Hendrik Streeck und Leihmutterschaft: Politik als Einzelfallkampagne

Die demonstrative Umgehung deutschen Rechts soll zeigen, dass Widerspruch zwecklos ist. Dabei formiert sich der Widerstand gegen Leihmutterschaft gerade erst international – und bleibt keineswegs wirkungslos.

picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Der öffentliche Aufschrei war enorm, als der Spiegel das Martyrium der Collien Fernandes enthüllte. Wie praktisch, dass Justizministerin Stefanie Hubig gerade ein Gesetzesvorhaben zur Eindämmung von Online-„Gewalt“ in der Schublade hatte – inklusive effizienterer Überwachung anonymer Umtriebe im Netz.

Das hätte zwar den Fall Fernandes, der sich im Nachhinein als Nicht-Fall erwies, nicht verhindert, aber als Vehikel taugte die Affäre um Pornovideos doch. Spätestens seit Correctiv hat es sich als praktikabel erwiesen, dem Bürger im Zusammenspiel von Politik und Medien einen hochemotionalen Anlass zu bieten, ihn damit auf die Straße zu locken und lautstark fordern zu lassen, was man sonst mühsam politisch ausdiskutieren müsste.

Einzelfall statt Gemeinwohl

Politik als gefühlsbetonte Einzelfallkampagne zur Durchsetzung der Ziele von Interessengruppen. Diese Herangehensweise zeigt sich nun auch in der Causa Streeck.

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Allerdings streben Lobbyisten danach, dies zu ändern. Und sie können erste Erfolge verbuchen. Die Frauen Union etwa will das strikte Verbot der Eizellspende lockern. Natürlich nur im eng eingegrenzten Einzelnotfall! Und gerade da macht ganz zufällig die Nachricht die Runde, dass ein homosexueller CDU-Politiker mit seinem Partner im „Babyglück“, so die Bild, schwelgt. Auch so ein Einzelfall. Wer will einem Menschen schon das Glück versagen? Emotionalisierung als Hebel, um den gesellschaftlichen Diskurs zu steuern.

Das funktioniert hervorragend: Wir sollen nicht über das Kindeswohl sprechen, über das Recht auf Identität und Herkunft, über den Schutz vor Missbrauch oder den Schutz von Frauen vor Ausbeutung. Wir sollen hingegen überzeugt werden von der Machbarkeit von Familie, und davon, dass jeder alles haben kann und darf, was er will. In sozialistischer Manier wird nicht nur der materielle Neidreflex bedient. Auch immateriell wird Gleichheit versprochen. Vorausgesetzt, man hat genug Geld.

Denn Leihmutterschaft ist vor allem eines: Ein milliardenschweres globales Business. Es stehen knallharte monetäre Interessen hinter dem Geschäft, das als Dienst an Kinderlosen verkauft wird.

Business und Marketing

Die Reproduktionsindustrie vermarktet sich geschickt. Wer über die Ausstellungsflächen von Kinderwunschmessen wie Men having babies oder Wish for a baby schlendert, der sieht auf den Plakaten nur strahlende Menschen, glückliche Säuglinge.

Kein Wort erfährt man hier über die gesundheitlichen Risiken, die junge Frauen eingehen, die ihre Eizellen verkaufen, um ihr Studium zu finanzieren. Kein Wort über die höhere Wahrscheinlichkeit von Komplikationen während der Schwangerschaft und unter der Geburt, wenn den Leihmüttern per IVF-erzeugte, genetisch fremde befruchtete Eizellen eingesetzt werden; kein Wort über die hohe Rate an Fehlgeburten.

Ebenso wenig wird hier über organisierte Kriminalität und Menschenhandel im Rahmen von Leihmutterschaft gesprochen, von den Frauen, die mit Versprechungen in fremde Länder gelockt und dort festgehalten werden, und an denen man Hormonbehandlungen vornimmt, oder gar über Pädophile, die sich Kinder bestellen.

Schwarze Schafe, weiße Weste?

Nun gibt es in jedem Business schwarze Schafe. Wem an dem Ruf seines Geschäftsfeldes liegt, der setzt sich gemeinhin dafür ein, diesen das Handwerk zu legen, Kunden über unseriöse Geschäftsmodelle und Anbieter zu informieren, und problematische Aspekte zu thematisieren.

Im Bereich der Leihmutterschaft fehlt diese Herangehensweise vollständig. Nirgends werden die Konsumenten mit den problematischen Tatsachen konfrontiert.

Das hat einen Grund: Dieses Geschäft ist das schwarze Schaf. So wenig es ethisch vertretbaren Drogenhandel oder ethisch vertretbare Sklaverei gibt, gibt es ethisch vertretbare Leihmutterschaft.

Die Agenturen wandern über den Globus, auf der Suche nach gesetzlichen Lücken und ungeregelten Märkten, um sich immer dort niederzulassen, wo die Hürden am niedrigsten und die Frauen am verfügbarsten sind. Wird Leihmutterschaft in einem Land verboten, zieht die Industrie in ein anderes weiter.

