Die CDU-Politikerin und Präsidentin der Europäischen Kommission vermag nicht mehr, Demokratie von Diktatur zu unterscheiden. Oder was will Ursula von der Leyen sagen, wenn sie das Ergebnis einer demokratischen und friedlichen Wahl mit den historischen Ereignissen 1956 und 1989 vergleicht?
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Laut Reuter, Welt und Weltwoche kommentierte von der Leyen den Ausgang der Wahlen in Ungarn mit den Worten: „Ich möchte dem ungarischen Volk sagen: Ihr habt es wieder geschafft!“ Zu fragen ist, was die Ungarn geschafft und vor allem „wieder geschafft“ haben sollen nach Ansicht der Dame, die wieder an ihrem Geburtsort lebt.
Die Welt schreibt: „EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verglich den politischen Umbruch in Ungarn mit historischen Ereignissen von 1956 und 1989. Der Wahlausgang sei ein ‚Sieg für die Grundfreiheiten‘, sagte sie in Brüssel. Das ungarische Volk habe sich erneut gegen Widerstände behauptet – so wie in den entscheidenden Momenten seiner Geschichte. Mit Blick auf den Volksaufstand von 1956 und den Zusammenbruch des Kommunismus 1989 sprach von der Leyen von einer Entwicklung mit Signalwirkung über Ungarn hinaus. ‚Ihr habt es wieder geschafft‘, sagte sie.“
Die Weltwoche zitiert: „Wieder gegen alle Widerstände, wie 1956, als ihr mutig aufgestanden seid, wie 1989, als ihr als Erste den Stacheldraht durchschnitten habt, der unseren Kontinent geteilt hat.“ Pech nur, dass das ungarische Volk 1956 sich nicht gegen Widerstände „behauptet“ hatte, sondern der Aufstand blutig niedergeschlagen wurde. Weiß vermutlich Frau von der Leyen aus Brüssel nicht.
Ich habe deshalb redundant aus verschiedenen Quellen zitiert, weil es mir ausgesprochen schwerfällt, zu glauben, dass Ursula von der Leyen das tatsächlich gesagt hat, dass die Präsidentin der Europäischen Kommission und das Mitglied der CDU zu diesem Geschichtsrevisionismus, der fast schon an Ulbricht erinnert, zu dieser Verhöhnung der Ungarn, aber eben auch der Ostdeutschen fähig ist.
Mit Nikita Chruschtschows sogenannter Geheimrede „Über den Personenkult und seine Folgen“ in den späten Abendstunden des 25. Februar 1956 in einer geschlossenen Sitzung des XX. Parteitages der KPdSU ohne ausländische Gäste leitete Chruschtschow die Entstalinisierung ein. In den frühen Morgenstunden des 26. Februar, so gegen 3 Uhr, wurden von den Sowjets die Mitglieder einiger Delegationen, unter ihnen die (ost-)deutsche und die ungarische, geweckt und mit dem Inhalt der kurz zuvor gehaltenen Rede vertraut gemacht. Im Folgenden konzentriere ich mich um der Kürze willen auf Ostdeutschland und Ungarn, lasse den Posener Aufstand vom Juni 1956 und den übrigen Ostblock aus.
In Ungarn und in Ostdeutschland wurde der Inhalt der Geheimrede nach und nach bekannt, obwohl Ulbricht ihn in Ostdeutschland zumindest versuchte, unter Verschluss zu halten. Der bis dahin als „Vater der Völker“, als unfehlbarer Genius abgöttisch Verehrte entpuppte sich als das, was er war, als ein kommunistischer Massenmörder, ein eitler Fatzke, ein ungebildeter, aber gerissener Despot. Diese Enthüllung löste gerade bei den Jüngeren, die sich für den Sozialismus engagierten, aber auch bei älteren Kommunisten einen Schock aus, nur nicht bei den kleinen Stalins Ostdeutschlands und Ungarns, Ulbricht und Rákosi, die Kenntnis von Stalins Verbrechen besaßen, weil sie im Moskauer Exil in ihrem Bereich an den Verbrechen mitwirkten und schließlich Stalins Terror nach Ostdeutschland und Ungarn brachten.
Um dem wachsenden Druck nach den Enthüllungen Chruschtschows die Grundlage zu entziehen, wurde Mátyás Rákosi durch Ernö Gerö abgelöst, der aber auch nur ein Stalinist war. Im ganzen Land trafen sich Intellektuelle wie im Budapester Petöfi Klub, die politische Diskussionen führten. Aus diesen Treffen erwuchs die Demonstration der Studenten, die demokratische Reformen forderten, am 23. Oktober 1956.
