spanien mit dem Journalisten Bruno Pardo Porto anlässlich des Festival Ja! in Bilbao. Ihn selbst hätten die jüngsten schweren Ausschreitungen deshalb kaum noch überrascht.

Für die Ursache hat der Schriftsteller eine klare Erklärung: Die Justiz habe versagt. Immer weniger Menschen fürchteten überhaupt eine Festnahme und deren etwaige Konsequenzen. Als der Interviewer wissen will, ob die zunehmende Gewalt aus gesellschaftlicher Unzufriedenheit oder aus fehlender Angst vor staatlicher Repression entstehe, antwortet Houellebecq entschieden: „Es liegt nicht an der Unzufriedenheit, sondern daran, dass sie keine Angst mehr vor der Polizei haben. Und vor allem nicht vor der Justiz.“ Wann dieser Verfall begonnen habe, könne er allerdings nicht sagen.

Houellebecq beschreibt damit ein Frankreich, in dem die Hemmschwelle zur Gewalt stark abgesunken ist und staatliche Autorität ihre abschreckende Wirkung sukzessive weiter verliert. Die Erklärung, gesellschaftliche Missstände trieben Menschen zu Plünderungen, lässt er nicht gelten. Wer bei jeder größeren Menschenansammlung mit Ausschreitungen rechnen muss, hat längst ein grundsätzliches Problem mit der Durchsetzung des Rechts. Und eine Justiz, deren mögliche Strafen niemanden mehr beeindrucken, darf sich über die Folgen ihrer eigenen Wirkungslosigkeit kaum wundern.

Die neue Lust an der Kontrolle

Während die Strafjustiz nach Houellebecqs Einschätzung zunehmend an Autorität verliert, entwickelt der moderne Staat bei der Überwachung des privaten Lebens einen umso größeren Ehrgeiz. Der Schriftsteller sieht einen mächtigen gesellschaftlichen Willen zur Kontrolle, der sich inzwischen bis in die alltäglichsten Gewohnheiten erstreckt.

Besonders deutlich werde das beim Rauchen. Wer sich heute eine Zigarette anzünde, könne bereits als Nihilist gelten, bemerkt er mit jener trockenen Ironie, für die er bekannt ist. Inzwischen treffe das immer häufiger zu. Raucher stünden unter einem schwer erklärbaren Generalverdacht. Noch absurder erscheint ihm der Umgang mit elektronischen Zigaretten. Nach seiner Auffassung schaden diese den Umstehenden nicht. Weshalb also werden sie zunehmend ähnlich behandelt wie herkömmliche Zigaretten? Houellebecq vermutet dahinter das Bedürfnis, das Verhalten der Bürger immer umfassender zu reglementieren.

Was er damit meint, hat er während der Corona-Zeit beobachtet. Damals hätten erstaunlich viele Menschen geradezu begeistert die Gelegenheit ergriffen, ihre Nachbarn und sogar Familienangehörige zu bespitzeln. Sie kontrollierten, wer sich an welche Vorschriften hielt, und denunzierten diejenigen, die dagegen verstießen. Houellebecq erinnert sich an dieses Verhalten mit unverhohlenem Befremden.

Die Corona-Jahre haben tatsächlich gezeigt, wie schnell sich gewöhnliche Bürger zu freiwilligen Vollstreckern staatlicher Vorschriften machen lassen. Der Nachbar wurde zum willfährigen Aufpasser, das Privatleben zum Gegenstand öffentlicher Beurteilung. Houellebecq erkennt darin eine gesellschaftliche Neigung, die weit über die damalige Ausnahmesituation hinausreicht.

Der Gesundheitskult und die Euthanasie

Den Widerspruch zwischen der staatlich geförderten Gesundheitsfürsorge und dem politischen Umgang mit dem Lebensende spricht der Interviewer ausdrücklich an: Gesellschaften, die das Rauchen verbieten wollen, gehören zugleich zu denen, die die Euthanasie legalisieren. Houellebecq teilt diese Verwunderung. Er sucht nach einem Begriff, mit dem sich die gegenwärtige Epoche angemessen beschreiben ließe, findet jedoch keinen, der ihm kraftvoll genug erscheint.

