Berufspolitiker und Merz-Applaudeur Amthor meint, einen politischen Konkurrenten als „Duftkerzenverkäufer“ kompromittieren zu können. An sich schon dumm genug. Einmal mehr, nachdem seine Parteikollegen bereits kolossal Schiffbruch mit der so zum Ausdruck gebrachten Verachtung für Berufstätige erlitten haben.
picture alliance/dpa | Britta Pedersen
Philipp Amthor besitzt wenigstens ein besonderes Talent. Er schafft es, den irrationalen Hochmut eines ganzen politischen Apparats in einem einzigen Satz auf Zwergengröße zu schrumpfen. Beim Sommerempfang der CDU Sachsen-Anhalt in Bitterfeld-Wolfen wollte der Mitgliederbeauftragte seiner Partei zeigen, wie man eine AfD stelltt, die in den Umfragen inzwischen irgendwo jenseits der CDU-Sichtweite fährt. Also nahm er sich AfD-Kandidat Ulrich Siegmund vor. Dessen Auftritte im Netz seien die „Li-La-Laune-Videos da von dem Duftkerzenverkäufer“.
Man muss sich dieses Schimpfwort aus dem Munde eines Philipp Amthors ganz genau vor Augen führen. Siegmund hat irgendwann Waren verkauft. An Kunden. Für Geld. Er musste offenbar Menschen davon überzeugen, etwas freiwillig zu kaufen. In der Welt eines Politkarrierstschleimers wie Philipp Amthor scheint das bereits eine ausreichend exotische Erwerbsbiografie zu sein, um daraus eine Art von unterkomplexer Beleidigung zu drechseln.
Seit Wochen arbeiten sich Union-Funktionäre an Siegmunds beruflicher Tätigkeit ab, während sie im gleichen Atemzug Verachtung für die arbeitende Bevölkerung signalisieren. Was bereits zu einem unfassbaren Backlash geführt hat, auch bei Leuten, die mit der AfD rein gar nichts anfangen können. Zum Schaden für Blindschleichen-Funktionäre der Union sogar mit einem gewaltigen Solidarisierungseffekt für Siegmund. Selbst eher links stehende Medien gingen mit diesen Ausfällen keineswegs gnädig um. Was macht man bei der Union? Weiterfahren im Karussell. Anhalten und Aussteigen unmöglich.
Siegmund absolvierte eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel, arbeitete danach in der Vertriebsleitung und als Key Account Manager. Später machte er sich selbstständig. Parallel studierte er Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaftslehre bis zum Bachelorabschluss. Irgendwann vertrieb er Raumdüfte. Daraus abgleitet soll „Duftkerzenverkäufer“ die ganze Geringschätzung von Personen ausdrücken, die außer auf Steuerzahlerticket kaum bis rein gar nichts vorzuweisen haben.
Für jemanden, dessen natürliche Umgebung schon früh nach Abgeordnetenbüro und Konrad-Adenauer-Stiftung roch, muss diese Welt ganz besonders abenteuerlich wirken.
Der Duft der freien Wirtschaft
Amthors eigene Biografie führt durch vertrautere Räume. Nach dem Abitur kam das Jurastudium, finanziell begleitet durch ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung. Daneben arbeitete er für Abgeordnete. 2017 war er kurz wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität und Mitarbeiter einer Wirtschaftskanzlei. Im selben Jahr zog er mit 24 Jahren in den Bundestag ein. Menschen scherzen, dass man ihn auf Klassenfahrt im Bundestag vergessen habe wie einst Mogli im Dschungelbuch und dass er seither von Bundestagsmitgliedern großgezogen wurde. Amthors Leben wird verlässlich aus jenem großen deutschen Kreislauf gespeist, in dem Steuern hinein- und Politikerkarrieren herauskommen.
