Aus Hindenburgdamm wird Syltdamm: Deutschland im Rausch des Retro-Exorzismus

Sylt cancelt Hindenburg. Straßennamen, Denkmäler, Schulen: Der Kampf gegen die Vergangenheit greift in Deutschland um sich. Eine infantile Gesellschaft - die genau das ist, was sie zu bekämpfen vorgibt - und ihr puritanischen Säuberungsfuror.

IMAGO / Chris Emil Janßen

Die nordfriesische Insel Sylt hat pro Jahr rund 800.000 Übernachtungsgäste. Die wenigsten fliegen mit einem Flugzeug ein. Fast 700.000 reisen per Bahn oder Autozug über den 11,2 Kilometer langen „Hindenburgdamm“ als einzige Landverbindung von Niebüll nach Westland. Ab sofort gibt es den „Hindenburgdamm“ aber nicht mehr. Als Damm schon, aber nicht mehr als „Hindenburgdamm“. Der heißt dann total einfalls-/einfaltsreich Syltdamm.

Warum? Die Gemeinde Sylt und ein Organisationsteam haben am 1. Juni 2026 im Vorfeld des Jubiläumsjahres 2027, also des hundertsten Jahrestags der Fertigstellung des Hindenburgdamms, diese Namensänderung beschlossen. „Hindenburgdamm“ hieß der Damm ab der Einweihung im Beisein von Reichspräsident Hindenburg ab dem 1. Juni 1927. Als Hindenburg nach der ersten Fahrt auf Sylt empfangen wurde, schlug ihm der Reichsbahn-Präsident Julius Dorpmüller vor, Namenspatron zu werden.

Warum dann die Namensänderung? Weil „Hindenburg“ den Sylter Großhistorikern als „Steigbügelhalter“ Hitlers zu problematisch ist. Paul von Hindenburg (1847–1934) war vom 12. Mai 1925 bis zu seinem Tod am 2. August 1934 Reichspräsident. Am 26. April 1925 war Hindenburg zum ersten Mal, am 10. April 2032 zum zweiten Mal vom Volk (!) gewählt worden. Hindenburg ernannte Adolf Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler. Hitler hatte bei den Wahlen am 31. Juli 1932 für die NSDAP 37,3 Prozent und bei neuerlichen Wahlen am 6. November 1932 33,1 Prozent erzielt. Schließlich verhandelten hinter den Kulissen der als Reichskanzler entlassene Franz von Papen und der Medienunternehmer Alfred Hugenberg mit Adolf Hitler. Sie einigten sich auf eine Koalitionsregierung unter Führung der NSDAP. Am 1. Februar 1933 löste Hindenburg den Reichstag auf und ordnete Neuwahlen an. Mit 43,9 Prozent erhielt die NSDAP bei den Wahlen am 5. März die meisten Stimmen und wurde stärkste Kraft. Am 28. Februar 1933, am Tag nach dem Reichstagsbrand, unterzeichnete Hindenburg die Reichstagsbrandverordnung und am 23. März 1933 das Ermächtigungsgesetz. Das Weitere ist bekannt.

Heute nun wissen schlaue Leute, was Hindenburg falsch gemacht hat. Aber Hindenburgs Fehleinschätzungen verschwinden nicht, indem man seinen Namen löscht. Zukünftig wird mit dem Namen Hindenburg auch das Interesse der Syltbesucher verschwinden, mehr über die Jahre 1932, 1933 ff. zu erfahren.

Dennoch gibt es in Deutschland derzeit – noch – rund 400 Plätze, Straßen und Brücken, die den Namen Hindenburgs tragen. Aber es werden weniger. Die Stadt Münster nannte den Hindenburgplatz in Schlossplatz um. Munster machte aus der Hindenburgkaserne eine „Unteroffizier-Friederike-Krüger-Kaserne“, benannt nach einer Kämpferin in den Freiheitskriegen 1813. Münster wollte 2023 auch keine Westfälische-Wilhelms-Universität mehr, denn Pate stand hier Wilhelm II. Jetzt ist die dortige Universität als „Universität Münster“ ziemlich namenlos.

Säuberungen wohin man schaut

Kaum eine Stadt, kaum eine größere Gemeinde hat in den vergangenen Jahren ihre Straßenverzeichnisse nicht auf „belastete“ Namen durchkämmt.

