Leihmutterschaft: Ein Verbot, das nicht mehr hält – und eine Frage, die größer ist als Politik

Das Verbot von Leihmutterschaft in Deutschland verhindert nicht die Praxis, sondern verschiebt sie ins Ausland. Die politische Frage lautet deshalb: 
Hält man an einem Verbot fest, das außerhalb der Landesgrenzen kaum noch Wirkung entfaltet? Oder sucht man einen Weg, eine ohnehin existierende Realität gerecht zu regeln?

IMAGO / Eibner

Die deutsche Regelung zur Leihmutterschaft ist eindeutig. Sie ist verboten. Im Embryonenschutzgesetz und im Adoptionsrecht ist klar festgelegt, dass weder Vermittlung noch medizinische Durchführung erlaubt sind. Auf dem Papier wirkt das wie eine abgeschlossene moralische Entscheidung. In der Realität ist sie das längst nicht mehr.

Während Deutschland die Praxis im eigenen Land untersagt, ist sie global längst Teil eines funktionierenden Marktes geworden. Finanziell gut gestellte Paare reisen ins Ausland, lassen dort Kinder austragen und kehren als Familie zurück. Nicht theoretisch, sondern ganz konkret, mit Geburtsurkunden, Gerichtsbeschlüssen und neuen Lebensrealitäten. Das Verbot hält nicht mehr.

Zwischen Gesetz und gelebtem Leben

In diese Lücke zwischen Recht und Wirklichkeit stößt immer wieder die politische Debatte. Aktuell auch durch den Arzt und CDU-Politiker Hendrik Streeck. Seine Rolle ist dabei mehr Spiegel als Ausnahme.

Als Mediziner kennt er sicher die technische Seite der Reproduktionsmedizin, ihre Möglichkeiten und ihre Abläufe. Als Politiker bewegt er sich in einem System, das diese Möglichkeiten im Inland bewusst begrenzt. Und als Teil einer gesellschaftlichen Realität, in der Familien vielfältiger geworden sind, steht er für eine Perspektive, die das reine Verbot nicht mehr als ausreichend empfindet.

Dazu kommt eine weitere Dimension: seine Homosexualität. Sie verändert nicht seine Argumente, aber sie verändert den Blickwinkel. Für schwule Männer ist Leihmutterschaft nicht eine Option unter vielen, sondern oft die einzige Möglichkeit, überhaupt genetisch eigene Kinder zu bekommen. Dadurch wird aus einer abstrakten ethischen Frage schnell eine Frage der Gleichstellung. Wer darf Familie auf diese Weise leben, und wer nicht?

Diese Perspektive allein löst keine der offenen Fragen. Aber sie macht sichtbar, dass die Debatte nicht neutral geführt wird, sondern in sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten verankert ist.

Der verborgene Kern: das Kind

In der öffentlichen Auseinandersetzung geht es viel um Rechte, Moral, Macht und Marktlogik. Was dabei oft zu kurz kommt, ist der Blick auf das Kind selbst.

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Kinder aus Leihmutterschaften kommen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen zur Welt. Manche wachsen in stabilen, liebevollen Familien auf, andere in komplexeren oder unsicheren rechtlichen Konstellationen. Die Forschung zeichnet kein einfaches Bild. Es gibt keine klare Linie von „Schaden“ oder „Unversehrtheit“, wie sie in politischen Debatten oft suggeriert wird.

Wie werden sich diese Kinder entwickeln? Unauffällig? Emotional stabil und gut eingebettet in ihre Familien? Entscheidend ist dabei nicht allein die Art ihrer Entstehung, sondern das, was danach geschieht: ob sie in verlässliche Beziehungen hineinwachsen, ob sie emotional gesehen werden, ob ihre Herkunft später offen und ehrlich behandelt wird.

Trotzdem bleiben Fragen, die nicht verschwinden. Die erste ist die nach der frühen Trennung von der austragenden Mutter. Ich schreibe hier ganz explizit Mutter und nicht Frau. Die Leihmutter wird immer die Mutter bleiben. Dieses Band kann nicht zerschnitten werden. Auch wenn die Forschung nicht von zwangsläufigen Schäden spricht, bleibt diese erste Lebenssituation besonders und nicht mit klassischen Familienverläufen gleichzusetzen.