Für von der Leyen zum Mitschreiben: Ungarn war zu diesem Zeitpunkt eine kommunistische Diktatur ohne freie Wahlen, Ostdeutschland übrigens auch. Die Parlamentswahl in Ungarn im Frühjahr 2022 fand unter internationaler Beobachtung statt – und wurde nicht beanstandet, sondern als demokratische Wahl bestätigt. In dieser Wahl errang Viktor Orbán mit Fidesz eine Zweidrittelmehrheit.
Nach diesem Gewaltakt im Herbst 1956 konnten sich die Stalinisten nicht mehr halten und machte ihre Einparteienregierung einer Mehrparteienregierung unter dem Reformkommunisten Imre Nagy Platz. Ungarn trat aus dem Warschauer Pakt aus, rief die Neutralität aus und forderte die Truppen der Sowjetarmee, die in Ungarn stationiert waren, zum Verlassen des Landes auf. Doch die gingen nicht. Unter Leitung des KGB-Mannes Juri Andropow wurde der ungarische Volksaufstand niedergeschlagen, Imre Nagy und Pal Maléter von den Russen ermordet und zehntausende Ungarn eingekerkert, andere gingen ins Exil, die sogenannten 56er Ungarn. Der bedeutende Intellektuelle Georg Lukács wurde eilig nach Rumänien verschleppt und dort interniert.
Aus diesem historischen Grund begann die deutsche Einheit für mich erst an dem Tag, an dem der letzte sowjetischen Soldat aus Ostdeutschland abgezogen war.
Ulbricht sagte 1956 in Ostberlin nur, dass Stalin kein Klassiker mehr sei, und verschärfte die stalinistischen Repressalien, Mielke wurde Stasi-Minister. Nicht nur der Leiter des Aufbauverlages, Walter Janka, nicht nur die Redakteure Just und Zöger, sondern auch Studenten und Assistenten an den Universitäten Berlin, Leipzig und Halle wurden verhaftet und kamen für Jahre in den Stasi-Knast.
Kann Ursula von der Leyen Verhaftungen im Jahr 2022 oder 2026 anführen? Folgt man ihrem schiefen Bild, dann muss sie Péter Maygar für einen Stalinisten und Feind der Freiheit und der Demokratie halten, denn 1956 hatten nicht die Studenten und Intellektuellen, nicht die Demokraten gesiegt, sondern die Kommunisten um Janos Kádár. Und in Ostberlin siegte Ulbricht, den in seinem letzten Buch Steinmeier sogar Wohlwollen entgegenbrachte, für einen Mann übrigens, der gern einmal ein „Lebenslänglich“ in ein Todesurteil abänderte.
Vielleicht besitzt Ursula von der Leyen die Güte, ihr tertium comparationis zu verraten, denn es kann nicht in der Gegenüberstellung von Demokratie und Diktatur bestehen, außer von der Leyen hält freie Wahlen für Diktatur und die Diktatur der Volksherrschaft als Gegenstück der Demokratie der Oligarchie? Oder sie sieht in Magyar den Mann der Autokratie? Was also meint sie mit ihren Vergleichen?
Kommen wir zu 1989 und werden wir dabei ein wenig biographisch. Wikipedia verrät uns: „Ursula von der Leyen stammt aus der Familie Albrecht und wuchs bis 1971 in Brüssel, anschließend in Ilten bei Hannover auf. Sie ist die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht.“ Viktor Orbán hingegen „wuchs als ältester Sohn eines Agraringenieurs und einer Lehrerin und Logopädin in Székesfehérvár auf. Dort wurde er am Teleki-Blanka-Gymnasium unterrichtet, absolvierte die Mittelstufe auf Englisch und legte im Jahr 1981 die Matura ab.“
Machen wir einen Zeitsprung: Während die höhere Tochter aus besserem Hause 1980 „ein Medizinstudium an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)“ aufnahm, „das sie 1987 mit dem Staatsexamen und ihrer Approbation als Ärztin abschloss“, gründete Viktor Orbán 1988 den Bund Junger Demokraten (Fiatal Demokraták Szövetsége, Fidesz).
Welche Mauer, bleibt also zu fragen, hat denn Péter Magyar oder haben seine Wähler in Ungarn zum Einsturz gebracht? Oder waren die Eingänge zu den Wahllokalen vermauert und mussten erst aufgebrochen werden? Weiß Ursula von der Leyen da Genaueres?
Ich kann nur hoffen, dass Ursula von der Leyen all das nicht gesagt hat, was Welt, Reuters und Weltwoche zitieren, denn dann wäre sie angesichts dieses Geschichtsrevisionismus als Präsidentin der Europäischen Kommission nicht tragbar.