Dasselbe gilt für die Kunden.

Wer viel Geld hat, leistet sich ein Kind aus den USA für eine Viertelmillion Dollar, der Ferrari unter den Kindern, sozusagen. Wer weniger hat, macht entsprechende Abstriche: Vielleicht lässt man die Leihmutter aus Mexiko einfliegen oder transportiert den Embryo nach Kolumbien; vielleicht schaut man sich gleich in einem kostengünstigeren europäischen Land um.

Das Kind als Druckmittel

Erwerben Deutsche im Ausland ein Kind, sind Anerkennung der Vaterschaft und Adoption durch den Partner gewöhnlich unproblematisch – schließlich ist zumeist der genetische Vater einer der Käufer. Vereine geben Tipps und erläutern das Prozedere, Anwälte übernehmen den Rest.

Mit dem Säugling haben die Kunden ein Druckmittel in der Hand: Würden Gerichte dem Kind die Anerkennung verweigern, so würde damit eine Kaste staaten-, heimat- und elternloser Kinder geschaffen. Eine Grausamkeit sondergleichen. Angesichts dieses Dilemmas bekommt Recht, wer das Recht unterläuft.

Muss eine Gesellschaft es also hinnehmen, von der Reproduktionsindustrie und ihren begüterten Konsumenten vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden? Muss sie diesen faktischen Rechtsbruch akzeptieren?

Strategien und Widerstand

Man sollte sich nicht von finanzstarken und geschickten Strategen ins Bockshorn jagen lassen. Die Intensivierung der Bemühungen, Leihmutterschaft zu enttabuisieren und zu legalisieren, erklärt sich nicht dadurch, dass sie immer erfolgreicher implementiert wird, sondern im Gegenteil dadurch, dass der Widerspruch gegen diese Praxis lauter und wirksamer wird.

Kommerzielle Leihmutterschaft ist in vielen Ländern ohnehin verboten; oftmals auch die sogenannte altruistische. Bei diesem Begriff handelt es sich übrigens um einen Euphemismus. Der Begriff suggeriert seifenopereske Konstellationen; das homosexuelle Paar, dem die beste Freundin ein Kind austrägt, oder die Frau, die der unfruchtbaren Schwester ein Kind schenkt. Das ist jedoch irreführend.

Auch sogenannte altruistische Leihmutterschaft ist ein Geschäftsmodell, nur erhalten die beteiligten Frauen kein Honorar, sondern lediglich „Entschädigungen“. Dies bedeutet einerseits, dass die Zahlungen an die Frauen häufig niedriger ausfallen als bei offen kommerziellen Modellen, andererseits wird das Honorar schlicht als Entschädigung deklariert. Jegliche Form der Lockerung eines Verbots dient also als Einfallstor fürs Geschäft mit dem Kind.

Mit der Casablanca-Declaration von 2023 wurde jedoch das Ziel der internationalen Ächtung und Abschaffung von Leihmutterschaft ausgegeben.
In den letzten Jahren haben unter anderem Indien, Griechenland aber auch Russland ihre Gesetze verschärft. Die Slowakei hat Leihmutterschaft verboten, Chile steht kurz vor einem Verbot.

Italien unterbindet das, was in Deutschland möglich ist, indem der Kinderkauf den eigenen Staatsbürgern auch im Ausland untersagt ist.

Wenn mit Hendrik Streeck ein Bundestagsabgeordneter demonstrativ deutsches Recht umgeht, dann soll dies den Eindruck erwecken, dass man gegen diese Praxis nichts ausrichten könne.

Doch erst vor vierzig Jahren wurde überhaupt das erste Kind durch Leihmutterschaft geboren – damals noch in „traditioneller“ Form: die leibliche und genetische Mutter gab ihr Kind ab. Das komplexe vordergründige Netzwerk aus Agenturen, Kliniken und Kanzleien besteht also erst seit wenigen Jahrzehnten, ebenso wie die kriminellen Strukturen, die vor allem im globalen Süden operieren.

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich der Widerstand erst formiert, dass Länder ohne Regelungen jetzt erst beginnen, Gesetze zu implementieren. Es ist also nicht zu spät, gegen Leihmutterschaft vorzugehen, sondern lediglich höchste Zeit.

Das fordert auch die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen. Reem Alsalem hat einen Bericht über Leihmutterschaft vorgelegt und wendet sich mit unüblich klaren Worten gegen diese Praxis.

Auch Sklaverei oder Folter sind international geächtet. Das bedeutet nicht, dass sie nicht im illegalen Rahmen weiterhin betrieben würden. Aber zumindest werden sie weder erlaubt noch gefördert, noch mit einem sauberen Image versehen.

Ebenso wenig käme jemand auf die Idee, Zwangsprostitution zu erlauben, weil die Freier ja ohnehin nach Thailand fliegen.

