Berlin ohne London

Der Austritt Großbritanniens aus der EU würde der Insel schaden. Am verheerendsten wären jedoch die Folgen für Deutschland.

Europa setzt sich mit brutaler Waffengewalt und einem blutrünstigen Geheimdienst gegen seine Feinde zur Wehr: gegen gottesfürchtige „Christianisten“, in den Sahara-Kolonien gegen Afrikaner, die die Solarparks sprengen, und gegen brutale Britskis, die die Loslösung Großbritanniens von der EU herbeibomben. Jenes Europa, das Tom Hillenbrand in seinem Zukunftsroman „Drohnenland“ beschreibt, hat nichts mit dem europäischen Idealbild von Friede, Freude, Eierkuchen zu tun. Wie jede echte Literatur kommt Hillenbrand einer verborgenen Wahrheit nahe: Die Briten werden längst als Feinde Europas betrachtet, der Konflikt zwischen der Insel und dem Kontinent wird zurSchicksalsfrage des vereinten Europas.

Sollen wir sie also gehen lassen oder sogar rauswerfen, diese Nörgel-Britskis, die die europäische Harmonie so lange schon so grässlich stören? Der Austritt würde Großbritannien 2,5 Prozent der Wirtschaftskraft kosten, schätzen Experten. Es könnten auch fünf verlorene Wohlstandsprozente sein, denn Nachsicht und Großzügigkeit in Form stiller Zugehörigkeit wie die Schweizer oder Norweger würden die Britskis dann nicht erfahren. Nun sind derartige Rechnungen reine Spekulation. Man könnte es ja auch so sehen: Die Finanzkrise verursachte einen ähnlich hohen Einbruch, und auchder war in Kürze wieder aufgeholt; ohne Europa würde die Insel also nicht untergehen.

Der Hauptverlierer eines britischen Exits, kurz Brexits, wäre ohnehin vermutlich Deutschland. Denn wenn man mal das Stammtischgerede wegstreicht – inhaltlich ist nichts falsch an dem, was der britische Premier David Cameron als Reformagenda fordert: Europa müsse demokratischer, flexibler und wettbewerbsfähiger sein und sich den globalen Herausforderungen stellen, statt sich abzuschließen. Statt kontinentaleuropäischer Schuldenbesoffenheit und überbordender Sozialausgaben empfiehlt Cameron Haushaltsdisziplin und Eigenverantwortung.

Das sind alles Ziele, die die deutsche Politik in Union bis weit hinein in die SPD mitunterschrieben hätte, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem Andrea Nahles in der großen Koalition die Leitlinien der deutschen Wirtschaftspolitik übernommen hat. Auch die Auseinandersetzung um Jean-Claude Juncker folgt dieser Linie: Sowohl Juncker als auch sein Gegner Martin Schulz sind nun wirklich traurige Europäer von gestern, mit denen Zukunft nicht zu gewinnen ist. Sie stehen für das Brüsseler Bürokratie-Monster, verschwiemelte Hinterzimmerpolitik und eine Wirtschaftspolitik, in der Mindestlöhne von11,50 Euro und Euro-Bonds zur südeuropäischen Schuldenfinanzierung das Maß aller linken Dinge sind.

Ohne die liberale britische Haltung, auch wenn sie oft rhetorisch so überzogen wie in der praktischen Politik unkonkret daherkommt, wäre Europa ein anderes – geprägt von einer Mischung aus italienischer Schuldenmacherei und französischem Merkantilismus,ein gesamteuropäischer Interventionsstaat nach dem Muster von Präsident François Hollande mit staatlicher Gängelung und Abkehr von der Globalisierung hin zur weinerlichen Binnenorientierung. Es waren die Briten, die uns die Olivenöl-Wegwerfkännchen im Restaurant erspart haben, weil sie sich gegen die südeuropäischen Schröpflobbyisten zur Wehr setzten. Die deutsche Wirtschaft, die ihre Leistungsfähigkeit jeden Tag auf den Exportmärkten der Welt beweisen muss, ginge mit so einer Abschottungs- und Hochsteuerpolitik schnell den Bach hinab wie derzeit die französische Industrie. Bemerkenswert auch, welche Projekte gemeinsam von rechts, wie Marine Le Pen, und links, wie Gregor Gysi, bekämpft werden: Das Freihandelsabkommen mit den USA ist der rechts-linken Volksfront ebenso ein Dorn im Auge, wie sie gegen jede andere Marktöffnung ist.

Der Brexit würde Deutschland zur letzten marktwirtschaftlichen Insel machen – die britischen Insulaner hingegen würden es allein schon bewältigen.

(Erschienen auf Wiwo.de am 14.06.2014)

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