Mao Merz macht großen Sprung nach vorn

Merz inszeniert sich als Modernisierer, liefert Selbstüberschätzung und Stilblüten, etwa wenn er vom „großen Sprung nach vorn“ spricht. Immerhin wiederholt er nicht Maos Versprechen von drei Jahre Mühe und Entbehrungen für tausend Jahre Glück. Statt nach vorn zu springen, tanzt der Kanzler nach der Pfeife der SPD.

picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler

In Gotha lehrte einst ein Gymnasialprofessor für Geschichte und Geographie namens Johann Georg August Galletti, dessen Stilblüten von seinen Schülern mitgeschrieben und als „Gallettiana“ herausgegeben worden waren. Zu diesen Stilblüten gehörten Äußerungen höheren Blödsinns, die er allerdings sehr ernst meinte, wie: „Nach der Schlacht bei Leipzig liefen unzählige Pferde herum, denen drei, vier und noch mehr Beine weggeschossen waren.“ Oder: „Karl der Große besiegte die Sachsen so oft, dass sie es zuletzt gar nicht mehr abwarteten.“ Oder: „Das größte Insekt ist der Elefant.“

An diesen Professor Galletti erinnert der Bundeskanzler von Tag zu Tag mehr, nur dass er sich nicht selbst lächerlich, sondern Deutschland lächerlich macht. Obwohl es besser ist, er macht Deutschland lächerlich, als dass er das deutsche Steuergeld in großen Dimensionen ins Ausland transferiert; obwohl es besser ist, er transferiert das deutsche Steuergeld in großen Dimensionen ins Ausland, als dass er durch Galletiana Deutschlands Rohstoffversorgung beispielsweise durch Kasachstan abschneidet, oder uns in einen Krieg hinein stilblütet.

Doch es ist nicht recht, Friedrich Merz mit dem harmlosen Professor Johann Georg August Galletti zu vergleichen. Denn Merzens rhetorische Fehlleistungen zerstören den Konsens, wenn er den Holocaust politisch instrumentalisiert.

 

Je erfolgloser der Bundeskanzler agiert, umso mehr scheint er von sich zu halten. Hat er eigentlich wie die byzantinischen Kaiser schon Lobhudler oder Panegyriker angestellt, die ihm so laut applaudieren, dass ihn keine kritische Stimme mehr erreicht? Fühlt er sich inzwischen schon, als sei er einer der maßgeblichen Führer der Welt? Schließlich hat er Donald Trump schon einmal die Hand geschüttelt, durfte mal Sightseeing in Peking machen und darf jederzeit über Waldimir Putin schimpfen. Obwohl, letzteres dürfte jeder. Über den Iran muss er sich nicht äußern, dafür gibt es den Genossen Frank-Walter Steinmeier.

Als ein so großer Politiker, wie Friedrich Merz zu sein glaubt, gehört es sich, dass er natürlich auch einen großen Sprung nach vorn macht.

Nach dem Krach im letzten Koalitionsausschuss hat wahrscheinlich ein drittklassiger Redakteur des viertklassigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur folgenden Medienstrategie geraten: Nach dem Vorbereitungsgespräch zum Koalitionsausschuss im Kanzleramt schweigt man zunächst, lässt durchklingen, dass man sich auf nichts geeinigt habe; Carsten Linnemann unterbricht das Tischtennisspielen und sagt Zweifelndes und Zweideutiges, auch die SPD legt die Stirn in Falten. Schlechte Laune allenthalben. Doch dann kommt als Lichtgestalt der Kanzler wie Kai aus der Kiste.

Und sagt den großen Satz mit Blick auf den wenig später stattfindenden Koalitionsausschuss: „Meine Erwartung ist, dass wir wirklich einen großen Sprung nach vorn machen in der Modernisierung unseres Landes.“ Man ist erst ergriffen, dann verunsichert. Hat der Kanzler gemariovoigt, also das Zitat nicht als Zitat kenntlich gemacht? War es nicht Mao Zedong, der 1958 den „Großen Sprung nach vorn“ proklamierte? Ging es nicht Mao wie Merz darum, einen großen Sprung in der Wirtschaft, in der Modernisierung nach vorn zu machen? Übrigens begann der „Große Sprung nach vorn“ nach der „Anti-Rechts-Bewegung“.

Merz war allerdings klug genug, Maos Versprechen – dabei steht zu vermuten, dass es im Vergleich realistischer war, als Merzens Versprechungen es sind –  nicht zu wiederholen, denn Mao versicherte: „Drei Jahre Mühen und Entbehrungen und tausend Jahre Glück“. Aus den drei Jahren wurden siebzig Jahre. Und ob die Chinesen glücklich sind, darüber kann man trefflich streiten. Nicht streiten kann man darüber, dass der „Große Sprung nach vorn“ eine Hungersnot, die geschätzt 14 bis 55 Millionen das Leben kostete, verursachte.

In der Kampagne gegen Rechts und anschließend für den „Großen Sprung nach vorn“ wurden Millionen durch Haft und Folter getötet bzw. hingerichtet. Schon 1958, stärker noch 1959 und 1960 sah man sich gezwungen, den „Großen Sprung nach vorn“ der Realität anzupassen, denn man sprang nicht nach vorn, sondern in die Katastrophe.

Und wohin springt Friedrich Merz? Eigentlich springt er nicht, sondern er tanzt – und zwar nach der Pfeife der SPD. Die Nöte des Landes werden immer größer, der Byzantinismus des Bundeskanzlers auch. Obwohl der Bundeskanzler den deutschen Bürgern, die von der Brandmauereinheitspartei immer mehr als unmündige Untertanen betrachtet werden, den „großen Sprung nach vorn“ versprochen hat, kassierte er das Versprechen sogleich wieder, denn: „Es gibt nicht den einen großen Big Bang. Den wird es heute nicht geben, den wird es morgen nicht geben.“ Den Big Bang mag es vielleicht nicht geben, aber wenn die Regierung so weitermacht, den großen Knall schon.

Friedrich Merz jedenfalls ist ein großer Künstler, denn er macht eigentlich den großen Sprung nicht nach vorn, sondern auf der Stelle, mit anderen Worten: Er hüpft hoch und runter.


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