Die Sicherheit Israels gehört zur deutschen Staatsräson. Das verlangte eigentlich konsequente Handlungen. Seit 2015 verstand sich Deutschland nicht nur als Land der Erinnerung, sondern als Land der Humanität. Dabei übersah man, dass viele muslimische Zuwanderer diese Staatsräson nicht mitmachen.
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Es gibt Widersprüche, die mich seit Jahren beschäftigen. Nicht, weil sie besonders kompliziert wären, sondern weil sie so offensichtlich sind. Als Tochter türkischer Einwanderer habe ich Deutschland immer auch ein wenig von außen betrachtet. Nicht vollständig von außen, aber weit genug entfernt, um mich über Dinge zu wundern, die für viele Deutsche selbstverständlich wirkten. Eine dieser Selbstverständlichkeiten war die besondere Beziehung zu Israel.
Deutschland hat seine politische Identität wie kaum ein anderes Land aus seiner Vergangenheit entwickelt. Die Erinnerung an den Holocaust ist hier nicht nur Teil des Geschichtsunterrichts. Während viele Deutsche mir nach einem Schulbesuch in einem Konzentrationslager von einem tiefen Schamgefühl, Schmerz und einer Last berichteten, fiel es mir schwer, das in derselben Form nachzuempfinden. Bei mir lösten diese Orte vor allem Trauer und Entsetzen aus. Das lag wohl daran, dass dieser Teil der deutschen Geschichte nicht meine Geschichte ist.
Für viele Deutsche ist er jedoch zu einem moralischen Fundament geworden. Aus ihm wurde eine Verantwortung abgeleitet, die weit über die eigenen Grenzen hinausreicht. Die Sicherheit Israels gehört zur deutschen Staatsräson – ein Satz, der über Jahrzehnte hinweg wiederholt wurde und mehr sein wollte als eine außenpolitische Positionierung. Er ist Teil des deutschen Selbstverständnisses geworden.
Ich habe das verstanden und irgendwann als selbstverständlich wahrgenommen, unabhängig davon, wie ich selbst zum Nahostkonflikt stehe. Denn das spielt für meine eigentliche Frage keine Rolle.
Was ich nie verstanden habe, war etwas anderes: Wenn diese Verantwortung tatsächlich so grundlegend ist, wenn sie tatsächlich identitätsstiftend sein soll, warum schien sie bei anderen politischen Entscheidungen plötzlich keine Rolle mehr zu spielen? Wenn das Staatsräson in Deutschland ist, dann verlangt das konsequente Handlungen. Aber genau diese Konsequenz schien und scheint mir oft zu fehlen.
Spätestens seit 2015 verstand sich Deutschland nicht nur als Land der Erinnerung, sondern auch als Land der Humanität. Man wollte helfen. Man wollte aufnehmen Man wollte Schutz bieten. Und genau mit diesem Wechsel beginnt meine Irritation.
Denn Menschen bringen nicht nur Koffer mit. Sie bringen Erinnerungen, Erfahrungen, Loyalitäten und Konflikte mit. Niemand lässt seine Geschichte, seine Kultur oder seine politischen Überzeugungen an einer Grenze zurück.
Deutschland wusste, dass viele der Menschen, die kamen, aus Regionen stammen, in denen der Nahostkonflikt keine abstrakte außenpolitische Frage ist, sondern Teil familiärer Erinnerungen, politischer Überzeugungen und gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Deutschland wusste auch, dass solche Konflikte nicht verschwinden, nur weil Menschen in einem anderen Land leben.
Deutschland wusste immer, dass viele muslimisch geprägte Länder mit Israel entweder im Konflikt stehen oder dem jüdischen Staat aus unterschiedlichen historischen, politischen und religiösen Gründen ablehnend gegenüberstehen.
Gründe, die den Deutschen im Grunde gar nichts angehen müssten, wenn Deutschland einfach bei sich selbst bliebe.
Und trotzdem wurde über Jahre hinweg oft so getan, als hätten diese Tatsachen und
Entwicklungen nichts miteinander zu tun. Das ist der Punkt, den ich bis heute nicht verstehen kann.
