Schwerhörige Kirche

Die evangelische Kirche versteht sich als zuhörende Kirche. Pfarrer Achijah Zorn bezweifelt, dass dieses Selbstbild mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Der Präses der Ev. Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, betonte diese Woche auf der Landessynode, wie wichtig das ZUHÖREN ist: „Als Kirche sind wir ein Hörgeschöpf (…) Als presbyterial-synodale Kirche ist uns das Hören gleichsam eingeimpft (…) Deswegen pflegen wir keine Hermeneutik des Verdachts (…), sondern kehren einander alles zum Besten (…) Oder mit dem norwegischen Schriftsteller Jon Fosse formuliert: Wir lauschen uns voran.“ Was für schöne Worte Theologen in ihren Ansprachen finden können.

Zuhören könnte tatsächlich einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten.

Den Bauern zuhören:

  • Wo ist der Staat übergriffig gegenüber den Bauern und pfuscht ihnen so sehr in ihre Tätigkeit hinein, dass diese an mehreren Tagen bei Minustemperaturen mit 100.000 Traktoren und größtem persönlichen Aufwand deutschlandweit protestiert haben?

Den Unternehmern zuhören:

  • Warum nimmt in Deutschland die Zahl der Selbständigen und Unternehmer kontinuierlich ab?
  • Was trägt das zur Armut in unserem Land bei, wo sich doch Kirche und Diakonie die Armutsbekämpfung so sehr auf ihre Fahnen schreibt?

Den Nichtgeimpften zuhören:

  • Was hat das mit Nichtgeimpften gemacht, als sie von vielen Kirchen aus den 2G-Gottesdiensten ausgeschlossen wurden, obwohl sie als Getestete den besten Fremdschutz hatten?
  • Was brauchen diese Menschen, um sich nach diesen diskriminierenden Verletzungen wieder in der Kirche willkommen fühlen zu können?

Den Teilnehmern des privaten Treffens in Potsdam zuhören:

  • Haben Professor Ulrich Vosgerau und Silke Schröder die Veranstaltung ähnlich erlebt wie das sogenannte „Recherchenetzwerk“ Correctiv?
  • Worin besteht der Unterschied zwischen Martin Sellners Aussagen zur Remigration und der Forderung von Olaf Scholz „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“?

Der AfD zuhören:

  • An welchen Punkten sieht die AfD unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährdet?
  • Mit welchen biblischen Argumenten sind Christen Parteimitglied bei der AfD?
  • Thorsten Latzel verkündet lauthals „Antisemitismus ist Gotteslästerung und hat hier nichts zu suchen“. Was bedeutet diese Aussage konkret, wenn durch muslimische Masseneinwanderung ein großes gewaltbereit-antisemitisches Milieu in Deutschland entstanden ist?

Leider erlebe ich die Evangelische Kirche in vielen Themenbereichen nicht als ein „Hörgschöpf“, sondern als ein „Hörverweigerungsgeschöpf“. Wenn der Kirche das Hören „eingeimpft“ sei, wie Latzel selbstüberzeugt betont, dann wirkt die göttliche Hör-Impfung bei der evangelischen Kirche wohl ähnlich begrenzt wie die Corona-Impfung.

Spricht Präses Latzel über „Armut“, dann steht für ihn fest: „Deutschland ist in der Euro-Zone eines der Länder mit der größeren Ungleichverteilung an Vermögen (…) Wir brauchen ein Umsteuern und Umverteilen in der Gesellschaft.“ Armutsbekämpfung durch noch mehr Umverteilung, obwohl wir schon eine Staatsquote von über 50 Prozent haben. Wenn Kirche die Lösung so genau weiß, dann rücken die Sorgen der Unternehmer und Selbständigen in den Hintergrund. Dann braucht sie auch nicht mehr den Kritikern zuzuhören, die darauf hinweisen, dass die Klimaideologie zwangsläufig ärmer macht, weil man kostengünstige Energieformen durch teurere ersetzt.

