Wenn der Rückflug das Reiseziel ist: Merz beendet China-Reise

Der Bundeskanzler kehrt von seiner dreitägigen Dienstreise aus China zurück. Mit im Gepäck: ein Großauftrag für Airbus und die bittere Erkenntnis, dass Deutschland zur internationalen Lame Duck heruntergewirtschaftet wurde. Das umfangreiche Empfangsprotokoll unterstrich lediglich den Respekt vor der europäischen Geschichte.

picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Es hat eine Weile gedauert, bis sich der vermeintliche Unterschied zwischen Annalena Baerbocks feministischer Außenpolitik und jenem Ansatz herauskristallisierte, den das diplomatische Korps unter Bundeskanzler Friedrich Merz wählen würde. Was sich verändert hat, ist weniger die Substanz als der performative Akt. Unter dem Sauerländer verschoben sich Ton und Gestik – die Inszenierung soll maskuliner wirken, nüchterner im Ton, vielleicht professioneller, weniger peinlich-aktivistisch – doch der Inhalt bleibt im Wesentlichen unverändert.

Ironischerweise wird ausgerechnet Erzfeind Donald Trump zum Spiritus Rector eines neuen szenischen Elements im medialen Schaukasten des Bundeskanzlers. Im Stil des US-Präsidenten verkündete Friedrich Merz am 25. Februar den Höhepunkt seiner China-Reise: Den Abschluss eines Großauftrags für den europäischen Luftfahrtkonzern Airbus. 120 Flugzeuge will die chinesische Wirtschaft erwerben, Maschinen der Typen A320, A350 – Details sollen zu einem späteren Zeitpunkt folgen –, bestellt bei jener Flugzeugschmiede, die als das erfolgreichste Retortenkind des europäischen Projekts überhaupt gilt.

So höflich zeigen sich die chinesischen Gastgeber: Sie lassen den Bundeskanzler nicht mit leeren Händen nach Hause reisen und gönnen ihm den schnellen Ruhm im Superwahljahr 2026. Bilder, Schlagzeilen, Pathos – das Setting steht. Der Kanzler als Macher, als Verkäufer deutscher und europäischer Interessen, als außenpolitischer Akquisiteur im globalen Wettbewerb – ein deutscher Donald Trump?

Doch ein nüchterner Blick auf die Zahlen relativiert die Inszenierung. Jahr für Jahr füllen chinesische Kunden die Auftragsbücher von Airbus mit Hunderten bestellter Maschinen. Großbestellungen aus China sind kein Ausnahmeereignis, sondern Teil eines eingespielten, langfristigen Beschaffungsrhythmus. Der Bedarf ist strukturell, nicht spontan – die Produktionsslots waren lange geplant und kollidierten in diesem Falle mit der Reise des Kanzlers.

Ein Medienwirbel im Trump-Stil. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass der US-Präsident von seinen Auslandsreisen mit realen Investitionen in die Produktionskapazitäten seiner Industrie heimkehrt. Fabriken entstehen, Standorte werden ausgebaut, Kapital fließt messbar in amerikanische Wertschöpfung. Ob es das Zaubermittel der Zölle ist, die deregulierte US-Wirtschaft, das robuste Wachstum in Nordamerika – einerlei. Die Vereinigten Staaten ziehen reale Investitionen an, sie binden Kapital und industrielle Substanz im eigenen Land.

Friedrich Merz hingegen präsentiert turnusmäßige Industrieaufträge als persönlichen Erfolg. Er rahmt routinierte Großaufträge als Ergebnis seiner diplomatischen Schlagkraft, ein deutscher Deal-Maker in Aktion. Doch hier liegt der gravierende Unterschied: Im Falle des Berufspolitikers Merz zählt lediglich die mediale Wirkung. Der eine bringt Produktionskapazitäten nach Hause, der andere Pressemitteilungen.

Halten wir Friedrich Merz zugute, dass seine Reise in eine akute Wahlkampfphase fällt. In solchen Momenten zählen Bilder, Gesten, schnell konsumierbare Erfolge. Flüchtige Triumphe nähren das Narrativ des Machers im Kanzleramt, ganz gleich, wie katastrophal die innenpolitische Bilanz ausfällt.