Nicht weil Menschen Schutz suchen. Nicht weil Hilfe falsch wäre. Sondern weil ein Land, das seine Identität so stark aus einer historischen Verantwortung ableitet, irgendwann die Frage beantworten muss, welche Konsequenzen diese Verantwortung für andere politische Entscheidungen hat. Eine mögliche Konsequenz wäre gewesen, nur einer kontrollierten Anzahl von Menschen Schutz in Deutschland zu gewähren – aus innenpolitischen Gründen, die sich durchaus auch mit der deutschen Geschichte hätten begründen und damit legitimieren lassen.
Stattdessen entstand oft der Eindruck, Deutschland wolle alles gleichzeitig sein:
Das Land der Erinnerung.
Das Land der Humanität.
Das Land der offenen Grenzen.
Das Land, das aus seiner Geschichte gelernt hat.
Das Land, das jede moralische Verpflichtung erfüllen
möchte, die sich ihm stellt.
Vielleicht liegt genau hier ein tieferes Problem. Deutschland verlangt Integration, ringt aber selbst seit Jahrzehnten um eine klare Vorstellung davon, was seine eigene Identität eigentlich ist. Nicht selten hört man deshalb die Frage: „In was denn eigentlich integrieren?“, wenn Deutschland alles zugleich sein will. Wer alles zugleich sein möchte, läuft Gefahr, am Ende für niemanden mehr eindeutig zu sein.
Möchte man ernsthaft von den vielen Palästinensern und arabischen Menschen in Deutschland erwarten, dass sie nach dem Grenzübertritt plötzlich proisraelische Positionen vertreten? Einen Wisch unterschreiben lassen, dass sie Israel als Staat anerkennen? Was genau erhofft man sich von einer solchen Naivität?
Es ist genau dieses Menschenbild, das mich an der deutschen Politik immer wieder irritiert. Identität funktioniert nicht so. Und genau das scheint mir einer der zentralen
Knackpunkte in diesem Land zu sein. Identität entsteht nicht nur durch das, wofür man einsteht. Sie entsteht auch dadurch, welche Prioritäten man setzt, wovon man sich abgrenzt, welche Rolle Herkunft, Kultur und Religion spielen und welche Verpflichtung im Zweifel schwerer wiegt als eine andere. Sie entsteht durch die
Konsequenzen, die man zu tragen bereit ist.
Der Nahostkonflikt wurde Teil deutscher Innenpolitik
Nach dem 7. Oktober 2023 wurden viele dieser Widersprüche sichtbar. Auf deutschen Straßen wurde für Israel demonstriert und gegen Israel demonstriert. Jüdische Einrichtungen standen unter Polizeischutz. Israelische Flaggen wurden verbrannt – auf deutschen Straßen. Der Nahostkonflikt wurde Teil deutscher Innenpolitik und schnitt tief in eine Wunde, die offenbar nicht heilen kann. Manchmal frage ich mich sogar, ob sie überhaupt heilen darf.
Viele Menschen wirkten nach dem 7. Oktober 2023 empört und überrascht. Mich überraschte weniger der Konflikt selbst als die Verwunderung darüber, dass er sichtbar wurde. Warum sollten all die muslimischen Menschen, die aus Ländern kommen, die mit Israel im Konflikt stehen oder ihm ablehnend gegenüberstehen, plötzlich so tun, als wäre das nicht so?
Konflikte verschwinden nicht dadurch, dass Menschen Grenzen überschreiten. Sie verändern lediglich den Ort, an dem sie sichtbar werden. Vielleicht liegt genau hier mein Unbehagen gegenüber der deutschen Debatte.
Deutschland hat aus seiner Geschichte eine moralische Verpflichtung gemacht. Gleichzeitig hat es politische Entscheidungen getroffen, die zwangsläufig neue Spannungen rund um genau diese Verpflichtung entstehen lassen mussten. Beides kann man vertreten. Was ich nicht verstehe, ist die Weigerung, den Zusammenhang überhaupt auszusprechen.
Denn eine Staatsräson, die keine Konsequenzen hat, ist keine Staatsräson. Eine Identität, die niemals begrenzt, ist keine Identität. Und eine historische Verantwortung, die nur dort gilt, wo sie keine politischen Kosten verursacht, ist am
Ende vor allem ein moralisches Selbstbild.
Zwischen Schuld und Scham liegt manchmal ein merkwürdiger Raum. Vielleicht ist Deutschland dieser Raum.
Schuld fragt nach Verantwortung. Aber Scham vermeidet oft die Frage nach den Konsequenzen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass Deutschland weniger an seinen Widersprüchen leidet als an der Angst, sie überhaupt auszusprechen.


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