Jason Ardays akademische Wunderbiographie ist zusammengebrochen. Doch der eigentliche Skandal reicht weiter: Journalisten, Universitäten und andere Institutionen glaubten eine immer unwahrscheinlichere Opfer- und Heldengeschichte, weil sie perfekt in den Zeitgeist passte. Der Fall zeigt, wie moralischer Konformismus selbst hochgebildete Milieus gegen offenkundige Zweifel immunisiert. Von Daniela Seidel
picture alliance / PA Images | Joe Giddens
Jason Arday ist zurückgetreten. Der Mann, der als jüngster schwarzer Professor in der Geschichte Cambridges gefeiert wurde, hat seine Ämter niedergelegt, nachdem immer größere Teile seiner überaus abenteuerlichen akademischen und persönlichen Biographie ins Wanken gerieten. Die Plagiatsvorwürfe seien hier nur am Rande erwähnt. Sie sind wissenschaftlich zu prüfen und für die Frage, die an diesem Fall interessiert, beinahe nebensächlich. Viel faszinierender als abgeschriebene Textpassagen ist aber eine ganz andere Geschichte: die Geschichte, die ihm ohne Wenn und Aber abgekauft wurde.
Irgendwann liest sich das nicht mehr wie eine Biographie, sondern wie die Abenteuer des Barons Münchhausen nach einem Bootcamp-Diversity-Seminar. Und trotzdem wurden die Geschichten in Summe geglaubt. Nicht von ein paar naiven Nachbarn am Gartenzaun, sondern liebend gern von Journalisten, Universitäten und Akademikern. Nicht unerhebliche Teile davon landeten in offiziellen Biographien und Webseiten. Hochgebildete Menschen schluckten Behauptungen, bei denen man nicht den Hauch von Spezialwissen benötigt hätte, um wenigstens einmal die Augenbraue zu heben.
Wie kann so etwas passieren?
Während ich diese zunehmend groteske, aberwitzige Geschichte las, musste ich an einen Fall denken, der auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Arday zu tun hatte.
Josephine R. aus Niedersachsen beschuldigte ihre Eltern sowie ihren ihren langjährigen Lebenspartner und Vater des gemeinsamen Kindes des schwersten, fortgesetzten sexuellen Missbrauchs. Von Woche zu Woche trieb die Erzählung neue Blüten. Immer mehr Menschen wurden zu Tätern oder Mitwissern erklärt, ein ganzes angebliches Netzwerk entstand. Satanistische Rituale kamen hinzu, nächtliche Entführungen. Die Polizei und schließlich weitere Personen aus ihrem Umfeld, selbst ihre eigene Anwältin, gerieten unter Verdacht. Ihre Mutter und ihr Stiefvater saßen 684 Tage in Untersuchungshaft.
Bis sich eine entschlossene Staatsanwältin auf die Hinterbeine stellte und herauskam, dass alle Vorfälle frei erfunden waren und Josephine R. durch immer drastischere Erzählungen Aufmerksamkeit erregen und eine Sonderbehandlung bei Therapeuten und Sozialarbeitern erzwingen wollte. Erst kürzlich wurden sämtliche Beschuldigungen fallengelassen, alle Urteile wurden im vergangenen Jahr aufgehoben und die Beschuldigten freigesprochen. Ihre Existenzen sind dennoch maximal beschädigt oder sogar für immer vernichtet.
Noch ein weiterer Fall fiel mir ein.
Binjamin Wilkomirski veröffentlichte Mitte der neunziger Jahre seine angeblichen Kindheitserinnerungen an die Konzentrationslager Majdanek und Auschwitz und trat als Holocaust-Überlebender auf. Sein Buch „Bruchstücke. Aus einer Kindheit“ wurde in einem jüdischen Verlag herausgegeben, international gefeiert und vielfach ausgezeichnet. Er wurde mit rührender Anteilnahme, Blumensträußen, Preisen und Ehrungen überschüttet, nachdem er grausame Details des Lagerlebens als Achtjähriger schilderte.
Bis der Schweizer Journalist Daniel Ganzfried seine sehr unromantische und nahezu waghalsige Tätigkeit aufnahm: Er recherchierte. Wilkomirski hieß tatsächlich Bruno Dösekker, geborener Grosjean, hatte seine Kindheit nicht in Auschwitz, sondern in der Schweiz verbracht, wohin er als Kleinkind in wohlhabende, gutbürgerliche Verhältnisse adoptiert worden war und hatte außer als Tourist nie ein KZ von innen gesehen.