Zudem ist es beruhigend zu wissen, dass Deutschland in China weiterhin höchste protokollarische Ehren erfährt und man in Peking offensichtlich die deutsche Geschichte höher schätzt als die traurige Gegenwart. Empfang in der Großen Halle des Volkes durch Ministerpräsident Li Qiang, dazu eine persönliche Unterredung mit Staatspräsident Xi Jinping, abendliches Dinner, Militärempfang am Flughafen. Die Choreografie stimmt. Fahnen, Ehrenformationen, sorgfältig arrangierte Bilder. Protokollarisch spielt Deutschland nach wie vor in der Champions League.

Geopolitisch hingegen zeigt sich ein anderes Bild. Merz bezeichnete China vor der Reise als „strategischen Partner“, ohne präzise zu definieren, was dieser Begriff in der aktuellen Weltlage konkret bedeuten könnte. Peking steht felsenfest an der Seite Moskaus im Ukraine-Krieg. Was glaubt der Kanzler, wie sich der Sanktionsreigen der EU von inzwischen 20 Sanktionspaketen gegenüber Moskau auf das Verhältnis zu Peking auswirkt? Jede neue Maßnahme gegen Russland ist nicht nur ein Signal an den Kreml, sondern auch ein geopolitischer Marker in Richtung China.

Merz konnte sich in Peking persönlich von der zunehmenden Isolierung Deutschlands und der Europäischen Union in der Geopolitik überzeugen. Der protokollarische Glanz ändert nichts an der strategischen Erosion. Aus chinesischer Perspektive stellt sich nüchtern die Frage, welches Angebot man einer Wirtschaftsdelegation eines Landes unterbreiten soll, das durch selbstgewählte industrielle Demontage seine Produktionsbasis schwächt und zugleich im Handel Benachteiligung beklagt.

Die Folgen des europäischen Ökosozialismus sind immens. Deutschland ist im Handel mit China seit einiger Zeit Kapitalimporteur. Die Handelsbilanz klafft immer tiefer auseinander. In zentralen Industriesektoren sind Wettbewerbsvorteile erodiert, energieintensive Wertschöpfung ist unter Druck geraten.

Vor diesem Hintergrund hält sich das Mitleid für den Bundeskanzler und seine Wirtschaftsvertreter in engen Grenzen. Die Misere ist hausgemacht. Jede neue Auflage, jede zusätzliche Abgabe, jede Transformationsvorgabe zieht die Industrie enger zusammen. So verliert Deutschland Elastizität im globalen Wettbewerb.

In China, politisch eine Diktatur unter Führung einer Einheitspartei, wirtschaftlich jedoch in weiten Teilen strikt an marktwirtschaftlichen Effizienzkriterien orientiert, stößt der deutsch-europäische Moralismus auf maximales Unverständnis. Dort zählen Skaleneffekte, Produktivität, Marktanteile, technologische Souveränität. Moralische Selbstvergewisserung ersetzt keine industrielle Stärke.

Merz beklagte mit Blick auf die tief negative Handelsbilanz der deutschen Wirtschaft mit China unfaire Handelspraktiken der Chinesen. Der Marktzugang müsse fair sein, Benachteiligungen dürfe es nicht geben, so Merz. Die Worte klingen entschlossen, sie zielen auf Gegenseitigkeit, auf Reziprozität im globalen Handel. Und sie klingen naiv.

Denn stellt sich in diesem Zusammenhang nicht die Frage, ob ausgerechnet die Europäer längst Weltmeister des versteckten Protektionismus sind? Ob es nicht deutsche und europäische Politik war, die immer wieder den Anstoß gab, den grotesk anmutenden Kampf um die emissionsfreie Wirtschaft auf eine maximal repressive Weise in die eigene Handelspolitik einzuflechten? Regulatorische Hürden, Taxonomien, Lieferkettengesetze, CO₂-Grenzausgleichsmechanismen – sie alle formen ein dichtes Geflecht indirekter Marktschranken.