Die zweite Frage betrifft Identität. Viele Menschen, die durch Leihmutterschaft geboren wurden, stellen sich später Fragen nach ihrer Herkunft. Das ist kein Zeichen von Störung, sondern Teil menschlicher Entwicklung. Problematisch wird es vor allem dort, wo Herkunft verschwiegen oder verdrängt wird.

Und schließlich bleibt eine dritte, größere Frage: Was bedeutet es gesellschaftlich, wenn Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft bewusst voneinander getrennt organisiert werden?

Der Wunsch nach einem Kind und die Grenzen des Machbaren

Neben diesen strukturellen Fragen steht etwas sehr Persönliches. Der Wunsch nach einem eigenen Kind.

Dieser Wunsch ist nicht rational weg zu argumentieren. Er ist tief, existenziell und bei vielen Menschen unabhängig von Lebensform oder sexueller Orientierung vorhanden. Für heterosexuelle Paare, die ungewollt kinderlos bleiben, genauso wie für gleichgeschlechtliche Paare, für die biologische Elternschaft nicht gemeinsam möglich ist.

Leihmutterschaft erscheint in diesem Kontext als Möglichkeit, eine Lücke zu schließen, die sonst nicht geschlossen werden kann.

Aber genau hier beginnt die ethische Spannung.

Denn dieser Wunsch trifft auf einen anderen Menschen. Auf eine Frau, die schwanger wird, die Mutter wird, das Kind trägt und es nach der Geburt abgibt – und dennoch Mutter bleibt. Und auf ein Kind, dessen Lebensbeginn Teil eines geplanten Prozesses ist, der nicht nur medizinisch, sondern auch emotional und sozial hoch komplex ist. Ein Mitspracherecht hat dieses Kind nicht.

Die Frage ist deshalb nicht, ob der Wunsch verständlich ist. Er ist es. Die Frage ist, was dieser Wunsch rechtfertigen darf.

Adoption als Vergleich – und warum sie etwas anderes ist

Adoption wird in dieser Debatte oft als Alternative genannt. Doch sie beantwortet eine andere Realität.

Adoption bedeutet, ein Kind aufzunehmen, das bereits geboren ist und keine stabile familiäre Situation hat. Sie ist eine Antwort auf schon bestehende Lebensumstände, nicht auf einen erfüllten Kinderwunsch im biologischen Sinne.

Leihmutterschaft dagegen ist die gezielte Ermöglichung einer Geburt – allerdings die Geburt durch eine Leihmutter. Sie schafft ein Kind in einem vorher definierten Prozess. Das ist kein moralisch besser oder schlechter, aber es ist strukturell etwas anderes.

Deshalb ist der Vergleich nur sehr begrenzt tragfähig. Beide Wege führen in Elternschaft, aber sie beginnen an völlig unterschiedlichen Punkten.

Die unbequeme Frage nach Verantwortung

Am Ende bleibt eine Frage, die sich nicht elegant auflösen lässt: Reicht ein tief empfundener Kinderwunsch aus, um ein Verfahren zu rechtfertigen, das den Körper eines anderen Menschen einbezieht und ein neues Leben in eine komplexe Ausgangssituation stellt?

Oder anders gesagt: Ist es ethisch ausreichend, Kinderlosigkeit als „Preis“ zu akzeptieren, wenn die Alternative bedeutet, in die Rechte und Lebensrealität anderer Menschen einzugreifen?

Beide Antworten haben Gewicht. Beide sind nicht leichtfertig zu verwerfen.

Ein Verbot, das nicht mehr allein trägt

Das deutsche Verbot wirkt in dieser Spannung zunehmend wie ein Rahmen, der nur noch national funktioniert, während die Realität längst global organisiert ist. Es verhindert nicht die Praxis, sondern verschiebt sie. Es schützt nicht vollständig, sondern verlagert Verantwortung.