Der Kampf gegen die Euthanasie war nach eigenen Worten das stärkste politische Engagement seines Lebens. An die Auseinandersetzungen in Frankreich erinnert er sich mit Bitterkeit. Das Gesetzesvorhaben durchlief einen langwierigen parlamentarischen Prozess, dessen Verlauf von den Eigentümlichkeiten der französischen Politik geprägt gewesen sei.

Dreimal wurde in der Nationalversammlung abgestimmt. Nach Houellebecqs Darstellung sank dabei jedes Mal der Anteil der Befürworter. Er ist überzeugt, dass weitere zwei Jahre parlamentarischer Auseinandersetzung genügt hätten, um das Vorhaben endgültig zu Fall zu bringen. Auch der Senat habe es anschließend abgelehnt. Seinen politischen Einsatz betrachtet er dennoch als gescheitert, wenn auch denkbar knapp.

Houellebecq widerspricht damit einer Vorstellung von Fortschritt, die jede neue Möglichkeit zur Verfügung über den menschlichen Körper bereits als zivilisatorische Errungenschaft betrachtet. Die moderne Gesellschaft macht die Gesundheit zur obersten Lebenspflicht und beschäftigt sich gleichzeitig mit der gesetzlichen Ermöglichung des selbstbestimmten Todes. Dass Gesundheit inzwischen einen übertrieben hohen Stellenwert einnimmt, kritisiert er ausdrücklich. Überall werde der Einzelne aufgefordert, sich um seine Gesundheit zu kümmern. Für Houellebecq ist diese Dauerbeschallung längst zu viel geworden.

Ob dahinter die Angst vor dem Tod stehe, bezweifelt er. Er habe Menschen sterben sehen und bei ihnen keine Angst festgestellt. Auf die Frage, ob er selbst den Tod fürchte, antwortet er mit einem einzigen Wort: „Nein.“

Das überraschende religiöse Erwachen Europas

Seine Haltung zum Christentum habe sich im Laufe der Jahre verändert. Früher betrachtete Houellebecq die Religion als eine weitgehend erledigte Angelegenheit. Inzwischen erkennt er im Christentum wieder eine geschichtliche Kraft in Europa. Er verweist auf die steigenden Taufzahlen, die er als Anzeichen eines spirituellen Erwachens versteht. Dieses Phänomen überrasche ihn selbst. Eine schlüssige Erklärung habe er bislang nicht gefunden. Dass sich die religiöse Entwicklung der vergangenen Jahre weitgehend außerhalb der Erwartungen der intellektuellen Öffentlichkeit vollzieht, hält er für besonders aufschlussreich. Niemand habe sie kommen sehen, erklärt Houellebecq. Selbst die Kirche sei von der neuen Hinwendung zum Glauben überrascht worden.

Eine mögliche Erklärung sieht er im Einfluss des Islam auf junge Europäer. Junge Menschen könnten sich an Muslimen orientieren, die ihren Glauben offen praktizieren und ihr Leben an religiösen Geboten ausrichten. Wer erlebt, dass andere Menschen ihre Religion selbstverständlich ernst nehmen, empfindet den eigenen Glauben womöglich nicht länger als etwas Lächerliches. Davon könnte nach Houellebecqs Ansicht auch der Katholizismus profitieren.

Hinzu kommt das Bedürfnis nach Gemeinschaft. In einer zunehmend vereinzelten Gesellschaft bieten religiöse Gemeinschaften Zugehörigkeit und Schutz. Houellebecq hält das für einen wichtigen Beweggrund, wenngleich er darin keine vollständige Erklärung sieht. Auch die gemeinsamen Rituale spielen für ihn eine wesentliche Rolle. Ob es überhaupt eine rein individuelle Religion ohne gemeinschaftliche religiöse Praxis geben könne, wisse er nicht. Eine solche Religion sei ihm jedenfalls unbekannt.

