Nacktdemos, CSD, Freitagsgebete: Persönliche Neigungen erobern den öffentlichen Raum. Die neue Selbstinszenierungswut zersetzt das, was einmal unsere Privatsphäre war. Eine Abrechnung mit dem Sichtbarkeitskult.
IMAGO / Bernd Elmenthaler
Der moderne Mensch lebt nicht mehr einfach so. Er lebt nur, wenn er sendet.
Was nicht gezeigt oder ausgestellt oder medial verwertet wird, hat im Wortsinn aufgehört zu existieren. „Cogito, ergo sum“ – ich denke, als bin ich: So beschrieb einst der französische Mathematiker und Philosoph René Descartes das menschliche Leben. Die Zeiten sind vorbei. Heute heißt es:
„Iacto, ergo sum“ – ich prahle, also bin ich.
Nackter Wahnsinn
Vor gar nicht allzu langer Zeit galt es als Zeichen von sittlicher Reife, wenn man zwischen „privat“ und „öffentlich“ unterscheiden konnte. Heute macht man sich mit dieser Unterscheidung sozial verdächtig.
Wir leiden unter einer schlimmen Verwechslung: Wir verwechseln Sichtbarkeit mit Bedeutung. Wer nicht im Bild erscheint, der fürchtet, gesellschaftlich nicht vorzukommen. Wer gesehen wird, fühlt sich bestätigt. Das Private verwandelt sich so in die Pressestelle des Egos. Jede Neigung verlangt nach Sichtbarkeit, jede Identität nach einer Bühne, jede Intimität nach Publikum. Wenn früher Menschen persönlichste Dinge ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geschoben haben, galten sie zurecht als Exhibitionisten. Mittlerweile ist aus der Verhaltensauffälligkeit Einzelner ein gesellschaftlicher Trend geworden.
Man kann das „Exhibitionisierung“ nennen: die virusartig um sich greifende Neigung, das Innerste nach außen zu kehren und die Mitmenschen zum Zuschauen zu zwingen.
Das konnte man erst vor wenigen Tagen wieder in Berlin besichtigen. Am 9. August rollten etwa 500 Menschen beim ersten „World Naked Bike Ride“ durch die Hauptstadt. Die Strecke war 33 Kilometer lang und führte unter anderem durch das Regierungsviertel. Und die Teilnehmer waren – nackt. Nur einige wenige traten leicht bekleidet in die Pedale. Die rollende Demo warb für Umwelt- und Klimaschutz, nachhaltige Mobilität und für mehr Schutz von Radfahrern im Straßenverkehr. Nebenbei ging es dann noch um die „Pflege unserer Nacktkörper-Kultur“.
Natürlich kann man für bessere Radwege demonstrieren. Das funktioniert aber auch in Hosen, und mit einiger Sicherheit funktioniert es dann sogar besser: Denn wer wirklich über Verkehrssicherheit sprechen will, der sorgt ja tunlichst nicht selbst dafür, dass am Ende nur über nackte Hintern gesprochen wird. Die Aktion hat sich also selbst entlarvt. Wenn – Achtung, Wortspiel – die politische Botschaft durch die Nacktheit völlig verdeckt wird, dann ist die Nacktheit keine Methode. Sie ist das eigentliche Anliegen. Der Radverkehr lieferte nur die behördlich und moralisch brauchbare Begleitmusik.
Man darf den Veranstaltern zugutehalten, dass sie ihre naturistische Absicht ebenso unvollständig verhüllten wie sich selbst. Das Motto lautete: „As bare as you dare.“
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Freikörperkultur ist zuweilen zwar ästhetisch grenzwertig, aber ansonsten prima. Wer nackt wandern, baden oder Rad fahren möchte, findet dafür glücklicherweise auch mehr als genügend Vereine, Gelände und Veranstaltungen mit willigem (und vor allem freiwilligem) Publikum. Aber Freiheit bedeutet nicht, jede private Vorliebe auf einer 33 Kilometer langen Strecke durch Berlin zu fahren. Die Hauptstadt des drittgrößten Industriestaates der Welt ist kein großer FKK-Strand mit Ampeln.
Der öffentliche Raum gehört allen. Deshalb muss sich dort jeder mehr zurückhalten als im eigenen privaten Schrebergarten. Wer die Grenze zwischen beiden Bereichen verwischt, erweitert nicht die Freiheit. Er nimmt nur anderen die Möglichkeit, einer unerwünschten Darbietung auszuweichen.
Gesellschaft im Schaufenster
Zugegeben, der moderne Exhibitionismus hat einen klasse Trick auf Lager: Er erklärt sich zur Politik. Eine rein private Vorliebe erscheint plötzlich als gesellschaftliches Anliegen. Wer das kritisiert, gilt nicht mehr als bloß genervt, sondern gleich als rückständig.
Aus der Forderung nach Toleranz wird der Anspruch auf Applaus.
Das ist exakt die Entwicklung beim „Christopher Street Day“ (CSD). Die historische Leistung dieses Gedenktages steht außer Frage. Schwule und Lesben kämpften gegen Strafverfolgung, berufliche Diskriminierung und gesellschaftliche Ächtung. Sie forderten gleiche Bürgerrechte – und veranstalteten dafür jedes Jahr ein großes Fest. Das war mutig und notwendig.
Aber was ist daraus geworden? Der CSD – nicht nur in Berlin, aber hier besonders – ist zu einem Jahrmarkt der perversen Eitelkeiten verkommen. Aus der Bürgerrechtsdemonstration ist eine Mischung aus Drogenparty und sexuellem Panoptikum geworden, eine Erotik-Messe unter freiem Himmel. Fetischkostüme, Tiermasken und explizit sexualisierte Auftritte auf öffentlichem Straßenland werden als vermeintlich notwendige Form politischer Sichtbarkeit verklärt.
Das ist, mit Verlaub, Bullshit.
Was in einen Club für Erwachsene gehört, wird nicht dadurch plötzlich zu einem wertvollen Einsatz für die Menschenrechte, dass es auf einem Showtruck auf dem CSD stattfindet. Besonders verwerflich ist das Schauspiel, wenn es vor Kindern aufgeführt wird. Wer hier ritualisiert „Aufklärung“ ruft, hat schlicht einen Knall.
Religion im öffentlichen Raum
Vor allem der Islam macht sich selbst bei uns sukzessive zum öffentlichen Sichtbarkeitsprojekt.
Im Mai 2026 hat ein islamischer Verein für das Opferfest auf einem öffentlichen Platz in Kehl ein gemeinsames Gebet mit mehr als 900 Moslems angekündigt. In Stuttgart kamen im März etwa 3.000 Menschen zu einer Gebetsfeier auf einem Sportplatz; die kurzfristig bekannt gewordene Veranstaltung verursachte erhebliche Verkehrsbehinderungen. Ebenfalls im März hat in Berlin das Bezirksamt Mitte ein öffentliches Fastenbrechen auf dem Leopoldplatz unterstützt – einschließlich eines Gebets und organisierter Gebetsmöglichkeiten rund um den Platz.
Öffentliches gemeinsames Beten ist nicht automatisch ein Angriff auf die Religionsfreiheit. Artikel 4 des Grundgesetzes schützt nicht nur den inneren Glauben, sondern auch dessen gemeinsame Ausübung. Aber er garantiert eben auch die sogenannte negative Religionsfreiheit: das Recht, nicht zu glauben und nicht zu religiösen Handlungen gezwungen zu werden.
Die Trennung von Staat und Kirche bei uns wirft die Frage auf, wann freie Religionsausübung in eine kollektive Machtdemonstration umschlägt. Wer zeitweise einen öffentlichen Platz nutzt, nimmt ein Grundrecht wahr. Wer Straßen regelmäßig blockiert, Anwohner faktisch verdrängt oder aus der Größe einer betenden Menge einen politischen Anspruch ableitet, überschreitet eine Grenze.
Noch heikler wird es, wenn staatliche Stellen religiöse Symbole und Feste aktiv inszenieren. Staatliche Neutralität bedeutet Gleichbehandlung – nicht die Aufgabe, jede Glaubensgemeinschaft mit eigener Beleuchtung, Grußformel und Festbühne im Stadtbild zu bewerben. Das Rathaus ist weder Kirche noch Moschee noch Synagoge.