Was haben aber ein Cambridge-Professor, ein vermeintliches Missbrauchsopfer aus Niedersachsen und ein falscher Holocaust-Überlebender miteinander zu tun? Zunächst einmal: fast nichts. Die Geschichten sind weder moralisch noch juristisch miteinander vergleichbar. Interessant wird es erst, wenn man von ihren Inhalten absieht und sich anschaut, was mit den Menschen um sie herum geschieht.
Alle drei Geschichten trafen auf einen Zeitgeist, der für sie besonders empfänglich war. Wilkomirskis Erinnerungen erschienen in einer Phase intensiver Beschäftigung mit Holocaust-Zeitzeugen und wiederentdeckten Traumata. Josephines Geschichte traf auf eine Gesellschaft, die – aus sehr guten Gründen – erneut für sexuellen Kindesmissbrauch hoch sensibilisiert war. Die Wormser Prozesse, bei denen 25 Beklagte vom feministisch-aktivistischen Verein „Wildwasser e.V.“ ohne jede Evidenz abscheulichster Vergehen bezichtigt (und zuletzt freigesprochen) wurden, lagen bereits dreißig Jahre zurück, inzwischen hatten #Metoo-Kampagnen und Männer-Generalverdacht bereits wieder Hochkonjunktur, wie ja die jüngste Causa Ulmen-Fernandez bewies.
So vereinte auch Ardays Erzählung gleich mehrere, gegenwärtig besonders wirkmächtige Motive: Rassismus, soziale Benachteiligung, eine hochgradige Autismus-Spektrum-Störung (man denke nur an die damals noch kindliche Greta Thunberg, deren Asperger-Syndrom allein bereits das Mädchen als der Lüge unfähig und sie demnach als Klimaheilige über jeden Zweifel erhaben schienen ließ) und trotz all dem den beeindruckenden Bildungsaufstieg eines schwarzen Jungen gegen alle Widerstände.
Das macht eine Geschichte zwar nicht automatisch unwahr, nur weil hier zig Narrative gleichzeitig bedient werden. Es macht sie aber kognitiv anschlussfähig. Und das Märchen, dass Analphabeten aus fremden Kulturkreisen auch mit 20 Lebensjahren aufwärts noch locker alles aufholen und Herzchirurg werden können, war einfach viel zu wunderschön, um nicht wahr zu sein.
Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass der Zweifler automatisch recht hat. Skepsis ist keine alternative Wahrheit., sondern eine Methode, Wahrheit zu suchen. Und gerade das ist im Fall Arday deutlich weitreichender, als die Komik einzelner Behauptungen. Denn Menschen werden tatsächlich rassistisch bedroht. Kinder werden tatsächlich missbraucht. Menschen haben tatsächlich Auschwitz überlebt. Wer solche Erfahrungen erfindet oder maßlos ausschmückt, beschädigt nicht nur seine eigene Glaubwürdigkeit, er zehrt von einem Vertrauensvorschuss, den wirkliche Opfer dringend benötigen. Jede spektakulär zusammengebrochene Opfergeschichte hinterlässt beim nächsten echten Opfer ein kleines Stück zusätzlichen Zweifel. Das ist die bittere Ironie solcher Fälle: Eine Gesellschaft möchte Opfer schützen und senkt deshalb ihre Bereitschaft zur kritischen Prüfung. Gerade dadurch ermöglicht sie Geschichten, die später das Vertrauen in wirkliche Opfer beschädigen. Dies zum Einen.
Aber wie kommt es denn nun, dass nicht nur die tagesschau-desinformierte Oma Erna von nebenan, sondern hochstudierte Personen und ganze Institutionen derartig galoppierend unglaubwürdige, nahezu absurde Brocken bereitwillig schlucken und wiederkäuen?
Nun, Menschen prüfen neue Informationen nicht voraussetzungslos, sie verfügen über Schemata und Erwartungen. Was zu dem passt, was wir ohnehin für wahrscheinlich halten, passiert unsere innere Plausibilitätskontrolle leichter. Der Confirmation Bias tut sein Übriges. Hinzu kommt Empathie. Einem Menschen, der Leid schildert, zunächst Glauben zu schenken, ist keine Dummheit, sondern eine soziale Tugend. Erzählt eine Freundin, ihr Partner schlage sie, werde man sie kaum mit verschränkten Armen auffordern, zunächst gerichtsverwertbare Beweismittel vorzulegen.
