Die kleine Sünde und die große Glocke

Das Schicksal der Kirche wird davon abhängen, ob sie es schafft, das prekäre Gleichgewicht zwischen profan und heilig neu zu justieren. Solange sie versucht, es durch parteipolitisches Geplänkel zu ersetzen und humanitär auszuschmücken, wird ihr das aber nicht gelingen.

picture alliance/dpa | Stefan Jaitner

Robert Spaemann war ein frommer, aber auch ein kluger, ein lebenskluger Mann. Und Sohn eines Priesters. Da er Humor besaß, hat er gelegentlich erzählt, wie er und seine Geschwister eine gemeinsame Straßenbahnfahrt dazu benutzt hatten, ihren Vater, im Römischen Kragen als Geistlicher leicht erkennbar, zu erpressen. „Wenn du uns nicht dies und das erlaubst“, hätten sie ihm zugeflüstert, „sagen wir ganz laut Papi zu dir.“

Dieser Vater war evangelischer Pfarrer gewesen, hatte geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt. Dann waren ihm Zweifel gekommen, er hatte sich der katholischen Theologie zugewandt, war konvertiert und von den Auflagen des Zölibats nachträglich entbunden worden. Die Kirche war eben nicht nur streng, sie war auch weise. Sie wusste, dass es zwei Reiche gab und dass man dem einen dienen konnte, ohne das andere zu verraten.

Die Gläubigen wussten das auch. Die Frau des Pfarrers hieß eben Haushälterin, und Kinder waren schon deshalb kein Problem, weil sie dem zuständigen Bischof den jährlich zu entrichtenden Gulden einbrachten. Noch jüngst hat Petra Morsbach in ihrem (von der Konrad-Adenauer-Stiftung preisgekrönten) Roman „Gottesdiener“ von einem rüstigen Priester berichtet, der morgens, wenn die Männer bei der Arbeit waren, über Land zog, um den Frauen auf seine Art den Segen zu erteilen.

Vorbildlich war das sicher nicht. Schädlich aber auch nicht, solange sich die Erinnerung an eine Standesgesellschaft, die den einen etwas erlaubte, was sie den anderen verboten hatte, missgönnte oder übelnahm, nicht restlos verloren hatte. Dass Kardinal Mazarin Beischläfer der Königin war, wusste ganz Frankreich, und die zahlreichen Söhne, die Herzog Philipp der Gute mit ebenso vielen Frauen erzeugt hatte, trugen Titel wie Grand Bâtard de Bourgogne. Was dem Zeus erlaubt war, war dem Rindvieh noch lange nicht erlaubt.

Das ging so lange gut, wie Vorrechte und Privilegien durch gleichwertige Pflichten aufgewogen oder jedenfalls ergänzt wurden. Doch diese Zeit ist vorbei, endgültig vorbei. Hochbezahlte Konzernvorstände bekommen das genauso zu spüren wie anmaßende Politiker. Am härtesten trifft es aber wohl die Vertreter einer Institution, die vom Abstand zwischen Himmel und Erde, oben und unten reden muss, auch wenn sie nicht dran glaubt.

Was sich in Oberursel (wo ich wohne) ereignet hat, ist nichts Neues. Die Umstände, die jetzt skandalisiert werden, waren bekannt, man hatte sich damit abgefunden. Der Sturm brach erst los, als das, was bisher an der kleinen Glocke hing, an die große gehängt wurde. Danach empörte sich eine gründlich säkularisierte Öffentlichkeit über einen Vorgang, den sie geduldet hatte, solange sie noch in die Kirche ging.

Zeitgemäß sei kein Qualitätskriterium, schreibt Alexander Heiden bei TE: völlig zu Recht. Unzeitgemäß aber auch nicht. Das Schicksal der Kirche wird davon abhängen, ob sie es schafft, das prekäre Gleichgewicht zwischen profan und heilig neu zu justieren. Solange sie versucht, es durch parteipolitisches Geplänkel zu ersetzen und humanitär auszuschmücken, wird ihr das aber nicht gelingen.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen