Der deutsche Nationalstaat wurde für überholt erklärt und abgeschafft. Man öffnete die Grenzen, zerstörte Energieversorgung und Industrie und wollte, wie schon einmal, die Welt retten. Jetzt merkt man, dass etwas fehlt, und glaubt, mit Fahnenpatriotismus als Marketinginstrument könnte man die Sache vielleicht doch noch retten.
IMAGO / Christoph Rutenkolk
Spätestens als Angela Merkel Hermann Gröhe bei der Siegesfeier der CDU nach der Bundestagswahl 2013 auf offener Bühne die Deutschlandflagge entriss, sollte allen klar gewesen sein, dass Merkel keinen Nationalstaat will. Und sie hat ihn, zumindest den deutschen, tatsächlich abgeschafft.
Jetzt ist er halt weg
Bisher war das kein Problem. Mit stolzgeschwellter Brust konnten Deutsche ab sofort „Ich bin Europäer“ sagen und sich dadurch sofort – nun ja: als Deutsche zu erkennen geben. Niemand sonst in der EU, von Europa ganz zu schweigen, würde auf die Idee kommen, so etwas zu sagen.
Aber wie so oft wurden die Folgen des eigenen Handelns nicht bedacht. Das Militär, seiner Einsatzfähigkeit systematisch beraubt, glaubt man jetzt wieder zu benötigen. Und für Militär braucht man Soldaten. Und Soldaten brauchen ein Feindbild. Ein Feindbild, so die herrschende Meinung, würde das Militär und die Soldaten im Heer besser kämpfen lassen. Und so hat sich die Politik mit Russland wieder einen Feind erschaffen.
Feinde, so erklärt der schottische Philosoph Adam Ferguson, sind die Grundbedingung, um inneren Zusammenhalt, Patriotismus und politische Tatkraft zu erzeugen. In seinem Hauptwerk „Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“ von 1767 schreibt er, dass Nationalstaaten und politische Gemeinschaften primär durch äußere Konflikte und Feindschaften zusammengeschweißt werden. Wie schweißt man aber nun etwas zusammen, das man kurz zuvor aufgelöst hat?
Außerdem hat selbst die Berliner Politik erkannt, dass es mit der Wirtschaft in Deutschland irgendwie nicht so richtig läuft. Und das, obwohl die Regierung, zumindest erklärt das Friedrich Merz so, alles ganz, ganz toll macht. Also gut, die Deutschen, so Merz, seien etwas faul und mürrisch, oft auch negativ; alles Eigenschaften, die sie das segensreiche Wirken der SPD/CDU-Regierung irgendwie nicht sehen lassen. Aber Schwamm drüber. Merz ist nicht nachtragend.
Die Irreversibilität
Irreversibilität. Das ist ein schweres Wort, das in der einfachen Sprache völlig zu Recht nicht mehr vorkommt. Aber bedauerlicherweise doch in der Wirklichkeit. Es bedeutet, dass ein früherer Zustand nicht wieder herstellbar ist. So wie das Deutschland der Zeit vor 2015 und vor dem verhängnisvollen Wirken Angela Merkels nicht mehr wiederkommen wird. Es bedeutet aber auch, dass Soldaten nicht mehr wissen, wofür und für wen sie eigentlich ihr Leben riskieren sollen. Für Frau Göring-Eckardt, für Carsten Linnemann oder Bärbel Bas? Oder eher für etwas Abstraktes: ein Prinzip, wie die Weltenrettung durch weniger CO2 oder die Regenbogenflagge?
In der Wirtschaft zeigen sich ähnliche Probleme. Deutsches fördern und deutsch kaufen, so Politiker der Mini-Koalition, könnte zumindest hier eine Lösung sein. Der „Deutschland-Korb“, so die SPD, solle auf freiwilliger Basis angeboten werden. Also „ein Warenkorb mit günstigen und preisstabilen, in Deutschland produzierten Grundnahrungsmitteln aus allen wichtigen Warengruppen“. „Ziel sei eine schnelle, spürbare Entlastung der Verbraucher und die Sicherstellung einer bezahlbaren Grundversorgung für alle.“
Ewige Nörgler, Schwarzmaler und Defätisten, die immer alles an Deutschland schlechtreden, behaupten völlig faktenfrei, dass die SPD hier eine Idee von 1934 übernommen haben soll, unter Auslassung der Begriffe „Reich“ und „Volksgemeinschaft“. Aber damit hat das selbstverständlich überhaupt nichts zu tun.
