Was verschweigt Air Berlin?

Dass es Air Berlin schlecht geht – das heulen die Turbinen beim Start- wie beim Landanflug. Aber im Fluglärm geht unter, dass der Carrier peinlich bemüht ist, Aktionäre und Anleger über seine wahre Lage im Unklaren zu lassen.

 Ich berichtete in meinem montäglichen Newsletter WiWo-Agenda (zur kostenlosen Bestellung hier) dass Air Berlin die WiWo-Reporterin Melanie Bergermann von einer Veranstaltung für Analysten und Journalisten ausgeschlossen hatte – ein grobes Vorgehen, dass Verärgerung bei  teilnehmenden Unternehmen hervorgerufen hat: Wer nichts zu verbergen hat, schätzt die Veranstaltung als Bühne, um Interesse für das Unternehmen zu wecken. Anders Air Berlin:   „ Ingolf Hegner, ihr Investor Relations Chef bestand darauf, seine Zahlen nicht vor Bergermann veröffentlichen zu wollen, die die Veranstaltung  verlassen musste. Selbst potentielle Investoren zeigten sich entsetzt und protestierten, weil sie sich von Air Berlin in Sippenhaft genommen fühlten. Transparenz sieht anders aus. Vertrauensbildend ist verbergen nicht. Meine Berufserfahrung empfiehlt Aktionären: Lieber abfliegen als abstürzen“, so mein Text am Montag.

Nun  bestätigt  der Veranstalter, die   DVFA – Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management, dass Bergermann kein Einzelfall war – alle Journalisten, auch von Handelsblatt, Börsenzeitung und Börse Online  wären des Saales verwiesen worden. Offenbar hat Air Berlin Druck auf die DVFA ausgeübt, denn der Veranstalter habe auf Wunsch von Air Berlin gehandelt und der Trudel-Airline das Recht eingeräumt, „festzulegen, welche Teilnehmer und Zielgruppen an der Präsenzveranstaltung im Publikum sitzen – und welche nicht.“

Es ist ein ganz und gar  unübliches Verfahren. Langjährige Teilnehmer berichten mir, dass Journalisten bislang nicht ausgeschlossen worden wären. Schaut man auf die Zahlen, kann man Air Berlin auch verstehen: Für das zweite Quartal 2012 wies die Bilanz   einen auf 66,2 Millionen Euro erhöhten Nettoverlust (Vorjahreszeitraum: 43,9 Millionen) auf. Schwerer wiegt, dass Air Berlin kaum noch über eigene Mittel verfügt. Im zweiten Quartal halbierte sich das Eigenkapital der Gruppe auf nur noch 101 Millionen Euro. Die Nettoschuldenlast steigt von 616,1 Mio. auf 811,9 Mio und beginnt wohl die Luft des Unternehmens so weit abzuschnüren, dass man lieber darüber nicht mehr spricht.

Oder sind es doch wieder die Journalisten, die daran schuld sind?

„Viele Journalisten langweilen sich, wenn Finanzanalysten die 2. Stelle hinter dem Komma bei einem EBIT verstehen wollen. Und werden dann ungeduldig, wenn Investoren so ganz und gar nicht streng und investigativ mit dem Unternehmen umgehen, sondern eher Zurückhaltung an den Tag legen;“ so rechtfertig DVFA-Geschäftsführer Ralf Frank das Vorgehen von Air Berlin. Die meisten Journalisten hätten daher „die Vorgabe von Air Berlin klaglos akzeptiert“, so Frank weiter.

Nun kenne ich ja die Kollegen. Dass sie sich langweilen, wenn tiefrote Zahlen präsentiert werden, wußte ich noch nicht – und glaube ich auch nicht. Im Gegenteil – das spornt sie erst so richtig an. Und dass die Diskussion mit Vertretern der Kapitalseite spannender ist als die Schönrednerei von den Pressestellen – das ist eine eiserne Journalistenerfahrung.

Sind also die Kollegen nur gelangweilt – oder spielt Air Berlin falsch?

(Erschienen auf Wiwo.de am 04.09.2012)

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