Egal, was man von Magyar oder von Orbán hält, egal, wem man den Wahlsieg gönnt und wem nicht, Wahlen sind Wahlen und das Volk entscheidet, was man übrigens von Rumänien nicht sagen kann, da wurden die Wahlen per ordre de mufti annulliert.
Doch wenn wir uns in Europa nicht mehr darauf einigen können, dass Wahlen Wahlen sind und nicht mehr das Votum der Bürger entscheidet, dann leben wir in einem anderen Europa, in einer Oligarchie anstatt in einer Demokratie.





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vdL definiert Demokratie als „unsere Demokratie“, so wie das u.a. in Berlin üblich ist. In der DDR war es bekanntlich nicht anders, auch sie nannte sich demokratisch. Ist diese Neudefinition bzw. Orwellsche Umkehrung erst einmal vollzogen und propagandistisch ausreichend in der Gesellschaft verankert, kann unter pseudo-demokratischem Label autoritär regiert werden. Die von vdL und Co. angestrebte bzw. schon praktizierte Einschränkung der Meinungsfreiheit, die Ausgrenzung von Oppositionsparteien bzw. Regierungen aus dem „demokratischen“ Spektrum oder die massive propagandistische Unterstützung erwünschter Kandidaten durch die EU wie in Ungarn erscheint dann legitim, weil eben im Sinne des „richtigen“ Demokratieverständnisses. Selbst vor der Revision von… Mehr
U.v.d.L hat mächtig bei Merkel abgeguckt. Merkel hatte Demokratie ja als Fremdsprache gelernt, was ihrer Politik der einsamen Entscheidungen auch jederzeit anzumerkeln war. Da hatten sich zwei gefunden. Zensursel macht den ihr angedachten Job echt gut. Pech halt für uns.
Nein! Kann sie nicht und hat es auch noch nie gekonnt.
Linke sind ja generell eher bildungsfern.
Wenn ich vdL nicht unglaubliches Unwissen unterstellen will, ist es erschreckend, wie linke, progressive, woke Politiker in der Opposition nicht mehr den politischen Gegner, sondern „den Feind“ sehen. Ich hoffe, dass dieser Albtraum bald aufhört.
Natürlich kann vdL Diktatur und Demokratie nicht auseinanderhalten, ist sie doch dabei, den Brüsseler Moloch zu einem nicht gewählten, autoritären Machtapparat auszubauen, der jede Opposition im Keim ersticken will. Mit Wahlen hat sie so ihre Probleme, wenn nicht die gewünschte Partei obsiegt, wie das erwähnte Beispiel Rumänien gezeigt hat. Die Bürger Ungarns hingegen haben lediglich eine ganz normale Wahl hinter sich gebracht. Nun bleibt abzuwarten, ob vdL´s Favorit ihre Erwartungen überhaupt erfüllen wird. Denn die Ungarn mögen Orban abgewählt haben (wofür es sicher auch gute innenpolitische Gründe gab), sie haben aber nicht „rechts“ abgewählt, denn alle drei nun im ungarischen… Mehr
Die Forderungen der vdL an Ungarn sind, dass die Ungarn liefern müssen, um das eingefrorene Geld zu erhalten. Jetzt werden die Daumenschrauben für die Ungarn angezogen. Es ist nicht so, wie Magyar einfach so dahin sagte, dass man nun die Gelder von der EU erhalte. WOHLVERHALTEN muss vorher gezeigt werden. Was wird wohl Magyar machen? Das wird wohl jeder hier wissen. Es wird sicherlich auch Erpressungsmaterial vorhanden sein.
In aller Kürze : Die EU ist keine Demokratie und soll auch keine werden und vdL ist keine Demokratin. Ich gehe davon aus, dass ihr ein paar Grundzüge der Demokratie bekannt sind, was , Überraschung, bedeutet, dass ihre Systemvorstellungen nichts, gar nichts mit Demokatie zu tun haben. Das ist nicht Unwissen, das ist Vorsatz.
Was erwartet man auch von einer Diktatorin. Orbán konnte man ganz demokratisch abwählen, die unfähige, korrupte und nicht legitimierte CDU-Frau, allerdings nicht. Kleiner aber feiner Unterschied in Ungarn.
VdL muß man nicht kommentieren oder korrigieren. Wer solch ein wirres, geschichtsvergessenes Zeug von sich gibt, widerlegt sich doch selbst.
Es ist der Versuch, das Ergebnis der ungarischen Wahlen schamlos zu usurpieren – im Grunde eine schwere Beleidigung des ungarischen Volkes.
Beruhigend das vdL bisher alles was sie politisch angefasst hat am A war. So wird es auch dieses mal gehen.