In Berlin listete im Dezember 2021 eine Studie 290 Straßen- und Platznamen auf, bei denen sich antisemitische Bezüge feststellen ließen, darunter die Martin-Luther-Straße, die Richard-Wagner-Straße oder der Kaiserdamm. Das Gutachten empfahl in etwa 40 Fällen eine Umbenennung. Lokale Initiativen (z. B. das Bündnis No-Pa) wollten etwa eine Umbenennung der Berliner Pacelliallee in „Golda-Meir-Allee“. (Am Rande: Dort liegt die Botschaft des Irak.) Begründung: Eugenio Pacelli war von 1920 bis 1929 Apostolischer Nuntius in Deutschland und von 1939 bis 1958 Papst Pius XII. Er habe zu wenig gegen den Nationalsozialismus getan. Der Name der Allee blieb. Dort informieren nun Stelen über die lokale Geschichte und die Zeit des Nationalsozialismus. Historiker nennen so etwas eine „Kontextualisierung“ eines Straßennamens.

Die Stadt München hatte Anfang 2020 eine Kommission berufen, die 370 »problematische« Namensgeber von Straßennamen untersuchen soll, darunter Franz Josef Strauß, Christoph Kolumbus, Werner von Siemens, Erich Kästner (dessen Bücher 1933 verbrannt wurden), Arthur Schopenhauer, Ludwig Thoma usw.

Warten wir ab, wie viele der gut 500 Bismarck-Denkmale und 170 Bismarck-Türme den Furor überleben. Immerhin gelten sie längst als „umstritten“.

Der antikolonialistische und antirassistische Furor

Man will Erinnerungen tilgen und unschädlich machen. Mohrenstraßen, Mohren-Apotheken, Mohren-Hotels darf es nicht mehr geben, nachdem es schon keinen »Mohrenkopf« mehr gibt. Aber was wissen die Säuberer, was es mit dem Namen »Mohr« auf sich hat? Ein wenig Aufklärung: »Mohr« leitet sich vom griechischen mavros (μαύρος) ab, das so viel wie »schwarz« oder »dunkel« bedeutet. Im Althochdeutschen ist »Mohr« belegt als Entlehnung aus dem Lateinischen maurus, womit ein Maure, ein Bewohner Nordwestafrikas, benannt wird. Das Wort findet sich auch in anderen Sprachen: moor im Niederländischen, mòro im Italienischen. Auf maurus beruhen die Ländernamen Mauretanien und Mauritius. Morisken waren getaufte Mauren im alten Spanien, Morellen sind dunkle Kirschen.

Die frühere Mohrenstraße in Berlin heißt nun offiziell Anton-Wilhelm-Amo-Straße, benannt nach Anton Wilhelm Amo (1703 – 1759 aus Ghana). Wer er genau war, weiß man nicht so ganz genau: Ein versklavter Junge, der zur Belustigung eines deutschen Hofes nach Europa gebracht wurde, sich dort zum Intellektuellen weiterentwickelte und der „erste schwarze Philosoph“ wurde? Oder ein Kind aus der Oberschicht eines westafrikanischen Sklavenhändler-Volkes, das zu Ausbildungszwecken auf eine weite Reise geschickt wurde?

Die Von-Trotha-Straße in München wurde im Juli 2006 in Hererostraße umbenannt. Der preußische General Lothar von Trotha soll Hauptverantwortlicher für den Völkermord an den Herero und Nama (1904–1908) im heutigen Namibia gewesen sein. Die Umbenennung erfolgte, um ein Zeichen gegen den Kolonialismus zu setzen. Michel Klonovsky hat diese Interpretation im Detail zerpflückt.

Professoral-aktivistisch wird es, wenn sich Professorin Susan Arndt von der Universität Bayreuth um Sprache kümmert. Sie will mit einem bei »Duden« verlegten, 256 Seiten starken Buch folgende Begriffe verschwinden lassen: Orient, Okzident, Morgenland, Abendland, Buschmann (nicht den Ex-Minister Marco B. von der FDP), Dschungel, dunkelhäutig, Eingeborene, Entwicklungshilfe, Ethnie, Farbige, Fetisch, Flüchtling, Getto, Häuptling, Hautfarbe, Heide, Lateinamerika, Mohr, Mulatte, Naturvolk, Naturreligion, Neue Welt, Rasse, Südafrika, Stamm, Tropen, Tropenmedizin, Wilde, Neger, Eskimo, Indianer, Zigeuner, asozial, Bastard. Frau Professor nennt es „Dekolonisierung“ der Sprache