Bei der AfD setzt es kirchlicherseits mit dem Zuhören völlig aus. Auf dem Kirchentag dürfen AfD-Mitglieder und „Christen in der AfD“ nicht auftreten. Damit propagiert Kirche, dass es geradezu christliche Mission sei, AfD-Leuten die Ohren zu verweigern. Thorsten Latzel ist sich sicher: „Die Grundhaltung dieser Partei widerspricht zutiefst dem christlichen Glauben. Sie schürt in Krisen Ängste und Hass und spaltet so die Gesellschaft (…) Sie will kleine Leute schwächen und Reiche reicher machen. Sie steht für die Aufhebung demokratischer Freiheitsrechte und des Rechtsstaats. Die AfD ist keine Alternative, sie wäre der Abstieg für Deutschland.“

Diese Verdammungen werden immer wieder in der evangelischen Kirche in Pseudodialogen innerhalb der eigenen Blase heruntergebetet. Wenn Kirche ihre Verurteilungen konkret begründen und sich der offenen Diskussion mit ihren Gegnern stellen würde, wären wir einen Schritt weiter. Aber dann müsste die Kirche dem Parteiprogramm der AfD zuhören, um Butter bei die Fische zu geben, welche Passagen „zutiefst“ dem christlichen Glauben widersprechen. Dem weicht Kirche aus und fährt stattdessen gegenüber der AfD eine radikale Hermeneutik der Verteufelung.

Demokratie lebt vom Hören. Andersdenkende müssen in einer Demokratie nicht nur ausgehalten werden; ihnen muss sogar zugehört werden, auch wenn es schwerfällt. Damit man ihnen argumentativ begegnen kann, damit man sie verstehen kann, damit man sie gewinnen kann, damit man von ihnen lernen kann. Der evangelische Professor Helmut Gollwitzer hat sogar die RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin im Gefängnis besucht und ihnen zugehört.

Wenn Präses Thorsten Latzel seine Kirche als „Hörgeschöpf“ bezeichnet, aber die Kirche in den notwendigen demokratischen Zuhörprozessen versagt, dann erinnert mich das an meinen Vater. Als Laienprediger konnte er mit einem Augenzwinkern sagen: „Ich predige in der Kirche am lautesten von dem, was mir selber am meisten fehlt.“

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 17 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

17 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
tichoz
1 Monat her

Von mir aus kann die Kirche schwerhörig bleiben. Dann bekommen sie nicht mit, daß es sie nicht mehr gibt. Wer nicht mehr lebt, gibt kein Ton von sich.

Rene Meyer
1 Monat her

Die Kirchen in Deutschland sind nicht mehr auf der Suche nach der Wahrheit. Damit steht und fällt alles. Und damit sind sie ihrem Verderben ausgeliefert. „Der Frevler aber wird kommen durch das Wirken des Satans mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden. Denn sie haben die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen, dass sie gerettet würden. Und darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, dass sie der Lüge glauben, auf dass gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Lust hatten an der Ungerechtigkeit.“ 2.Thess 2,9-12

Andreas Meier
1 Monat her

Eine Regierung, die sich als Demokratie bezeichnet, hat ihren Auftrag vom Bürger und hat demzufolge die Verpflichtung, auf diesen zu hören. Die Ekklesia (ich schreibe nicht „Kirche“, weil der Begriff unklar ist), die Ekklesia ist gegründet auf und von Jesus Christus. Demzufolge hat die Ekklesia den Auftrag, auf das Wort Gottes (Jesus) (Bibel) zu hören, auf niemanden sonst. Joh10,27 Hat ein Theologe oder Demokrat etwas zu sagen, dann ist es am Wort zu prüfen und ggf zu verwerfen. 1Joh4,1 Und die Ekklesia hat zu sprechen, nämlich eben das Wort Gottes. Danach erst kommt das Hören auf die Sorgen des Nächsten,… Mehr

Axel Fachtan
1 Monat her

Mit einer Pfarrerin in der EKD sprach ich vor Monaten über den schwierigen Zustand. Sie meinte, dass eines der Probleme sei, dass generell der Protestantismus zu sehr zur Verweltlichung neige. In unserer Stadt war heute die Ampeldemo gegen Rechts. Moderatorin eine jüngere Pfarrerin der EKD. Ihr pensionierter Vorgänger läuft heute bei den Montagsdemos mit. Sie moderiert die Proteste gegen die „gottlose“ AfD. Da war auch so ein Plakat (der Antifa) „Schickt die AfD zur Hölle.“ Wie es der Zufall so will, sitzt derzeit hier noch ein pensionierter Baptistenpfarrer für die AfD im Kreistag. Den mochten seine Baptisten dann ja auch… Mehr