Die mediale Hochglanzinszenierung erkauften Familienglücks, wie sie in den USA bereits üblich ist, und nun auch hierzulande Einzug hält, erhärtet den Eindruck, dass der Widerstand gegen eine intuitiv als unmoralisch begriffene Praxis gebrochen werden soll. Durch Emotionalisierung, Normalisierung und durch eine manipulative Machtdemonstration, die nationale Gesetzgebung als wirkungslos vorführt.


Im Oktober 2025 recherchierte Tichys Einblick inkognito auf der Kinderwunschmesse Wish for a baby in Köln, auf der für Leihmutterschaft geworben und Kundenkontakte angebahnt wurden. Lesen Sie die hier die Reportagen zum Thema:


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Kommentare ( 10 )

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Deutscher
49 Minuten her

„Leihmutterschaft“ ist eine Lüge. Eine Mutter verkauft ihr Kind – das ist die Wahrheit.

Und das Kind? Wird in diesem Fall vergeblich nach einer mütterlichen Umarmung suchen. Stattdessen „zwei Väter“, die mit ihm schmusen wollen. Ich als Kind wäre in so einem Konstrukt, wäre unter so artifiziellen Bedingungen todunglücklich geworden.

„Artgerechte Haltung“ für jedes Legehuhn, aber nicht für den Menschen.
Ich habe dafür nur ein Wort: Pervers!

Last edited 47 Minuten her by Deutscher
PK110
51 Minuten her

Könnte mir jemand Gesetze nennen, die man ganz offen zur Schau gestellt
missachten kann, ohne dafür belangt zu werden?
Oder ist dieses Privileg Politikern vorbehalten

Maria Witzel
1 Stunde her

Ein Leihmutterschaftsverfahren braucht Zeit – Auswahl der Agentur, der Leihmutter, der Eizellspenderin, der IVF-Klinik. Zyklus von Eizellspenderin und Leihmutter müssen synchronisiert werden. Das Kind muss im Labor produziert werden – die IVF-Erfolgsrate liegt bei 20 %, bei Leihmutterschaft ist sie niedriger, weil der Embryo eine doppelt fremde DNA hat. Das alles heißt: Streeck hat lange vor der Bundestagswahl angefangen, dieses Kind in zu planen. Es war längst beauftragt, als er für eine Partei kandidierte, die Leihmutterschaft dezidiert ablehnt. Ob seine Wähler wussten, dass er und sein Partner sich in den USA ein Kind kaufen wollten? Ob die CDU wusste, was… Mehr

yeager
1 Stunde her

Wie viele Kinderwünsche bleiben wohl aus rein ökonomischen Überlegungen unerfüllt? Nachdem hier eifrig die Werbetrommel gerührt wird mit einer herzerwärmenden „Babyglück für schwules Ehepaar“ Story, natürlich nur für diejenigen die sich die Leihmutter leisten können, wäre doch auch diese Frage mal berechtigt, speziell dann, wenn aus ökonomischen Gründen abgetrieben wird. So viele Paare die sich das „Babyglück“ ersparen, weil es einfach sehr teuer ist, ein Kind aufzuziehen. Und wenn’s nach den Regierungsparteien geht, dann soll es noch teurer werden, z.B. bei der Krankenkasse. Wer den Deutschen mehr „Babyglück“ bescheren will hat wahrlich bessere Möglichkeiten als einer begüterten Minderheit zu erlauben… Mehr

alter weisser Mann
2 Stunden her

Wieso ist es möglich, dass 2 Deutsche aus dem Politikbetrieb (einer im BT, einer im Gesundheitsministerium) quasi mit Ansage und homestory danach die deutschen Gesetze umgehen und das für die folgenlos bleibt?
Das ist keine Bananenrepublik mehr, das ist ein Affenstall.

Last edited 2 Stunden her by alter weisser Mann
gast
2 Stunden her

Wenn ein Kind, gefertigt in USA, eine viertel Million Dollar kostet, wüsste ich gerne, wieviel davon die Mutter für ihre Dienstleistung erhält.

Last edited 2 Stunden her by gast
Maria Witzel
1 Stunde her
Antworten an  gast

Einen Bruchteil. Wenn es gut läuft, bekommt sie ca. 27.000 $. In Idaho, wo Streeck sich das Kind gekauft hat, kostet das Verfahren bis zu 185.000$, weil dort per pre birth order schon vor der Geburt festgelegt werden kann, dass die Mutter in keiner Urkunde auftaucht. Streecks glückliches Baby wird vermutlich nie erfahren, wer seine Mutter ist.

Mike76
52 Minuten her
Antworten an  Maria Witzel

„Made in USA“ hat offensichtlich seinen Preis. Verboten gehört’s aber trotzdem.

Last edited 52 Minuten her by Mike76
olive
2 Stunden her

Danke Frau Diouf, ein prägnanter und richtiger, ein wichtiger Text.

Wilhelm Roepke
2 Stunden her

Wie heißt es seit jeher bei all den Linken: legal, illegal, ***egal.