Das vormalige »Otfried-Preußler-Gymnasium«

Die Gemeinde Pullach am Südrand von München inklusive »Schulfamilie« wollte 2024 dem zehn Jahre zuvor so getauften »Otfried-Preußler-Gymnasium« den Namen entziehen. Warum? Weil die »Schulfamilie« in Otfried Preußler (1923–2013), selbst einst Lehrer und Rektor, einer der erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren, den angeblichen Früh-Nazi Preußler entdeckt hatte.

Der in Reichenberg/Liberec geborene Preußler sei in einer naziaffinen Familie aufgewachsen. Mit 16 sei er HJ-Oberjungenschaftsführer, mit 17 Oberjungzugführer geworden. Mit 18 sei er in die NSDAP eingetreten. 1940 habe Preußler als 17-Jähriger drei in Briefform geschriebene Texte mit dem Titel »Lieber Soldat!« verfasst, die in der Zeitschrift „Kameraden. Sudetendeutsche Briefe an Wehr- und Werkmänner“ erschienen seien. 1940/41 habe Preußler, noch minderjährig, mit »Erntelager Geyer« einen autobiografisch geprägten Jugendroman verfasst. Darin erzähle er von einer Gruppe von 10- bis 14-jährigen »Pimpfen« beim Ernteeinsatz auf dem Land. Ab Frühjahr 1942 diente er, später als Leutnant, an der Ostfront . 1944, während seines Einsatzes an der Ostfront, wurde ›Erntelager Geyer‹ veröffentlicht. Ende August 1944 kam Preußler für fünf Jahre in russische Gefangenschaft, aus der er mit 40 Kilogramm Körpergewicht 1949 entlassen wurde.

Das reicht für einen heldenhaften Exorzismus. Dass die Stadt Liberec Preußler zum Ehrenbürger machte? Egal! Dass Preußler vor allem in seinem Roman »Krabat« zum Widerstand gegen Zauberer und Hexer aufgerufen hatte? Egal! Zweierlei Maß: dass Jürgen Habermas 1944/45 Jungvolkführer und Günter Grass 1944 als 17-Jähriger bei der SS war … Das ist etwas ganz anderes!

Preußlers Nachkommen haben dem unwürdigen Treiben im Oktober 2024 ein Ende bereitet: Sie haben der Schule im Herbst 2024 ihrerseits den Namen entzogen.

Fazit

Ikonoklasmus als politisch und/oder religiös motivierten Bildersturm und Denkmalsturz sowie Umbenennungen gab es zu allen Zeiten: bei den Pharaonen, im antiken Rom, in Byzanz, in der Reformation, im Zuge der Französischen Revolution, während der Oktoberrevolution 1917, bei den Nationalsozialisten ab 1933 als Zerstörung »entarteter Kunst« und als Bücherverbrennung, in der DDR, in China (siehe Maos Kulturrevolution ab 1966), in gewisser Weise bei der weitgehenden Beseitigung der Berliner Mauer, bei der Zerstörung religiöser Bauten und Statuen durch islamistische Terrororganisationen usw.

In George Orwells 1984er „Wahrheitsministerium“ hat der Archivar Winston Smith die Aufgabe, Geschichte ständig umzuschreiben, damit sie sich den jeweils aktuellen politischen Wünschen fügt. Geschichtspolitik nennt man so etwas. In Deutschland sind solche Winston Smith‘ zu Tausenden tätig. Der heldenhafte Kampf gegen das Gestern ernährt längst nicht wenige Politik-, Medien- und Kulturschaffende. Retro-Exorzisten könnte man sie nennen. Literatur- und Musikklassiker werden nicht nur auf „NS“ durchleuchtet, sondern auf mögliche rassistische, islamophobe, misogyne, kolonialistische, transphobe oder homophobe Passagen. Dumm nur, dass diese Exorzisten nicht schon vor 100 oder 200 oder 300 Jahren den Schöpfern großer Werke auf die Finger klopfen konnten. Eine Art Inquisitionsbehörde ist daraus geworden.