Sein einziges Bekenntnis ist das Grundgesetz.
Meinung als Bühnenshow
Nacktradtour, sexualisierte Straßeninszenierung und Massengebet sind nicht dasselbe. Ihre Motive, ihre rechtliche Einordnung und ihre kulturelle Bedeutung unterscheiden sich enorm. Ihnen gemeinsam ist aber, dass sie Öffentlichkeit mit Anerkennung verwechseln.
In unserem Rechtsstaat ist keine politische Botschaft an eine bestimmte öffentliche Ausdrucksform gekoppelt. Wer Kritik an einer Ausdrucksform mit Kritik an der Botschaft verwechselt, torpediert das vielleicht wichtigste liberale Konzept:
Das Recht, etwas zu tun, begründet keinen Anspruch, es überall tun zu dürfen.
Der öffentliche Raum funktioniert nur durch Selbstbegrenzung. Dort begegnen sich Menschen, die einander nichts schulden außer Höflichkeit, Rücksicht und die Beachtung des Rechts. Sie müssen ihre intimsten Überzeugungen nicht teilen. Sie müssen einander nicht bestätigen. Und sie müssen nicht alles voneinander wissen.
Nicht alles Erlaubte ist überall angemessen. Diese Einsicht war einmal eine Grundlage bürgerlicher Freiheit. Sie erlaubte Vielfalt, weil sie Räume unterschied: das Haus, den Verein, den Club, die Kirche, die Demonstration, die Straße. Jeder Raum besaß eigene Regeln. Heute soll jeder Raum alles zugleich sein – Schlafzimmer, Therapiesitzung, Tanzfläche, Gotteshaus und politisches Podium.
Das Ergebnis ist nicht Vielfalt, sondern Dauerbelästigung.
Das Recht, nicht zusehen zu müssen
Privatsphäre schützt nicht nur Geheimnisse. Sie schützt die Gesellschaft vor der Tyrannei permanenter Intimität. Sie hält Bereiche auseinander und ermöglicht gerade dadurch Freiheit. Wo alles öffentlich wird, verliert auch das Private seinen Wert. Der Körper wird zur Reklamefläche, Sexualität zum politischen Kostüm und Religion zur Kulisse eines Machtanspruchs.
Die Gleichheit vor dem Recht bedeutet, dass der Staat die Menschen gleichbehandelt. Sie bedeutet nicht, dass die Mehrheit jede Ausdrucksform einer Minderheit schön finden, feiern oder im öffentlichen Raum widerspruchslos hinnehmen muss.
Das Recht, anders zu leben, enthält kein Recht auf Beifall.
Der moderne Sichtbarkeitskult leugnet diese Unterscheidung. Er verwandelt Akzeptanz in Teilnahmezwang: Du musst nicht nur dulden, dass andere ihr Leben nach eigenen Vorstellungen führen; du sollst auch dabei zusehen, es bestätigen und dann möglichst begeistert reagieren. Wer den Blick abwendet, gilt schon als verdächtig. Das ist keine Toleranz. Toleranz setzt Distanz voraus. Man lässt den anderen leben, ohne sein Leben übernehmen oder ständig betrachten zu müssen.
Früher galt als frei, wer unbeobachtet leben konnte. Heute gilt als frei, wer möglichst viele Zuschauer findet.
Aber Privates muss wieder privat sein dürfen. Intimität muss nicht unsichtbar werden, aber sie muss auch nicht ständig auf Sendung gehen. Es gibt kein Menschenrecht auf permanente Sichtbarkeit. Gleichberechtigung ist kein Recht auf Zustimmung. Und der öffentliche Raum ist nicht die Bühne der Schamlosesten. Die freie Gesellschaft lebt nicht davon, dass jeder alles zeigt. Sie lebt davon, dass jeder auch alles für sich behalten darf. Vor allem lebt sie davon, dass man nicht alles sehen muss, was andere einem zeigen wollen.
Mit anderen Worten: Verschont uns.
Die Privatsphäre stirbt nicht an staatlicher Überwachung allein. Sie stirbt auch an Menschen, die nichts mehr für sich behalten können.


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Es ist schon blöd, wenn jeder Star sein will und keiner mehr nur Publikum sein will.