Es ist beileibe nicht die Schuld der Chinesen, dass sich der Antriebsraum der deutschen Wirtschaft, ihre Industrie, ihre Ingenieurskunst, ihr Maschinenbau, ihr Automobilbau, im Zeitraffer unter dem Druck von EU-Regulatoren und Energiewendefanatismus in seine Einzelteile zerlegt hat. Wer seine eigenen Kostenvorteile systematisch eliminiert, verliert im globalen Vergleich an Boden und geopolitisch an Schlagkraft.

Merz steht in dieser Konstellation exemplarisch für eine europäische politische Klasse, die die Ursachen struktureller Schwächen zu gern im Außen sucht. Er ist der lebende Beweis dafür, dass es noch eines weiten Weges bedarf bis zu einer schonungslos ehrlichen Bestandsaufnahme der europäischen und deutschen Probleme.

Auch die Anbiederung an China, die offenkundige Annäherung im Bereich der Überwachung der Bevölkerung und des Ausbaus des Zensurapparates macht Europa bestenfalls zum ungeliebten Vasallen Pekings.

Europa als kulturelle Einheit sollte sein Heil in der Annäherung an die Amerikaner suchen. Im Hort der freien Marktwirtschaft, der Deregulierung und einer rationalen Energiepolitik, im Land von ICE und christlich-humanistischer Bindekraft, liegt die wahrscheinliche, die einzig akzeptable Zukunft für europäische Politik.

Die chinesische Politik sieht Europa als Dumpingground für die eigene Überschussproduktion – Kap Europa, der verwesende Erbe der Kolonialzeit. Europäische Märkte absorbieren, was im Inland Überkapazität erzeugt. Zugleich wächst die strukturelle Abhängigkeit der Europäer von bestimmten Rohstoffen wie seltenen Erden und von Energie. Das Kräftemessen ist ungleich. Die Hebel liegen nicht in Europa.

Die Zeit europäischer Vorherrschaft ist vorbei. Moralische Selbstbehauptung gegen faktische Abhängigkeit? Hilflos. Pueril. Und teuer bezahlt.

Der Besuch von Friedrich Merz in China war ein Wahlkampfauftritt für die CDU. Er folgte diplomatischen Gepflogenheiten und blieb substanziell nicht weiter erwähnenswert. Die Bilder waren geplant, die strategische Wirkung bleibt begrenzt – Europa hätte bessere Politik verdient.

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Kommentare ( 54 )

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hodams
10 Tage her

Der GRÖVAZ hat zugeschlagen. Wo andere jahrelang verhandeln müssen. Der grösste Verkäufer aller Zeiten vertickert beim Staatbankett mal eben 120 Airbusse. So gent das. Gibt es denn jetzt einen Regierungsflieger als Provision? Lass das mal den Fritz machen. Nächste Woche gehts weiter. Mal eben 100000 Autos verscherbeln. Für wie dumm hält man uns eigentlich.

Kuno.2
10 Tage her

Die chinesische Global Times weist heute daraufhin, vorausgesetzt die entsprechende russische Meldung sollte stimmen, dass Frankreich und England bereit seien in der Ukraine Atomwaffen zu stationieren.
Dies wahrscheinlich im naiven Glauben die Russen würden dann Kiew und nicht Paris und London einäschern. Darum sollte sich Merz besser kümmern; denn dann gibt es keinen europäischen Handel mehr. Und weil die Winde in Europa vorwiegend von West nach Ost wehen, sterben die Deutschen auch- wenn auch später.

johnsmith
10 Tage her

Merz wurden in China die humanoiden Unitree-Roboter vorgeführt mit einer Darbietung chinesischer Kampfkunst. Während China bei KI und humanoiden Robotern, den beiden derzeitigen Zukunftstrends führend ist, hat Deutschland auf diesen Feldern gar nichts außer Regulierung und Verboten zu bieten. Wir feiern hier das Lastenfahrrad und den an der Flasche befestigten Plastikdeckel als größte Errungenschaften der Neuzeit. Die Deutschen haben leider irgendwann angefangen an Selbstüberschätzung zu leiden und haben Grün gewählt und gedacht man könne ein Industrieland auch betreiben ohne selbst schmutzige Rohstoffe wie Kohle, Gas, Metalle oder seltene Erden hier abzubauen (es gäbe genug davon auch in Deutschland) oder hier… Mehr