Allerdings auf dem anderen Auge blind: Denn Deutschland pflegt zum Beispiel mit immer noch Tausende an Ernst-Thälmann-Straßen/Plätzen das Andenken an den moskauhörigen KPD-Vorsitzenden, der als Feind der SPD den Niedergang der Weimarer Republik beförderte.

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Kommentare ( 22 )

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22 Comments
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Dieter Rose
5 Minuten her

Mit wachsender zeiticher Distanz schießen die mutigen Regimegegner aus dem Boden und säubern.
So wie in Friedrichshafen Zeppelin, Dornier, Eckener usw. nazifiziert werden.
Jeder arrangiert sich mit dem Regime, in dem er lebt. Mal sehen, wann sie sich die heutigen Mitläufer ind Mitmacher vom UnsereDemokratie-System abseilen werden.
„Wir haben nichts gewußt!“

Elmar
9 Minuten her

Hoch lebe der linksgrüne Taliban.

Jatoh
12 Minuten her

Ich finde den Beitrag sehr gut. Bildersturm ist infantil.
Allerdings hätte ich auf den letzten Absatz verzichtet.

Waehler 21
20 Minuten her

Die Frage ist für mich, wie weit wollen es diese Leute treiben?
Die deutsche Sprache verbieten ? Denn immerhin haben die Nazis auch deutsch gesprochen und sind auf das Klo gegangen.

Es ist für mich daher klar, es geht nicht um Vergangenheitsbewältigung, sondern um die Einkesselung des Denkens. ( also genau das, was die Nazis gemacht haben! )
Warum passiert das nicht mit der Republik der Mauerschützen? Möglicherweise, weil diese Leute eine Art von DDR wiederhaben wollen, solange sie nur Funktionäre sein dürfen und nicht in die Produktion geschickt werden.

Paul Brusselmans
23 Minuten her

Hindenburg erinnert mich irgendwie an Wasserstoff und ökologisch nachhaltige Luftfahrt.
Robert-Mugabe-Damm wäre gut. Freiheitskämpfer gegen das weisse Apartheidssystem in Zimbabwe.
Überhaupt sind Dämme die Lösung für Nordrhein-Westfalen statt dieser empfindlichen Brückenbauwerke.

Heiner Mueller
25 Minuten her

Eine kleine Ergänzung zu: „Mit 43,9 Prozent erhielt die NSDAP bei den Wahlen am 5. März die meisten Stimmen.“ Die KPD – Abgeordneten waren schon im Gefängnis und die allgemeine Kommunistenjagd hatte schon längst begonnen. Außerdem herrschte außerordentlicher Druck auf die Wähler, so, wie man es sich heute noch nicht vorstellen kann. Die Wahlen waren also alles andere als frei. Nur so erklärt sich dieses Wahlergebnis für die NSDAP.

Ich bin RECHTS
30 Minuten her

Hindenburg starb 1934.
Zu diesem Zeitpunkt war die Zukunft völlig offen. Weder Weltkrieg noch Holocaust waren zwangsläufig, geschweige denn vorhersehbar.

Zum Nachdenken:
Noch viele Jahre nach Himdenburg, selbst noch nach der Reichsprogromnacht, waren die Geschwister Scholl glühende NSDAP-Anhänger. Und Graf Stauffenberg zeichnete sich noch 5 Jahre später durch antisemitische und rassistische Äusserungen nach dem Poöenfeldzug 1939 aus.

Wenn schon, dann müssten konsequenterweise auch alle Straßennamen, Plätze und Denkmäler der Geschwister Scholl und von Graf Stauffenberg ausgelöscht werden, weil sie Hitler noch lange nach Hindenburgs Tod unzerstützt haben.

Logiker
35 Minuten her

„Aus Hindenburgdamm wird Syltdamm“

aber der „Führerschein“ bleibt.

rolandino
36 Minuten her

Wer entscheidet solche Namensänderungen?
Das sind die Stadt- und Gemeinderäte.
Und wer sitzt hauptsächlich in diesen Gremien?
Das sind die Altparteien, CDU, SPD und die GRÜNEN.
Ein weiterer Grund diese nicht mehr zu wählen.
Es wird Zeit für einen Wechsel, um dieses Trauerspiel zu beenden.

Biskaborn
37 Minuten her

Professorin Susan Arndt ist wohl nun das Abartigste in dieser Geschichte! Darf die tatsächlich an einer Uni lehren? Man hat eher das Gefühl sie gehört in ärztliche Behandlung!