Während andere Mittzwanziger noch herauszufinden versuchen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen, wirkte Amthor bereits so, als hätte er seit 1987 jeden zweiten Donnerstag den Ortsverband Ueckermünde protokolliert. Der Körper war jung, der Funktionär darin hatte längst goldenes Dienstjubiläum. Der früh vergreiste Nachwuchsmann der Merkel-CDU. Zuletzt erlebte Deutschland ihn beim CDU-Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern als Applaus-Animateur für Friedrich Merz. Der Kanzler hatte gesprochen, der Saal reagierte mit der Begeisterung einer Wartehalle beim Bürgeramt. Amthor sprang auf und klatschte vor wie jemand, der sich auf einem Kreuzfahrtschiff um die Begeisterung alter Damen bemüht. (Nein, keine Verachtung für Animateure, absolute Hochachtung, da ARBEIT in der freien Wirtschaft.) Wenn der Funke schon nicht überspringt, muss eben der Mitgliederbeauftragte mit Starthilfekabel ran.
Jetzt zieht derselbe Mann durch Sachsen-Anhalt und entdeckt seine Verachtung für Verkäufer.
Dabei hatte Amthor durchaus schon einmal intensiveren Kontakt zur Privatwirtschaft. Der hieß Augustus Intelligence und geriet später unter der wenig schmeichelhaften Bezeichnung „Lobbyismus-Affäre“ in die Schlagzeilen. Amthor setzte sich beim damaligen Wirtschaftsminister Peter Altmaier für das US-Unternehmen ein. Er verwendete dabei den Briefkopf des Deutschen Bundestages. Später erhielt er Aktienoptionen und einen Direktorenposten. Amthor nannte sein Engagement schließlich einen Fehler, natürlich erst, nachdem er medial dafür aufs Maul bekommen hatte. Der Bundestag widmete der Sache 2020 sogar eine Aktuelle Stunde.
Wenn 23 Prozent auf 43 Prozent herabschauen wollen
Besonders hübsch gerät Amthors Ausflug in die soziale Herablassung angesichts der politischen Kräfteverhältnisse. Die CDU liegt in Sachsen-Anhalt derzeit je nach Umfrage bei 22 bis 24 Prozent. Die AfD kommt auf 41 bis 43 Prozent. Bei der jüngsten bei Wahlrecht aufgeführten Erhebung von pollytix standen 23 Prozent für die CDU gegen 43 Prozent für die AfD.
Man kann sich vorstellen, wie die Lage im Konrad-Adenauer-Haus analysiert wurde. Der Gegner liegt zwanzig Punkte vorn. Schulze kann und will es nicht mehr reißen. Bei Tilo Jung ist für den auch nichts zu gewinnen. Nathanael Liminski und Dennis Radtke hatte sich gerade erst binnen weniger Tage in Talkshows exponiert. Also Stichtag für Geheimwaffe Philipp Amthor, damit er abgetragene Witze von anderen Politfunktionären aufträgt, die schon bei denen voll nach hinten losgegangen sind. Irgendwo muss es schließlich noch diese sagenumwobenen letzten zehn Prozent geben, die bisher nur deshalb nicht CDU wählen, weil ihnen die Partei noch zu wenig Geringschätzung für Verkäufer vermittelt hat.
Amthor behauptete bei seinem Auftritt außerdem, Sachsen-Anhalt sei deshalb so wunderbar geworden, weil die CDU „in schwierigen Zeiten die richtigen Entscheidungen getroffen hat“. Das Publikum darf diesen Satz nun mit den 23 Prozent der CDU abgleichen. Offenbar hat nur ein erheblicher Teil Sachsen-Anhalts die wunderbaren richtigen Entscheidungen noch immer nicht richtig verstanden. Vielleicht versteht man das, wenn man Sven Schulze bei Tilo Jung einschalten mag. Aber glücklicherweise ist Philipp Amthor angereist, um dem Land seine Lage zu erklären.
Und dann ist da ja noch die Geheimwaffe aus irgendwelchen Prominenten, die Vertreter der politischen Konkurrenz und abtrünnige Wähler mit Ungeziefer vergleichen. Vielleicht sollte Philipp Amthor seine nächste Duftnote im eigenen Laden suchen. Denn in so einem Milieu fühlen sich Union-Leute offenbar sehr wohl. Hohl, unterkomplex und entgrenzt – und ganz sicher an allen Problemen im Land vorbei.
Philipp Amthor weiß zumindest, wie man einer Partei beim Absatz hilft – auch, wenn es am Ende nicht die eigene ist.



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