Der mögliche Irrtum ist asymmetrisch verteilt. Zweifel kann sofort Reputation kosten. Gutgläubigkeit meistens erst sehr viel später und zudem wird diese auch noch auf mehrere, zudem irgendwie anonyme Schultern verteilt. Damit beginnt eine soziale Kettenreaktion. Der erste glaubt oder meldet zumindest keine Zweifel an, der zweite sieht, dass der erste glaubt, und nimmt an, dieser werde seine Gründe haben. Der dritte sieht bereits zwei Personen und eine Institution. Irgendwann steht nicht mehr eine Behauptung gegen die Wirklichkeit, sondern der Zweifler gegen einen scheinbaren Konsens.
Die Sozialpsychologie kennt dafür verschiedene Begriffe: Informationskaskaden, pluralistische Ignoranz, Schweigespirale, Reputationskaskaden, Verantwortungsdiffusion. Vielleicht zweifeln längst zehn Menschen, aber keiner weiß vom Zweifel der anderen und niemand will der Paria sein. Jeder sieht nur deren Schweigen und interpretiert es als Zustimmung.
Und dann kommt noch etwas hinzu: Commitment. Hat eine Redaktion die Geschichte veröffentlicht, eine Universität den Mann zum Aushängeschild gemacht, ein Gericht ein Urteil gesprochen oder eine Behörde jahrelang eine bestimmte Interpretation vertreten, wird Umkehr immer teurer. Eine neue Prüfung bedeutet plötzlich nicht mehr nur, möglicherweise einen Irrtum des Betroffenen aufzudecken, sondern den eigenen Irrtum mit aufzudecken. Also steigt die psychologische Versuchung, Widersprüche in die bestehende Behauptung einzubauen, statt sie zu überprüfen.
Und währenddessen verschiebt sich die Baseline. Was am Anfang noch außergewöhnlich gewesen wäre, ist inzwischen Bestandteil der etablierten Geschichte. Auf die erste unwahrscheinliche Episode kann deshalb eine noch unwahrscheinlichere aufgesattelt werden. Die Umgebung gewöhnt sich daran. Gestern zehn Marathons, morgen dreißig; gestern eine abfällige Bemerkung, morgen der Schweinekopf. Heute noch „Flatten the curve“, morgen „Zero Covid, wenn wir uns alle drei Monate impfen lassen und im Uhrzeigersinn in der Tankstelle einkaufen“. Nicht der einzelne Sprung muss geglaubt werden, sondern die Plausibilitätsgrenze wandert Stück für Stück mit. Dass mir besonders die Coronazeit in diesem Zusammenhang einfällt, dürfte niemanden überraschen. Auch dort konnte man beobachten, wie sachliche Fragen moralisch umcodiert wurden. Wer Zahlen, Modelle oder die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen hinterfragte, musste nicht selten erst den Verdacht ausräumen, ihm seien Menschenleben gleichgültig. Auch dort entstanden Informationskaskaden, auch dort berief sich eine Veröffentlichung auf die nächste, und auch dort waren die sozialen und beruflichen Kosten einer abweichenden Position erheblich.
Und je fantastischer die Geschichte, je homogener die Mehrheitsmeinung, je honoriger die Persönlichkeiten, die diese Konfabulationen abnicken, desto höher der Preis für denjenigen, der sich wagt, Widersprüche zu benennen, nach vorn zu treten, sich hinzustellen und zu rufen: „Aber der Kaiser hat doch gar nichts an!“
Vor solch mutigen Menschen habe ich nach wie vor den allerhöchsten Respekt.





