Nein, wir sind nicht stolz

Jetzt ist sogar Paraguay zu gut für uns. Deutschland scheidet zum dritten Mal in Folge bei einer WM ganz früh aus, aber Friedrich Merz schickt Glückwünsche. Er und Bundestrainer Nagelsmann verkörpern das deutsche Elend.

IMAGO / dts Nachrichtenagentur

„Wir sind stolz auf euch.“ Man reibt sich die Augen, aber der Bundeskanzler schreibt das wirklich.

Es ist ein Dokument peinlicher Wirklichkeitsverweigerung.

Nein, wir sind nicht stolz. Die Mannschaft hat verloren. Sie hat grottenschlecht gespielt. Sie hat bewiesen, dass Deutschland nicht mehr zu den führenden Fußballnationen der Welt gehört.

Worauf soll man da stolz sein?

Etwa auf den arroganten Auftritt von Bundestrainer Julian Nagelsmann nach der Niederlage? „Der Spielvortrag war zu langsam“, das war seine einzige Erklärung für das Desaster. Nicht seine Taktik also, über die echte Experten weltweit das ganze Turnier über immer heftiger den Kopf geschüttelt haben (Stichwort: Kimmich als rechter Verteidiger). Nicht seine Personalauswahl bei der Aufstellung, die mit dem Leistungsprinzip nichts zu tun hatte (Stichwort: Leroy Sané). Nein, das war alles offenbar völlig richtig – nur die Spieler haben den Ball nicht schnell genug getreten.

Nagelsmann und Merz sind Brüder im Geiste. Unbelehrbar, bockig, aber gleichzeitig dünnhäutig. Auf völlig berechtigte Kritik reagieren sie immer beleidigt, zuweilen auch aggressiv. Und sie haben sich ganz offenkundig eingemauert in einer Parallelwelt, die so ganz anders ist als die Realität und in der sie selbst nichts falsch machen. Sondern immer nur die anderen.

Diese Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass Deutschland nur noch zweitklassig ist. Auf höchstem Niveau nicht konkurrenzfähig – übrigens jetzt schon zum dritten Mal in Folge.

Worauf soll man da stolz sein?

Im Leistungssport geht es um Leistung. Kinder beim Schulsportfest dürfen sich auch über eine Teilnahmeurkunde freuen. Fußballprofis nicht. Stolz ist keine angemessene Reaktion auf Versagen.

Der deutsche Fußball hat über Jahrzehnte vom Leistungsprinzip gelebt. Wer nicht gut genug war, blieb draußen. Wer versagte, musste Konsequenzen tragen. Wer Verantwortung trug, wurde an Ergebnissen gemessen. Das war nie besonders romantisch, aber erfolgreich. Unter seinem Präsidenten Bernd Neumann, einem lebenslangen SPD-Parteifunktionär, ist der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zu einer sozialpädagogischen Einrichtung mutiert. Aber immerhin mit Rasenflächen.

Der DFB kämpft nicht gegen Gegner auf dem Platz, sondern gegen „Rassismus“ und „rechte Fans“. Statt Weltmeister zu formen, produziert er Aktivisten in Fußballschuhen. Es wird betreut, begleitet, relativiert. Niederlagen werden sozusagen emotional eingehegt. Man spricht von „Entwicklung“, als sei die Nationalmannschaft ein Jugendprojekt und keine Auswahl der Besten.

Der Kanzler setzt dem Ganzen jetzt die Krone auf. Eine schmachvolle Niederlage wird mit hohler Politikerprosa schöngeredet. Es gibt ein Fleißschleifchen für das Ausscheiden. Demnächst folgt die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für Tapferkeit beim Elfmeterschießen.

Diese Mentalität frisst sich seit Jahren durch das Land. In den Schulen, den Universitäten, der Verwaltung und in der Wirtschaft: Anspruch wird als Zumutung behandelt, Kritik als ungerecht, Konsequenz als menschenfeindlich. Am Ende steht die große deutsche Trostformel: Hauptsache, alle fühlen sich gesehen.

Südkorea ist bei dieser WM auch früh ausgeschieden. Dort hat der Staatspräsident aber nicht mit rhetorischer Seelenmassage reagiert. Lee Jae-myung kritisierte den Nationaltrainer Hong Myung-bo öffentlich. Hong zeigte dann, was es heißt, wenn jemand wirklich Verantwortung übernimmt: Er trat zurück.

Südkorea behandelt eine herbe sportliche Niederlage wie ein Ergebnis, das überprüft werden muss. Deutschland behandelt sie wie eine emotionale Verletzung, über die ein Kanzler ein Pflaster klebt.

Worauf soll man da stolz sein?

Man kann stolz sein, wenn jemand über sich hinauswächst, auch wenn er am Ende verliert. Man kann stolz sein auf Kampf, Mut, Disziplin, Charakter. Aber man kann nicht stolz sein auf wiederholtes Scheitern. Wer das Versagen mit Lob überschüttet, macht Lob wertlos. Wer jede Niederlage zum moralischen Sieg erklärt, nimmt dem Sport seinen Sinn.