Auf die existenzielle Krise des deutschen Weinbaus reagiert die Union nun mit einer ähnlichen und sehr, sehr symbolischen Idee. Eine Deutschlandfahne auf dem Flaschendeckel soll heimischen Wein sichtbarer machen und den Absatz ankurbeln. Inspiriert vom österreichischen Vorbild hoffen CSU und CDU auf einen höheren Wiedererkennungswert deutscher Weine.
Der Vorschlag ist symptomatisch für deutsche Politiksimulateure. Bauernpräsident Joachim Rukwied warnt seit Jahren vor der schwersten Krise des Weinbaus und dem Verlust großer Rebflächen, und die Politik debattiert über die grafische Gestaltung von Schraubverschlüssen.
Aber für alle Probleme, das militärische und das wirtschaftliche, glaubt man jetzt mit der deutschen Flagge, genau so einer, wie Merkel Gröhe 2013 aus der Hand gerissen hat, eine Lösung gefunden zu haben. Soldaten könnten ihr hinterherlaufen und so vergessen, wofür sie sterben sollen. Verbraucher würden im neuen patriotischen Hochgefühl deutschen Wein und deutsche Bananen im Deutschland-Korb kaufen. Militär und Wirtschaft, zwei auf einen Streich, wären gerettet und Russland so gut wie besiegt. Und das wünschen sich doch die Grünen so sehr.
Aber leider: Die Propaganda, unerlässlich, will man auf ganzer Linie siegen, ist noch nicht auf der Höhe der Zeit der neuen deutschen „UnsererDemokratie“ angekommen.
Deutschlandfahne? Lieber nicht: So verfasst eine Journalistin der Saarbrücker Zeitung eine WM-Kolumne gegen die Zumutung des Nationalgefühls:
Sie, so schreibt Isabell Schirra, blicke mit großem Unbehagen auf die Fußball-WM und vor allem auf ein Phänomen, das viele Deutsche seit einigen Fußballturnieren pflegen: das Zeigen der eigenen Nationalflagge. Während andere nostalgisch an die WM 2006 erinnern – volle Straßen, ausgelassene Stimmung, Schwarz-Rot-Gold an Autos, Fenstern und beim Public Viewing –, sieht sie darin eher einen ganz schrecklichen kulturellen Fehltritt.
Schon 2006 sei das öffentliche Flaggeschwenken ziemlich uncool gewesen. 2026 grenze es fast schon an ein Verbrechen gegen die guten Sitten. Die frühere deutsche Zurückhaltung gegenüber nationalen Symbolen nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus bewertet sie ausdrücklich positiv und hätte diese Zurückhaltung gerne bewahrt.
Als Begründung verweist sie auf Entwicklungen seit 2006: Pegida, AfD, einen allgemeinen „Rechtsruck“ sowie eine aus ihrer Sicht erfolgte „ideologische Okkupation“ der Deutschlandflagge durch Menschen, die glauben, Deutschland gehöre den Deutschen.
Daraus folgt für sie ein ganz praktisches Problem: Wer heute eine Deutschlandfahne zeigt, lasse nicht mehr eindeutig erkennen, ob er lediglich Fußballfan sei oder politische Positionen vertrete, die nach ihrer Einschätzung zur Abschiebung ihrer Freunde und Freundinnen führen würden.
Nationalistische Einstellungen und rassistische Gewalt würden nach Erfolgen bei Fußballturnieren zunehmen. Da ihr eine Abschaffung von Europa- und Weltmeisterschaften unrealistisch erscheine, schlägt sie eine bescheidenere Lösung vor: die Turniere mit etwas weniger Nationalstolz zu konsumieren und auf die Fahne zu verzichten. Dem Spaß schade das ihrer Ansicht nach nicht.
Kurz gesagt: Während Millionen Menschen eine Fußball-WM als sportliches Fest betrachten, sieht die Autorin im Hissen der Deutschlandflagge weniger Fan-Kultur als ein gesellschaftliches Warnsignal. Der Rat an die Nation lautet daher sinngemäß: Jubeln ja, aber bitte ohne die Farben des eigenen Landes. Schwarz-Rot-Gold wird vom Fan-Accessoire zum Verdachtsmoment.
Schade, die Politiker der Koalition waren sich so sicher, zumindest beim Wein, einen gangbaren Weg aus dem Dilemma – kein Nationalstaat, aber trotzdem korrekter Patriotismus – gefunden zu haben.
Aber wer weiß, vielleicht hat Merz ja doch recht und die Deutschen sind nicht nur etwas faul und mürrisch, sondern eben auch ziemlich negativ.





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