Kassandra
1 Monat her

Lieber Herr Zorn – danke für Ihre Ausführungen zur Schwerhörigkeit der Kirchen – wobei mir zur Schwerhörigkeit eine schwere Hörigkeit – wem gegenüber auch immer, zunehmend auffällig zu werden scheint.
Halten wir uns also an die, die diesem auf sie ausgeübten Druck standhalten und sich als wahre Hirten in schlimmen Zeiten erweisen.
„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Mausi
1 Monat her

Kirche und Links verträgt sich nicht. Die Institution Kirche ist links unterwandert. Sie schafft sich ab. Oder sie dient dazu, neue Götter zu installieren: Klima, Regenbogen. Also alles im sozialistischen Lot. Traurig. Aber gut, wenn daheim Eltern nicht den Samen legen für den christlichen Glauben, ist der Rest ein Kinderspiel.

Last edited 1 Monat her by Mausi
Chris Groll
1 Monat her

Sehr geehrter Herr Zorn, immer wieder Dank für Ihr „Vorwort zum Sonntag“
Habe vor einiger Zeit die Bücher „Wie der Teufel die Welt beherrscht“ gelesen. Mit Teufel ist der Kommunismus gemeint. Geschrieben wurde das Buch von chinesischen Dissidenten, deren Familien und sie selbst auch heute noch um ihr Leben fürchten müssen.
Es ist dort sehr gut beschrieben, wie die Kommunisten die Kirchen – und zwar beide Konfessionen, man sieht es heute am Papst – unterwandert haben und sich angeeignet haben. Genau das ist es, was sich heute in den Kirchen abspielt. Sie haben Lenin/Mao usw. gewonnen aber GOTT verloren.

Deutscher
1 Monat her

Wer die Kirche durch Mitgliedschaft unterstützt, sollte nicht klagen. Man ist ja auch nicht Mitglied der Grünen, wenn man wie die AfD denkt. Insofern, Herr Zorn, bei allem Respekt: Auch Sie handeln anders als Sie reden.

Mir persönlich ist völlig wurscht, ob die evangelische Kirche mir zuhört. Ich erwarte von diesen Leuten nichts, sie können mir gestohlen bleiben und wenn wir „Rechte“ unseren Weg nicht ohne die gehen können, haben wir ohnehin schon verloren.

Last edited 1 Monat her by Deutscher
Andreas aus E.
1 Monat her

Was ich mich immer frage: Sind die „Grünen“ eine Vorfeldorganisation der EKD oder ist die EKD eine Arbeitsgruppe der „Grünen“?

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Andreas aus E.

Das wird eh noch interessant zu recherchieren, wer die Macht in Händen hält und uns das alles zu Lasten seit Jahrzehnten einbrockt.
Dass sie zumindest erneut Hand in Hand gegen uns vorgehen ist jedenfalls nicht zu übersehen – und zwar im ganzen Westen. Es scheint, dass sie damit die gesamte Christenheit bedrohlich in die Ecke drängen – zumal, wenn man Tucker Carlsons Dokumentation über Massenmigration in den USA wie im gesamten Westen Beachtung schenken will: https://www.youtube.com/watch?v=JS0dU-BMtPA
Milei hinterließ beim von foxnews geschassten Journalisten vor der Wahl jedenfalls: “Der Papst sympathisiert mit Kommunisten, Räubern und Mördern”.

Gluehwuermchen
1 Monat her

„Thorsten Latzel ist sich sicher: „Die Grundhaltung dieser Partei widerspricht zutiefst dem christlichen Glauben…“
Ach, da kennt sich aber jemand aus mit dem christlichen Glauben. (Zwinkersmiley)
Jaja, und der Herr Thorsten Latzel ist ja auch der Meinung „Für uns ist Homosexualität so normal wie Kaugummikauen“. Sieht sein älterer Bruder, der Bremer Pastor Olaf Latzel, übrigens nicht so. Weshalb er auch als unbequem identifiziert und als queerfeindlich diffamiert wurde.
Das könnte also noch spannend werden in der Familie Latzel, die ganze Sache mit dem christlichen Glauben… 😉