Punti
10 Tage her

„Ob es das Zaubermittel der Zölle ist, die deregulierte US-Wirtschaft, das robuste Wachstum in Nordamerika – einerlei.“ Das ist ja herzig. Wenn es nicht ins ideologische Korsett passt, ist es ‚einerlei‘. Es sind natürlich die viel niedrigeren Energiepreise, vor allem aber auch Protektionismus, massive staatliche Neuverschuldung und hohe Subventionen, alles das also, was der Herr Kolbe üblicherweise nicht oft und laut genug geisseln kann. Nun erfahren wir, es ist eigentlich ‚einerlei‘, zumindest wenn es Daddy tut. Auch der Merkantilismus kommt inzwischen immer öfter derart janusköpfig einher. Wenn ihn Deutschland betreibt und hohe Überschüsse erzielt, liegt das natürlich an der Topqualität… Mehr

MeHere
10 Tage her

Ein Suizid von Merz im Wald würde an der idiotischen Berliner Politik nichts ändern … nur der Wähler kann das …

Freige Richter
10 Tage her

Zu dem Airbus Deal: Airbus ist ein Gemeinschaftsprojekt von Deutschland, Frankreich und Spanien. Airbus ist eine AG und Blackrock hält ca. 4% der Anteile.

Nibelung
10 Tage her
Antworten an  Freige Richter

Und die Chinesen selbst besitzen eine Fabrik in Tianjin, wo eine Entmontage von Airbusteilen stattfindet und da hat man durchaus auch ein Interesse daran, wenn der Umsatz zu eigenen Gunsten stimmt, mal ganz von dem abgesehen, zu welchem Preis per Stück der Deal abläuft, worüber man noch seine Zweifel haben kann, daß die Chinesen ohne kräftige Rabatte vermutlich keinen Auftrag durchwinken und teilverschenkt ist keine Kunst, hat aber den Blendeffekt für die heimische Bevölkerung, welch tüchtige Handlungsreisende für uns unterwegs sind. Da wurde vermutlich ein zweifelhafter Deal zu Gunsten der Chinesen vereinbart, ergänzt durch weitere Konsultationen, was das immer auch… Mehr

Jens Frisch
10 Tage her

Solange Deutschland und Europa das „Klima retten“ wollen, sind sie gesichert geisteskrank und die Chinesen wissen das.

Kuno.2
10 Tage her

So bedeutend kann dieser Besuch für China nicht sein.
Denn die heutige Global Times nimmt darauf nicht Bezug.
Stattdessen ist die eventuelle nukleare Aufrüstung Japans das Thema sowie der Überfall Pakistans auf Afghanistan.

Marcus Tullius
10 Tage her

Mit solchen Artikeln ist Tichys Einblick auf gutem Weg, das zu werden, was die FAZ auch in ihren besten Tagen nie war. Denn die FAZ war stets ein Amtsblatt. Die Nähe zur Regierung hat ihren Preis. Sachkenntnis, in eine klare Sprache gefasst. Sollte eigentlich überall im Journalismus Standard sein.

Last edited 10 Tage her by Marcus Tullius
H. Priess
10 Tage her

Die Chinesen sind ein sehr höfliches und freundliches Volk und wer einmal dort war konnte sehen wie Detailverliebt sie sind. Selbst das kleinste Detail hat für sie eine Aussage und einen Sinn. Zum Beispiel kann man an dem Blumenarangement im Saal, in dem man den Gast empfängt, sehen wie beliebt, respektiert der Gast ist und welcher Wertschätzung man ihm entgegen bringt. Das deutsche Volk und seine Kultur ist dort sehr beliebt haben doch Kant und Hegel das artikuliert was die Chinesen im Konfizionismus und Buddhismus Jahrhunderte früher erkannten und es heute noch leben. Ich denke, sie leben diese Lehren noch… Mehr