Und genau deshalb bleibt die eigentliche politische Frage offen: 
Hält man an einem Verbot fest, das im eigenen Land klar ist, aber außerhalb seiner Grenzen kaum Wirkung entfaltet? Oder sucht man einen Weg, eine ohnehin existierende Realität so zu gestalten, dass sie weniger ungeregelt und weniger ungerecht ist?

Es ist keine einfache Entscheidung. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Diese Entscheidung lässt sich nicht einfach treffen. Auch das ist Teil der Lebensrealität.

Dr. Friedrich Pürner, MPH
Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen und Mitglied des Europäischen Parlaments

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Kommentare ( 85 )

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Teiresias
2 Tage her

In Deutschland verboten, in den USA erlaubt, darf dann (weil in den USA legal) legal nach Deutschland.

Gilt das nur für Kinder, oder auch für Maschinengewehre?

Mausi
2 Tage her

„Deshalb ist der Vergleich nur sehr begrenzt tragfähig. Beide Wege führen in Elternschaft, aber sie beginnen an völlig unterschiedlichen Punkten.“ Adoption ist sofort nach der Geburt möglich. Diese Situation lässt sich also durchaus vergleichen. Und Adoption sofort nach der Geburt anstelle von Abtreibung könnte durchaus befördert werden. Aber wahrscheinlich auch nicht ohne irgendeine Art von Anreiz für die Mutter. Ob Leben bringen anstelle von Abtreibung reicht, bezweifle ich. „existierende Realität gerecht zu regeln“: Hier wird „gerecht“ ins Feld geführt. Die Definition von „gerecht“ ist m. E. in diesem Bereich genauso unmöglich wie „gerecht“ für ein Gesellschaftssystem. Und wenn D konsequent… Mehr

Sonny
2 Tage her

So lange kein Mensch gezwungen wurde, dies zu tun, kein Verbrechen vorliegt und niemand wirklich zu Schaden kommt, was verdammt, geht das dann eigentlich die Allgemeinheit an?
Leihmutterschaft kann ein Geschäft sein oder die barmherzige Hilfe für Menschen, die sich sehnlichst ein eigenes Kind wünschen. So lange das Kind in eine liebevolle Familie/Partnerschaft hineingeboren wird und die Eltern dem Kind seine Herkunft nicht verschweigen und auch Kontakt zur Mutter ermöglichen, wenn das Kind es denn will, sehe ich überhaupt kein Problem.

ISC
2 Tage her

Das ganze Geschwafel von Herrn Pürner läßt sich doch ganz eindeutig klären.
Sobald diese beiden Herren mit dem Kind in Deutschland einreisen, kommen sie in den Knast; und zwar lange. Damit wäre das Verbot von Leihmutterschaft in Deutschland wieder sichergestellt. Die Mutter bekommt hier Aufenthaltsrecht. Darauf kommt es dann bei über 200.000 “ Flüchtlingen “ im Jahr auch nicht mehr an. Schwule Pärchen können nun mal keine Kinder zeugen. Punkt.

LiKoDe
2 Tage her

Leihe ist gemäss §§ 598 ff. BGB unentgeltlich.

Hr. Streeck und sein Partner haben also eine Frau für 9 Monate g e m i e t e t.

Legt man den Mindestlohn der USA von 7,25 US $ / h zugrunde, der auch in Idaho (Geburtsort des Kindes) gilt, müssten sie der Frau mindestens 270 * 24 – 7,25 US $ = 46980 US $ zahlen.

Wenn die Frau geschäftstüchtig ist, sollte sie neben medizinischer Versorgung, Wohnungsmiete, Verpflegungskosten + … von Streeck + Partner mindestens 250000 US $ verlangen.

verblichene Rose
2 Tage her
Antworten an  LiKoDe

Das dürfte inklusive der BestechungsVerwaltungsgebühren auch in etwa die gezahlte Summe gewesen sein.