Der Schriftsteller als Beobachter einer kranken Gesellschaft

Houellebecq versteht seine literarische Aufgabe vor allem darin, den Menschen und seine Verhaltensweisen zu beschreiben. Er will seine Figuren weder moralisch zurechtweisen noch die Gesellschaft durch seine Romane reformieren. Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen dem Romanautor und religiösen Schriftstellern, deren Werk durchaus auf die Veränderung des Menschen abzielen könne. Für seine eigene Literatur habe dieser Anspruch nie gegolten.

Seine Stärke sieht er in der Beobachtung gesellschaftlicher Verhaltensweisen. Während manche Autoren sich stärker der Psychologie zuwenden, interessiert sich Houellebecq auch für die Soziologie. Er könne soziale Mechanismen gut erkennen und analysieren. Entscheidend sei dabei die Wahrnehmungsfähigkeit eines Schriftstellers, denn Menschen sähen selbst in derselben Umgebung keineswegs zwangsläufig dasselbe. Diese Fähigkeit erklärt auch, weshalb seine Romane gesellschaftliche Entwicklungen gelegentlich mit erstaunlicher Genauigkeit vorwegzunehmen scheinen.

Als Beispiel nennt er seinen Roman Serotonin. Darin schildert er unter anderem Bauernproteste, die später angesichts der französischen Gelbwestenbewegung geradezu prophetisch wirkten. Später entstanden die Proteste der Gelbwesten tatsächlich in geografisch vergleichbaren Regionen und einem ähnlichen sozialen Milieu. Dass man ihn deshalb zum Propheten erklärte, hält Houellebecq dennoch für übertrieben.

Houellebecq beschreibt gesellschaftliche Entwicklungen, deren Konsequenzen den meisten Menschen oft erst auffallen, wenn sie unübersehbar geworden sind. Für eine Literatur, die sich der Wirklichkeit verpflichtet fühlt, ist diese Beobachtungsgabe ein ungemein wertvolles Gut.

Schreiben ist eine Sache der Einsamkeit

Dass Houellebecq inzwischen auf ein langes Schriftstellerleben zurückblickt, hat ihn nach eigener Darstellung nicht zu spektakulären neuen Altersweisheiten geführt. Die Veränderungen seien überwiegend banal. Manche körperlichen Dinge fielen ihm inzwischen schwerer. Mehr gebe es dazu kaum zu sagen. An einem neuen Buch arbeitet er bereits. Über dessen Inhalt will er allerdings nichts verraten.

Der Interviewer erinnert an Marguerite Duras, die ebenfalls ungern über ihre laufenden Arbeiten sprach, weil sie fürchtete, dadurch die Kraft zum Schreiben zu verlieren. Houellebecq stimmt ihr zu: Schreiben brauche Einsamkeit. Sobald man anderen von einem noch entstehenden Werk erzähle, müsse man sich mit deren Reaktionen auseinandersetzen. Diese Reaktionen empfände er als aufdringlichen Eingriff in die eigene Arbeit.

Auch nach Jahrzehnten als einer der bekanntesten Schriftsteller Frankreichs hat Houellebecq offenbar wenig Interesse daran, sich den Erwartungen seiner Umgebung anzupassen. Er misstraut dem Fortschrittsglauben, begegnet dem modernen Gesundheitskult mit Spott und sieht einer Gesellschaft zu, die ihre Bürger immer genauer kontrollieren möchte, während sie bei der Durchsetzung elementarer Regeln zunehmend versagt.

Als das Aufnahmegerät am Ende des Interviews ausgeschaltet wird, stellt Houellebecq selbst fest: „Es sieht so aus, als hätte ich meine Meinung im Laufe der Jahre nicht besonders verändert, oder?“

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