Oh, der guckt uns an- Diskriminierung, Diskriminierung.
Oh, der guckt uns nicht an – Diskriminierung, Diskriminierung.
„Das Recht, etwas zu tun, begründet keinen Anspruch, es überall tun zu dürfen.“ Das Recht, etwas zu tun, ist der kleine Finger, der gereicht wird. Warum dann nicht versuchen, die ganze Hand zu nehmen. Und wer sich dann über diesen Versuch erregt, ist der Böse, der Reaktionär, der Nazi. Als Nächstes stehen sicher auch Demos gegen §§183, 183a (Exhibitionismus, Erregung öffentlichen Ärgernisses) an.
Exhibitionismus ist schlicht widerwärtig. Sie sind krank, da ohne jedes natürliche Schamgefühl, das jedes normales Kind von sich aus entwickelt. Was früher Konsens war, was man tut bzw. nicht tut, ist heute wegegefegt, und darum gibt es keinen Zusammenhalt mehr, sondern die Atomisierung der Gesellschaft und somit die Nichtachtung von Gesezten. Genau das macht der sogenannte Staat, das sind die Machthaber mit ihren Anhängern, vor, Grundgesetz: altbacken, kümmert nicht, muss weg, Rechtsstaat, der alle gleich behandelt in rechtlichem Sinn: Blödsinn, wir haben die Macht. Nein, D. ist zum anarchistischen Müllhaufen der Willkür, aufgeteilt in kleinste Gruppen, geworden. Nicht mehr erlebenswert… Mehr
„für Sichtbarkeit sorgen“ oder „etwas sichtbar machen“ – das sind doch Parolen dieser Truppenteile.
Andere behaupten „wir sind mehr“ oder wollen „Zeichen setzen“.
Dazu noch die ‚kunstvollen‘ Namen der Bündnisse für oder gegen etwas.
Ich sag’s mal so:
würden diese Typen entweder einer wertschöpfenden Arbeit nachgehen oder in geordneten Familienverhältnissen leben, dann läge denen solch Exhibitionismus im öffentlichen Raum fern.
Es ist einfach nur abstoßend, eklig und grenzenlos unästhetisch, was da manche zur Schau stellen. Es erfüllt häufig den Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses und sollte dahin verbannt werden, wo diese Leute unter Ihresgleichen sind: In schmutzigen Bahnhofshinterhofhallen, aber nicht auf der Straße.
Ich habe auf der Plattform TT diese „lieben und toleranten“ Menschen kritisiert, bekam aber nur Hass, Intoleranz und Verständnislosigkeit zurück. An den Demos in Köln oder Berlin nahmen auch viele Normalos mit Spaß Teil, ganze Familien mit Kindern. Für mich sieht das aus wie Fasnacht im Sommer. Eine Woche später hat Frau Neubauer vor dem Kanzleramt eine neue Klimakrisen Rede gehalten, vor 300 Personen. Für mich ist CSD ein Hype, wie es vorher der Klima-wahn war. In drei Jahren wird wieder eine „neue Sau“ durchs Dorf getrieben. Die Politik freut sich, weil die halbnackten nicht nach Rente und Pflegereformen fragen.
was da rumrennt,ist Dekadenz und Zusammenbruch einer Kultur,nichts Anderes…..
diese Gestalten können ja in dunklen Ecken machen,was Sie wollen,aber 0,001% der Bevölkerung sollte besser leise treten,es könnte einen backlash geben
Und in der WELT ein tränenreicher Bericht über eine Frau, die auf Zypern wegen Drogenschmuggel 70 Tage im Gefängnis saß. Ja, es gibt noch Länder, die Straftaten ahnden. Bei uns gehen sogar Messerangreifer gleich wieder nach Hause, so geschehen im letzten Jahr in Berlin als ein Polizist angegriffen wurde. Das uns die Perversen auf der Nase herumtanzen, ist da nur das Sahnehäubchen.
Für mich ist ein solches Bild in der öÖfentlickkeit wiederlich..
Und was ist mit dem Vermummungsverbo?
hab ich mich auch gefragt. Hinter diesen Masken könnte jeder steccken, auch der flotte Jens von der CDU.