Haeretiker
2 Tage her

Nun, Menschenhandel ist spätestens seit 2015 en vogue. Europas Elite scheint ihr kolonialistisches Erbe in immer wieder neuen Formen zu pflegen.

Deutscher
2 Tage her

„Leihmutterschaft“ ist pervers. Nicht umsonst ein linkes Lieblingsprojekt. Ungeborene wie überflüssige Küken töten, Geborene wie Haustiere verkaufen – aber wegen Prostitution einen auf empört machen. Typisch.

Last edited 2 Tage her by Deutscher
Martin Buhr
2 Tage her

Eine Mutter streicht sich ueber den Bauch , summt und singt dabei in Freude ueber das Entstehende . Sie produziert Glueckshormone , die sich ueber den gemeinsamen Kreislauf auch auf das Kind auswirken . Auch die erwartungsfreudige Stimme des Vaters bekommt es mit . Dies und vieles andere bleibt einem – wie soll man’s nennen – Bestellkind verwehrt . Die Leihmutter kann es sich nicht leisten , sich derlei Gefuehlen hinzugeben , selbst dann , wenn sie es koennte und wollte , denn sie muss eine Bindung zum werdenden Kind vermeiden , um die spaetere erzwungene Trennung nach der Geburt… Mehr

Nachdenkerin X
3 Tage her

Wenn es doch so ist, daß manchen Menschen Homosexualität „eigen“ ist (weswegen sie man auch, wie uns gesagt wird, nicht „heilen“ kann), dann sollte man diese Natur doch auch walten lassen. Männer können – sozusagen im „Alleingang“ – nun einmal keine Kinder bekommen. Also: einerseits gewissermaßen Natur, andererseits dann Technik. Es geht hier schließlich nicht um eine (schwere) Krankheit, wo man die Natur selbstverständlich nicht machen läßt, was sie will.

Mausi
2 Tage her
Antworten an  Nachdenkerin X

„Man“ hat Frauen jahrzehntelang eingetrichtert, dass sie nur dann leben, vollwertige Mitglieder unsererGesellschaft sind, wenn sie nicht „nur“ den Haushalt führen und sich um die Kinder kümmern, sondern wenn sie arbeiten gehen. Inzwischen sind sie so erzogen, dass sie bei Bedarf nur Quote sagen. Das gleiche könnte „man“ gleichgeschlechtlichen Paaren anerziehen. Warum eigentlich ist „Beeinflussung“ in einem Bereich möglich, im nächsten nicht?

Hegauhenne
3 Tage her

Gibt es denn keine Dating-Platform für lesbische und schwule Paare, die zusammen Kinder machen wollen ohne großes Tamtam? Dann würde einem vielleicht dieses Forum von Hypermoralaposteln hier erspart bleiben. Mein GOTT, man könnte das schon als Hass auf Schwule bezeichnen. Natürlich ist die Leimutterschaft nicht der gerade Weg, um Eltern zu werden. Aber Frauen machen das für Geld, und das muß alles rechlich und gesundheitlich abgesichert sein. Frauen wählen diesen Weg, bestimmt nicht aus Nächstenliebe, sondern vielleicht, weil sie keine andere Möglichkeit haben, etwas zu verdienen. Wäre Prostitution denn besser??? Oder irgendeine quasi unterbezahlte Zwangsarbeit? Herr Pürner hat vollkommen Recht… Mehr

verblichene Rose
2 Tage her
Antworten an  Hegauhenne

Eben weil es bereits geborene Kinder gibt, die sich vielleicht sogar über zwei Väter gefreut hätten… So ist dieses Kind das „Produkt“ eines Verwaltungs-, aber keinesfalls eines Liebesaktes…! Für mich ist das deshalb moralisch betrachtet ein Desaster. Dem Kind wünsche ich natürlich trotzdem alles Gute!

olive
1 Tag her
Antworten an  Hegauhenne

Wie viele Kinder müssen in kaputten Familien von Psychos oder Alkoholabhängigen aufwachsen“ Der musste ja kommen, whataboutismus pur.
Denken Sie eigentlich an das Wichtigste das Kind? Offenbar nicht.