Der Kanzler-Kommentar ist mehr als einer seiner legendären sprachlichen Fehltritte. Er ist Abbild einer Kultur, die das Leistungsprinzip verachtet und in der sich niemand mehr traut zu sagen: Das war nicht gut genug.

Nein, wir sind nicht stolz.

Wir sind enttäuscht. Wir sind genervt. Wir sind müde von der Schönrednerei. Und wir wollen endlich wieder ein Deutschland, im Sport wie in der Politik, das Leistung nicht beklatscht, bevor sie erbracht wurde.

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Kommentare ( 29 )

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Spyderco
49 Minuten her

,,Wenn Julian Nagelsmann und Friedrich Merz die Jobs tauschen,kommt exakt das selbe Trümmerergebnis,auf beiden Seiten bei heraus.
Und sie sind sich in ihrer Mentalität so… identisch,mit dieser herablassenden Art,die vollkommene Kritikunfähigkeit,die Weinerlichkeit.
Es ist alles identisch!“
Julian Reichelt

Last edited 47 Minuten her by Spyderco
maps
13 Minuten her

Merz ist offensichtlich irre. Ich weiss nicht, warum solche Täter und Zerstörer in der Regierung sitzen dürfen und auch noch einen Pilotenschein haben.

WIING
17 Minuten her

Zwei Lowperformer sind stolz auf einander.

mediainfo
17 Minuten her

… aber Friedrich Merz schickt Glückwünsche.

Da hat eben jemand ein intuitives Gefühl für die richtige Tonalität. Hoffentlich wird er morgen nicht sagen dass er das ganz anders gemeint hat.

Aber mal im Ernst: Das war kein gutes Spiel, für mich fehlten auch Motivation und Kampfgeist, wie kommt jemand auf die Idee das dann lobzupreisen? Angst davor selber betroffen zu sein, wenn das was schlecht ist, schlecht genannt werden darf?

Last edited 15 Minuten her by mediainfo
Lars Baecker
17 Minuten her

Hat es jemals eine lächerlichere Person im Kanzleramt gegeben, als Friedrich Merz. Man kann das eigentlich gar nicht glauben. Fehlt nur noch, dass er einen kräftigen Bonus für die Spieler und diesen famosen, selbstverliebten Trainer fordert, dafür, dass sie uns alle so stolz auf „Die Mannschaft“ gemacht haben.

Huygens
18 Minuten her

Gibt es in Bezug auf das Versagen noch einen Unterschied zwischen dem Bundestrainer und den Topmanagern in Großkonzernen, Autoindustrie und Bahn?

Haba Orwell
19 Minuten her

Wie gut, dass Mattz sich mit wirklich wichtigen Dingen wie Fußball beschäftigt (vom Ostfront-Feldzug abgesehen). McKinsey mit anderen: >>>Die stillgelegte Werkbank: Wie Deutschland sich selbst von der Zukunft abschneidet<<< > „… Je nach Branche liegen die Produktionskosten in Deutschland 35 bis 50 Prozent über dem Niveau des jeweils wettbewerbsfähigsten Standorts weltweit – bei energieintensiven Vorprodukten wie Flachstahl oder Polyethylen fällt die Differenz noch größer aus. … > Die Studie beziffert die Bestandteile dieser Lücke konkret: … > Baukosten in Deutschland liegen bis zu doppelt so hoch wie in China,> Lohnkosten rund fünfmal so hoch, und … Energiekosten drei- bis viermal… Mehr

Landgraf Hermann
22 Minuten her

Diese Mannschaft ist monatelang von allen möglichen Medien gepampert worden. Monatelanger Schmus. Daraus resultierte krasse Arroganz (wir sind eigentlich jetzt schon Weltmeister) und die hat zur Pleite geführt. Jetzt ist das Jammern groß.

Ulric Viebahn
22 Minuten her

„Wir sind stolz auf euch.“ Man reibt sich die Augen, aber der Bundeskanzler lügt wirklich, und auf das unverschämteste.

Reinhard Schroeter
26 Minuten her

Was soll so einer auch sagen ?
Einer aus der hinterweltlichsten Provinz , einer der völlig aus der Zeit gefallen ist, einer der keine Zukunft hat, der alles vergeigt, der nichts kann, der vollkommen unfähig ist.
Klar das so einer sich in einem anderen Versager bestätigt sieht. Wen hat er denn sonst noch ?

HeinerL
28 Minuten her

Ja Mensch, stolz auf uns sein wird uns doch aber seit nunmehr über 80 Jahren ausgetrieben – mit kurzen Aussetzern, die man dem unartigen Kind ab und zu mal zugesteht, damit es im Sandkasten weiterbuddelt. Die Deutschen hatten auch mal die besten Wissenschaftler, die effizienteste Industrie, das stärkste Handwek, die modernste Armee, die beste Infrastruktur, die schönsten Städte, die höchste Disziplin und Arbeitsmoral, den größten Fleiß, die beste Ordnung und und und… Brauchen wir alles nicht mehr, wir haben dafür jetzt ein gutes Gefühl und viele schöne soziale Segnungen. Einen Vorteil hat es aber doch: Wir können uns jetzt wieder… Mehr