Österreichs Staatsfunk-Affäre: ORF-Generaldirektor muss gehen

3.600 Mitarbeiter, ein Milliardenbudget, dazu eine mit Zwangsgebühren finanzierte Zeigefinger-Berichterstattung: Jetzt erschüttert ein Skandal aus politischen Intrigen und schweren Vorwürfen der sexuellen Belästigung den österreichischen Staatsfunk. Der Generaldirektor wird schwer belastet.

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Der linkslastige öffentlich-rechtliche Rundfunk in Österreich sei „eine Bastion des seriösen Journalismus“, meinte noch kürzlich ORF-Nachrichtensprecher Armin Wolf. Das kann sein, doch was vom internen ORF-Theater jetzt auf öffentlicher Bühne mitzuverfolgen ist, kann wahrlich nicht als seriös durchgehen: Es sollen Chats zwischen dem ORF-Generaldirektor und einer Mitarbeiterin mit sexuellen Inhalten existieren, der Boss des von den politischen Parteien beherrschten Rundfunk-Riesen trat zurück.

Der österreichische Rundfunk steht damit vor einer seiner größten Führungskrisen der vergangenen Jahre: ORF-Generaldirektor Roland Weißmann (57) bestreitet zwar die Anschuldigungen, erklärte jedoch, sein Amt niederzulegen, um weiteren Schaden vom öffentlich-rechtlichen Sender abzuwenden.

Die Vorwürfe wurden laut ORF-Stiftungsrat, dem ebenso politisch besetzten Aufsichtsgremium, in den vergangenen Tagen von einer ORF-Mitarbeiterin erhoben. Sie beziehen sich demnach auf ein mutmaßliches Fehlverhalten Weißmanns aus dem Jahr 2022, also aus der Anfangszeit seiner Amtsperiode als Generaldirektor.

Ton-, Bild- und Schriftmaterial als mögliche Belege

Besonders brisant sei, dass dem Aufsichtsgremium offenbar Material vorliegt, das den Vorwurf untermauern könnte. Der SPÖ-nahe Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer erklärte im ORF-Radio, es gebe „Schrift-, Ton- und Bildmaterial“, das den Vorwurf zumindest darstellen lasse. Wie belastbar diese Dokumente tatsächlich sind, müsse jedoch noch geklärt werden.

Lederer betonte zugleich eine klare Linie des Senders: „Vertuschen gibt es mit mir nicht und null Toleranz für sexuell übergriffiges Verhalten.“ Aufgabe des Stiftungsrates sei es, betroffene Mitarbeiterinnen zu schützen und gleichzeitig eine transparente Aufklärung sicherzustellen.

Demnach wurde Roland Weißmann kurzfristig zu einem Gespräch einbestellt und erhielt eine Frist von 48 Stunden, um die Angelegenheit mit dem Anwalt der betroffenen Person zu klären. Da es zu keiner Einigung kam, reichte er schließlich am Sonntag seinen Rücktritt ein.

Anwalt weist Vorwürfe entschieden zurück

Weißmann selbst weist sämtliche Anschuldigungen über seinen Anwalt entschieden zurück. Dieser erklärte, seinem Mandanten liege der genaue Sachverhalt der Vorwürfe bis heute nicht vollständig vor. Dennoch habe Weißmann „weitreichende Zugeständnisse“ angeboten und letztlich den Rücktritt erklärt, um den ORF nicht weiter zu belasten.

Zugleich kritisierte der Anwalt die öffentliche Debatte um diese Causa: Die mediale Verbreitung nicht geklärter Vorwürfe stelle eine „unangemessene und überschießende Reaktion“ dar und verletze die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten massiv. Für Roland Weißmann gilt natürlich die Unschuldsvermutung.

Skandal torpediert Weißmanns Wiederwahl

Die Führung des Senders übernimmt vorerst die langjährige Journalistin und Radiodirektorin Ingrid Thurnher interimistisch. Sie soll den ORF durch die aktuelle Krise führen, während die Vorwürfe geprüft werden.

Am langfristigen Zeitplan für die Neubesetzung der ORF-Spitze ändert sich vorerst nichts: Die Funktion des Generaldirektors soll weiterhin im Mai ausgeschrieben und im August neu vergeben werden, mit Amtsantritt Anfang 2027.

Weißmann, der seit 2022 an der Spitze des ORF stand und zuvor bereits Jahrzehnte im Unternehmen tätig war, galt als Mann der Regierungsparteien und somit erneut als Favorit für eine mögliche Wiederwahl. Nun steht der ORF jedoch vor einer Phase intensiver Aufarbeitung – und vor der Herausforderung, Vertrauen innerhalb des Hauses und in der Öffentlichkeit wiederherzustellen.

Ein „Mini-Ibiza“?


Kenner der österreichischen Innenpolitik sehen in den jetzt aufgetauchten Vorwürfen ein „Mini-Ibiza“ – also eine absichtlich gestellte Video-Falle, um Jahre später jemanden mit diesem Material kompromittieren zu können.

So wurde Österreichs Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache schon 2017 in einer Finca auf Ibiza bei seltsamen Aussagen und im Beisein einer falschen russischen Oligarchen-Nichte heimlich gefilmt. Das Material von sieben Stunden wurde dann erst im Mai 2019 auf wenige Minuten zusammengeschnitten und sorgte so für Straches Rücktritt und führte wenig später zur Sprengung der rechten Koalition.

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