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Die größte Wundergeschichte ist und bleibt die Energiewende. Es ist völliger Blödsinn, dass man den Bedarf einer hochentwickelten modernen Gesellschaft durch Wind- und Solarkraft versorgen kann. Sie reicht aber einfach nicht, weil sie nicht nach Bedarf sondern nur zufällig vorhanden ist. …und ich könnte mir vorstellen, daß der kommenden Winter erhebliche Energiemängel aufzeigen wird, einfach weil unsere Gasvorräte nicht reichen werden. Der Gipfel an der Sache ist, daß ein Spurengas, das CO2, für die angebliche Erwärmung verantwortlich sein soll. Wir wissen aber z.B., daß das Karbonzeitalter trotz extremer Varianz bis zum doppelten Ausmaß zu heute, eine weitgehnd gleichbleibende Temperatur hatte.… Mehr
Ja. Und das Bild zum Artikel in der Welt ist so ausgesucht, dass alle Zweifel, wo der Schuh wirklich drückt, aus dem Wege geräumt werden.
Kann man denn wirklich davon ausgehen, dass das akademische Umfeld dieses Mannes ihm uneingeschränkt geglaubt hat? Oder ist es nicht vielmehr so, dass gerade im akademischen Bereich Aufstieg oft davon abhängt, bestimmte Positionen zu vertreten und geltende Narrative nicht zu hinterfragen? Statt Gutgläubigkeit erscheint mir Opportunismus wahrscheinlicher.
Ein moderner Till Ulenspiegel, dieser Arsay. Er hält der verblödeten degenerierten woken Gesellschaft den Spiegel vor. Schade, dass er mir trotzdem unsympathisch ist.
„Aber wie kommt es denn nun, dass nicht nur die tagesschau-desinformierte Oma Erna von nebenan, sondern hochstudierte Personen und ganze Institutionen derartig galoppierend unglaubwürdige, nahezu absurde Brocken bereitwillig schlucken und wiederkäuen?“ Wäre er weiß, hätte man ihm seine Räuberpistolen nicht geglaubt. Aber DEI ist halt nur, wo Schwarze sind und natürlich braucht auch die Uni Cambridge ihren „Vorzeigeneger“. Blöd, daß es im UK nur so wenige gibt, die es an die Uni schaffen b.z.w. schaffen wollen (es gibt noch keinen Studiengang zum „Gangsta“). Ein einfacher Gang durch Cambridge, seine Uni, andere Unis oder außeruniversitäre Forschungsinstitute macht klar, wie verzweifelt die… Mehr
Von welchem „hochgebildeten Milieus“ wird hier halluziniert? Ich bin ja schon froh, wenn die Angehörigen des hier angesprochen „Milieus“ nicht auf den Tisch k… . Wobei ich mich darauf allerdings nicht verlassen würde.
Ich freue mich noch immer über das Chikumbutsosche stromerzeugende TV-Gerät.
Ja. Die politische AgitPropAbteilung der Politik, der örr, immer flankierend dabei! msm eh. Jakob Augstein am 22. Juli 2010 hinsichtlich der „4. Gewalt“ in einer Serie der SZ, die insgesamt aufschlussreich hindessen sein könnte: Wie Mitarbeiter des Kanzleramts Was Angela Merkel da gesagt hat, war nur scheinbar von ergreifender sprachlicher und gedanklicher Schlichtheit. Es war bezeichnend dafür, dass Journalisten und Politiker sich heute mitnichten als Gegner verstehen, sondern als Partner. Merkel hat zu den Journalisten geredet als seien sie Mitarbeiter einer Abteilung im Kanzleramt. Und wenn man es sich recht überlegt, kommt man zu dem Schluss: Ja, so sehen sich mehr und… Mehr
Ich habe damals auch dieses Wunderwerk gekauft!
Was ich dadurch an Strom gespart habe, spottet jeder Beschreibung.
Hochstapler wissen genau, was gerne geglaubt wird, ohne es zu hinterfragen. Solche gesellschaftlichen Strömungen sind eine Superwelle, die einige dazu verleitet, darauf zu surfen.
> Skepsis ist keine alternative Wahrheit., sondern eine Methode, Wahrheit zu suchen.
Aber doch nicht dann, wenn Trump oder Mileikowski etwas erzählen? Die sagen per Se immer nur die Wahrheit.
Dazu noch die Geschichte über den Lehrer Horst Arnold, der auf dem Altar des Narrativs, der Mann sei schon biologisch gesehen apriori schuldig, geopfert wurde. Das Perfide: Obwohl er Jahre unschuldig im Gefängnis saß, zeigte ihm sein ex-Arbeitgeber, dass hessische KuMist, die kalte Schulter. Einfach nur häßlich.